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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 120, Oktober 2006, Seite 22-27
(Download als pdf hier)


Bericht aus Viscri

von Harald Riese


Liebe Leserinnen und Leser von KvU,
lieber Herbert,

Dein Beitrag, Herbert, getitelt „Siebenbürgen”, erschienen im März d. J. hier in dieser Zeitschrift, hat mich nachhaltig beschäftigt.
Er hat mich angeregt aber auch aufgeregt - und das hat oder Du hast mich dazu gebracht, nun ebenfalls zu schreiben; eine Einladung, die ich von KvU und insbesondere von Kurt bereits des Öfteren hatte -, speziell auch zur Nummer 117.
Ich will nicht versuchen, Deinen Beitrag, Herbert, zu kommentieren, zu ergänzen, Fragen zu stellen. Mir geht es nicht um Wissenschaftliches, aber doch um Wissen und Erfahrung. Ich werde meine Erlebnisse, meine Ängste, meine Tiefen und Höhen meines inzwischen 13jährigen Engagements für und in diesem fernen nahen Land aufzeichnen - Dich vor Augen, Herbert, und euch Ihr Leserinnen und Leser von KvU.

Meine Bekanntschaft mit Rumänien begann Ende 1992 –
ziemlich bald, nachdem ich mich entschlossen hatte Deutschland ADE zu sagen. Ich wusste nichts von Rumänien - und es waren drei Ereignisse, die mich zwischen Dezember 1992 und März 1993 so auf Rumänien aufmerksam machten, dass ich wusste: hierhin will ich gehen. Ich besorgte mir einen kleinen Reiseführer und „Kauderwelsch Rumänisch”, der mir unentbehrlich wurde.
Ich, nein wir, Maria, Dorothee, unsere damals knapp vierjährige Tochter und ich fuhren in die katholische Pfarre Lipova, bei Arad, in Rumänien, fast noch an der ungarischen Grenze. Innerhalb von 24 Stunden erlebten wir einen völligen Wechsel Europas. Alle vorherigen Reisen hatten mich in den „Goldenen Westen” geführt.

Aus den ersten Tagen hab ich eine Frau in Erinnerung.
Alt war sie, gebückt, mühte sie sich über die Fußgängerbrücke über die Eisenbahn am Bahnhof. Sie hatte keine Schuhe an, und ich sah ihren Füßen an, dass sie auch sonst keine trug und ihr, sie richtig wahrnehmend, dass sie sich keine leisten konnte.
Wir erlebten am ersten Tag unseres rumänischen Abenteuers eine mehrsprachige Messe in ungarisch, der Sprache der Gemeinde, aber auch in Deutsch und Rumänisch. Wir waren im Banat.
14 Tage und ein paar arbeitete ich mit in der katholischen Gemeinde, spielte Orgel, dirigierte mal den ungarischen Chor. Der junge, dynamische Pfarrer Laszlo Wonert öffnete uns Augen und Ohren für dieses Land, natürlich spricht er deutsch, und wir glaubten, wir sind in Rumänien.

Wir waren eingeladen nach Viscri zu kommen.
Nach Viscri, irgendwo in der Mitte des Landes – und es war das Abenteuer im Quadrat, den Ort zu erreichen. Und das ist es geblieben.
Jetzt waren wir in Siebenbürgen - und wussten es nicht. Wir waren in Deutsch-Weißkirch, und wussten es nicht; wir waren auch mitten unter Siebenbürger Sachsen - und wussten es nicht. Insofern waren wir völlig unbelastet.
Die Dresden-Initiative Rumänien hatte ein Begegnungshaus in diesem Dorf geschaffen, nach der Revolution! Das klingt dramatisch. Und war dramatisch. „Wir haben eine Stätte der Begegnung für Rumänen und Deutsche eingerichtet”. So oder so ähnlich hab ich's noch im Ohr aus dem Faltblatt der Dresdner.
Die hatten uns ein besonders Quartier in einem Haus im Dorf beschafft. Wir wollten ja nicht nur ein paar Tage bleiben.
Die Kirchenburg hatten wir „direkt vor der Nase”, imposant - von der Geschichte und dass hier vor 800 Jahren eine Besiedlung durch Deutsche stattgefunden hatte, wussten wir nichts. Wir hatten unseren rumänische Führer und unser Sprachbüchlein. Und dann kamen Uta und Axel von der Dresden-Ini, die jungen Leute, die das Haus der Dresdner betreuten – die ersten Geschichtsstunden begannen. Sie führten uns zu Katharina Markel oder kam sie zu uns? Eine Sächsin, ein Ureinwohnerin, die ein gutes Hochdeutsch sprach, gut gefärbt, knarrig und hart für unsere Ohren. Eine uralte, hutzlige Frau mit blitzenden, klaren blauen Augen. Vielleicht 80 Jahre alt. Dass sie eines Tages den Wunsch äußern würde, bei uns in unserem Hause sterben zu dürfen, hätten wir im Traum nicht gedacht.
Axel und Uta machten uns mit den Sachsen bekannt, mit Herrmann und Katharina Müller, mit Walter und Karoline Fernolend, mit Helga und Wilhelm Meitert, dem Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde.

Wir begannen uns für Geschichte zu interessieren.
Dorothee interessierte sich für andere Kinder - und die Kinder unserer Nachbarn interessierten sich für Dorothee. Sie brauchten keine Wörterbücher. Ihre Geschichte wurde unsere Geschichte. Jeden Tag etwas mehr.
Bis eines Tages, wir waren schon eine Woche im Dorf, die Sächsin Katharina Müller bemerkte: „Ich würde meine Kinder nicht mit den Kindern dieser Afrikaner spielen lassen, das sind Halunken, Diebe. Ich muss sie warnen!”
Wir waren erschrocken. Die Sachsen, denen wir im Dorf begegnet waren, waren alt. Sollten wir für Dorothee die Spielfreunde und -freundinnen aussuchen. Wir waren ja begeistert, dass sie so schnell Kontakt fand. Und warum eigentlich Afrikaner? Axel und Uta leisteten Hilfe, „Zigeuner”, „Roma”, aber auch „Schwarze” oder „Afrikaner” wegen der dunklen Hautfarbe. Was die Sachsen über sie denken, sollten wir zur genüge erfahren.
Soviel, dass eines Tages, wir waren das sechste Jahr im Dorf, im Februar 1999 ein „Tribunal” der verbliebenen Sachsen stattfand, in dem man unsere Übergriffe geißelte.
Mein Versuch, in den 12 Jahren Rumänien, immer besser zu verstehen, nachzuvollziehen, warum die Sachsen sind, wie sie sind, ob es sie überhaupt gibt, denn gibt es den Deutschen, die Deutschen?, bleibt bruchstückhaft, Brüchig, bezieht sich auf die letztlich doch wenigen Sachsen und Sächsinnen, denen ich begegnete und die ebenso vielgesichtig und vielfältig wie alle Menschen sind..

Die Siebenbürger Sachsen sind ein stolzes Volk
In einem scheinen sie, die blieben, allerdings einig zu sein. „Wir sind Sachsen seit 800 Jahren, wir haben unsere Identität bewahrt, weil wir allen ethnischen Vermischungen widerstanden haben. Wir heirateten unter uns im Dorf, nicht mal Sachsen aus dem nächsten Dorf. Sie wurden gebrochen: durch unsägliche Verknüpfungen mit Hitlerdeutschland und der Tatsache, dass Rumänien als Staat zunächst Bündnispartner mit Deutschland war, und dann ab 1944 Kriegsgenosse mit Russland unter stalinistischem Einfluss. Mit einem Schlag wurden die Sachsen Feinde im eigenen Land, denn sie waren, fühlten sich als Deutsche. Sie waren Rumänen, kollaborierten mit Deutschland bis 1944, Kanonenfutter in den Armeen. Und jetzt? Zu Tausenden wurden sie auf Befehl der Russen deportiert. 70 000 Deutsche, Männer zwischen 17 und 45 Jahren, Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren wurden nach Russland geschafft zu schwersten Aufbau-Arbeiten in die Kohlebergwerke, Steingruben und Wälder verfrachtet. „Bis 1949 müssten sie dort unter unmenschlichen Bedingungen ,Wiedergutmachung' leisten. 10 000 überlebten diese Periode nicht. Den in Rumänien verbliebenen Deutschen vorwiegend Kranke und Alte nahm die kommunistisch dominierte Groza-Regierung ihre Existenzgrundlage. Die Durchführungsbestimmungen des Bodenreformgesetzes verfügten die vollständige Enteignung für ,rumänische Staatsbürger deutscher Nationalität, die der deutschen Volksgruppe angehört haben... oder in irgendeiner Weise zur Unterstützung des hitleristischen Deutschlands beigetragen haben'. (Zitat aus Thomas Kunze „Ceausescu`). Noch fataler für die Rückkehrenden, in ihre Häuser waren u. a. Roma, Zigeuner eingewiesen worden. Menschen, die in ihrer eigenen jahrhundertealten Geschichte nie sesshaft waren, sollten auf diesem Weg aus dem Nomadentum heraus gezwungen werden. Den Deutschen, die nun wieder in ihre Häuser zurückkehren wollten, wurden Nebengelasse angeboten.
Die Zeit in Russland ist dokumentiert in zahlreichen persönlichen Schriften von „Russlandportierten”. Katharina Markel, eine von ihnen, hat uns immer mal wieder aus dieser Zeit erzählt. Allerdings, Sachsen waren 1944 keineswegs nur zwischen die Fronten geraten. Ich weiß aus verschiedenen Quellen, dass es eine starke Gefolgschaft zum Deutschland der Nazis gab. Das war, scheint mir historisch bedingt. Der Zusammenhalt der Sachsen zum Mutterland war außerordentlich groß. Anders lässt sich zum Beispiel die Reformation nicht erklären. Waren doch alle führenden Gelehrten immer auch in Deutschland, um dort zu lernen und ihre Erfahrungen zu machen. Dabei gab es dort schließlich auch nur ein Vielvölkergebilde. War das das Verbindende zu den Sachsen Rumäniens? Schließlich gab und gibt es so viele Bevölkerungsgruppen in Rumänien.
Als es im Gefolge der Luther-Zeit zu gewaltigen Umbrüchen in den Regionen Deutschlands kam, hielten die Sachsen mit. Geschlossen traten sie der sich bildenden Kirche der Reformation bei – ohne Glaubenskriege, ohne Blutvergießen. Die Geschichte der Sachsen ist so voller Überraschungen, es lohnt sich, sich mit ihnen zu beschäftigen.
In die allerjüngste habe ich einen winzigen persönlichen Einblick nehmen können.

Die Sachsen hielten Securitate und Ceausescu aus,
passten sich an, folgten dem stalinistischen System, waren enteignet wie später alle Rumänen, sie, die einstigen stolzen Besiedler mit eigenen Königsrechten, eigener Gerichtsbarkeit, einer in Jahrhunderten gewachsenen inneren Ordnung. Einer Ordnung, die sich der Tradition verpflichtet wusste – und die hieß Kirche, ohne weiteres konnte man die politische Gemeinde mit der kirchlichen gleichsetzen. Das war die Dorfgemeinschaft.
Sie hatte ihre besondere Ordnung, und die war fest an den kirchlichen Festen und Feiertagen orientiert. Fremde hatten keinen Zutritt. Und fremd war, wer nicht im Dorf geboren war, wer nicht Sachse war. Wenn heute die Sachsen und Sächsinnen von Deutsch-Weißkirch in Deutschland ihre Jahrestreffen haben, Heimattreffen, versammeln sich einige hundert, vielleicht sogar über tausend Weißkircher – und wenn sie sich alle zwei Jahre im Dorf versammeln, aus dem „Reich” anreisen, wie immer noch die Älteren sagen, lebt die Geschichte auf, die Geschichte einer großen Zeit, die doch zerbrochen ist, als die Sachsen die Möglichkeit gehabt hätten in der postkomunistischen Gesellschaft als integre Gemeinschaft weiterzuleben. Waren es die schrecklichen Erfahrungen von Fremdherrschaft, Denunziation, Vereinsamung, die die Sachsen den weiteren Aufenthalt in ihrer Heimat unmöglich machten?

Am 1.1.1990, die neue Zeit begann sich aus der Asche zu erheben,
lebten, so Karoline Fernolend, in Deutsch-Weißkirch 600 Sachsen und Sächsinnen, am 31.12.1990 waren es noch 60. 540 waren nach Deutschland gegangen in das Land ihrer Urväter. So war es in den allermeisten siebenbürgischen Dörfern. Die große Chance vielleicht Mittler zu werden in ihrem Land zwischen den Deutschen aus dem Westen und den Rumänen, konnten sie nicht ergreifen, obwohl sie doch, ob alt, ob jung beide Sprachen sprechen. Die Rumänen blieben ihnen fremd. Mit vielen Blessuren hatten sie 50 Jahre Indoktrination, Fremdherrschaft überstanden – sie hatten keine Aussicht mehr, verließen Hof, Heimat, Grund und Boden, der nun wieder der Ihrige war...
Wer ist geblieben?

In unserem Dorf waren es zunächst Frauen wie Katharina Markel, starke Frauen.
Sie wusste, wie manch andere, hier will ich sterben, nirgends woanders. Auch Sarah Dooz war eine solche Frau, sie war vielleicht nicht stark, sie war bescheiden und gehörte zum Dorf wie die Kirche, in die sie Sonntag für Sonntag ging. So war auch ihr letzter Weg. Sie wurde zur Kirche getragen und dann zur ewigen Ruhe auf den sächsischen Friedhof. Sächsisch gleich evangelisch.
Ich lernte Menschen kennen, für die war 1993 noch ganz klar, nie würden sie nach Deutschland gehen. Dann starb der alte Vater mit 93 Jahren, und sie gingen doch. Haus und Hof gab zu wenig Halt, und zu viele waren deutschem Wohlstand, der Rente, ordentlicher Wohnung im Block erlegen. Ihre Anwesen verkauften sie nicht, könnten sie doch ab und zu in ihre Heimat reisen, und wenn wenigstens alle zwei Jahre für ein paar Wochen. Ein paar sind geblieben, weil sie krank, alkoholabhängig nicht die notwendigen Schritte gehen konnten.
Hermann und Katharina Müller sind geblieben, sie wirken wie „Fossile” mit ihrer kleinen Landwirtschaft, den wenigen Kühen, Schweinen und „Vögeln” (Hühner, Gänse) dem Brot aus dem Steinofen im Hof.
Geblieben sind auch Gerhard und Sarah Dooz, die für die Kirche verantwortlich sind. Er ist inzwischen gestorben.
Helmut Wagner, er orgelte über 50 Jahren Sonntag für Sonntag. Nach einem Schlaganfall verbrachte er das letzte Lebensjahr in Lasseln in einem für Sachsen eingerichteten Pflegespital. Auch er verstarb 2006.
Vor allem aber blieben Karoline und Walter Fernolend mit ihrer erwachsenen Tochter Ursula. Sie haben sich auf verschiedene Weise dem Dorf und seiner Tradition verschrieben, verdient gemacht. Vor allem ist es wohl ihrem großen Engagement zu verdanken, dass die Kirchenburg zum Weltkulturerbe UNESCO erhoben wurde, und ihrem unermüdlichen Einsatz. Viele Touristen suchen das Dorf auf. Die englische Stiftung, die Mihai Eminescu Foundation, nahm sich des Exterieurs des Dorfes an und ließ nach und nach viele Fassaden im Dorf restaurieren, dass es wieder Schmuck aussehe, und das alles nach alten Rezepturen.
Das nun ist in den meisten siebenbürgischen Dörfern nicht der Fall, und deswegen ist dort der Zerfall angesagt, Häuser zerfallen und Kirchen fallen um.

Die Sachsen betrachten ihr Dorf als ihr sächsisches Dorf.
Wenn sie von Dorfgemeinschaft sprechen, meinen sie den schütteren Rest der Übriggebliebenen. Heute findet Gottesdienst nur noch einmal pro Monat in unserer „deutschen” Kirche statt. Andere Dorfmitglieder gehören nicht dazu – und so kommt es, dass manch eine oder einer, vielleicht sogar der größte Teil der Dorfbevölkerung noch nie in der Kirche geschweige denn auf dem Kirchturm war, den Touristen zuhauf betreten, um über das beschaulich liegende Dorf in den Hängen zu blicken.. Die Rumänen und Rumäninnen sind eben die spät dazu gezogenen und tragen die Bürde der späten Geburt. Erst recht haben die tgani (ziganj), die Zigeuner und Zigeunerinnen keinen Zutritt zur evangelischen Kirche. Sie werden und wurden gebraucht. Es gab die Hauszigeuner, die ein bescheidenes Leben führten und von der Gnade der Hofbesitzer und –besitzerinnen abhängig waren.

Die tigani, die jüngere Generation ist hier geboten,
die nach dem großen Krieg, und doch leben und lebten sie am Rande.
Hat sich ihre Situation jemals gebessert? Erst Mitte des 19. Jahrhundert wurde die Leibeigenschaft gesetzlich außer Kraft gesetzt. Was hat sich seit damals verändert.
Entwurzelt scheinen sie ohnehin, vielleicht besser nie verwurzelt. Sie waren Nomaden und sie lebten von der hand in den Mund. Weil sie unterwegs waren, fanden sie ihre Nahrung auch unterwegs, tauschten ein gegen die vielen Handwerkstätigkeiten. gerade die konnten sie gut ausüben, weil sie und wenn unterwegs waren. Dazu war ein fester Wohnsitz hinderlich. Also haben sie, wenigstens die, die wir kennen lernten, nie gelernt, was uns Deutschen ob nun aus Deutschland oder Siebenbürgen gebürtig, völlig selbstverständlich scheint: z. B. Vorratswirtschaft, Einkellern, ja, all die Techniken, deren wir uns bedienen, weil wir Grund und Boden, ein festes Haus haben und bewohnen. das mobile Gefährt, die caruta (kärutza), der Pferdewagen, Planwagen, erforderte völlig andere Lebensgewohnheiten.

„Warum bauen sie denn nicht so richtig an?”
Schnell sind andere, auch die deutschen Besucher und Besucherinnen dabei dies zu fragen. Maria, meine Frau zeigte einer 55jährigen Roma-Frau, wie sie Marmelade herstellt, schließlich weckten sie bei uns auf dem Hof gemeinsam ein. Maria gab ihr alles, was sie benötigte, damit sie zuhause einkochen könne. Aber die Roma-Frau benutzte das Cellophan nicht, weil es ihr zu kostbar erschien, sie benutzte Zeitungspapier zum Schließen der Gläser. Maria erklärte ihr liebevoll, wofür das Cellophan nötig ist. Die Nachbarin versuchte es von neuem, jedoch weil ein Glas sprang, ließ sie die Marmelade zunächst etwas abkühlen...
Ein einleuchtendes Beispiel, denn wer in Generationen noch nie Marmelade kochte, woher sollen die Kenntnisse kommen.

Die Familie von Marioca
Seit Generationen sind sie Hirten. Jedes Jahr im Frühling bauen sie ihre Hüttchen in die Weidegründe der Schafe. Dort leben sie vom März bis Ende Oktober. Dann brechen sie die einfachen Hütten wieder ab – im Winter wohnen sie in ihren Häusern am Rande des Dorfes. Wie sollen sie einen Garten bestellen, Kartoffeln anbauen. Die Arbeit mit den Schafen, das können tausend Tiere und mehr sein, fordert die ganze Familie bis an ihre Grenzen. 24 Stunden, 7 Tage, 8 Monate. und den Winter? Die Schafe kehren zurück zu ihren vielen Besitzern im Dorf. Und sie, die sie behüteten? Irgendwie überleben sie. Irgendwie. denn für ihre Arbeit bekommen sie soviel, dass es eben gerade für die Zeit reicht, die sie draußen sind. Es ist eine eigene Geschichte wert, der Überlebenskampf der Roma in Rumänien, das zu beschreiben, dem nach zu gehen.
Woher kann da Schulbildung kommen? Acht Jahre versorgten wir ein Kind aus dieser Familie. Doch der Sog dorthin zurück zu kehren, woher das Mädchen kam, war stark. Wenige Monate

vor Abschluss der Schule tat sie sich mit einem Hirtenjungen zusammen. Inzwischen hat sie zwei Kinder.

Und was denken DIE Sachsen über Roma?
Es gibt jedoch weder DIE Sachsen noch DIE Deutschen noch DIE Roma. Und doch, ich muss zum Schluss dieser Ausführungen kommen, sonst könnte ich auch ein Buch schreiben. Ein mich aufrüttelndes Erlebnis will ich aber noch preisgeben.
Ich war mit einer Gemeindegruppe aus Deutschland nach Brasov (Kronstadt) gefahren. Ich hatte eine Stadtführerin engagiert. Es war eine Sächsin. Sie kam in Begleitung ihres Bruders. Wir gingen einen Hangweg hinauf. Alle hintereinander. Fast gleichzeitig fragten einige an der Spitze die Führerin, was sie über „Zigeuner” denke. Ihr Bruder, der am Schluss ging, wurde das gleiche gefragt. Die vorne, sagte „alle aufhängen” und der hinten „alle an die Wand stellen und erschießen”. Das war im Oktober 2002. Die Zeugen und Zeuginnen dieses Ereignisses gehören zur Friedenskirchengemeinde in Lüneburg.
Ich erzählte, ich war gerade das zweite Jahr in Viscri, dem Organisten der sächsischen gemeinde, voller Anteilnahme, ich hätte in einer Hütte im Dorf verhungernde Kinder angetroffen. Sein Kommentar: „Lass sie doch verrecken!” Gleichzeitig gab er einem Zigeunerjungen, der ihn darum, bat, ein paar Äpfel.
Es scheint mir gefährlich, dies hier zu veröffentlichen. Deshalb will ich auch erwähnen, dass es Sachsen gibt, die sich aufopferungsvoll eben gerade der Zigeunerkinder annehmen. Vielleicht ist es auch nur ein gradueller Unterschied, wenn wir Deutschen genug zu essen haben, ja mehr als genug, wenn es „Fressmeilen” in den Städten gibt in Deutschland, während täglich 16 500 Kinder!, Kinder! verhungern auf dieser Erde. Wenn ich bete „Unser täglich Brot gib uns heute” sehe ich die toten Kinder vor mir.

Wisst Ihr, wie das ist, wenn mensch, direkt damit konfrontiert wurde? Es bleiben tiefe Narben.

Liebe Leserinnen und Leser von KvU, lieber Eberhard,
ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit

Harald Riese

Wenn Ihr Fragen habt – ich will gern versuchen, jetzt, wo ich für einige Zeit in Deutschland bin, Antwort zu geben. Ihr erreicht mich in der Jakobsstraße 2 06618 Naumburg (Saale)

Bei uns gibt es auch die originalen Viscri-Socken. Mit dem Kauf habt Ihr nicht nur ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk – die Schülerinnen und Schüler und ihr Lehrer der 2. Klasse einer Waldorf-Schule bekommen zum Nikolaus jede und jeder ein Paar Socken aus Viscri von den Eltern gefüllt mit ??????
– Ihr bekommt etwas zum Fühlen und eine Verbindung zu den Menschen im Dorf, denn jedes Paar ist etikettiert und versehen mit dem Namen der Strickerin und der Nummer ihres Hauses....




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu120/Bericht_aus_Viscri.htm, Stand: Oktober 2006, dk

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