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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 120, Oktober 2006, Seite 35-40
(Download als pdf hier)


DAS RELIGIÖSE IST POLITISCH

ein persönlicher (Das Persönliche ist politisch!)
Bericht von einem interkulturellen Seminar

von Sabine Wittekopf


„Welt- und Umweltverständnis der Religionen. Probleme und Lösungen auf dem Weg zu einer nach­haltigen Entwicklung,. so der Titel eines Seminars im Mai diesen Jahres, veranstaltet von der Türkischen Umweltinitiative in Deutschland e.V. so wie der ESG und KHG in Braunschweig. Ich nahm teil, weil beides mich interessiert, sowohl die Umweltzerstörung als auch der religiöse Dialog und was die Religionen zu den gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit zu sagen haben.

Fazit, besonders jetzt aus einem halben Jahr Abstand, bleibt für mich vor allem der an die feministische Bewegung („Das Private ist politisch”) angelehnte Satz: Das Religiöse ist politisch!

Ebenso wenig wie ich sagen kann, dass eine Frau von ihrem Ehemann geschlagen wird, sei ihr rein privates Problem, kann ich auch nicht behaupten die Aussage, Gott habe die Erde sehr gut, geschaffen, sei eine rein religiöse Aussage. Das mag banal klingen, aber die Konsequenzen sind interessant.

Doch zunächst zum Seminar selbst, in dessen erstem Teil sich VertreterInnen der einzelnen Religionen mit den theologischen Grundlagen für ihr religiöses Umweltverständnis befassten.
Für die jüdische und christliche Religion erläutert Dr. Egbert Ballhorn, Dozent für biblische Theologie im Bistum Hildesheim, dass der biblische Schöpfungs­bericht Gen. 1 eben nicht wissenschaftlich berichte, „wie die Welt geschaffen wurde, sondern wie sie eingerichtet ist”, so dass Gott gleichsam als „Hintergrund des Urknalls” zu verstehen sei. Für die Umweltethik bedeutet dies, dass das biblische Urideal zugleich auch als Zukunftsideal verstanden werden muss, in dem die vegetarische Ernährung der Verse 29f. beispielsweise natürlich nicht wörtlich, sondern nur symbolisch für ein Leben ohne Blutvergießen Sinn bekommen. (Hier deckt sich die Exegese des katholischen Theologen mit der Lebensweise und Ethik bewusster VegetarierInnen.)

Die Islamische Theologin und Religionspädagogin Prof.in Dr. Beyza Bilgin aus Ankara erklärt aus islamischer Sicht, der Sinn des menschlichen Lebens bzw. sein Ziel bestehe darin, eine Art „Gastarbeiter Gottes” zu sein, in Einheit mit aber doch als ein besonderes unter den anderen Geschöpfen. Echte Gottesfurcht sei also „keine Angst, sondern bewusste Furcht” mit Blick auf die Entwicklung und Verantwortung für die Schöpfung Gottes und den Schutz der darin lebenden Geschöpfe.
Ohne Liebe sei kein Glaube möglich, und so ist nach Bilgin das Ziel aller Religionspädagogik der Traum von der Liebe und dem gleichen Wert alles Geschaffenen.

Für den Buddhismus betont schließlich Prof. Dr. Gottfried Orth, ev. Theologe in Braunschweig, wie, von einem ganz anderen Menschenbild ausgehend, im Verhältnis zur Mitwelt (wie BuddhistInnen die Welt bezeichnen würden) ganz ähnliche Ideen wie in den abrahamitischen Religionen eine Rolle spielen: Achtsamkeit („auf mich selbst achtend achte ich auf den anderen, auf den anderen achtend achte ich auf. mich selbst", vgl. „du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst"), Gewaltlosigkeit, Geben, Mitgefühl, ...

Und vielleicht wird gerade im Gespräch mit dem Buddhismus deutlich: Natürlich ließen sich entscheidende Unterschiede feststellen, natürlich ist christliche Nächstenliebe nicht mit buddhistischer Achtsamkeit in eins zu setzen, ... doch eine Diskussion im eigentlichen Sinne will nicht aufkommen. Die Beiträge der SeminarteilnehmerInnen beschränken sich größtenteils auf interessierte Nachfragen zum genaueren Verständnis der verschiedenen Sichtweisen.

Ein gutes Zeichen? Auf jeden Fall ein Hinweis auf die These „Das Religiöse ist politisch” und die Vergleiche mit dem Feminismus:

Wenn unser Ziel die Befreiung der Frauen von patriarchalen Gesellschaftsstrukturen ist, dann ist es gleich, ob die persönlichen Erfahrungen, die zum politischen Engagement führen, von Hausfrauen oder Managerinnen, von Lesben oder Heteras, ja sogar egal, ob sie von Frauen oder Männern gemacht werden. Das Persönliche ist politisch, und solange jede die Erfahrungen der anderen neben ihren eigenen gelten lässt und nutzt, wird ein gemeinsamer Kampf daraus.

Mag sein, dass ich die Gemeinsamkeiten zu sehr betone, die Unterschiede zu wenig wahrhaben will, die Kontroversen zugunsten der gemeinsamen Sache ausblende (Zu einer gemeinsamen Resolution o.ä. konnten sich die Teilnehmenden des Seminars nicht entschließen!)'. Dennoch bin ich überzeugt, und dazu hat das Seminar durch die voneinander völlig unabhängigen Vorträge entscheidend beigetragen:

Wenn unser Ziel die Erhaltung und Heiligung der Weit ist, dann ist es gleich; ob unsere religiösen Werte und Überzeugungen aus islamischer, buddhistischer, christlicher, hinduistischer, ... aus welcher Religion auch immer kommen. Das Religiöse ist politisch.

Für die Fragen der Umwelt- oder Mitweltethik ist nicht entscheidend, ob ich die Erde als Schöpfung Allahs oder Gottes oder als Teil der großen Mutter selber ansehe. Entscheidend ist vielmehr, ob ich sie als heilig und unantastbar ansehe oder als Gebrauchsgut und Wirtschaftsfaktor. Letzteres ist zwar, eine zutiefst religiöse, in den praktischen Konsequenzen allerdings eine gesellschaftliche, eine politische Frage. Wenn wir uns in den politischen Forderungen einig sind, dann können wir diese religiös begründen, ohne dass religiöse Unterschiede eine trennende Rolle spielen müssen. Im Gegenteil: Die Vielfalt der religiösen Argumentation wird unsere Ziele fördern.

Voraussetzung ist ein großes Maß an Toleranz gegenüber anderen Glaubensausrichtungen, ein sehr tiefes Verstehen von dem, was anderen heilig ist und ein ehrliches, waches Auge für die Grenze zwischen Religiösem und Politischem. Denn weil das Religiöse immer auch politisch ist, wird Religiöses allzu schnell politisch benutzt.



Wen die praktischen Teile des Seminars interessieren:
Es gab Arbeitsgruppen

  1. zu einem bei den TeilnehmerInnen nicht unumstrittenen Wiederaufforstungsprojekt in Uganda,
  2. zur Umweltethik im islamischen Religionsunterricht,
  3. zu Schacht Konrad.
Letztere hatte ein konkretes Ergebnis, das inzwischen von der Realität ernüchternd eingeholt wurde. Die Forderungen bleiben dennoch bestehen, deshalb sollen sie hier abgedruckt werden:

Ergebnis
der Arbeitsgruppe „Probleme und Risiken der Endlagerung
radioaktiver Abfälle”


Nach der christlichen und der islamischen Religion wird die Erde, und alles was darinnen ist, als Schöpfung interpretiert. Sie ist das Werk eines unverfügbaren und transzendenten Schöpfers und sie ist und bleibt sein Eigentum. Wir Menschen sind von unserem Schöpfer als treue Statthalter eingesetzt, um diese großartige Schöpfung zu bewahren.

Im Verständnis unserer Religionen leben wir innerhalb und nicht am Ende der Geschichte. Gemeinsam hoffen wir darauf, dass sich am Ende der Zeit der Schöpfergott letztgültig offenbaren wird, und dass die ganze Wahrheit der Welt von allen zweifelsfrei erkannt wird. In der Geschichte, in der wir leben, ist unsere Erkenntnis aber notwendigerweise Stückwerk. Wir leben im Glauben und nicht im Schauen der Wahrheit. Unser Erkenntnisvermögen über die zukünftige Entwicklung unseres eigenen Lebens und der Weltwirklichkeit ist begrenzt. Wir können weder sichere Prognosen abgeben über die Entwicklung der Menschheitsgeschichte noch über die der Naturgeschichte.

Auf die Endlagerung radioaktiver Abfälle bezogen heißt das:

Wir sind skeptisch gegenüber der optimistischen Versicherung, dass es möglich sei, die Langzeitsicherheit über mehrere Hunderttausende von Jahren zu garantieren, wie es bei der nicht-rückholbaren Endlagerung erforderlich ist.

Wir sind der Überzeugung, dass der warnenden Prognose der Vorrang gegenüber der optimistischen Prognose einzuräumen ist, weil der Eintritt eines Schadenfalls nicht hinreichend sicher auszuschließen ist und künftige Generationen den Gefährdungen ohne Handlungsoptionen ausgeliefert sein werden.

Deshalb fordern wir zur Bewahrung von Gottes Schöpfung

  • den Verzicht auf eine wartungsfreie, nicht-rückholbare Endlagerung zugunsten eines revidierbaren Umgangs mit den Abfällen;
  • die Bereitstellung von Forschungsmitteln mit dem Ziel, Verfahren zu entwickeln, die zu einer Reduzierung des Gefährdungspotenzials radioaktiver Abfälle führen und die der Weiterentwicklung der Endlagertechnik dienen;
  • die verstärkte Förderung, den Ausbau und die Nutzung ungefährlicher regenerierbarer Energieträger sowie verstärkte Bemühungen um Energieeinsparung, damit schneller als im Atomkonsens vereinbart, auf die wegen ihrer langfristigen Folgen nicht verantwortbare Kernenergie-Technik verzichtet wird.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu120/DAS_RELIGIOESE_IST_POLITISCH.htm, Stand: Oktober 2006, dk

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