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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 120, Oktober 2006, Seite 43-45
(Download als pdf hier)


Ich bin nicht stolz, ein Deutscher zu sein

von Dietrich Kuessner

Das liegt zunächst daran, dass ich „stolz“ überhaupt doof finde. Das ist auch eine Erziehungssache. Ich bin in Kinder- und Jugendjahren nicht zum Stolz erzogen worden. Einmal war ich wohl stolz, ohne es zu wissen: als ich 1939 eingeschult und gefragt wurde, was mein Vater wäre, antwortete ich nicht etwa: Pfarrer, sondern „Hauptmann“. Ich hatte irgendwann meinen Vater hoch zu Roß in Uniform gesehen, na ja und da schlug das Herz des Fünf- bis Sechsjährigen. Aber das wars denn auch.
Also: stolz sein – das kommt ja auch nicht in der Bibel vor. Stolz auf Jesus, stolz auf Nachfolge, stolz, Gebote zu halten? Also Christen sollten doch zurückhaltend reagieren, wenn sie gefragt werden, worauf sie denn eigentlich und überhaupt stolz wären.
Aber nicht nur, weil der Stolz nicht in der Bibel vorkommt. Auch aus anderen Gründen: ich konnte mich 1990 nicht an das Wort „Deutschland gewöhnen und fand es reichlich verfrüht, dass bald Briefmarken mit der Umschrift „Deutschland“ erschienen. Es wurde reihum gefragt, wie denn nun die um die beitretenden ehemaligen DDR-Länder erweiterte Bundesrepublik heißen sollte. Ich schwärmte für die Bezeichnung „deutsche Republik“ Klare Anbindung an die republikanischen Traditionen in der Zeit von 1918 – 1933, aber auch in der Kaiserzeit. Da gabs ja auch schon demokratische Anwandlungen, übrigens auch in der Landeskirche. Woran knüpfte das Wort Deutschland an? Aha! Eben – In welchen Wortverbindungen waren und sind noch unseren stolzen Deutschen denn das Wort „Deutschland“ geläufig? Solange alle drei Strophen (!) des „Deutschlandliedes“ die Nationalhymne der BRD und nun auch vom Deutschland ab 1990 dem Gesetz nach gültig sind, aber verschämt nur die dritte Strophe gesungen werden darf, dürfte über die geläufigen Wortverbindungen nicht gestritten werden. Man denkt sie sich nur: „über alles“ und wenn man singt, dann schwingt bei den Älteren die erste Strophe als Oberstimme mit. Aber hurra, doch.

Ob wir denn nicht wenigstens etwas Patriotismus im Sommer bei der Fußballweltmeisterschaft herauslassen dürften und sollten. Als Kirche, die dem brausenden Leben um sich herum aufgeschlossen ist und sich bei jeder Predigteinleitung abmüht, auf die Hörerin und Hörer zuzugehen und ihn „abzuholen“ (und dabei womöglich den Hauptteil verpasst), gabs dann auch einen ökumenischen Eröffnungsgottesdienst, Mittagsgebete zur Halbzeit, open air vor breiter Leinwand in Gemeindehäusern (Grill eingeschlossen, wir sind ja nicht von gestern!), denn: hier spielte DEUTSCHLAND. Ich war so verwegen anzunehmen, dass eine populäre Sportart, neben der es viele andere gibt, eben den Fußball vertritt, aber doch nicht ganz Deutschland? Auch die Nicht – Sportbegeisterten? Beim Patriotismus geht es doch immer um das ganze Deutschland oder? Ob und wann Fahnen herausgehängt werden sollen, bestimmt die Regierung. Irgendwas davon gelesen? Soll das jetzt Schule machen, bei Schumacher, irgendwelchen Boxern, Tennis- oder Schachspielern? Ich fand das reichlich überkandidelt und habe um eine baldige Niederlage der deutschen Mannschaft gebetet, was erst ziemlich am Ende erhört wurde, aber immerhin. Und wie es beim Patriotismus aller Zeiten so ist, wurden die entgegenstehenden Nachrichten von Ausländerübergriffen unterdrückt. Sie passten nicht in das schöne patriotische Bild.

Dieser Patriotismuswelle haben wir es wohl auch zu verdanken, daß die deutsche Bevölkerung seit Jahren die wachsenden Auslandseinsätze gelassen hinnimmt, obwohl sie politisch allesamt bereits gescheitert sind. Für den Balkan-Kosovo ist immer noch keine politische Lösung gefunden. Wo gehört es nun hin? Albanien? Serbien? Ein eigener Zwergstaat? Aber das Truppenmandat ist verlängert. In Afghanistan werden die politischen Verhältnisse immer undurchsichtiger und gewalttätiger. Warum? Die föderalen Warlords regieren uneingeschränkt, abseits jeder demokratischen Kontrolle. Dafür gibt es keine Lösung. Das ist das ideale Umfeld für die regionalen Taliban, die die Amerikaner aufgepäppelt haben. Und dass die Bundeswehr Straßen und Häuser baut, ist ja wohl lachhaft. Das können die Afghanen selber und besser.
Nun Truppen in den Sudan. Von wegen demokratischen Wahlen. Das Problem ist aber die Lage danach. Wird der Unterlegene so demokratisch sein, und das Ergebnis anerkennen? Warum sind da deutsche Truppen? Sogar der Kommentar der Braunschweiger Zeitung schrieb von klaren deutschen Wirtschaftsinteressen, die neben den französischen gewahrt werden müssten und riet energisch vom Truppeneinsatz ab. Aha, da liegt also der Patriotismus begraben!
Nun liegen paar Kriegsschiffe vor der libanesischen Küste. Herbert Erchinger, der früher in der Gegend eine Zeitlang mit Frau und Kindern verbrachte, erfahrener Seeoffizier, erklärte uns bei unserem Redaktionstreffen, dass der Schmuggel über die syrische Landgrenze ginge und niemals per Schiff. Also auch hier hat sich die Große Koalition die politisch windstille Gegend ausgesucht (wie in Afganistan). Begründung der Bundesregierung: es gäbe eine besondere Verantwortung Israel gegenüber. Halte ich als Deutscher für völlig falsch. Wir haben eine Verantwortung für den Frieden im Nahen Osten und dürfen gerade nicht Partei sein. Die jüngsten U-Bootlieferungen an Israel helfen zwar der deutschen Wirtschaft, sind aber ebenfalls etwas, worauf ich nun wirklich nicht stolz sein kann. Israel erhielt nach dem neusten Rüstungsexportbericht der Bundesregierung außerdem Geländewagen, Raketenwendekreisel, Teile für Panzer, Saudi Arabien Teile für Kampfflugzeuge, Maschinenpistolen und Scharfschützengewehre. Die pakistanische Regierung will drei U-Boote für 1, 5 Milliarden von Thyssen-Krupp kaufen.
Die Auftragsbücher von Thyssen-Krupp für U-Boot-Verkäufe sind bis 2012 (!) voll (FAZ 19.9.06). Die deutschen Waffenexporte stiegen im Jahr 2005 um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 4,22 Milliarden Euro. Das ist sehr viel besorgniserregender als paar Prozent für die NPD. Stolz? Eher Verachtung.
„Wir sind doch Papst!“ Daß ein Papst nach 450 Jahren mal wieder aus Deutschland kommt – kein Anlaß zum Stolz, wenigstens ein bißchen? Er kommt aus Bayern und verleugnet das nicht. Wie kann sich da bei einem Preußen wie mir Stolz regen? An diesem Papst ist wirklich nicht zu merken, dass er aus der Land der Reformation, einem konfessionell gemischten Staatsgebilde, dem Land der Aufklärung und überdies auch ihrer Überwindung durch Väterchen Kant kommt. Dieses Deutschland ist an Papst Ratzinger vollständig vorbeigegangen. Also höchsten ein halb-, oder vierteldeutscher Papst.
Es gibt viele Dinge, über die wir uns herzlich freuen können und abends sage ich mir vorm Einschlafen, worüber ich ehrlich zu danken habe. Da kommt doch immer was zusammen. Sollte das nicht langen? Also doch besser: ganz ohne Stolz und auf Deutschland schon gar nicht.

Höchstens in der Fassung, die der französische Bestsellerautor Jonathan Littel seinem neusten fiktiven französischen Roman gegeben hat, in dem er einen 1913 geborenen Juristen schildert, mit SS-Laufbahn und nach dem Krieg Spitzenfabrikant in Frankreich, der einen reizenden Abend bei Eichmanns verbringt und Ernst Jünger in Berlin trifft, mit seiner Schwester schläft und seine Mutter abmurkst, davon Durchfall kriegt und nach dem Krieg an Verstopfung leidet. Littel zum Roman: „Ich wollte zeigen, wie relativ normale, abendländisch kultivierte Individuen einem kollektiven Wahn verfallen. Die Deutschen sind wir, jeder ist ein Deutscher.“




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu120/Deutscher_sein.htm, Stand: Oktober 2006, dk

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