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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 120, Oktober 2006, Seite 58-60
(Download als pdf hier)


ECCLESIA und SYNAGOGE
FRAGEN UND THESEN ZUM DEKALOG

von Kurt Dockhorn


Der Arbeitskreis "Ecclesia et Synagoga" (begründet von Jürgen Naumann) hat sich 2005/6 an vielen Abenden mit dem Dekalog auseinandergesetzt. In der Diskussion sind Fragen offen geblieben, die ich im folgenden zu einigen Thesen zusammenfassen will:

1. Du sollst dir kein Bildnis machen. Bekanntlich ist das "Bilderverbot" nur im Islam einigermaßen (d.h. mindestens mit der Ausnahme der höfischen Kunst) konsequent fort-gesetzt worden. In der christlichen Tradition ist es mit Verweis auf Christus früh durchbrochen worden mit der Folge, daß der Idolatrie im Christentum Tür und Tor geöffnet wurde. Allein: die Inkonsequenz im "Bilderverbot" liegt zuerst nicht im Bereich der Abbildungen. Vielmehr liegt sie unaufhebbar in der Sprache selbst. Von Gott reden, heißt in Bildern reden, sich Bildnisse (Projektionen) von ihm machen. Als einziger Ausweg und Praxis des Bilderverbots in letzter Konsequenz bietet sich das Schweigen an. Auf dem Weg des Schweigens (darüber wovon man nicht reden kann) können sich eine (breite) asiatische und eine (eher schmale) christliche Tradition treffen.

2. Du sollst keine andern Götter haben neben mir. Was sind heute die "fremden Götter"? Es ist wohlfeil, sich die Differenz bzw. Unvereinbarkeit der jeweiligen Gottesbegriffe der verschiedenen Religionen um die Ohren zu hauen und für sich eine (in der christlichen Theologie in ihrem Endstadium besonders hartnäckig behaupteten) Exklusivität zu reklamieren. Die fremden Götter handeln vielmehr von dem, was wir sonst noch anbeten. Und da kommen wir unweigerlich auf Kapital, Konsum und Leistung als die lebensfeindlichen Götter, denen wir täglich opfern und die unsere ganze Hingabe verlangen.

3. Die Unaussprechlichkeit des Namens.
Im diese zu respektieren, haben wir im Dialog mit Jüdinnen und Juden gelernt, bewußter mit unserer christlichen Sprache umzugehen. Leider bleibt das ohne Konsequenzen für den Alltag außerhalb der Sphäre dieses Dialogs. Haben wir überhaupt schon begonnen, uns auf die Frage einzulassen, welche heilsame Bedeutung eine Einübung in den Respekt vor der Unaussprechbarkeit des Namens Gottes im postmagischen Bewußtsein inmitten einer Kultur des Plauderns, Plapperns und Geschwätzes haben könnte?

4. Der Dekalog gründet seine Autorität auf die Selbstvorstellung des Gottes, der Israel aus Ägypten geführt hat. Dieses wesentliche Moment der Präambel wird in der christlichen Auslegung und Aneignung des Dekalogs meist unterschlagen. Aus diesem Zusammenhang gelöst und unter Absehen davon, daß das "Zehnwort" an die freien Männer Israels gerichtet ist (Frank Crüsernann nennt darum seine Auslegung die "Bewahrung der Freiheit"), werden dann die "Zehn Gebote" zu einem allgemeinen, in unserer Tradition insbesondere mit Kindern zu traktierenden Moralkodex. Beachten wir aber den genannten Kontext, dann wird uns unter den Füßen der Boden unseres naiven Umgangs mit diesem Exodustext weggezogen.
Die jüdische Auslegung hat das bedacht: der Talmud kennt für die Gojim, also für uns und andere, die Geltung der "noachitischen Gebote" als einer "Tora für die Völker", nicht aber des Dekalogs wegen seiner Begründung im Exodus. Zu welchen Revisionen würde uns die Auseinandersetzung mit diesem komplexen Sachverhalt nötigen?

5. Die selbstverständliche Inanspruchnahme des sog. Alten Testamentes scheint weniger denn je begründet. Normalerweise sehen wir kein Problem, war doch auch die hebräische Bibel von jeher ein Buch der Kirche. Wie aber, wenn sie nur insofern und nur in dem Maße Buch der Kirche sein konnte, als sie christologisch gelesen und nach dem unhaltbaren Muster von alttestamentlicher Verheißung und neutestamentlicher Erfüllung gelesen wurde? Wenn wir dieses Muster aber abtun, ist vielleicht nicht die Legitimation unseres Zugriffs auf die ganze Bibel wohl aber dessen Begründung führt uns der Verweis, es sei doch immer das Buch der Kirche gewesen, in das Unheil einer zweitausendjährigen Verblendeten Auslegung. Wie kann sich die Kirche der heiligen Schrift Israels nähern, ohne Israels primäres Recht daran zu enteignen?
Vielleicht gibt es im Dialog einen andern Weg: Auf ihm wäre Israel die hebräische Bibel ("Das Erste Testament", laut Erich Zenger) zuerst voll und ganz zurückzuerstatten. Und dann könnten wir unsere jüdischen Dialogpartner-Innen bitten, uns in der Auslegung ihrer Schrift voranzugehen und uns das Verstehen zu lehren Jedenfalls scheint es an der Zeit, die weltberühmten Figuren am Straßburger Dom umzudrapieren: Die Augenlinde weg von der Synagoga und rasch der Ecclesia ungebunden!




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu120/ECCLESIA_und_SYNAGOGE.htm, Stand: Oktober 2006, dk

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