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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 120, Oktober 2006, Seite 50-57
(Download als pdf hier)


Huber und der Turmbau zu Babel
Kirche in der Zukunft, etwa 2030

von Dietrich Kuessner


Man macht es sich leichter, wenn man paar Sachen von hinten an liest und sich die Einleitung schenkt. Da kriegt man schnell spitz, worauf es hinausläuft. So auch bei dem „Impulspapier” der EKD „Kirche der Freiheit” (106 Seiten), das einige Vorschläge zur künftigen Gestaltung der Evangelischen Kirche in Deutschland macht. Das Papier, verantwortlich Bischof Huber, Berlin, denkt voraus bis ins Jahr 2030. Ein evangelisches Orakel.
Wegen der wirtschaftlichen Engpässe müßte gespart, die Zahl der Pfarrerschaft sowie der kirchlichen Bauten und der Landeskirchen verringert werden. Konzentration lautet das Zauberwort. 2030 soll es einige große Kirchengebäude mit gemeinsamen inhaltlichen Schwerpunkten geben und zwar: Berliner Dom (Kirche und Politik), Dresdner Frauenkirche (Friedens- und Versöhnungsarbeit), Nürnberger Lorenzkirche (Tourismusarbeit), Stuttgarter Stiftskirche (Missionskirche), Wittenberger Schloßkirche (Predigtkultur), Thomaskirche Leipzig (Kirchenmusik), Reinoldikirche Dortmund (soziale Verantwortung), Michaeliskirche Hamburg (Wirtschaftsdialog) (S. 100). Was für eine Selektion! Die Abwegigkeit dieses Papiers offenbart sich allein auf dieser Seite. Natürlich fallen einem die vielen großen traditionsreichen Kirchen allein des nordostdeutschen Raumes ein, die nicht genannt sind: der Dom von Schleswig und Bremen und Lübeck, die Backsteinkirchen an der Ostsee in Mecklenburg, Marktkirche in Hannover und Dom von Braunschweig. Und München? Diese haben längst für ich „thematische Zentren” gebildet, die alle nicht in den Blick kommen. Dazu kommt die sinnlose Zuordnung: soll nun in Nürnberg der kirchliche Tourismus in der Lüneburger Heide oder auf den Nordseeinseln organisiert werden? Und in Hamburg der Dialog mit der Wirtschaft, die vor allem in Süddeutschland konzentriert ist? Sollen wir nach Wittenberg fahren, um Predigtkultur zu hören und zu lernen? Ich glaube, es geht los.
Damit nicht genug. Offenbar sollen zum Ausgleich in den Leerflächen „Kompetenzzentren” aufgebaut werden, vergleichbar unseren früheren übergemeindlichen Ämtern, also für Gottesdienst, für Dialog zwischen Theologie und modernen Wissenschaften, für Führungsämter in Kirche und Diakonie, für Weiterbildung, Weltanschauungsfragen, sozialwissenschaftliche Fragen, interreligiösen Dialog, Konfirmanden- und Jugendarbeit, missionarische Aktivitäten, und Dialog mit gesellschaftlichen Multiplikatoren. (S. 100) Allein die Reihenfolge ist aufschlußreich. Die Jugendarbeit rangiert auf Platz acht. Solche Institute gibt es ja längst, nicht erst in Ansätzen, wie das Papier schreibt, sondern seit Jahrzehnten z.B.: für Weltanschauungsfragen in Frankfurt, für Jugend in Gelnhausen, für Gottesdienst in Hannover und Leipzig. Neben diesen Kompetenzzentren soll es fünf Dienstleistungszentren geben, nämlich Organisationsberatung und Management, Beihilfezentrum, Kirchensteuern, Fundraising, Meldewesen und Statistik. Hier sollen offenbar z.B. die bestehenden Kirchensteuerstellen der lutherischen, unierten und reformierten Kirchen zusammengeschmissen werden. Ich sehe das schon vor mir: Hochhaus, Bürokratie, viel Personal und total gemeindefern. Die vielen Gemeindemitglieder auf dem Lande und in den Kleinstädten sollen nur die Gelder beibringen. Sie sind die Dummen. Verwaltet wird im Kompetenzzentrum. 1. Mose 11, der Turmbau zu Babel läßt schön grüßen.
Diese Kirchen und Kompetenzzentren nennt Huber stimmungsvoll „Leuchtfeuer”. Es bleibt abzuwarten, wie weit die Dinger auch wirklich leuchten und sich nicht zur qualmenden Ölfunzel entwickeln. Mit diesen Vorschlägen ist es so wie bei der Bundesbahn von Mehrdorn: die kleinen Stecken werden alle stillgelegt, die großen Strecken bevorzugt. Die Züge haben meist Verspätung. „Wir bitten um Entschuldigung”, lautet der meist gehörte Ruf auf bundesdeutschen Bahnhöfen, in der Kirche gewiß weit vor 2030.
Auf den vorangehenden Seiten werden diese Leuchtfeuer unter den drei Überschriften Situation, Perspektive, Ziele erklärt. Aber die Ziele (siehe oben) stehen schon fest.
Mit einer widersprüchlichen Lagebeschreibung beginnt das Papier der EKD: die gegenwärtige Situation böte erhebliche Chancen zur Reform der Kirche, nämlich „die Respiritualisierung als gesellschaftlicher Megatrend” (S. 14), und ein durch die „radikalisierte Globalisierung” hervorgerufenes Suchen nach Sinn, Werten und Gemeinschaft, die sich zwar nicht mit Zwangsläufigkeit auf die Kirchen richtete, aber es gäbe „den Kirchen die Chance, derartige Fragen aufzunehmen (S. 15). Das Interesse an religiösen Fragen wäre gestiegen, 74 Prozent aller Kinder glaubten an Gott, religiöse Erziehung würde für wichtig gehalten, 66 Prozent der Menschen beteten gelegentlich, jeder Fünfte der 16-29 Jährigen hätte ein „stark ausgeprägtes Interesse an religiösen Themen” (S. 16). Zwölf Prozent der Ausgetretenen wäre im Laufe der Jahre wieder eingetreten, die 3,5 -5 Millionen getaufte Nichtkirchenmitglieder, bzw. Konfessionslosen wären „ein gewaltiges Potential für eine besondere missionarische Initiative" (S. 17). Aber auch die innerkirchliche Lage wäre ermutigend: es gäbe ein „stabiles protestantisches Milieu”, eine Aufbruchstimmung unter den Mitarbeitenden und eine hohe Zahl von Ehrenamtlichen (S. 17), die unterschiedlichen Frömmigkeitsstile wären näher zusammengerückt, die Vielfalt in der Kirche würde als Reichtum verstanden, die Pfarrer stünden in hohem gesellschaftlichen Ansehen, die Wiedereintrittsziffern stiegen an, in allen kirchlichen Gruppen würde eine „missionarische Neuausrichtung der Kirche bejaht” (5.18), evangelische Schulen würden vermehrt gegründet, es gäbe eine Reihe von Erfolgsmodellen wie z.B. die City Kirchen Arbeit, Profilgemeinden und Tourismuskirchen. Huber würde überzeugen, wenn er in seiner Berlin-Brandenburgischen Kirche mit diesem Konzept Erfolg hätte. Die zur Verfügung stehenden Zahlen aus dem Kirchlichen Jahrbuch nennen für Berlin für die Jahre 1998 und 2001 folgende Zahlen. Die Beerdigungen übersteigen die Taufen bei weitem: 1998 18.929 gegen 6.630; 2001 16.113 gegen 6.523. Die Austritte übersteigen die Eintritte bei weitem: 199$: 17.627 gegen 3.255, 2001: 10.982 gegen 3. 086. Die kirchlichen Trauungen sanken von 2.046 (1998) auf 1.068 (2001). Die Mitgliederzahl sank von 1.344 476 (1998) auf 1.261 466 (2001) Wie will Huber in Berlin „gegen den Trend wachsen”, wie die Parole lautet oder wenigstens die Mitgliederzahl halten? Von einem stabilen protestantischen Milieu ist gerade in Berlin nichts, aber auch gar nichts zu spüren. 75 % der Berliner Bevölkerung gehört nicht der evangelischen Kirche an.
Ärgerlich an dieser Beschreibung ist die leichtfertige Unterschätzung des Säkularismus, der als ein ernsthafter Aspekt der Moderne mit eigenem Anspruch und eigener Ethik gewürdigt werden sollte. Geradezu kindlich ist die Hoffnung auf eine „Respiritualisierung als gesellschaftlicher Megatrend”.

Es gälte nach Huber, folgende acht Herausforderungen zu begreifen: In Folge der demografischen Entwicklung würden die Landeskirchen unterschiedlich stark schrumpfen: u.a. die rheinische Landeskirche von 3 auf 2 Millionen, die Braunschweigische von 416.000 auf 293.000. Das Durchschnittalter der Kirchenmitglieder würde von 44 auf 50 Jahre ansteigen, der ländliche Raum zugunsten von Ballungszentren ausdünnen (S. 210. Bei einer um ein Drittel sinkenden Mitgliederzahl würde die finanzielle Leistungsfähigkeit um die Hälfte zurückgehen (S. 22). Die volkskirchliche Situation erlebe in Folge der zurückgegangenen Tauf- Trau und Beerdigungsziffern „eine Art generative Entkirchlichung” (S. 23). In der Kirche vollziehe sich ein rapider Traditionsabbruch, es herrsche ein „religiöser Analphabetismus”, wie Umfragen nach der Bedeutung von Weihnachten und Karfreitag belegen, in den sog. östlichen Bundesländern verfestigt sich die Konfessionslosigkeit bereits in der dritten Generation. In der Mitarbeiterschaft der Kirchen gäbe es Verunsicherung und mutlose Stimmungen in Hinblick auf die Zukunft. „Wer ständig mit sinkenden Gemeindegliederzahlen und schrumpfender Akzeptanz zu tun hat, gerät leicht in eine Depressionsschleife” (5.24). Die in den 23 Landeskirchen beschäftigten 20.400 Pfarrerinnen und Pfarren würden bei gleichbleibender Gehaltstruktur nicht wie gegenwärtig ein Drittel, sondern zwei Drittel des Kirchensteueraufkommens beanspruchen. Bei der fülligen Reduzierung der Pfarrstellen hingegen fielen auf eine Pfarrstelle die Verwaltung von zwanzig Kirchengebäuden. Wie wirke sich ein abnehmende Gehaltsstruktur auf das Berufsbild aus? Die Betriebskosten für die ca. 20.000 Kirchen belaufen sich z.Zt. auf jährlich auf mehr als eine Milliarde Euro. Die Kirchengemeinden könnten alleine die Baulast nicht mehr tragen.
Für die Berechnung der Selbstverwaltungskosten der 23 Landeskirchen, Landessynoden und Kirchenverwaltungen fehle es an einem einheitlichem Maßstab. Zwar wäre „eine zentralistische Einheitlichkeit weder gewollt noch mit dem evangelischen Selbstverständnis vereinbar” (5.27), aber der gegenwärtige Föderalismus verkehre sich in Immobilismus und schaffe unnötige Doppelstrukturen.
Schließlich bedürfe es einer gründlichen Analyse der Schwachstellen, eine Qualitätskontrolle der kirchlichen Arbeit, da Visitationen „nachlaufend, sehr umfangreich und recht arbeitsaufwändig” wären (S. 27). Auf den Prüfstand gehörten die durch den öffentlich-rechtlichem Status verursachte Nähe zum öffentlichen Dienst, der Wechsel in eine andere Landeskirche wäre erschwert, nach einer langen Überbesetzungspolitik von Pfarrstellen entstehe nun die Sorge um einen ausreichenden Nachwuchs. Die Kirche könne, auch wenn sie kein Wirtschaftsunternehmen wäre, doch von deren Methoden und Erfahrungen lernen.
Da sind durchaus viele richtige Beobachtungen benannt, aber was hinten rauskommt, läßt einen doch erschrecken vor dem Wahrnehmungsverlust dieser sog. Spitzenkräfte, die diese Perspektivkommission der EKD bevölkern, darunter v. Vietinghoff, OKR Gundlach und OKR Begrich, alle Hannover, Barrenstein, ein Münchner Industrieller, Bischof Bohl, Dresden, Prof. Renate Köcher, Allensbach (!), usf.

Das Impulspapier ist in der Zeitschrift der Bischöfe und Professoren „Zeitzeichen” inzwischen diskutiert worden. In der Augustnummer hat Bischof Huber das Impulspapier noch einmal erläutert. Die Hauptursache für diesen „Aufbruch bestünde darin, daß es ein neues Interesse an Glaube, Religion und Kirche gebe. Das ist unglaubwürdig. Der eigentliche Anstoß ist der Rückgang der Finanzen. Zum babylonischen Turm gesellt sich eine babylonische Sprachverwirrung. „Wir wollen eine Kirche sein die wirklich bei den Menschen ist,” (S. 16) sagt Huber und entfernt sich mit seinen geplanten Zentralkirchen von den meisten Menschen in Dörfern und Kleinstädten. Zentralisierung wäre ein Wort, „das mir nicht in den Sinn käme” ( S. 19). In das Unternehmen schleicht sich der Unterton der Unaufrichtigkeit hinein. Statt zentralisieren sollte man „bündeln” sagen. Er wiederholt den Unsinn, fünf Millionen ehemalige Kirchenmitglieder in die evangelische Kirche zurückzuholen. Die Zahlen aller Landeskirchen, vor allem seiner eigenen Berliner Kirche sprechen völlig dagegen. In unserer Landeskirche hat es mehrfache Versuche gegeben (Dietrich Fürst in den 80iger Jahren, Helmut Liersch in den 90iger Jahren) auf die Ausgetretenen zuzugehen. Die Ergebnisse waren — so Fürst wiederholt vor der Synode — deprimierend. Die Auswertungen wurden im Landeskirchenamt weggeworfen und sind nie wieder aufgetaucht, was Fürst mehrfach beanstandete.
In der Septemberausgabe hat Landesbischof Weber das „Lob der kleinen Landeskirchen” gesungen. (S. 48-51) Schon vorher hatte Weber dem epd gegenüber das Papier als „wenig hilfreich" und nicht weiterführend bezeichnet. Die Lagebeschreibungen wären längst bekannt, die Lösungsvorschläge problematisch. In Zeitzeichen weitet Weber seine Kritik aus. Die EKD verkenne die Bedeutung und die Chancen kleinerer Landeskirchen, die Weber nun ausführlich an Hand der Braunschweiger Landeskirche schildert, ohne sie ausdrücklich zu nennen. Die Konföderation niedersächsischer Kirchen, deren Vorsitzender Weber zur Zeit ist, käme im Impulspapier gar nicht vor, und hätte doch die Funktion eines Zwischenschrittes. Weber fragt, ob es dem Impulspapier „um eine Vereinheitlichung der Kirche zu Lasten ihrer pluralen Gestalt ginge (S. 51). Allerdings setzt sich Weber nicht mit den Voraus- und Zielsetzungen Hubers auseinander. Er beanstandet die Zusammensetzung der Kommission, in der die kleineren Kirche schlecht vertreten wären. In der Oktobernummer beklagt Prof. Härle, Heidelberg, die theologische Grundlegung für das Reformprogramm, das er aber sachlich für richtig hält.
Die schärfste Kritik wurde auf dem Deutschen Pfarrertag im September formuliert. Die Kirchen dürften sich aus der Fläche nicht verabschieden, forderte der Vorsitzende Pfarrer Weber.

Das Ganze hat indes einen landeskirchlichen Haken: verfahren nämlich die Planer in den kleineren Landeskirchen, also Oldenburg und Braunschweig nicht ähnlich wie Huber mit der EKD? Ist nicht auch in der Braunschweiger Landeskirche die Zukunftsplanung längst abgefahren in Richtung Zentralisierung, „Ausstrahlung” von Regionalkirchen mit ringsum stillgelegten oder nur noch notdürftig versorgten Landgemeinden, Zentralisierung der Gemeindefinanzen, scheinheilige Begründung der Zentralisierung von Verwaltung mit Freiwerden der ach so überlasteten Pfarrerschaft für Hausbesuche und Seelsorge? Habemus libellum! Auch wir haben ein Papier, das in die Zukunft schaut.
Die Theologische Kammer unserer Landeskirche hat nämlich kürzlich ebenfalls ein Perspektivpapier vorgelegt unter dem Titel „Kirche unter den Menschen Vorschläge zur konkreten Gestaltung der zukünftigen Arbeit in den Gemeinden”. Anfang des Jahres ging das formal achtköpfige Gremium an die Arbeit, traf sich etwa sechsmal im Predigerseminar, bröckelte allerdings wg. Krankheit und Verhinderung, die Bärenarbeit lag vermutlich auf den Schultern vom Hausherrn Rammler.
Wenn man auch dieses Papier von hinten liest (S. 50 ff), ergeben sich folgende „Eckpunkte”: Anpassung an die Tatsache, daß unsere Kirchenmitglieder älter werden (demografischer Wandel), „offensive Mitgliederwerbung”, Stellenreduzierung (auf den Dörfern bilden 1.800 eine Kirchengemeinde, in der Stadt 2.200), Kooperation mit Hannover und Oldenburg, Reduzierung des Gebäudebestandes, es soll eine Kasse für neue Ideen eingerichtet werden, Verwaltungsvorgänge sollen von den Dörfern verlagert werden, neue Impulse für Gottesdienst, Seelsorge, Diakonie, Gemeindebriefe werden erwartet..
Wie Bischof Weber zu Recht die mangelnde Koordination des EKD Papiers mit den bereits vorhandenen Bemühungen in anderen Landeskirchen bemängelt, so bedauerlich finde ich an dem Kammerpapier die mangelnde Verbindung zu den längst in der Landeskirche unternommenen Reformbemühungen etwa die von 1995. Die gehaltvollen Vorschläge sind alle beim Umzug des Landeskirchenamt weggeschmissen worden. Ich hatte vorgeschlagen, Bischof Weber möge zum Einstieg in die Landeskirche wenigstens eine der in den Keller des Landeskirchenamtes gewanderten Aktenmappen erhalten, die ein historisch breites Echo und Spektrum der landeskirchlichen Lage und Vorschläge enthalten. Die wären alle weg, erhielt ich zur Antwort. Dazu gehören die Kooperationsmodelle aus der Krausezeit, die damals als das Neuste vom Neuen ausgegeben wurden, im Grunde aber die Pfarrverbandszusammenschlüsse der Heintzezeit in den Propsteien Schöppenstedt und Goslar bündelte. Anknüpfung an diese gewachsenen Modelle könnte viel Zeit und Arbeit sparen. Man könnte WEITERentwickeln. Davon ist im Kammerpapier nichts zu lesen. Das Kammerpapier wie übrigens auch die EKD sehen die finanzielle Lage viel zu rosig. Schon jetzt breitet sich Erstaunen und Entsetzen aus über die Austritte in der Propstei Vorsfelde von den VW Arbeitern, die mit einer Abfindung ihre Arbeit vorzeitig beenden. Das wird noch viel schlimmer kommen, wenn die Rentenbesteuerung im nächsten Jahr beginnt und immer neue Massen erfassen wird. Dann werden auch die Alten austreten. Längst hätte ein System der gegliederten Kirchenmitgliedschaft, das unabhängig von der Kirchensteuer ist, entwickelt werden müssen, die solche Austritte auffängt. Denn ob sie überzeugungsmäßig ausgetreten sind, ist ja noch die Frage. Sie in das Kirchensteuersystem zurückzuholen, wie Huber vorschlägt, geht an der Realität völlig vorbei. Aber in eine erweiterte Kirchenmitgliedschaft — das ist noch nicht ausprobiert. Alles bereits vorgeschlagen, aber im Sumpf der Kirchenbürokratie untergegangen.
Dasselbe ist mit den Kirchenbauten. Die Entscheidung, ob Kirchen wenigstens zeitweise geschlossen oder mit der katholischen Kirche gemeinsam genutzt werden sollen, muß vor Ort durch die Kirchenvorstände erfolgen. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber es hätte spätestens gestern mit dem Denkprozeß angefangen werden müssen. Beispiel: ein Ort wie Büddenstedt hat bei einer Bevölkerung von 3.000 Einwohnern und 2.100 Evangelischen und Katholiken geschlagene fünf christliche Kirchen, drei evangelische und zwei katholische. Ein unerhörter Luxus! Das wäre für einen Pfarrer vor Ort eine höchst reizvolle Aufgabe. Aber die fühlen sich ja alle überlastet. Sie werden vom Landeskirchenamt auch nicht in die Verantwortung geholt. Stattdessen Gejammere der Vertretung: drei Gottesdienste in der Woche wären bereits zu viel (ohne einen einzigen Hausgottesdienst, geschweige denn Hausbesuch, unter der Woche!).
Die Alternative zu dem Kammerpapier wäre die großmöglichste Dezentralisierung: Gemeinden, völlig unabhängig von ihrer Größe, mit
a) eigenständiger seelsorgerlicher Verantwortung, auch in Konfliktfällen;
b) mit eigenständiger Verwaltung, die ja immer geringer wird,
c) mit eigenverantwortlicher Bauunterhaltung und beschleunigter Einrichtung von Bürgerstiftungen vor Ort zur Unterhaltung der Dorfkirchen. (Da würden z.B. die ausgetretenen VW Arbeiter mal mitmachen. Dafür gegliederte Mitgliedschaft!).
d) langsamer Abbau der Mittelinstanzen, der Propsteien und Verstärkung der direkten Online Verbindung zur gemeindefreundlichen Servicestelle, genannt Landeskirchenamt.
„..daß sie aufhören mußten, den Turm zu bauen” (1. Mose 11,8), das zeigt sich am ersten an einer gemeinsamen Sprache.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu120/Huber_und_der_Turmbau_zu_Babel.htm, Stand: Oktober 2006, dk

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