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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 121, Februar 2007, Seite 17 - 19
(Download als pdf hier)


PAPIER DER ÄNGSTLICHEN ABGRENZUNG
Zur EKD-Handreichung "Klarheit und gute Nachbarschaft. Christen und Muslime in Deutschland"

von Kurt Dockhorn


Man erinnert sich: In der Vorweihnachtszeit ging ein Gebot aus von dem Kölner Kardinal Meisner, daß alle Welt, insbesondere die noch glaubensschwachen Kindlein, getrennt von Andersgläubigen Weihnachten feiern solle. Ziemlich zeitgleich sekundierte die EKD mit ihrer Handreichung zu Grundfragen des Zusammenlebens von Christen mit Muslimen, am 15.12. vergangenen Jahres von der FR dokumentiert unter der Überschrift: "Du sollst nicht gemeinsam beten".
Durchgehend ist die ängstliche Abgrenzung leitmotivisch. Es muß "besonders wichtige und dabei plausible Gründe" für eine gemeinsame religiöse Feier geben. Offenbar gibt es Anlaß, dem Wildwuchs unkontrollierten gemeinsamen Betens mit Muslimen Einhalt zu gebieten!? Man soll sich ja nicht auf Gemeinsamkeiten verständigen, um die "Unterschiede beiseite zu lassen". Die "öffentliche Wirkung" gemeinsamen Betens ist "in Rechnung zu stellen". "Solche Handlungen können zu Mißverständnissen führen". "Mit geistlichem und theologischem Augenmaß" ist "jeder Anschein einer Religionsvermischung zu vermeiden". Nach dieser Austreibung des Synkretismus-Teufels wird den geistlichen Arbeitern an der Basis der letzte Rest Enthusiasmus, initiativ zu werden gegenüber muslimischen Gemeinden vor Ort, ausgetrieben, indem die Unterscheidung zwischen "multireligiösem Gebet" und "interreligiösem Beten" eingeschärft wird. Ersteres ist allen- und gegebenenfalls unter strengsten theologischen Sicherheitsvorkehrungen erlaubt - das ist dann offenbar die "gute Nachbarschaft" -, letzteres kommt "aus theologischen Gründen nicht in Betracht" und ist "zuverlässig zu vermeiden".

Was ist nun mit den theologischen Gründen? Da gibt es zwar für Christen wie Muslime "-jedoch auch Juden -", wie es in einem verräterisch kurzen Einschub heißt, den Gott, "der zu Abraham als Stammvater gesprochen hat", doch das will nichts heißen. Denn "Christen glauben, daß sich der Gott Abrahams in Jesus Christus als seinem Sohn offenbart hat. Die Heilsbedeutsamkeit von Jesu Tod und der Glaube an den dreieinigen Gott sind christliche Glaubensüberzeugungen, die Muslime ausdrücklich ablehnen" - "Jedoch auch Juden", hätte jetzt kommen müssen. Fehlt aber hier. Will sagen: Das Problem, das die EKD mit der geistlichen Gemeinschaft mit Muslimen hat, hat sie nicht minder mit Juden. Das Thema gehört zuallerst am Thema Juden-Christen buchstabiert, und hier wird eine Übereinkunft für alle Zeiten scheitern am christologischen und trinitarischen Dogma. Ach, ich verstehe die jüdischen GesprächspartnerInnen so gut, daß sie trotz unseres Drängens wohl mit uns über Psalmen sprechen wollen, aber sie nicht mit uns beten können. Sie befürchten zurecht, daß die christliche Seite die christologische und trinitarische Vereinnahmng im Sinne hat. In der Tat wird der Psalm der hebräischen Bibel zu einem völlig anderen Text, wenn er in der christlichen Liturgie "durch Jesus Christus" an Gott gerichtet wird und im Gottesdienst nach Agende mit einem trinitarischen Abschluß versehen wird. Ein jeder solcher Gottesdienst setzt die christliche Enteignung des jüdischen Erbes unbekümmert um historische Schuld fort. Trinität und Christologie sind in ihrer exklusiven Anwendung, mit der sie auch in der "Handreichung" wieder funktionalisiert werden, offenkundig eine theologische Sackgasse, verständigungsfeindlich und letztlich sektiererisch. Die Kirche ignoriert dabei, daß diese Art von Eigengewächspflege niemanden mehr interessiert und für das Zusammenleben von Menschen verschiedener Überzeugungen aus verschiedenen Kulturen irrelevant ist.
Wie wäre es denn, wenn wir zur Abwechslung einfach einmal ausprobieren würden, wie Jesus zu Gott zu beten, anstatt stur darauf zu beharren, daß Christen, als "Alleinstellungsmerkmal", durch Jesus Christus zu Gott beten?
Vielleicht verfolgten wir dann nicht länger einen blockierenden, vielmehr einen konstruktiven Dialogansatz.
Eigentlich wollten sich EKD-Spitzen im Januar mit Vertretern muslimischer Verbände zusammensetzen. Daraus wurde nichts: mit dieser "Handreichung" sieht die muslimische Seite eine Gesprächsgrundlage nicht gegeben. Darüber sollte sich der deutsche Protestantismus nicht wundern, er sollte noch einmal neu nachdenken über Intention und Wirkung von öffentlichen Stellungnahmen. So wie die Dinge derzeit stehen, fehlt der EKD offenbar die zum Dialog notwendige offene Seite. Passen tut sie hingegen wohl in ein anderes Bild: Medienwissenschaftler der Uni Erfurt haben über die Islamberichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen herausgefunden, daß 81% der Sendungen negativ besetzten Themen gewidmet sind. Die restlichen 19% beschäftigen sich mit Kultur, Religion und Alltagsfragen von Muslimen. So warnt jeder auf seine Weise, das Fernsehen mit der Abschreckung durch Bilder, die Kirche mit Abschreckung durch tapfer hochgehaltene Glaubenssätze.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu121/ABGRENZUNG.htm, Stand: Februar 2007, dk

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