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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 121, Februar 2007, Seite 48 - 50
(Download als pdf hier)


Einweihung des jüdischen Mahnmals Wolfenbüttel am 25.8.2006

Ansprache von Oberlandeskirchenrätin Brigitte Müller


Sehr geehrter Herr Bürgermeister Gummert,
sehr geehrter Herr Kuhmlehn,
sehr geehrter Herr Sievers, Professor Izsäk,
sehr geehrter Herr Drake, Dr. Adloff,
sehr geehrte Frau Wagner-Redding,

ein lähmendes Geschehen belastet unsere Geschichte – lähmend, weil die Würde von Menschen willentlich grausam missachtet und misshandelt worden ist und nach dem katastrophalen Ende war und ist jedes Rückgängig machen wollen ausgeschlossen, nichts kann ungeschehen gemacht werden. Angesichts solcher unlösbaren Vergangenheit droht mit der Zeit die Gefahr des Vergessens. Die Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig, die ihren Sitz hier in Wolfenbüttel hat, ist dankbar, dass mit dem heutigen Tag ein Mahnmal in der Stadt präsent ist, das an die ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger erinnert, die damals verfolgt, ermordet oder aus der Stadt vertrieben wurden.

Weil wir Menschen vergessliche Wesen sind, bedarf es der bleibenden Erinnerung an das, was unter keinen Umständen vergessen werden darf. Die Menschlichkeit des Menschen steht immer auf dem Spiel. Deshalb bedarf das Erinnern eines Erinnert-Werdens, die Erinnerung bedarf der Erinnerungs-Kultur. Nur so kann festgehalten werden, was dem Bewusstsein keiner kommenden Generation verloren gehen darf. Und das Festhalten bedarf der Gegenständlichkeit, die uns, weil wir so leicht im Alltagsgetriebe aufgehen, gleichsam ins Auge fällt. Das Denkmal hält die Erinnerung wach an das, was unwiderruflich geschah und verschuldet worden ist.

Was in der Vergangenheit geschah, können wir nicht mehr beeinflussen. Was in der Vergangenheit geschah, kann aber immer wieder geschehen, weil die Freiheit, zu der wir Menschen von Gott geschaffen sind, stets auch verkannt, missachtet und missbraucht werden kann. Deshalb ist das Denkmal ein Mahnmal.

Es mahnt die Gegenwart, bei der Wahrheit zu bleiben, auch wenn sie unfasslich ist, es mahnt, nicht zu verdrängen, was war oder es gar umzulügen und sich so der Verantwortung zu entziehen und damit wieder die jedem Menschen gegebene Würde zu verraten.

Das Mahnmal weist zugleich in die Zukunft, denn hier haben wir, was gegenüber der Vergangenheit ausgeschlossen ist: — wir können die Zukunft beeinflussen. Hier steht jeder in der Pflicht, in der Verantwortung vor Gott, mit seinen Möglichkeiten Einfluss zu nehmen. Das Denkmal fördert nicht nur das Gedenken, sondern es mahnt als Forderung das Denken, das auf die Menschlichkeit des Menschen bedacht sein muss. Als Mahnmal ist es die Herausforderung, uns immer wieder Gedanken zu machen, die unser Wollen und Handeln in die Bahnen der Humanität lenken.

Die Stelen des Denkmals erheben sich über dem Stern, dem Symbol und Erkennungszeichen des jüdischen Volkes. Die Namen unserer ehemaligen Mitbürgerinnen und Mitbürger sind jetzt sichtbar und lesbar festgehalten und widersetzen sich jedem Vergessen. Sie rufen aus dem Geschehen der Vergangenheit her unser Gewissen an.

Dass es jugendliche Schüler der Stadt sind, die das Denkmal in seiner Gestaltung entworfen haben, ist ein hoffnungsvolles und Hoffnung machendes Zeichen. Die Stelen erheben sich über dem Stern der Juden, der für alle Zeiten den unmenschlichen Judenstem ersetzt und ersetzen muss — allen Menschen sichtbar hier vor Ort. Das ist die Mahnung des Mahnmals an unsere Gegenwart und Zukunft.

Wolfenbüttel als die Stadt Lessings steht für Toleranz. Sie zu praktizieren, dafür steht Nathan der Weise. Seine Weisheit gilt es zu wissen und zu tun. Es gilt, dass jeder die Würde des Anderen und darin sein Anderssein achtet. Das ist möglich, wenn jeder seine Identität wahrt und dabei sich zum Anderen als Bruder und Schwester verhält. Der Auftrag der Kirche und der Christen ist es, dieses Verhalten als die Liebe Gottes in der menschlichen Gemeinschaft zu leben und weiterzugeben. Dazu ist aber mehr als Toleranz gefordert. Den Anderen anders sein zu lassen, ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung. Und Liebe ist erst in der Hingabe für den Anderen wahrhaftige Liebe. Dass Bürger und Gesellschaft, dass auch Christen und die mit der Leitung der Kirche und den Gemeinden Beauftragten gegenüber ihrem verbindlichen Auftrag versagt haben, nicht eindeutig genug Zivilcourage gezeigt und Widerstand geleistet haben, ist die bleibende, uns bedrückende Last der Geschichte.

Gedenken, Mahnen und aus der Geschichte lernen — die Ev.-luth. Landeskirche muss sich selbst und Anderen gegenüber immer wieder ins Gewissen rufen, dass Wahrheit nur dann wahrhaftig ist, wenn sie — nach alter Lehre — ein Tun der Wahrheit wird. Jeder Name der ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ruft uns ins Gewissen, dass sie genau das waren, was ihnen aberkannt worden ist: Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt Wolfenbüttel.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu121/Mahnmal.htm, Stand: Februar 2007, dk

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