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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 121, Februar 2007, Seite 29 - 31
(Download als pdf hier)


Paul Gerhardt so gerade nicht

von Eberhard Fincke


Paul Gerhardts Lieder werden selbst von denen hoch geachtet, die sonst den Menschen in unseren Gottesdiensten die alten Choräle nicht mehr zumuten wollen. Die einfache, undogmatische Sprache überzeugt. Wieso hat derselbe Paul Gerhardt sich verweigert, als es 130 Jahre nach der Reformation darum ging, die den normalen Menschen unverständlichen dogmatischen Auseinandersetzungen lutherischer und reformierter Theologen zu überwinden? So sehr hat Paul Gerhardt sich quergestellt, dass ihn sein kurfürstlicher Landesherr 1666 seines Amtes als Pfarrer an der Nicolaikirche in Berlin enthob. Selbst als der Kurfürst auf Drängen der Freunde des damals schon bekannten Dichters die Amtsenthebung zurücknahm, kehrte dieser nicht zurück nach Berlin, sondern blieb Pfarrer in Lübben, außerhalb des Kurfürstentums. Er wollte mit den damaligen ökumenischen Bestrebungen nichts zu tun haben.

Wer sieht, was die Redaktion des Evangelischen Gesangbuchs von 1994 mit der 5. Strophe des Liedes "Nun laßt uns gehn und treten..." (EG 58) gemacht hat, beginnt zu ahnen, was Paul Gerhardt getrieben haben mag. Ursprünglich hieß es:
4
"Denn wie von treuen Müttern
in schweren Ungewittern
die Kindlein hier auf Erden
mit Fleiß bewahret werden,

5
also auch und nicht minder
läßt Gott i h m seine Kinder,
wenn Not und Trübsal blitzen,
in seinem Schoße sitzen."

Das "ihm" in der 5. Strophe wurde durch "uns," ersetzt, vermutlich, weil es sprachlich glatter und gefälliger sein sollte. Aber theologisch ist es peinlich. Wir bürgerlichen Christen in der Festung Europa singen nun: "Wenn Not und Trübsal blitzen, läßt Gott uns, seine Kinder, in seinem Schoße sitzen." Die 25% der Weltbevölkerung, für 80% der Erderwärmung und der globalen Ungerechtigkeit verantwortlich, sehen sich als Gottes Kinder, denken nicht über ihre gasgeheizten Häuser und Kirchen hinaus. Nicht nur die Schätze der Erde eignen sich die Reichen an, sondern in ihrer Theologie eben auch den Vater im Himmel und seine Liebe; als wären sie noch Kinder, denen die Liebe der Eltern selbstverständlich ist.

Ihr Gott ist die ins Jenseits verlängerte Weltordnung und seine Liebe eine Art unendlicher Energiefluß, sakramental verfügbar oder esoterisch. Zu Paul Gerhardts Zeit hat die Kirche diese Liebe streng an die Kirchenzucht gebunden, besonders ausgeprägt die reformierte Kirche, heute wird sie im Gegenteil inflationär verkündet.

Dass Paul Gerhardt, der Sänger der Liebe, da nicht mitmachen wollte, versteht sich aus den berühmten Liedern: "Wie soll ich dich empfangen", "Ich steh an deiner Krippen hier" oder "O Haupt voll Blut und Wunden". Dort bringt er die Liebe zur Sprache als Liebe zu Gott. Freilich erwidert sie die Liebe Gottes, aber eben in der Erwiderung ist sie lebendig. Liebe ist eine gegenseitige Angelegenheit, wiewohl es ihr darauf nicht ankommt. Sie widersetzt sich ohnehin aller Berechnung und Begründung, darum auch aller theologischen Erklärung und Definition. Die aber wurde im 17. Jahrhundert in den dogmatischen und konfessionellen Auseinandersetzungen ausgeprägt betrieben.

Das mußte einem Theologen wie Paul Gerhardt zuwider sein, erst recht, wenn auch noch der Landesherr im Interesse des Staates die ökumenische Stromlinienform durchzusetzen versuchte. So etwas war schon Martin Luther gegen den Strich gegangen. Für den war das Gesetz politisch notwendig, aber das Evangelium wollte er ihm auf keinen Fall untergeordnet sehen.
Paul Gerhardt, an ihm orientiert, mußte fürchten, dass durch die ökumenischen Interessen des Landesherrn und seine Unterstützung für eine rationalistische Dogmatik bedroht sei, was er für die Mitte der Theologie hielt. So hielt er am lutherischen Bekenntnis fest.

Damit geriet er nun freilich selbst in die Gesellschaft jener Streittheologen, deren Argumente schon damals kein Mensch mehr verstand. Aber ein Streittheologe ist er nach dem Zeugnis seiner damaligen Freunde nicht gewesen. Die rühmten seine Friedensliebe. Dass er nach diesen Vorgängen als Liederdichter ziemlich bald verstummt ist, hat vielleicht diesen Hintergrund.

Zu einer Theologie, die jene Textänderung vor- oder hinnimmt, fällt einem auch nichts mehr ein, so naiv und platt kommt sie daher. Für Paul Gerhardts feine Unterscheidung des Schon und Noch Nicht hat sie kein Gespür. Um so mehr kann man nur empfehlen, seine Lieder sehr aufmerksam zu lesen und auswendig zu lernen, bevor sie noch weiter verbessert werden.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu121/PG-sogeradenicht.htm, Stand: Februar 2007, dk

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