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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 121, Februar 2007, Seite 32-36
(Download als pdf hier)


Überlegungen zu Paul Gerhardt

Popularität und Befremdlichkeit

von Dietrich Kuessner


Vor 400 Jahren, am 12. März 1607 wurde der evangelische Liederdichter Paul Gerhardt geboren. Von ihm stammen 27 Lieder unseres Gesangbuches. 13 davon sind sogar ökumenisch. (ö). In der Braunschweiger Zeitung erschien von Harald Likus am 6. Januar ein ganzseitiger Artikel samt Farbbild. Bischof Weber hielt beim Neujahrsempfang der Kirchengemeinde Am schwarzen Berge in Braunschweig über Paul Gerhardt einen Gemeindevortrag. Propst Schade verteilte an die Pfarrerinnen und Pfarrer seiner Propstei eine Liste mit Liedern von Gerhardt und Rist. Es soll ein ganzes Paul Gerhardt-Jahr werden.

Popularität
Ohne Frage: Paul Gerhardt war sehr populär. Es gibt zahlreiche einzelne tröstliche Verse oder auch Strophen, die geradezu volksliedhafte Verbreitung gefunden haben. Dabei kam es weniger auf einen genauen Textsinn an, sondern auf das durch die Zeilen verströmte Gefühl: „Breit aus die Flügel beide“ ( EG 477, 8) gilt, am Kinderbett von der Mutter zitiert, als Urbild von Geborgenheit. In dem Film „Die Nachtwache“ blieb kein Auge trocken, als die Strophe am Bett eines kranken Kindes gesungen wurde. Aber das sind vergangene Filme und alte Zeiten. „Wenn ich einmal soll scheiden“ (EG 85, 9) kann jede gottesdienstgeübte Gemeinde am Grab eines Gemeindemitgliedes auswendig singen und die anderweitige Gemeinde kann in Textteile und die Melodie einschwingen. Die erste Strophe „O Haupt voll Blut und Wunden“ (EG 85, 1) gehört durch die Bachsche Matthäuspassion zum Bildungsrepertoire auch des unkirchlichen Bürgertums.
Als Bundespräsident Johannes Rau begraben wurde, wünschte er sich als Lied im Trauergottesdienst im Berliner Dom „Ich singe dir mit Herz und Mund“ (EG 324). Das war schon heikler, aber daß überhaupt der Versuch in dieser gottesdienstungeübten Gemeinde gemacht worden ist, zeigt doch die Verwendbarkeit von Gerhardt-Lieder auch bei Fernerstehenden. So auch im Musical „Braunschweich“. Da brauchten sie was Gefühlvolles. Dem Musikus Erchinger, Sohn von, na ja, fiel aus Kinderzeit die Melodie von „Ich steh an deiner Krippen hier“ (EG 37) ein. Inhaltlich hatte es mit dem Stück nichts zu tun. So hörten also die Vielen, die das Stück besuchten, diese Bach-Melodie zum Paul Gerhardt Text. Es gibt auch ganze Strophen, die sich als Gebetsverse eingebürgert haben und dort, wo sie gesprochen werden, noch auf Erinnerungen stoßen, so z.B. „Gib daß wir heute, Herr, durch dein Geleite auf unsern Wegen unverhindert gehen“ (EG 44,7) oder am offenen Grab über die Trauergemeinde hinweggerufen: „Alles vergeht. Gott aber stehet ohn alles Wanken. Seine Gedanken, sein Wort und Wille hat ewigen Grund.“ (EG 449, 8) Sie zitieren den heftigen Schmerz der Trauernden, den fern gerückten Gott, die Hoffnung auf etwas, was nicht wankt und gesund macht.

Persönliche Glaubenszeugnisse
Gerhardts Lieder sind seine persönlichen Glaubenszeugnisse, die daher gerne mit „ich“ anfangen. „Ich bin ein Gast“ (529), „ich weiß“ (497), „ich singe dir“ (324), „ich steh an deiner Krippen“ (37) oder fragen: „wie soll ich?“ (11), Sollt ich ..nicht?“(325), „Warum soll ich?“ (370). Für „ich“ kann auch „mein Herze“ (36), oder „meine Seele“ (302) stehen. Seltener kommt das „wir“ vor: „Wir singen dir“(541), „Nun laßt uns gehn“ (58), „Kommt und laßt uns“ (39), „Nun danket all“ (322).
Dieses Persönliche ist Erleichterung und Erschwernis zugleich. Das „ich“ erleichtert die Aneignung des Liedes, weil der Fromme antwortet „ich auch“. „Ich steh an deiner Krippen hier – ich auch“ „Ich singe dir mit Herz und Mund – ich auch“. Es ist zugleich Erschwernis. „Ich weiß mein Gott, daß all mein Tun in deinem Willen ruhn, von dir Glück und Segen“ – wirklich? All mein Tun? „Ich bin ein Gast auf Erden“ – ich auch? Nur Gast?
Hinter dem „Ich“ Paul Gerhardts steht die autoritäre Erwartung des Dichters: „ihr auch“. Gerhardt sieht sich unausgesprochen als Vorbild des Glaubens. „Wie ich – so auch ihr“. Insofern haben die „ich- Lieder“ einen verdeckten lehrhaften Charakter. In dem Lied „Du meine Seele singe“(302) heißt die zweite Strophe im Original: „Ihr Menschen, laßt euch lehren, es wird euch nützlich sein/ Laßt euch doch nicht betören/ die Welt mit ihrem Schein“. So sind auch andere „ich“ Lieder gemeint. Wie stark der Druck des Vaters sein kann, erfuhr der 14 jährige Sohn Gerhardts, dem der Vater die freie, Berufswahl verwehrte und ihn „von früh an“ zum Pfarrer bestimmte, was prompt schief ging.
So ist das „ich“ beides: Erleichterung zur Aneignung und Erschwernis, weil es keine Alternative zuläßt.

Die Befremdlichkeit
Manches ist heute befremdlich, weil sich der Sprachstil geändert hat. Vertieft man sich von der ersten Strophe in die folgenden des ganzen Liedes, dann ergeben sich Schwierigkeiten mit den verwendeten sentimentalen Bildern. Der Fromme bittet: „Süßes Heil, laß dich umfangen“ (EG 36,10), denn „Gott ist das Größte, das Schönste und Beste, Gott ist das Süßte und Allergewißte“ (EG 449, 10) und das Krippenkind spricht mit „süßen Lippen“ (EG 36,5). Jesus „durchsüßet alles Leid“ (EG 351, 10). Der Fromme bittet weiter: „O wär ich da, ach stünd ich schon, o süßer Gott vor deinem Thron“ (EG 503, 11). Gott kommt im Weltgericht mit „süßem Licht“ und Gottes Geist spricht „manch süßes Trostwort“ (EG 351, 9).

Es sind aber nicht nur diese und andere Stilismen. Gerhardt glaubte fest an die Spaltung der Welt in Diesseits und Jenseits, Erde und Himmel. Das Jenseits wird in üppigen Bildern ausgeschmückt als güldnes Schloß (EG 503,9), als „Saal der Ehren“ (EG 112, 7), „Ehrensaal“ (EG 541,11) „Haus der ewgen Wonne“ (EG 529, 11). Dazu mußt bemerkt werden, daß das Alte Testament ein Jenseits und ein „Leben nach dem Tod“ gar nicht kennt. Im Gegensatz dazu ist im Diesseits das Leben auf der Erde von Jugend an Müh und Not (EG 529, 2), eine „böse Herberge“ und viel Trübsal (EG 529, 9), die Welt hat „tausend Plagen und große Jammerlast“ (EG 11,5), kurz: „schnöde“ (EG 325,8).
Auf der Erde bedroht der Satan den Menschen zur Nachtzeit (EG 446,2), „Satan, Welt und ihre Rotten“ verspotten den frommen Menschen (EG 370, 6/ EG 112, 4). Das Leben ist ein täglicher Streit mit „Satans Reich und Werken“ (EG 133,12), er äußert sich als „böser Geist“ ( EG 133,11). Deswegen betet der Fromme in der Morgenstunde, daß tagsüber „Laster und Schande, des Satanas Bande, Fallen und Tücke“ von Gott zurückgetrieben werden möchten. Für pädagogisch schwierig halte ich die Art, ein Kind mit der Befürchtung in die Nacht zu singen, daß der Satan kommen könnte, um es zu verschlingen. (EG 477,8). Dafür kommen dann die Englein und singen. Sinnvoller wäre es, den Satan am Bett eines Kindes ganz wegzulassen.
Zu den Werken des Satans gehört die Lust. Daher fragt das Christuskind nicht „nach der Lust der Welt noch nach des Leibes Freuden“ (EG 37, 8). Im Streit mit dem Satan und der Lust gilt es rein zu bleiben. Der Fromme rühmt sich: „ich bin rein um deinetwillen“ (EG 36,11), und bittet: „daß ich mit reinem Geiste dir Ehr und Dienste leiste“ (EG 133,2).
In diesen Streit mit dem Satan in der trüben, der Sünde und dem Tod verfallenen Welt schickt Gott dem Frommen Christus als Hilfe, Tröster, Sühner, Überwinder. Der Fromme ist „stets sein Gesell“ (EG 112,6), Christus ein Freund (EG (325,8), Christus ist „der Grund, da ich mich gründe“ (EG 351,3).

Schwierig ist auch das durchgängige Opferverständnis („Du willst ein Opfer haben/ Hier bring ich meine Gaben“ (EG 446, 5) und das Schuldverhängnis in den Passionsliedern. Der Fromme bekennt sich schuldig am Tod Jesu.

Die negative Weltsicht, Opfer- und Schuldverständnis entsprechen der Enge des lutherischen Fundamentalismus, in der Gerhardt auf der Schule in Grimma und auf der Universität Wittenberg ausgebildet worden ist.
Sie ist aber auch dadurch geprägt, daß Gerhardt vom 11.- 50. Lebensjahr mittelbar und unmittelbar von den verheerenden Ereignissen und zerstörerischen Folgen des 30jährigen Krieges betroffen worden war. Sie schlagen sich auch wörtlich in seinen Liedern nieder. (EG 133, 9/ EG 283, 3 u.a.).

Das angeblich ungetrübte Naturbild (eher ein barockes Stilleben), das Gerhardt verwendet, bleibt den Bewohnern in den Wohnsilos der Trabantenstädte ohne Anschauung. Es provoziert ironische Umdichtungen: „Die Bäume stehen voller Laub, doch die Chemie senkt ihren Staub/ herab auf Wald und Weide“.

Trotz aller Volkstümlichkeit sind die Weltsicht, das Gottesbild, ethische Vorstellungen, die Ausdrucksformen heute derart anders, daß uns Gerhardt eher fremd ist.

Das Lob Gottes
Umso erstaunlicher ist das ansteckende Lob eines Gottes, der am Morgen den Menschen „fröhlich aufweckt (EG 447, 2+3), Lob am Jahresende für „Kraft bis hierher“ (EG 58,1), für das Ende der Arbeit und die Ruhe der Nacht am Abend (EG 477, 4+5), beim Gang durch Felder, Gärten und Wald (EG 325,6), über Fürsorge von Jugend auf („hat er dich nicht von Jugend auf versorget und ernährt“ EG 324, 16), über die staunenswerte Unfaßbarkeit Gottes („daß ich dich möchte fassen“ EG 37,4), über das Licht in tiefster Todesnacht „wie schön sind deine Strahlen!“ (EG 37,3), über spürbare Hilfe in „Hungersnot“ (EG 302) „oft bei geringem Mahl“. Es ist ein Gotteslob nicht nur in der Kirche im Gottesdienst, sondern den ganzen Tag über, bei vielen Gelegenheiten. Dieses Gotteslob vermittelt sich nicht nur durch bildkräftige Verse, sondern durch schwungvolle Melodien von Johann Crüger und Johann Georg Ebeling, die fest mit den Liedern verbunden sind.

Protestantische Spiritualität
Beides: Texte und Melodien verschmelzen sich zu dem, was man protestantische Spiritualität nennen kann, nach der so oft gefragt und so wenig auf den evangelischen Choral hingewiesen wird. Nicht die Mystik, (das Ich des Frommen und sein Gott in ihm, die bedrohte und dann doch beglückte Seele) von der man bei Gerhardt in Nachbarschaft zu Johann Arndt manche Anklänge finden könnte, sondern das anziehende, unbefangene, öffentliche Lob Gottes in allen Lebenslagen des Alltags, das dann im Gottesdienst und im gemeinsamen Gesang zusammenströmt und sich kundtut, ist die unverkennbar und unverwechselbar evangelische Spiritualität.

Evangelische Gebetskultur
Daraus ist eine evangelische Gebetskultur entstanden, die im Alltag ihren Ausdruck findet als strophengebundenes Gebet am Abend vor dem Einschlafen, am Morgen am Frühstückstisch, allein in Konflikten, am Krankenbett, am Geburtstag, in Gruppen etwa der Frauenhilfen. Diese Gebetskultur hat eine im Innersten als Dankbarkeit geprägte Lebenshaltung zur Folge. Sie wird immer noch von Christen erwartet und auch als Sehnsucht von kirchenfernen Zeitgenossen geäußert.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu121/PG-ueberlegungen.htm, Stand: Februar 2007, dk

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