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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 122, Juni 2007, Seite 32-33
(Download als pdf hier)


Es geht nur noch so... Das Goldene Kalb

von Sigrid Probst

Die Mitteilung an die Presse lautete:
Schlosspartrfreunde präsentieren neues Wahrzeichen für Braunschweig Das macht neugierig!
Weiter heißt es: Lassen sie sich überraschen von unserem spontanen Aktionstheater .Heiliger Konsum` mit mobiler Skulptur, Tanz und Sambatrommeln
Wann: 29.03.2007 16-18 Uhr neben dem Haupteingang ECE.
Es war der Tag der Eröffnung der ECE Schlossarkaden, oder des Einkaufschlosses.
Dort rollte pünktlich das „Goldene Kalb” heran, in gut 2 m Höhe auf einem bemalten Sockel. Etwas kleiner als der Braunschweiger Löwe, aber umso leuchtender in Gold. Vorn stand auf dem rollenden Sockel: Folget dem Mammon. Auf der einen Seite: Du sollst Dein ECE Center heiligen, auf der anderen Seite: Du sollst keine anderen Center haben neben mir. Ein bunter Tross setzte sich in Bewegung. Viele hatten weiße Masken und weiße Tücher umgeworfen, weitere tanzten um das Kalb herum, andere verteilten die sogenannten

10 Gebote des ECE
Das erste Gebot... Ich bin das ECE, dein Center. Du sollst keine anderen Geschäfte haben neben mir.
Du sollst den Namen des Braunschweiger Schlosses oft missbrauchen.
Du sollst den Sonntag nicht heiligen, sondern shoppen alle Tage und Nächte.
Du sollst ehren die Herren deines Centers. Deine Herren seien die Ottos, Hoffmanns, Boreks, und Co.
Du sollst nicht demonstrieren, protestieren, musizieren, betteln oder arm sein. Du sollst nicht sparen, sondern Geld ausgeben im Center.
Du sollst dein Portemonnaie öffnen und deine Kreditkarte zücken alle Tage und Nächte im Jahr.
Du sollst falsch Zeugnis reden wider alle Kritiker der Schlosspark-Zerstörung.
Du sollst nichts begehren außer Konsum und Kommerz.
Du sollst alles begehren und kaufen, was dein Nächster hat und dich dafür ruhig hoch verschulden.

Kann man das so machen? Ja, man kann. Wir können dem allen nur noch mit Satire begegnen. Lautstark, nicht zu übersehen sorgten wir für Aufmerksamkeit, die Samba Gruppe von attac trommelte herrlich.
Das alles war eine Gemeinschaftsaktion der Schlossparkfreunde und anderer Anhänger-Innen. Es war meine Idee, ein Künstler hat es gebaut, nun kann man es kostenlos bei mir ausleihen...
Vier Jahre lang Widerstand und Krafteinsatz stecken dahinter. Klagen, jede Menge Ein-gaben, ein Bürgerbegehren, Aufsichtsbeschwerden und vieles mehr. Alles wurde hinweggefegt und durchgezogen mit der Macht der einen Stimme Mehrheit im Rat. Wir haben es zu akzeptieren.
Ein Brief von mir an den Landesbischof wurde freundlich beantwortet: Eine offizielle Stellungnahme gibt es tatsächlich nicht. Es gibt nur eine Verantwortung für das kirchliche Leben, nicht aber für Bebauungspläne.
Weiter heißt es: Der Domprediger, sowie der damalige Propst hatten auch kritische Anmerkungen bei der Innenstadtkonferenz. Des Weiteren haben sich die Pfarrerinnen und die Pfarrer mit der Thematik beschäftigt.
Im Dom gab es fast gleichzeitig eine Ausstellung : Bäume, dem Himmel nah... Alte Mauern aus der Zeit Heinrich des Löwen wurden freigelegt. Respekt vor der Geschichte? Kaum 200 m weiter wurden kurze Zeit später an einem Vormittag 255 Bäume umgeholzt. Der Park wurde plattgemacht. Noch heute habe Ich das Krachen im Ohr.
Das alles geschah drei Tage vor der großen Protest-Aktion rund um den Bauzaun. Viele Menschen kamen, alt und jung. Voller Trauer und auch Empörung konnte der riesige Komplex umrundet und sich angefasst werden. Trommeln waren vereinzelt zu hören, auch Lieder und dann wurde geschwiegen. Die Fläche, gut 5 Fußballfelder groß, ein grüner Innenstadtfilter wurde für den Konsum preisgegeben. Ein Energiefressmonster ist entstanden. Fragen stehen weiter im Raum. Wer braucht dieses Pseudo-Schloss? Dieses Massen-Kaufhaus?
Zur Schlosseröffnung am 06.05.2007 hieß es in der BZ: 30.000 Braunschweiger strömen in ihr Schloss. Die Quadrlga sollte eingeweiht werden, die größte dieser Republik. In der Sonne strahlten die vier goldenen Rösser, vom Streitwogen und der Brunonia war nichts zu sehen. Vollmundig angekündigt, gibt es etwa Saboteure? Das ganze Spektakel wurde für die Schlossanbeter eher peinlich. 700.000 Euro bezahlte Herr Borek, einer der Transporteure des Ganzen und Sponsor der Quadriga. Wie viel Geld und wie viel Macht steckt dahinter, die Träume seines Vaters zu verwirklichen? Die Frage darf man stellen?
Meine Frage lautet immer wieder: Wer braucht das alles? Wer braucht das ganze herzögliche Gehabe? Steht die Ausrufung des Herzogtums Braunschweig unmittelbar bevor? Leider kann ich die Kopplung von so viel Nostalgie mit einem größenwahnsinnigen Investor von Innenstadtmalls nicht nachvollziehen. Drinnen die Massenwaren, die jetzt schon in der Innenstadt zu haben sind. Das Konzept war klar: Braunschweig ist Oberzentrum und will rundherum aus den kleinen Kommunen die Kaufkraft abschöpfen, es gilt das Knock-out System. Der Mensch ist nur noch als Konsument wichtig.
Da höre ich immer wieder von den Kanzeln: Schöpfung bewahren, nicht dem Konsum frönen und vieles mehr. Kann oder darf meine Kirche sich nicht klarer äußern? Hier in meiner Stadt ist ganz extrem gegen das alles verstoßen worden. Da bleibt man ratlos und auch zornig zurück.
In drei Jahren wird sich zeigen, was mit unserer gewachsenen Innenstadt passiert ist, oder auch im ECE. Die Wirtschaftsredaktionen der großen Zeitungen haben mir diesen Zeitraum genannt.
Den Braunschweigern gehört weder das Schloss noch das ECE. Im Gegenteil, jährlich zahlt die Stadt 30 Jahre lang 1,2 Millionen Euro Miete für ihre „Kultur” an ECE, das ist Bürgergeld. Ist das alles so verstanden worden? Hat nicht unsere Tageszeitung mit ihrer Gleichschaltung zur Einstimmen-Mehrheit Im Rat und den anderen Transporteuren kräftig dazu beigetragen, diese Unkultur verschönt darzustellen? Wir dagegen mussten mit Handzetteln arbeiten, kannten die Meinungen und Berichte der Fachzeitschriften und der anderen großen Zeitungen in unserem Land. Braunschweig hat zu Recht den Titel der „Kulturhauptstadt” nicht zuerkannt bekommen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu122/ece.htm, Stand: Juni 2007, dk

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