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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 122, Juni 2007, Seite 27-31
(Download als pdf hier)


Die Gemeinden und die „(Ehren)Amtlichen” - ein Holzweg
Für Selbstorganisation der Gemeinden von der Basis her

von Rudolf Mercker

Die Zukunft unserer Landeskirche hängt nicht in erster Linie davon ab, ob und wie sie möglichst viele „Ehrenamtliche” zur Mitarbeit gewinnen kann (so der Pfarrkonvent Vechelde und die Theolog. Kammer), sondern vor allem davon, ob sie ein neues Gemeindeverständnis ausbilden und verwirklichen kann, in dem das bisherige Gegenüber von Haupt- und Ehrenamtlichen einerseits und der „Amtlichen” insgesamt zu der großen Anzahl von passiv-konsumierenden Gemeindegliedern andererseits ersetzt wird durch ein gleichberechtigtes Zusammenwirken aller in der Gemeinde Aktiven in dafür neu einzurichtenden Strukturen und Organisationsformen.

Schon der Sprachgebrauch ist verräterisch: „Ehrenamt” - das bezieht sich auf „Amt”, auf eine „amtliche” Grundstruktur, und damit natürlich auf unsere volkskirchliche Realität: Wir sind zuerst immer noch „Amtskirche”, die sich in ihren „Ämtern” sichtbar darstellt, so wie es sich seit Lukas (Frühkatholizismus) eingebürgert hat, ganz im Gegensatz zum theologischen Selbstverständnis der Reformation (Allgemeines Priestertum aller Gläubigen) und zum paulinischen Gemeindeverständnis (Gemeinde als Leib Christi).
„Ehrenamt”, da schwingt außerdem lange Erfahrung mit von Nachordnung und Unterordnung in Bezug auf das „eigentliche Amt”, von Hilfsdiensten für den „überlasteten” Pfarrer, von Auftragserfüllung und Unselbstständigkeit. Solche fremdbestimmte „ehrenamtliche” Tätigkeit ist heute weniger attraktiv denn je, und gewinnt auch dadurch nichts an Anziehungskraft, dass sie schon lange in der „Pastorenkirche” üblich war und ist. Sich auf solche die Sonderposition des Pfarrers eher noch verstärkende Kräfte stützen zu wollen, ist eine Sackgasse.
Eher in die Zukunft weist es, einen grundsätzlich anderen Weg zu suchen, der den Autonomiewunsch vieler Zeitgenossen ernst nimmt und der überhaupt nicht mehr das Gegenüber von „Amt” und „Herde” voraussetzt, sondern von der gleichberechtigten Zusammenarbeit aller Aktiven in der Gemeinde ausgeht, seien sie nun Jugendliche oder Erwachsene, Theologen oder Nichttheologen. Dass da manches Ermutigende zu erreichen ist, zeigen Erfahrungen z.B. in der Gemeinde, in der ich bis 2004 mitgearbeitet habe. Im Folgenden stütze ich mich auf diese Erfahrungen.


Alle entscheiden selbstbestimmt über die gemeinsame Arbeit

Im Innenverhältnis gilt: Jeder, der in der Gemeinde sich engagiert, bestimmt auch gleichberechtigt mit über Ziele, Wege und Art und Weise der Arbeit. Und er tut das, indem er diese Gemeindearbeit als Einübungs- und Erprobungsfeld benutzen kann, auf dem er mit anderen zusammen den Weg wachsender Selbstbestimmung geht.
Die über 30 Gemeindegruppen leiten sich selbst in Gleichberechtigung der Mitglieder, bestimmen über Delegierte im Gemeindeausschuß mit, was sie in Koordination mit den anderen Gruppen in die Gemeindearbeit wann einbringen und entscheiden so maßgeblich gemeinsam, was in der Gemeinde passiert. Sie steuern auf diese Weise den Gesamtprozess. Der Gemeindeausschuß ist das entscheidende Gremium, auch wenn er formal keine Beschlusskompetenzen hat. Er kann aber Vorschläge an den KV leiten. Der wird darüber nur hinweggehen, wenn er sehr gewichtige Gründe hat.
Im Außenverhältnis gilt selbstverständlich die Kirchengemeindeordnung.


Entscheidungswege. Der Konsens

Je vielfältiger und breiter die Meinungsvielfalt ist, die in die Planung der Gemeindearbeit eingeht, desto besser ist es. Um so mehr fühlen sich die Aktiven und die Mitglieder ernst genommen. Auf allen Ebenen der gemeindlichen Meinungsbildung, also in den Gruppen, im Gemeindeausschuß und im Kirchenvorstand siegt nun aber nicht in einem „Kampf' jeweils die stärkere Partei mithilfe von Abstimmungsmehrheiten über die „Verlierer”, sondern im Rahmen eines gründlichen Begründungsweges, der möglichst weitgehendes gegenseitiges Verstehen ermöglicht, wird eine Konsenslösung angestrebt, die möglichst alle Anliegen und Ideen einbezieht.
So werden nach Möglichkeit alle Beteiligten mitgenommen, und auch weitreichende Reformen werden möglich.


Das „Wie” des gemeinsamen Handelns ist „Gottesdienst”.

Mit über 30 Gemeindegruppen in Selbstorganisation tun sich weite Handlungsfelder auf, die die Gemeinde beackert. Das reicht von Arbeit mit Arbeitslosen, sozialpolitischen Kampagnen und Projekten bis zum Bau und Betrieb einer Solaranlage und eines Backhäuschens, von reicher kirchenmusikalischer Arbeit bis zu Baumaßnahmen in Eigenhilfe.
Der „Gottesdienst” dabei liegt in der Art und Weise der Organisation dieser Dinge. Sie geschieht in gemeinsamer Selbstbestimmung, in Gleichberechtigung und ohne Hierarchie - eben so, wie man es tun sollte, wenn man sich „gegenseitig liebt” nach dem Gebot Jesu. Andere mögen z.B. auch ein Backhaus bauen, aber kaum in dieser Weise.


Der Pastor motiviert, koordiniert, hält theologisch den Kurs

Er wirkt nicht abgesichert als Amtsperson, sondern ohne Amtsrüstung mit seiner Persönlichkeit und aufgrund menschlicher Glaubwürdigkeit. Er ermutigt, fördert, begleitet. Er motiviert eher dazu, dass Initiativen, Projekte, Kritiken aus der Gemeinde - über Gruppen und Einzelne - entstehen und zum Zuge kommen, als dass er selbst in dieser Beziehung aktiv wird. Er ist bestrebt, andere aufzubauen, indem er sie zur Übernahme von Verantwortung ermutigt. So aktiv er als Ermutigender ist, so zurückhaltend ist er im Starten eigener Initiativen, für die die anderen „nur” Werkzeuge sind.
Er lässt dieses System von Selbstorganisation theologisch transparent werden als Teil der praktische Nachfolge Jesu in unserer Zeit und sorgt dafür, dass hinter und in den hier möglichen Erfahrungen von persönlichem und gemeinschaftlichem Wachstum Jesus als Anfänger und Begleiter dieses Weges hervortritt.
Die überlieferte Dogmatik mit ihrer Opfertheologie z.B. spielt hier keine Rolle mehr. Es geht um die verkündete und gelebte Botschaft des Menschen Jesus, um Gewaltlosigkeit und Gleichberechtigung, um Stiften von Frieden und Gegenseitigkeit, um die glaubende Erkenntnis Gottes als ermutigender Begleiter auf dem Weg der Befreiung und der Solidarität. Es ist eine „moderne” Theologie, die hier handlungsbegründend ist. Sie ist heutigen Menschen vermittelbar, besonders, wenn sie mit einer entsprechenden Gemeindepraxis nachprüfbar verbunden ist.
Der Pastor hat damit - auch den noch vorhandenen Strukturen geschuldet - eine zentrale Aufgabe.


Erfahrung von Wachsen, Zugewinnen, Profitieren....

Wer sich in solch einer Gemeindestruktur engagiert, erfährt in der Regel an sich selbst und an anderen z.T. erhebliche Veränderungen: Er merkt: ich habe etwas davon! Ich nehme zu an Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein, Ichstärke, aktiver und passiver Konfliktfähigkeit. Ich traue mir mehr zu, ich bin erfahrbar und messbar auf einem Weg der Befreiung.
Dies nun aber nicht individuell, sondern in Gemeinschaft mit anderen, die denselben Wachstumsweg gehen. So umfasst der Zugewinn auch Erfahrungen, wie Konfliktlösungen auf dieser Grundlage möglich werden, wie also Friedensstiften praktisch geschehen kann, kurz: wie eine Gemeinschaft wächst, die konflikt- und friedensfähig fähig ist. Wer sich hier engagiert, nimmt auch Anteil an einer damit verbundenen besonderen Atmosphäre von Gemeinschaft: angstfrei, sich gegenseitig ermutigend, fehlerfreundlich, vertrauensvoll, aneinander glaubend.


Viele Reformen. Vom Gottesdienst bis zur Jugendarbeit

In einer solchen Gemeindearbeit waren grundlegende Reformen möglich: so u.a. eine eigene Gottesdienstliturgie, geeignet sowohl für Familien- wie für Gemeindegottesdienst mit starker Gemeindebeteiligung durch selbstgestaltete Pantomimen, Theaterszenen, Symbolhandlungen, ein eigenes Glaubensbekenntnis neben dem alten, viele eigene, gitarrebegleitete Lieder, die Zusammenfassung von Jugendarbeit und Konfirmandenunterricht in wirklichkeits- und problembezogene Lernprogramme auf Erfahrungsgrundlage, eine umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit über wirklichkeitsbezogene Projekte der Gemeinde, u.a. mehr.


Was kommt dabei raus für Kirche und Gemeinde?

Verständlicherweise hat sich eine enorme Belebung der Gemeinde auf dieser Grundlage ereignet. Erster Preis für ehrenamtliche Aktivitäten in der Landeskirche, niedersächsischer Umweltpreis für regenerative Energien, viele Gemeindegruppen, viele gottesdienstliche und andere Aktivitäten auf klarer theologischer Grundlage. Vergleichsweise geringe Abnahme der Gemeindemitglieder, viele Umpfarrungen aus anderen Gemeinden. Behauptung einer vollen Pfarrstelle.
Dieser hier vorgestellte Weg der Selbstorganisation der Kirchengemeinde von der Basis aus im Sinne Jesu könnte ein möglicher Weg sein, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.
Es ist ein Weg, der die besten Traditionen der Reformation aufnimmt und für die heutige Zeit nutzbar macht, es ist gleichzeitig ein Weg, der theologisch und praktisch endlich zeitgemäß ist, indem er dem heutigen Autonomiestreben des Menschen voll Rechnung trägt, und es ist ein Weg, auf dem realitätsbezogen erfahren und ausprobiert werden kann, ob das der Weg auch für mich sein kann.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu122/selbstorganisation.htm, Stand: Juni 2007, dk

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