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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 123 - Mai 2008


Es begann mit zwölf Heiligen Nächten

von Herbert Erchinger
(Download als pdf hier)

Im Jahre 2000 gab es eine oekumenische Initiative, die 12 Heiligen Nächte zwischen Weihnachten und Epiphanias jeweils mit einem Gottesdienst in einer anderen Braunschweiger Kirche zu feiern. Dabei wurde das Bethlehemlicht von Kirche zu Kirche weitergereicht und feierlich zum Altar getragen.
Diese schöne Tradition konnte leider nicht lange durchgehalten werden, weil viele Gemeinden in der Weihnachtszeit sowieso schon reichlich mit Gottesdiensten gesegnet sind. In der Pauligemeinde hatte der Taizé-Kreis diesen Gottesdienst der 12 Heiligen Nächte übernommen. Und wenn bei uns eine Tradition erst einmal verwurzelt ist, lebt sie weiter. So sind wir allein übrig geblieben und feiern inzwischen fest am Mittwoch nach Epiphanias einen oekumenischen Lichtergottesdienst mit Taizé- Gesängen unter Beteiligung von sieben Gemeinden verschiedener Konfession. Katholiken, Lutheraner, Griechisch Orthodoxe, Assyrisch orthodoxe, Freikirchler und Baptisten und Kopten. Traudl Nauroth und Andreas Beblik bereiten diesen Gottesdienst sehr sorgfältig vor. Unser Taizé-Kreis hat die musikalische Leitung mit einer kleinen Combo mit Gitarren, Klarinette, Geige und Orgelpositiv. Ich selber übernehme meist eine biblische Meditation und genieße es sehr, mit den anderen Instrumenten auf meiner Gitarre die Taizé- Gesänge zu begleiten. Es ist das einzige Orchester, in das ich je aufgenommen wurde.
Es hat sich eine feste Liturgie herausgebildet, von Jahr zu Jahr leicht abgewandelt. Es beginnt mit dem Einzug des Bethlehem- Lichtes durch die Beteiligten mit Frage- und Antwort- Rufen zum Thema. Taizé- Gesänge sind das verbindende und zur Ruhe und Stille führende Element. Eine kurze biblische Mediation, die ich meist halten darf, nimmt noch einmal das Mysterium der Christfests auf. Diesmal hatten wir uns auf die Geschichte son Simeon und Hanna geeinigt. (Ausgebrannt, am Ende und mit leeren Händen erleben die beiden die Erfüllung aller ihrer lebenslangen Hoffnungen und dürfen das Jesuskind in ihren Händen halten.)
Wichtig ist uns immer, den Lichtergottesdienst textlich nicht zu überfrachten. Kurze, zu Herzen gehende Impulse setzen.
Das wichtigste Element ist das Entzünden der verteilten Kerzen am Bethlehems-Licht und die darauf folgende Prozession durch die Kirche, begleitet durch einen von allen gesungenen Kanon. Dieser Aufbruch aus den Bänken, wo man sich erstmal einen Ruck geben muß und sich einreiht in das wandernde Gottesvolk, ist für mich von tiefer Symbolik.. Bewährt hat sich eine Art gegenläufige Prozession, wo zwei Prozessionszüge sich mit ihren Lichtern begegnen und aneinander vorbei ziehen. Dabei kann man die Gesichter erkennen, sich singend zulächeln und merkt erst, wer alles da ist. „Schau an, du bist auch da.“ Diese Prozession dauert immer erstaunlich lange. Unermüdlich singen die Menschen, bis alle Kerzen im Kerzenkreuz abgelegt sind. Die Fürbitten werden nun einfach auf die beteiligten Konfessionen verteilt und zeigen sehr schön die unterschiedlichen Traditionen ihrer Spiritualität. Da paßt nicht alles zusammen, aber gerade das ist gut so. Da beißt sich manches inhaltlich, aber auch das ist ok. Die Taizé- Gesänge mit ihrer Ruhe und meditativen Kraft fügen alles wieder zusammen. Ein herber Kontrapunkt dieses Lichtergottesdienstes ist schon seit vielen Jahren der Psalmengesang der Assyrisch orthodoxen Gemeinde auf Aramäisch, der Sprache Jesu. Fremdartig, monoton, vorgregorianisch, über Tausend Jahre alt und immer wieder eindrucksvoll und bewegend. Die Kollekte ist immer auf soziale Konflikte oder die Dritte Welt bezogen. Diesmal sammelten wir für ein Kinderprojekt in Peru. Immerhin das ist von Frère Rogers „Kampf und Kontemplation“ übriggeblieben.
Nach den Segen bleiben noch viele Menschen zur Agape mit Fladenbrot, Käse und Wein zusammen. Da treffe ich dann manchmal den einen oder anderen Pfarrerkollegen, der den Gottesdienst inhaltlich diffus und unpolitisch fand. „Aber gut, so was wollen die Leute“. Ich glaube jedoch, daß christliche Glaubensinhalte nicht nur verbal, sondern ganz stark durch Atmosphäre und die erlebte Identifikation und Geborgenheit vermittelt werden. Taizé macht Menschen friedlich, tolerant, verständnis- und liebevoll gegenüber Schwachen und Schwierigen. Sie reden nicht über das Evangelium, -wie wir es in der Ev. Kirche bis zum Abwinken gelernt haben- sie leben es. Schlicht und einfach. Das erlebe ich immer wieder. Durch die starke Redundanz der Taizé- Gesänge findet offensichtlich eine schleichende Internalisierung statt, die nicht ohne Folgen für den eigenen Glauben und das soziale Verhalten bleibt. „Gott ist die Liebe, Liebe ohne Furcht“. Da schmilzt auf Dauer der härteste Atheist und Zyniker. Und noch wichtiger: Da baut sich Angst ab aus der Tiefe. Und das hat auch unschätzbare politische Folgen. Diese Menschen sind z.B gefeit gegen Fremdenfeindlichkeit und Koch- Parolen. Darauf vertraue ich. In te confido.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu123/heiligenaechte.htm, Stand: Mai 2008, dk

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