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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 123 - Mai 2008


Der Schall der Posaunen

von Herbert Erchinger
(Download als pdf hier)

Ein Blick in die Konkordanz macht deutlich, daß die Posaune in der Bibel eigentlich ein martialisches Instrument der psychologischen Kriegsführung ist, geeignet, Angst und Schrecken über die Feinde zu bringen. Sie dient auch als Alarm- Signal des Heiligen Krieges. Und im Neuen Testament entsprechend als Start- und Wecksignal des Jüngsten Gerichts.
Erst in zweiter Linie dienen die Posaunen dem Lob Gottes, ursprünglich sicher nach gewonnener Schlacht.
Natürlich hat die Posaune der Bibel nur wenig zu tun mit unserem heutigen Blech-Blas-Instrument. Es war das „shofar“, das Widderhorn, das noch heute in Synagogen geblasen wird und auch bei Nomaden-Hirten in Afrika bewundert werden kann. Sein Klang ist schauerlich und geht durch Mark und Bein. Luther, selbst nur Lautenspieler, hat in musikgeschichtlicher Unkenntnis dieses martialisch- barbarische Widderhorn durchgängig mit Posaune übersetzt.
Meine geliebte Zugposaune gibt es erst seit dem 15.Jh. Auch sie ist leider nicht ohne militärische Karriere. Da wiederholt sich der Schrecken des Alten Testamentes: Unzählige Dragoner, Kürassiere, Musketiere und Grenadiere zogen beim Klang und Tschingderassabum der Militärkapellen in die Schlacht und in den Tod. Auch hier hatte die Musik die Aufgabe, den Kadavergehorsam zu automatisieren, die Angst vor dem Sterben und die Tötungshemmung zu überspielen. Fascinosum und Tremendum sind hier nicht zu trennen.
Der makabre Schnittpunkt von Militärkapelle und Kirchlichem Posaunenchor ist der Choral „Ich bete an die Macht der Liebe“, mit Pauken und Trompeten gespielt im Großen Zapfenstreich nach dem Trommel- unterlegten Kommando: „Helm ab zum Gebet!“. Der preußische König Friedrich Wilhelm III führte dieses Ritual ein, nachdem er bei dem verbündeten Zaren im Feldlager ein ähnlich feierliches militärisch- religiöses Brimborium russisch orthodoxer Couleur erlebt hatte. (Es würde mich übrigens nicht wundern, wenn die russische Armee unter Putin dies Ritual von Thron und Altar wiederbelebt.)
Diesen martialischen Hintergrund muß man kennen, um die geradezu pazifistische Leistung des alten Johannes Kuhlo (1856-1941) zu würdigen, der als Pfarrer und Mitarbeiter Bodelschwinghs von Bethel aus im 19.Jh die kirchliche Bläserbewegung in Gang setzte. Bewußt wurde in klingend B geblasen und nicht in Militärschreibweise C .Und das bis heute.
Vom Ursprung Bethel her ist es sicher kein Zufall, daß der älteste Posaunenchor unserer Landeskirche in Neuerkerode zu finden ist. Ich habe seit einigen Jahren die große Ehre , ihm als kleiner Baß- Posaunist anzugehören.
Die Bläserbewegung ist eine große Erfolgsgeschichte bis heute. In vielen vielen Gemeinden, auch im ländlichen Raum entstanden Posaunenchöre, die schwerpunktmäßig Chorale begleiteten und Intraden spielten.
So wurden Gottesdienste im Grünen oder Zeltmissionen möglich und dörfliche Feierlichkeiten oder Gemeindefeste, ja Kirchentage zu akustisch öffentlichen Veranstaltungen aufgewertet. Das war Innere Mission im eigentlichen Sinne. Die Posaunen sind selbst ein Stück Diakonie. Bei hohen Geburtstagen spielen sie vor dem Haus der Jubilare, im Krankenhaus und bei Trauerfeiern trösten sie.
Die Posaunenchöre waren immer auch ein Kristallisationspunkt kirchlicher Jugend- und vor allem Männerarbeit. Männer sind ja oft nicht gerade die eifrigsten Kirchgänger. Aber setze sie hinter eine Posaune, dann hören sie sich geduldig den längsten Gottesdienst an. (Nur einmal traf ich einen Posaunenchor, der auf der Empore spielte und während der Predigt in die nahe Kneipe ging.) Haben sie das Instrument erst einmal mühsam gelernt, bleiben sie dabei, bis sie über 70 sind. Ja, Siegfried Markowis hat seine eigene Rentner-Band. So wird spöttisch der feine Auswahlchor genannt, den er sich herangezüchtet hat und der sogar in der Weihnachtsfeier des Landeskirchenamtes spielen darf.
Wichtig ist es aber, ständig den Nachwuchs zu fördern und auszubilden. Denn die Abwanderung jugendlicher Bläser ist erheblich. Das ist wie bei den Fischen: Viele werden abgefischt. So mancher Rock- Pop- oder Berufsmusiker hat seine Grundkenntnisse im kirchlichen Posaunenchor erworben und später säkularisiert. Auch das ist Volkskirche: Grundkenntnisse vermitteln auch für die, die später andere Wege gehen. Tschüs Udo Lindenberg. Immer wieder habe ich das auch bei Musikerkollegen unserer Söhne erlebt: „Gelernt hab ich mal im Posaunenchor“. Aha. Sie werden es nicht vergessen. Die Prägung bleibt.
Und es bleibt die Tatsache, daß die ständige Nachwuchsausbildung ein mühsames Geschäft ist wie das Züchten von Lachsen in freier Wildbahn. Der Anteil weiblicher Bläserinnen steigt, das tut den Chören gut und der Stimmung- auch der Instrumente.
Ich habe eine große Jutetasche. Da sind alle meine Noten drin. Das wichtigste ist das lila Choralbuch zum EG mit Choralsätzen und Intonationen. Es gibt aber auch Posaunenchöre, wie zB der in Cremlingen, die spielen zwischendurch immer noch gern mal aus dem alten grünen EKG-Choralbuch der 50er Jahre. Viele Baßläufe daraus hab ich noch im Ohr. Am meisten liebe ich aber die Bachsätze, da bin ich süchtig und kann nie genug davon kriegen. Manche singe ich dann auch mit meinem Taizé-Kreis. Dann sind in meiner Jutetasche noch fast sämtliche Sonderhefte der Landesposaunentage der letzten 15 Jahre. Calvörde, Wolfenbüttel, Goslar, Vorsfelde, Salzgitter, usw, alle in verschiedenen Farben. Das sind große Schätze. Denn in denen sind viele besondere Bläserstücke, die aus gegebenem Anlaß sorgfältigst eingeübt wurden. Die Landesposaunenfeste sind immer große Anlässe, über das Niveau der reinen Gottesdienst- Choralbegleitung hinauszuwachsen: Spirituals, Gospel, Blues und Pop, Bach und Händel, Purcell. Dazu moderne Komponisten, sogar Gerd-Peter Münden. Die breitgefächerte Auswahl hat Siegfried Markowis als Posaunenwart der Landeskirche sehr geschickt und kompetent zusammengestellt. Wir üben gerade ein swingendes Stück, wo reines Takt-Zählen gar nichts nützt, wo man das Gefühl für den Swing entwickeln muß und die reinen Notenwerte nicht wirklich helfen. Bei solchen Stücken wird hart geübt, 10-20 mal die gleiche Zeile in Endlosschleife, bis es klappt. Im letzten Jahr habe ich zum ersten Mal aktiv am Landesposaunentag in Salzgitter teilgenommen. Ich konnte ja unseren Sohn, der dort als Schlagzeuger funkensprühend engagiert war, nicht allein lassen. Dies Familientreffen der Bläser hat seinen besonderen Reiz. Halb Kirchentag, halb Musik-Workshop. Der Bläser-Gottesdienst auf dem Denkmalsplatz In Salzgitter-Lebenstedt ist mir unvergessen.
Vor den Übungsleitern habe ich wirklich Respekt. Mit großer Liebe, Treue und Beharrlichkeit trainieren sie ihre Leute und halten sie zusammen. Ihnen und den Chören wird ja erheblicher Einsatz abverlangt. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit, ob`s stürmt oder schneit. Und geübt wird den ganzen Winter, oft auch in kalter Kirche. Nach manchen Einsätzen gibt es aber schon mal einen Glühwein oder eine Bratwurst. Dann sind wir glücklich und wärmen unsre kalten Finger. Beim Krippenspiel am Hl Abend im Schafstall zu Cremlingen hatten wir kürzlich sogar während des Gottesdienstes unsere Glühweinbecher dampfend unter dem Stuhl. Psst, nicht verraten.
Daß ich im Neuerkeröder Posaunenchor blase, hat seine eigene Geschichte. Zu meiner Zeit als Pfarrer in Pauli (84-95) habe ich für den Weihnachtsgottesdienst manchmal einen Spontanposaunenchor zusammengestellt. Konfirmanden, die in der Musikschule Trompete lernten, Kirchenvorsteher, befreundete Pfarrer. Dann kam einmal der Neuerkeröder Chor dazu und es bildete sich die Tradition, daß ich immer am 1.Weihnachtstag den Abendmahlsgottesdienst l mit den Bläsern gestaltete. Das habe ich viele Jahre so gemacht. Auch wenn es anstrengend war, ohne Pause zu blasen, zu beten, zu singen, zu predigen und Brot und Wein auszuteilen, war`s doch schön. Besonders der „Walking Bass“ im Bachsatz von „Ich steh´ an deiner Krippen hier“ ließ alle Anstrengung vergessen. Ich bin dankbar, daß ich das immer noch darf. Allerdings leiste ich mir inzwischen als Entlastung Michael Gerloff als Liturgen. So bin ich bei dem Chor geblieben, fast jeden Montag.
Wichtig an der Posaunenbewegung ist mir der nicht-elitäre Ansatz. Musik aus der Basis der Gemeinde. Schickimicki- Oratorien mit bezahlten Symphonieorchestern und Profisolisten samt Elite- Chören haben wir schon genug. Basisarbeit ist gefragt. Nicht die Perfektion, sondern die Breitenarbeit zählt. So wünsche ich allen großen und kleinen Bläserchören zwischen Elm und Asse, Harz und Heide einen langen Atem, kräftige Lungen und viele Noten in B-Tonarten, denn die Kreuze sind furchtbar. Bei denen verrenkt man sich als Posaunist den Arm.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu123/posaunen.htm, Stand: Mai 2008, dk

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