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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 123 - Mai 2008


ZWISCHENRUF
DER PAPST LÄSST FÜR DIE ERLEUCHTUNG DER JUDEN BETEN
KEIN FALL FÜR PROTESTANTEN?

von Kurt Dockhorn
(Download als pdf hier)

Am Karfreitag dieses Jahres war es so weit: Dort, wo die vom Vatikan wieder zugelassene Messe im lateinischen Ritus praktiziert wird, durfte in der vom Papst revidierten Karfreitagsliturgie darum gebetet werden, "daß unser Herr und Gott ihre (sc. der Juden) Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen". Diese Formulierung ist nun an die Stelle des Gebets in der Liturgiereform von 1970 getreten: "Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen". Dieser Text war Ausdruck der theologischen Erkenntnis (die, leider Gottes, sich erst nach der Shoah durchsetzte), daß Gottes Bund mit Israel nicht der "alte Bund", sondern der bleibende Bund ist, zu dem sich die Kirchen nur demütig ins Verhältnis setzen können. Nunmehr ist das nach päpstlicher Lehre Schnee von gestern. An die Stelle des vom II.Vaticanum gebahnten Weges zur Neubestimmung des Verhältnisses von Kirche und Israel scheint nun vielmehr der Wahn von vorgestern getreten zu sein, nämlich eine (zwar revidierte, aber doch) Rückkehr zu der nachtridentinischen Praxis, in der an Karfreitag für die Bekehrung der verblendeten und treulosen Juden gebetet wurde. Und beim Gebet blieb es bekanntlich nicht, war doch der Karfreitagsgottesdienst immer mal wieder gern genommener Ausgangspunkt für Judenpogrome.
Der Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee deutscher Katholiken hatte vergeblich beim Vatikan zu interve¬nieren gesucht; der blieb bei seiner Auffassung.
Nun waren die Reaktionen vorprogrammiert: Etliche prominente Juden, die im Sommer als Referenten beim Osnabrücker Katholikentag eingeplant waren, zogen ihre zusage zurück. Zu besichtigen ist ein mittlerer Scherbenhaufen im Verhältnis Juden-Katholiken, das sich doch in den letzten Jahrzehnten so auf entwickelt hatte, viel¬leicht besser noch als das mit dem Verhältnis Juden-Protestanten der Fall war.
Auf der anderen Seite mußte katholische Prominenz dem Papst inter¬pretierend und beschwichtigend zur Seite springen. Vor allem übernahm der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper diese Rolle. Er befand, die jüdische Reaktion sei emotional, und es gehe doch nicht um eine neu aufgelegte Judenmission, sondern der Gebetstext sei eschatologisch zu verstehen, als Ausdruck also der Hoffnung, daß am Ende wie alle Völker auch die Juden Jesus Christus als das Heil der Welt erkennen möchten. Der Text sei demnach theologisch "korrekt". Ähnlich und noch deutlicher wurde der Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, als er vom "Ausdruck der eigenen Identität" sprach. Der Braunschweiger Rabbiner Jonah Sievers erzählte im taz-Interview am 31.März, er habe die alte Fürbitte von 1962 und die aktuelle Benedikt-Version einigen Leuten vorgelegt, die sich nicht in den theologischen Finessen der Unterscheidung von Mission und Eschatologie auskannten, und diese hätten "komischerweise keinen Unterschied gesehen".
So weit, so schlecht. Und nun die Frage: Wie haben denn berufene Vertreter der evangelischen Kirche auf die katholisch-Jüdische Kontroverse reagiert? Da mir trotz aufmerksamer Zeitungslektüre keine evangelischen Stellungnahmen unter die Augen kamen, fragte ich nach Ostern bei epd nach. Auskunft: Kein einziges Votum auffindbar, auch nicht vom Catholica-Beauftragten der VELKD, unserem Landesbischof Dr.Weber. Waren die Herren und Damen zu sehr mit ihren Osterpredigten beschäftigt gewesen oder woran könnte ihr Schweigen liegen? Handelte es sich vielleicht um ein kalkuliertes Schweigen, da wir es doch sonst gewohnt sind, zu fast allem und jedem ihre Voten zu vernehmen? Mir macht das Stillehalten den Eindruck von Wegducken. Etwa in der Art: Hoffentlich kommt kein Jude auf die Idee, uns in diesem Fall nach unserer Meinung zu fragen, denn dann müßten wir eben die Kluft, die der Papst erneut zum Judentum aufgerissen hat, auch unsererseits aufreißen, und auch wir müßten bekennen, daß das eschatologische Karfreitags- gebet des Papstes genau den Kern unserer eigenen Überzeugung und Hoffnung trifft: Daß am Ende alle, eben auch die Juden Jesus Christus als ihren Heiland anerkennen.
Gibt es einen Weg aus diesem Verhängnis, erneut einen unheilbaren Riß zwischen Synagoge und Kirche aufzureißen? Wohl nur diesen einen: daß Christinnen und Christen endlich aufhören zu meinen, ihren Glauben, sei es missionarisch, sei es eschatologisch, Menschen anderen Glaubens überstülpen zu müssen.

Nachwort der Endredaktion
Inzwischen kritisierte Landesbischof Weber das wieder zugelassene Karfreitagsgebet und bezeichnete das Vorgehen des Vatikan als „unsensibel“. Weber wirft der katholischen Kirche vor, die besondere Geschichte Deutschlands nicht berücksichtigt zu haben“ (epd Nr. 52 29.4. 2008). Dazu: Aus der Binnensicht der katholischen Kirche war der Papst bereits sehr weit gegangen. Ob wir in der evangelischen Theologie wirklich so weit sind, im Hinblick auf Israel auf ein „Heil allein durch Christus“ zu verzichten, ist mir sehr die Frage. Hier vermengen sich kirchenpolitische und theologische Fragen. Dockhorn dringt auf eine theologische Klärung. Die Erklärung des Landesbischofs ist vor allem kirchenpolitisch gefärbt. Kue




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu123/zwischenruf.htm, Stand: Mai 2008, dk

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