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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 126 - Mai/Juni 2009


Gottesdienst zum Abschied von Dietmar Bornhak

am 20. Mai 2009 in der St. Martin-Kirche zu Hedeper

von Henning Kühner, Dekan i. R., Braunschweig
(Download als pdf hier)

Liebe Jutta, ihr lieben Kinder mit euren Partnern und euren Kindern, liebe Geschwister, Verwandte und Freunde, liebe Trauergemeinde!

Wir sind in diesem Gottesdienst nicht nur zum Abschied von deinem Ehemann, zum Abschied von eurem Vater und Großvater, zum Abschied von Bruder und Schwager und Verwandtem, zum Abschied von einem Freund und Weggefährten, einem Berufskollegen oder Nachbarn versammelt, sondern - an diesem Ort wird das deutlich - auch zum Abschied der Gemeinden aus benachbarten Dörfern von ihrem langjährigen Pastor, der mit dem Amt der Verkündigung und Seelsorge unter ihnen betraut war.

Am Donnerstag nach Kantate ist Dietmar Bornhak gestorben. Wir wollen sein Leben und Sterben in das Licht des Evangeliums dieses 4. Sonntags nach Ostern stellen. In Matthäus 11 sind diese Worte Jesu überliefert.
"Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater, als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; Ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht." (Vers 25-30)

Kostbare Worte sind das, wie sie kein Schriftsteller hätte ausdenken können. Worte zum Staunen und Kopfschütteln. Wofür singt Jesus seinem Vater im Himmel sein Loblied? Gerade nicht für den Erfolg seiner Arbeit, seiner Predigt, seines Rufs in die Nachfolge, sondern für das Scheitern, den Misserfolg in dem Beruf, den Gott ihm aufgetragen hat. Die seine Botschaft vom Kommen Gottes am ehesten verstehen müssten, die Klugen und Weisen, die sich in der Bibel auskennen und die Gebote Gottes befolgen, lehnen Jesus ab. Sie empören sich, dass er die einlädt, die nichts vorzuweisen haben als leere Hände, die Armen, die Kinder, die Kranken und Ausgegrenzten, die Zöllner und Sünder, alle, die vor Gott mit ihrem Leben nicht bestehen können. Dass Jesus Gott als den barmherzigen Vater verkündigt, der die verlorenen Söhne und Töchter in sein Haus ruft und an sein Herz drückt, dass er diese vergebende und Leben schenkende Liebe Gottes lebt und verkörpert, das ist das Ärgernis denen, die sich selbst als gerecht vor Gott ansehen. Sie bringen den ans Kreuz, der der Weg zu Gott ist, sie töten den, der das Leben ist. Der uns einlädt: "Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken."

Nichts anderes hat ein Pastor eigentlich zu tun, als dieses Evangelium, diese frei und froh machende Nachricht unter die Leute zu bringen mit seiner Predigt und seinem Leben. Der Maßstab für Erfolg oder Misserfolg bei dieser Arbeit ist nicht nur unsere Begabung, unsere Redegewandtheit, unsere Kontaktfreudigkeit und Beliebtheit in der Gemeinde, aber auch nicht (nicht nur) unsere persönliche Treue im Glauben, unser Hören auf Gottes Wort, unsere Glaubwürdigkeit in unserem Beruf als Pastoren, als Hirten im Auftrag des einen großen Hirten, sondern immer zugleich und immer gegen unsere Schwachheit das Wunder und Geschenk des heiligen Geistes Gottes.

Ein Pastor ist ungeachtet seines besonderen Auftrags und seiner besonderen Verpflichtung diesem Auftrag gegenüber prinzipiell nur einer in seiner Gemeinde. Wenn er in Jesu Namen einlädt, gilt die Einladung immer auch ihm selbst. Wenn er Trost zuspricht, ist er selbst des Trostes bedürftig. Wenn er zur Freude ermutigt, braucht er selbst diese Ermutigung. Wenn er im Namen Gottes die Vergebung von Schuld zuspricht, kann er das nur, wenn er selbst von der Vergebung seiner Schuld lebt.
"Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken."
"Lernt von mir"
sagt Jesus. Er will unser Lehrer sein, wir sollen und dürfen bei ihm in die Schule gehen. Und nicht nur 8 oder 10 oder 12 Jahre wie auf unseren öffentlichen Schulen, nicht nur 2 Jahre wie im Konfirmandenunterricht, sondern ein Leben lang. Erst in unserer Todesstunde hört unser Lernen auf, erst da werden wir frei gesprochen in unserem Jüngerberuf. Dass das bei unserem Verstorbenen, unserem Familienangehörigen und Freund, bei eurem langjährigen Pastor Dietmar Bornhak so war, das will ich gern bezeugen. Davon zeugt auch das Wort aus dem 86. Psalm, das Dietmar für diese Abschiedsstunde gewünscht hat und das, so vermute ich, sein Konfirmationsspruch war.
"Weise mir, HERR, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte."
Das ist wie eine Antwort auf Jesu Einladung. Ich kann mein Leben nicht aus eigenem Vermögen, aus eigener Kraft gewinnen. Ich brauche, um den Weg zu finden, einen anderen Kompass als meine eigene Klugheit. Im Dunkel und im Nebel, wenn die Gefahr des Absturzes ins Bodenlose droht, wenn falsche Weggefährten mich in die Irre führen wollen, wenn die Lasten, die ich mir selbst aufgeladen habe, mich zu erdrücken beginnen, dann brauche ich um meines Lebens, meines Überlebens willen den, der mich auf seinen guten, richtigen und heilsamen Weg zurückruft: "Komm her zu mir mit deinen Lasten; Ich will dich frei machen."

Das hat Dietmar gewusst und erfahren als die Rettung in seinem Leben. Begonnen hat dieses Leben vor 68 Jahren in einer dramatischen Nacht mit Fliegeralarm in Celle. Seine Mutter bekam ihr drittes Kind erst am anderen Tag zu Gesicht. In der Aufregung der nächtlichen Angststunden hatte man einfach vergessen, ihr den Neugeborenen zu zeigen. Die Kriegs- und Nachkriegsjahre haben die Kindheit von Dietmar und seinen beiden älteren Geschwistern geprägt. Viel stärker aber das christliche und musikalische Elternhaus mit seiner sozialen Verantwortung für Menschen am Rand der Gesellschaft. Das waren wesentliche Impulse für das spätere Leben des Verstorbenen. Seine Liebe zur Landwirtschaft und zu Pferden, die die Hedeperaner noch erlebt haben, wurde nicht zum Beruf. Nach der Schulzeit und einer Tischlerlehre ging Dietmar nach Hamburg in die Diakonenausbildung des Rauhen Hauses. Hier hat er das Handwerk gelernt, das für seinen späteren Beruf nötig war. Die Personalreferentin unserer Landeskirche hat in ihrem Nachruf daran erinnert, dass Dietmar sich während seiner Ausbildung zum Diakon und Sozialarbeiter unter anderem um schwer erziehbare Jugendliche gekümmert und in einem Jugendgefängnis gearbeitet habe. Der Diakonenschaft des Rauhen Hauses blieb er zeitlebens verbunden und bittet anlässlich seines Todes anstelle von Kränzen um Spenden für diese Arbeit.

Als Diakon kam er 1967 in die Braunschweiger Landeskirche und wurde Propsteijugendwart für die Propsteien Schöppenstedt und Wolfenbüttel mit einem Zusatzauftrag als Sozialarbeiter in der Justizvollzugsanstalt Braunschweig. Nachdem Pastor Karl Burmester 1969 in den Ruhestand getreten war, wurde Dietmar Bornhak im Frühjahr 1970 als Pfarrdiakon nach Hedeper geschickt und am 3. April 1971 von Landesbischof Dr. Heintze in der Seinstedter Kirche ordiniert und als Pastor in Hedeper mit Wetzleben, Seinstedt und Kalme eingeführt. Diesen Dienst als Prediger und Seelsorger hat er durch mehr als drei Jahrzehnte getan. Im Januar 2004 erlitt Dietmar Bornhak die letzte große Wende in seinem Leben. Eine heimtückische Krankheit streckte ihn nieder und schlug ihm alle Aktivitäten und seinen Beruf aus den Händen. Die folgenden Monate waren durch furchtbare Schmerzen und ein wochenlanges Koma geprägt. Niemand ahnte, dass er diese kritische Zeit überleben würde. Er musste es ertragen, dass sein Dienst als Pastor seiner Gemeinden zu Ende ging, ohne dass er dabei noch mitwirken konnte. Seine liebe Jutta hat mit bewundernswertem Einsatz für die Auflösung seiner Dienstverpflichtungen und den Umzug aus dem Pfarrhaus zum Kickelberg gesorgt. Und sie hat ihrem lieben Dietmar die letzten Jahre seines nun so eingeschränkten und bewegungsarmen Lebens durch ihre große Liebe und Treue und stete Zuwendung lebenswert erhalten und ihn durch Zeiten der Verzweiflung und Depression begleitet. Seine beiden Töchter Regina und Sibylle haben mit Levin und zuletzt mit der kleinen Karla Freude in sein einsam gewordenes Leben gebracht.

Der große Schmerz dieser letzten Lebensjahre war die Erfahrung, dass sich so viele der ehemaligen Freunde von ihm abgewendet haben, dass Menschen, die zu ihm gehörten und denen er in Liebe verbunden war, nicht mehr erreichbar waren. Diese schmerzlichen Erfahrungen gehörten für ihn zu dem Lernprozess, von dem ich vorhin gesprochen habe. "Lernt von mir, sagt Jesus, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen." Das gehörte für Dietmar zum Annehmen seines Leidens und der Lasten, die ihn drückten. Demütig werden, das hieß erkennen, wie viele Wege, die er gegangen war, in die falsche Richtung geführt hatten. Demütig werden, das hieß für ihn um Vergebung bitten für Unrecht, das er anderen zugefügt hatte, für zerbrochene Gemeinschaften, die auch durch seine Schuld zerbrochen waren. Demütig werden, das hieß Abschied nehmen von den eigenen Wegen und zu bitten: "Weise mir, HERR, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit."

Das hat Dietmar gelernt in den letzen Jahren seines schweren Leidens, die deshalb keine nutzlosen und sinnlosen, sondern lebenswichtige Jahre wurden. Demut und Sanftmut zu lernen halfen ihm liebevolle und treue Menschen. Er war jeden Tag auf die Hilfe und Pflege anderer angewiesen. Was wäre er ohne diese treuen Helferinnen und Helfer geworden, die seine Wunden verbanden, die ihn wuschen und mit sauberer Kleidung versorgten, die ihn aufmunterten und trösteten, und das an mehr als 1800 Tagen. Und immer war Jutta an seiner Seite als seine treue, aufopfernde Gefährtin, die ihr Versprechen gehalten hat "bis der Tod euch scheidet."

Es war nicht nur Leid und Kummer, sondern oft fröhliches Lachen, wenn Besuch kam, die Rommédamen oder der treue Freund aus Watzum. In den letzten Tagen ist an so vieles erinnert worden, an Dietmars Freude über den Zerfall des trennenden Zaunes durch das Große Bruch, den spontanen Dankgottesdienst an der offenen Grenze bei Mattierzoll, die Kontakte zu den Gemeinden auf der anderen Seite des Grabens am Fallstein. So viele erinnern sich in großer Dankbarkeit an den kontaktfreudigen, gastfreien Dietmar. Und an den stolzen und glücklichen Erneuerer der Martinskirche, in der wir heute von ihm Abschied nehmen.

Liebe große Trauergemeinde, Dietmar Bornhak war einer der Ihren. Er hat in Ihrer Mitte gewirkt mit seinen guten Gaben und Eigenschaften. Er hat es sich und manchem von Ihnen schwer gemacht mit seinen schwierigen Seiten, mit dem, was an Mühsal und Last auf ihm lag. Er war einer von Ihnen, er war einer von uns, wie wir alle angewiesen auf die Barmherzigkeit und Vergebung unseres Gottes, auf den Ruf in die offenen Arme unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus: "Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid - lernt von mir, von meiner Sanftmut und Demut."
Dietmar lebte wie wir alle von der Sehnsucht nach einem heilen, unversehrten Leben und einem guten Weg durch dieses Leben zum Ziel, zu Gott. "Erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte." Das heißt nicht: ich habe Angst vor Gott, dem gerechten, mich schuldig sprechenden Richter, sondern: ich flüchte mich an das Herz des Vaters, den ich lieben und ehren darf, weil er mich längst geliebt hat. Dafür ist Jesus mit seinem Leben und Sterben und Auferstehen der Bürge.
Amen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu126/bornhak.htm, Stand: Mai 2009, dk

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