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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 126 - Mai/Juni 2009


Hartmut Heuermann: Mythos-Religion-Ideologie

von Kurt Dockhorn
(Download als pdf hier)

Der Braunschweiger Kulturwissenschaftler Hartmut Heuermann hat mit dem Band Mythos-Religion-Ideologie (Frankfurt am Main 2009) eine Reihe von kultur- und gesellschaftskritischen Essays vorgelegt, die eine theologische Befassung und Auseinandersetzung nahelegen und lohnend erscheinen lassen, selbst wenn die kompakte Typografie und die fehlenden Hinweise auf die zunächst als Vorträge gehaltenen Aufsätze (der Leser wüßte gern: Wann? Wo? Mit welcher Resonanz in der anschließenden Diskussion?) eine Schwelle darstel-len, die den Beginn der Lektüre erschweren. Gleichwohl läßt man sich zunehmend gern in Heuermanns Diskurse hineinziehen. Dabei mag dem Leser bei der Frage nach dem Leitmotiv des sperrigen Titels ein Band des Journalisten und Essayisten Nils Minkmer "Mit dem Kopf durch die Welt" einfallen. Das trifft recht gut den aufklärerischen Impetus des Autors. Die Themenpalette ist weit gespannt: Sie reicht von einer Klärung des Ideologiebegriffs über ideologisierte Religion, die Frontstellung von Glauben und Wissenschaft, mehrere den Medien, ihrer Wirkung und ihren Kulten gewidmete Beiträge, Pop- und Kinoreligion, Analysen der US-amerikanischen Politik und des Antiamerikanismus und Aspekte der Globalisierung bis hin zu Grundsatzfragen wie die nach der Notwendigkeit von Utopien, aber auch tagesaktuellen Themen wie dem PISA-Schock und dem "Denglisch" als "Symptom sprachlicher Infektion". Letzteres ein Beleg dafür, wie ein gelernter Amerikanist für ein gutes Deutsch zu streiten sich anschickt. Aus dem bunten Bouquet an Themen mag sich, wer will, das ihn speziell Interessierende herauspflücken.
So will im folgenden auch der Rezensent verfahren.
Heuermann erblickt, wohl zurecht, Ideologisierung, was immer er ideen-, technik-, machtgeschichtlich unter seine Lupe legt, und wenn er diese Geschichte bis zum sog. Alten Testament zurück-verfolgt, greift er mit Sicherheit noch nicht bis in die Anfänge des Phänomens zurück. Geistesgeschichtlich hat er dabei den Vorde-ren Orient, die Antike und Europa (bzw. den Transatlantik) im Blick, kaum jedoch das asiatische Erbe. Einen Ausweg aus der bis heute andauernden Ideologisierung der Religion sucht der Autor in einem "ideologiefreien" Glauben. Er findet sie (S.75f.) in einem theologischen Gedicht von Wilhelm Willms, "Gott spricht", in dem die radikale Ohnmacht Gottes in der Geschichte thematisiert wird. Die Verantwortung für alle möglichen Übel dieser Welt, die wir gern an einen Gott delegieren würden, liegt bei uns selbst. Der Gedanke ist nicht neu bei Willms (erschütternd eindringlich etwa in den vierziger Jahren von der niederländischen Jüdin Etty Hillersum formuliert), aber wann immer er gedacht wird, führt er unweigerlich zur Frage: Warum denn überhaupt noch die Rede von Gott? M.a.W., wir werden die Aporien nicht los. Bemerkenswert bleibt aber, daß hier der aufgeklärte Agnostiker Heuermann ringt um die Möglichkeit eines Gottesglaubens in der Gegenwart, und das sollte ihn für eine dialogwillige Theologie zu einem spannenden Partner machen. In weiterer Verfolgung der bei Willms auftauchenden Aporie sucht der Autor in einem weiten Bogen von Moltmann zu den Neurotheologen (S.102ff.) nach einer Lösung in der theologischen Mystik: "Gott und ich, wir sind eins" (Meister Eckehart). Das Ende der Wege Gottes in der Ideengeschichte, das vor dem modernen Bewußtsein bestehen kann, dürfte vielleicht in dieser Richtung zu suchen sein, obgleich sich dann sofort die Frage auftut, wie man die abservierte, aber wohl doch essentiell wichtige Prophetie in einen seriösen begriff von Religion hinüber-rettet. Leider läßt Heuermann diese Frage aus. Vielmehr scheint er die Prophetie wie alles Apokalyptische in der Bibel (S.259ff. am Beispiel Ezechiel durchgenommen) zu reduzieren auf die Projektion von haßerfüllten, angstmachenden Bildern auf angenommene Feinde.
In ruhigeres Fahrwasser führen seine Gedanken zu wichtigen Themen wie dem der US-amerikanischen Politik und dem Begriff des Anti-amerikanismus, den er zu Recht für unglücklich hält, ohne eine Alternative anbieten zu können. Wichtig auch sein Nachweis der blinden Flecke, die die etablierte Wirtschaftswissenschaft des Neoliberalismus für Jahrzehnte nahezu flächendeckend dazu ver-leitet hat, den Menschen auf den reflexhaft funktionierenden homo oeconomicus zu verkürzen. Auch das wirft, wenn man so will, ein Licht auf die bereitwillige Anfälligkeit von Wissenschaft für Ideologisierung und Indienstnahme durch Machtinteressen.
Die sehr unvollständige Themennennung dieser Rezension sollte nicht den Beitrag unerwähnt lassen, in dem Heuermann nach der Not-wendigkeit von Utopien fragt (S.276ff.), fragt, warum wir "die Welt im Kopf" brauchen. Mir scheint die Antwort sehr theologisch, fast "fromm" in einem guten Sinne des Wortes: "Die Hoffnung muß damit leben, daß sie selbst ihre eigene Belohnung ist, und sich darin genügen, daß sie die Hoffnungslosigkeit verhindert".




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu126/heuermann.htm, Stand: Mai 2009, dk

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