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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 126 - Mai/Juni 2009


Erläuterungen zu den vier Typen des Verhältnisses von evangelischer Kirche und Nationalsozialismus

von Dietrich Kuessner
(Download als pdf hier)

"Ineinander - Untereinander - Nebeneinander - Gegeneinander" heissen die Stichwörter zum schematischen Verständnis des Verhältnisses von Kirche und Nationalsozialismus. Sie heben sich auch zeitlich voneinander ab und lassen sich am Kopf des Braunschweigischen Volksblatt, dem Vorvorgänger der EZ, veranschaulichen.

Ineinander - 1933
Der erste Typ, der das Jahr 1933 beherrschte, und auf den auch gestandene Kirchenleute anfangs hereinfielen, nannte sich "Deutsche Christen" (DC). Es war die Braune Kirche Sie identifizierte sich vorbehaltlos inhaltlich und auch organisatorisch mit der ns. Partei. In Adolf Hitler wäre Christus erneut erschienen, schrieb der Martinipfarrer Grüner 1934 in seinem Braunschweiger Gemeindeblatt. Das Amtsblatt unserer Landeskirche verschränkte das Christuskreuz mit dem Hakenkreuz, das noch von Sonnenstrahlen verschönt war. Das Hakenkreuz auf der Brust, das Christuskreuz in der Brust, hieß eine banale Devise. Sie forderten eine "judenfreie" Kirche und im schlimmsten Fall die Abschaffung des Alten Testamentes. Sie erhofften sich eine Verchristlichung der deutschen Bevölkerung durch restlose Nazifizierung. Ende 1933 war diese Illusion verflogen und der Einfluss der DC wurde mit der Zeit geringer. Es gab in allen Landeskirchen noch wenige Überzeugte, in Braunschweig v. Wernsdorff (Katharinen), Schlott (Lehndorf), OLKR Breust (Stadtkirchenamt).

Ineinander

Untereinander - 1933 - 1936
Der zweite Typ war der deutliche Widerspruch zu den DC: die Bekennende Kirche (BK). Sie forderte die Unterordnung von NS und Partei unter das Wort Gottes und das Evangelium. Sie hielten die Einführung des Arierparagrafen in die Kirche für bekenntniswidrig. Ihre Leitfigur war der Berliner Pfarrer Martin Niemöller. Zwischen BK und DC herrschte ein erbitterter Kirchenkampf. In allen Landeskirchen bildeten sich Gruppen der Bekennenden Kirche.
Gegenüber dem Nationalsozialismus aber schwankte die Haltung der BK zwischen Distanz und Ergebenheit.

Untereinander

Nebeneinander - 1935 - 1945
Der dritte Typ distanzierte sich von den DC und von der BK und versuchte, das Verhältnis zum Nationalsozialismus in ein geordnetes Nebeneinander zu bringen. Man nannte diese zahlenmäßig größte Gruppe die "kirchliche Mitte". Sie erstrebte weder eine braune noch eine bekennende Kirche sondern eine Volkskirche mit Taufen, Konfirmationen, Trauungen, kirchlichen Beerdigungen und Kirchensteuern wie eh und je. Wie können wir als evangelische Christen im "Dritten Reich" ganz normal leben? Tatsächlich gingen Taufen, Konfirmationen usw zwischen 1933 und 1945 immer weiter, hier und da leicht eingeschränkt. Die Volkskirche hat das Dritte Reich ohne wesentliche Beschädigungen heil überstanden. Ergebenheit und Distanz war, ähnlich wie die Bekennende Kirche, ihre typische Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus

Nebeneinander

Gegeneinander
Alle drei bisher geschilderten Typen haben gemeinsam, dass sie niemals zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus oder gar zum Sturz Hitlers aufgerufen haben.
Aber es gab diesen Typ, ganz vereinzelt, vielleicht 0,5 % aller Pfarrer und einige Frauen und Männer in den Gemeinden. Ihr bekanntester Vertreter war der Berliner Pfarrer Dietrich Bonhoeffer.

Gegeneinander

Durcheinander - 1945
Wie ging es nach 1945 weiter? Es gab ein großes Durcheinander. Die Mitglieder der Bekennenden Kirche übernahmen in einigen Landeskirche die Kirchenleitung. Woanders blieb alles beim Alten. Die Volkskirche wurde weiter propagiert. Keinem Deutschen Christen wurde ein Lehrverfahren angehängt, was eigentlich fällig gewesen wäre. Sie wechselten die Pfarrstelle und machten weiter. Die Widerständler hatten es auch nach 1945
im Adenauerstaat sehr schwer. Statt einer gründlichen Neubesinnung wurde "wieder" aufgebaut, "wieder" aufgerüstet, "wieder" vereinigt. Aber die Volkskirche ist heute am Ende. Sie rettet sich in zentrale Großkirchen. Sie müsste nachdenken über die bestimmende Bewegung des 20. Jahrhunderts, die Säkularisierung, und über Gemeindearbeit als Graswurzelarbeit in einer säkularen Welt.

Durcheinander

Der dritte Typ, der den kirchlichen Alltag im Nationalsozialismus darstellt, kommt in den gängigen Darstellungen viel zu kurz. Er wird daher auch nicht in den Schulbüchern behandelt, die von der Beschreibung der Deutschen Christen und vom Widerstand beherrscht sind. Darüber kam es während der Vorbereitung der Ausstellung zu einem Streit mit dem Leiter des Religionspädagogischen Amtes Pfr. Dr. Hans Georg Babke. Schade. Hier ist dringender Reformbedarf. Daher auf den nächsten Seiten einige Angaben zur kirchlichen Normalsituation in der Stadt Braunschweig zur Zeit des Nationalsozialismus.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu126/verhaeltnisse.htm, Stand: Mai 2009, dk

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