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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 127 - Oktober 2009


Ansprache anlässlich der Ausstellung im Rathaus von Bad Harzburg
über Leben und Hinrichtung von Heinz Gondlach 1943 im Wolfenbüttler Gefängnis

von Dietrich Kuessner
(Download als pdf hier)

Heinz Gondlach wäre heute 86 Jahre alt. Er könnte also noch leben.
Er hat nicht gespurt, und das hat ihn umgebracht.

Das Zauberwort seiner Zeit hieß „Volksgemeinschaft“. Ich habe die selber noch erlebt, ich bin heute 75 Jahre und könnte der jüngere Bruder von Heinz Gondlach sein. Die Deutschen sollten sich unter den Nachbarvölkern wie eine einzige, junge, unbesiegbare, aufstrebende Mannschaft fühlen.
Der Einzelne zählte nicht, auf den kam es nicht an. Keiner durfte aus der Reihe tanzen, Einzelgänger waren unerwünscht,
aber alles für die Mannschaft, für die Volksgemeinschaft.

Die Volksgemeinschaft war bis vor die Haustür durchorganisiert. Dort waren Blockwarte eingesetzt, die genau darauf achteten, dass die Hausgemeinschaft auf Vordermann zusammenblieb.
In der Schule, im Betrieb, in der Freizeit war es genauso. Wie in einem großen, gut geölten Räderwerk erfasste der Nationalsozialismus jeden Einzelnen und präparierte ihn so, dass er im Räderwerk reibungslos funktionierte.

Und die Leute machten mit, sie fühlten sich gut aufgehoben in der Volksgemeinschaft.
Wer zur Volksgemeinschaft gehörte, bestimmte „Führer“ Adolf Hitler.
Der war ungeheuer beliebt denn er hatte Deutschland – so kam es den Deutschen vor – in eine blühende, braune Landschaft verwandelt. Es ging aufwärts, man fühlte sich glücklich, sicher und frei. Die meisten jedenfalls, die ganz große Mehrheit, - obwohl jeder wissen konnte, Hitler ist ein Verbrecher vom ersten Regierungstag an. ein Mörder, der schon im Sommer 1934 offen zugegeben hatte, dass er ohne Gerichtsurteil Leute am hellen Tage hatte erschießen lassen, die nicht in seine Volksgemeinschaft passten.
Denn wer nicht funktionierte, flog raus.

Heinz Gondlach war einer, der nicht funktionierte. Deshalb hat ihn die Volksgemeinschaft für verwahrlost und krank gehalten. Deswegen wurde er im Alter von 12 Jahren für mehrere Jahre weggesperrt.
Dagegen rebellierte er auf seine Weise, wurde rücksichtslos und eigensinnig.

Heinz Gondlach wusste, was er wollte und was er nicht wollte.
Er wollte Fernfahrer werden, und wollte nicht in einer ungesunden, gesundheitsgefährlichen Silberhütte arbeiten..
Er wollte sich nicht in den Arbeitsprozeß einspannen lassen, arbeitete langsam oder gar nicht.
Es funktionierte auch zu Hause nicht. So kam er mit 18 Jahren erst in Untersuchungshaft, dann ins Jugendgefängnis.

Der Vorstand des Jugendgefängnisses fragt bei der früheren Schule nach, wie der Heinz Gondlach so wäre, „wessen sich die Volksgemeinschaft von dem Gefangenen zu versehen hat und inwiefern es möglich ist, ihn zu einer inneren Haltung zu lenken, die den Anforderungen der Volksgemeinschaft entspricht“.
Er sollte also „gelenkt“ werden, das ist milde ausgedrückt – er sollte solange geschliffen werden, bis er in der Volksgemeinschaft prima funktionierte.
Er sollte endlich Gefolgschaft lernen. Diese Volksgemeinschaft funktionierte nämlich nur durch unbedingte, bedingungslose Gefolgschaft.

Mit 19 kam er aus dem Gefängnis und wurde als Soldat mehrfach verwundet.. Funktionierte er auch nicht als Soldat? Schließlich floh er aus dem Lazarett in Bad Harzburg, denn für ihn bestand das Leben nicht aus „Gefolgschaft“. Er wurde aufgegriffen und ausgestoßen. Die Stützen der funktionierenden Volksgemeinschaft sahen am 22. Dezember 1943 abends dabei zu, wie er hingerichtet und die Leiche weggeschafft wurde: ein Richter, ein Arzt, ein Pastor, ein Verwaltungsbeamter, ein Henker.

Woran ist Heinz Gondlach gestorben? Weil er die Gefolgschaft verweigerte.
Ich habe beim Lesen der Dokumente dieser lohnenden und wichtigen Ausstellung, der ich viele Besucher wünsche, wieder die Erkenntnis bei mir vertieft:
Niemals Gefolgschaft, hinter keinem Bischof, keinem Lehrer, keinem Beamten, keinem Industrieboss – niemals ihnen folgen, schon gar nicht im blinden Gehorsam, sondern auf die innere Uhr hören, die einem schon sagt, wie es richtig weitergeht.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu127/ansprachegondlach.htm, Stand: Oktober 2009, dk

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