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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 127 - Oktober 2009


Buchbesprechung

In Balance bleiben

von Eberhard Fincke
(Download als pdf hier)

„Geborgen inmitten der Welt“ ist der Titel des neuen Buches von Dagmar Müller, Psychologin und Theologin in Braun-schweig. Im Untertitel werden „spirituelle Impulse“ angekündigt. Gemeint sind Denkanstöße für ein geistliches Überleben „in der Welt“, wie wir mit dem Johannes-Evangelisten sagen können. Diese Impul-se sind lauter Einzelstudien zu Themen wie Zuflucht, Wege, Gebet, Hingabe, Ver-geben, Loslassen oder Handeln.

Was Dagmar Müller zu solchen Themen zunächst betrachtend sagt, bekommt dann Farbe, weil sie es mit Hinweisen auf das Werk drei verschiedener Menschen veran-schaulicht, die sie gewissermaßen als Zeugen anführt. Es sind bekannte und weniger bekannte Autoren der letzten drei Jahrhunderte, z. B. Paul Gerhardt, Johann Sebastian Bach, Edith Stein, Dietrich Bon-hoeffer; aber auch Eva Bormann, Olav Hansen, Catharine Halkes. Sie alle ver-bindet, dass man sie als Mystikerinnen oder Mystiker verstehen kann. Aber was heißt Mystiker?

Zur Antwort bezieht sich Dagmar Müller u. a. auf Karl Rahner und formuliert: „Men-schen, die den Egoismus zunehmend ü-berwinden zugunsten einer tiefen spirituel-len Verbundenheit mit allen Geschöpfen Gottes.“ (S. 97) Sie denkt dabei an einen gewissermaßen „strukturellen Egoismus“. Leben wir in der westlichen „Welt“, so sind wir als „Verbraucher“ tausendfach in die Mechanismen des Kapitalismus einge-bunden. Da wäre ein Rückzug in die Inner-lichkeit, wie Mystik oft verstanden wird, Selbstbetrug oder Illusion.
Mystikerinnen oder Mystiker, das macht Dagmar Müller in vielen Variationen klar, sind dagegen Menschen, die jene Grat-wanderung versuchen: der Liebe Gottes nachzugehen und zugleich im politisch-gesellschaftlichen Raum verantwortlich zu handeln. Balance ist das Stichwort, mit dem Dagmar Müller im Schlusskapitel selbst das Entscheidende zu fassen sucht. Es gilt das eine mit dem anderen in aller Widersprüchlichkeit zu verbinden, Leib, Seele und Geist (S. 104), oder Hingabe, Loslassen und Handeln.

Deutlich arbeitet Dagmar Müller an einer Sprache, die kirchliche oder fromme Vo-kabeln vermeidet. Jede und jeder soll un-abhängig vom kulturellen Hintergrund ver-stehen können, dass es beim christlichen Glauben um die eine Wirklichkeit geht, der alle gleichermaßen ausgesetzt sind. Und doch wird diese Wirklichkeit verschieden wahrgenommen. „In der Welt, aber nicht von der Welt“, sagt das Johannes-Evangelium. Ähnlich kommt dann Dagmar Müller dazu, von der „göttlichen Wirklich-keit“ zu sprechen.
Ist das eine zweite, jenseitige Welt? Ja und nein. Dagmar Müller kann durchaus sagen, wir seien „Bürger zweier Welten“ (81), wenn sie den Erfahrungen des Lei-dens nachgeht. Aber das ist nicht wie eine doppelte Staatsbürgerschaft zu verstehen. Eher kann man an eine Drehtür denken, die sich hinter einem schließt, wenn man hindurchgeht. So befindet man sich immer nur in einer Welt bzw. Wirklichkeit. Oder es ist wie bei einem changierenden Bild. Je nachdem, von welcher Seite man schaut, erscheint ein ganz anderer An-blick. Immer wieder wechselt so bei der Lektüre dieses Buches die Perspektive auf dasselbe und schärft den Blick für das, worum es beim Glauben geht.

Eberhard Fincke
Dagmar Müller,
Geborgen inmitten der Welt.
Spirituelle Impulse
Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2009




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu127/balance.htm, Stand: Oktober 2009, dk

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