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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 127 - Oktober 2009


10 Jahre Churchmail.BS-Mailingliste in der Landeskirche
1999 bis 2009

von Eckhard Etzold
(Download als pdf hier)

Neben den konventionellen Formen von Information und Kommunikation in unserer Landeskirche haben sich in der Vergangenheit auch alternative Plattformen des Austauschs und der Diskussion entwickelt, die inzwischen über viele Jahre hinweg rein ehrenamtlich verantwortet und realisiert werden. „Kirche von unten“ gibt es schon über 25 Jahre, und in diesem Jahr gibt es die Churchmail.BS-Liste seit 10 Jahren. Am 12. September 1999 ging die erste reguläre Email über diese Mailingliste. Seit dem hat sich die Liste stetig und kontinuierlich entwickelt, obwohl sie von Beginn an immer wieder totgesagt wurde.

Die Churchmail.BS-Liste ist zunächst nichts anderes als ein rein technischer Emailverteiler. Wer Mitglied ist, kann eine Email an den Mailserver schicken, die dann automatisch vervielfältigt und an alle anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschickt wird. Eine Moderation der Teilnehmerbeiträge gibt es nicht. Kay Wischkony aus Braunschweig stellt seit 10 Jahren den Server und ist daneben zuständig für alle Fragen des technischen Betriebs sowie für die reibungslose Funktion des Emailverkehrs. Eckhard Etzold als Listenkeeper sorgt für die Einbindung und Abmeldung von Mitgliedern und pflegt das Mitgliederverzeichnis.

Es gibt in dieser Liste keine Redaktion oder keinen „Autor“ wie bei einer Zeitschrift oder einer Pressestelle, der sozusagen die anderen „bedient“ oder „beliefert“. Das führt immer wieder zu Missverständnissen, wenn tagelange Pausen zwischen den Beiträgen entstehen. Dann fragen Mitglieder: „Bin ich vielleicht aus der Liste ohne mein Wissen ausgeschlossen worden? Stimmt was mit dem Mailserver nicht?“
„Nein“, sage ich da in der Regel, „es liegt daran, weil SIE nichts geschrieben haben.“

Jeder ist nämlich Autor und Empfänger und erwirbt sich in dieser Gemeinschaft (k)einen Namen durch das, was er schreibt oder auch unterlässt, und nicht durch sein Amt oder seine kirchliche Funktion. Bis Anfang 2000 waren alle Teilnehmer zugleich auch Autoren oder „Poster“. Ab 2001 wuchs der Anteil der „Lurker“, jener Teilnehmer, die nur still mitlesen, aber nichts von sich preisgeben. Heute macht der Anteil der Lurker ca. eine gute Hälfte bis zwei Drittel aller Listenmitglieder aus, ein Schnitt, der auch in anderen Mailinglisten beobachtet wird.(1) Die Gefahr ist deutlich: Wenn jeder nur Lurker sein will, bestens informiert sein möchte und darauf wartet, dass der Andere etwas schreibt und von sich preisgibt, aber selbst nichts beisteuern will, dann passiert halt nichts, dann ist das Gespräch gestorben. Und so gehört es allein schon zur Netiquette, sich in einer Mailingliste zu Wort zu melden.

Als die Churchmail.BS-Liste 1999 eingerichtet wurde, war sie ein komplett neues Medium, das es so in unserer Landeskirche vorher noch nie gab. Alle anderen Medien wie Fernsehen, Rundfunk und Presse sind Medien ohne einen ausgeprägten Rückkanal, in denen der Inhalt vom Sender bzw. von einer Redaktion vorgegeben und verbreitet wird. Rückmeldungen auf die verbreiteten Inhalte geschehen - wenn überhaupt - selten, verzögert und gefiltert.

Die Churchmail.BS-Liste stellt demgegenüber ein neues interaktives Medium mit einem Rückkanal dar, das ausschließlich von den Beiträgen derer, die teilnehmen und von den Rückmeldungen darauf lebt. Neu war nun, dass es auf jeden Beitrag sofort eine direkte, ungefilterte und unzensierte Rückmeldung geben kann. Das hat es bis dahin in dieser direkten Form und lokal nicht begrenzt so noch nicht gegeben, obwohl natürlich jeder, der einen Beitrag für andere erstellt, auch hofft, dass er „ankommt“.

Pfarrerinnen und Pfarrer sind auch darin geschult, Print-Medien und Hörfunk mit Inhalten zu bedienen. Sie sind es allerdings überhaupt nicht gewohnt, direkte Rückmeldungen auf ihre Inhalte zu bekommen und damit umzugehen, obwohl sie sich ja genau dieses wünschen. Auch wo sie z.B. in der Presse erscheinen, nehmen sie in der Regel den Beitrag über sich selbst zur Kenntnis, aber sie bekommen in der Regel nicht mit, was dieser Beitrag im Kopf derjenigen auslöst, die ihn lesen.

In der Churchmail.BS-Liste ist das anders. So hat die Churchmail.BS-Liste zunächst bei vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Entsetzen ausgelöst, als erkennbar wurde, welche kommunikativen Defizite selbst bei scheinbaren „Kommunikationsprofis“ vorhanden sind, die sich plötzlich mit Rückmeldungen konfrontiert sahen, mit denen sie nicht gerechnet hatten oder auch nicht angemessen umgehen konnten.

Der Email fehlt einerseits die Verbindlichkeit des Schriftlichen und des Briefverkehrs, sie ist aber auch nicht so flüchtig wie mündliche Äußerungen. Die Liste machte das „Gespräch am Rande“ der Landeskirche, das es schon immer gab, unter Kollegen und auf Pfarrkonventen, in Gremien und bei Sitzungen, erstmals in dieser Form transparent, sichtbar, und damit wurden auch die Schattenseiten der landeskirchlichen Kommunikation erkennbar, die nach einer Bearbeitung und Umgestaltung verlangen.

Was ist Thema in der Liste? In der Regel nicht das, was von der Pressestelle oder Zeitung zum Thema gemacht wird oder von der Kirchenleitung gewünscht wird, sondern ausschließlich das, was einen interessiert, was jemanden dazu bewegt, sich hinzusetzen und sich dessen anzunehmen. Und dazwischen klaffen mitunter Welten. Wenn z.B. in der Weihnachtszeit Pfarrer lieber über rosa Badezimmerfliesen im Pfarrhaus diskutieren als über das freudige Ereignis der Geburt des Gottessohnes. Oder wenn der unmögliche „Prediger von Braunschweig“ aus der Fußgängerzone Klaas Hoffmeister fordert, dass Frauen wieder Hosen tragen und mit seinen Höllenpredigten lebhaftere Reaktionen in der Liste auslöst als das im Internet einsehbare kräftig subventionierte Programm des Braunschweiger Doms.

Pathos und Ehrfurcht werden zwar immer wieder kräftig und künstlich öffentlich inszeniert. Doch wo ein „Kaiser in neuen Kleidern“ auftritt, findet sich hier immer ein kindlicher Mensch, der im Sinne des Andersonschen Märchens ausruft: Der Kaiser ist nackt. In der Gruppendynamik dieser Liste wird das Jesuswort aus Matthäus 20,16 („... so werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten...“) auch in seiner anarchischen und kirchenkritischen Bedeutung immer wieder anschaulich.

Außenstehende, die die Liste nur vom Hörensagen kannten, rümpften bald die Nase und sprachen von „der“ bösen „Churchmail“, ohne dabei zu realisieren, dass die Liste selbst gar nicht böse sein kann, sondern allenfalls die Mitglieder, die überraschendes, immer wieder auch ungehöriges Verhalten und Platzhirschgebahren an den Tag legten. Wenn jeder sich als kleiner (?) Martin Luther sieht, der allein nur die Welt verbessern kann, müssen die anderen nur in Ehrfurcht zu ihm aufschauen. Was in hervorgehobener Position funktionieren mag, wurde hier schnell in seiner Hohl- und Haltlosigkeit durchschaut. Narzismus wird in einem solchen Medium nur in den seltensten Fällen bedient.

Aber auch fehlende Wertschätzung für das Bemühen des Einzelnen, der durch seine Beiträge etwas von sich preisgibt und andere teilhaben lässt, führt zum Rückzug und zur Verarmung. In einer Landeskirche, wo jeder sich als Kritiker der anderen empfindet, kann es keine Produktivität und keinen Fortschritt geben. Menschen nach dem Vorbild vieler Gleichnisse Jesu, die etwas riskieren und Lust auf das Unbekannte haben, scheinen in der Kirche unterrepräsentiert zu sein. Die Churchmail.BS-Liste bringt das auch an den Tag. Liegt das am sicheren Beamtenstatus so vieler Kirchenleute? Zunehmend wurde deutlich, dass die kirchliche Mitarbeiterschaft gegenüber vielen weltlichen Mailinglisten und interaktiven Gemeinschaften einen deutlich erkennbaren Nachholbedarf hat. Ein Nachholbedarf, der auch im Interesse des kirchlichen Auftrags liegt, der Verkündigung des Evangeliums. Auf Glasnost muss die Perestroika folgen!

Das Ertragen-Können von direkten Rückmeldungen, das Entwickeln nichthierarchischer Umgangsformen und kommunikative Kompetenz bleiben auch heute noch, nach zehn Jahren Churchmail.BS-Liste, eine Herausforderung. Und zwar nicht nur für das christliche Miteinander, sondern zunehmend auch für die Zukunft der Kirche. Insofern nimmt diese Mailingliste neben den anderen Formen der Mitbestimmung und –gestaltung schon eine wichtige Schlüsselfunktion ein bei der Frage, wie die Kirche der Zukunft aussehen wird.

Und umgekehrt sind auch bis heute noch nicht die Potenziale, die in diesem neuen Medium liegen, wirklich ausgeschöpft. Sich gegenseitig die Arbeit leichter machen durch Einander-Teilhaben-Lassen, Austausch von guten Predigtideen und Modellen für die Gemeindearbeit – abseits von dem, was „offiziell“ propagiert wird, all das wird nur von wenigen Einzelnen praktiziert, und dabei hätte fast jeder, der Mitglied ist, durch seine Ausbildung die Fähigkeiten dazu. Aber falsche Scham, unterschwellige Geltungssucht und das bevorzugte Bewegen in scheinbar „sicheren Gefilden“ verhindern einen wirklichen Fortschritt.

In dieser Liste ist eine Kompetenz versammelt, die auch behördlichem Planen, Reflektieren und Projektieren zugute kommen kann. Aber auch die Kirchenleitung macht sie sich nicht nutzbar. Viele andere weltliche interaktive Plattformen sind da unserer Landeskirche um Lichtjahre voraus: „...denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.“ (Lk 16,8)

Ein solcher Rückblick wäre unvollständig ohne ein paar Daten. Daher habe ich eine kleine Übersicht über die Entwicklung der Liste in den letzten zehn Jahren erstellt:

Die Mitgliederzahlen in der Liste haben sich wie folgt entwickelt:

Dezember 1999: 14 Mitglieder
September 2000: 27 Mitglieder
Januar 2001: 63 Mitglieder
Januar 2002: 91 Mitglieder
Januar 2003: 122 Mitglieder
August 2006: 124 Mitglieder
Dezember 2007: 137 Mitglieder
Januar 2009: 144 Mitglieder

Zum Jahresbeginn zähle ich immer wieder durch, wieviele Emails pro Jahr über die Liste gingen, verbunden mit der Anzahl der verschiedenen Autoren pro Jahr:

Jahr - Emails - Poster
1999 - 93 - 8
2000 - 454 - 31
2001 - 826 - 46
2002 - 1200 - 71
2003 - 1191 - 69
2004 - 704 - 64
2005 - 532 - 54
2006 - 877 - 60
2007 - 927 - 64
2008 - 755 - 66


(1) Siehe Christian Stegbauer, Alexander Rausch: Die schweigende Mehrheit – "Lurker" in internetbasierten Diskussionsforen. In: Zeitschrift für Soziologie. 1/30/ 2001, S. 47–64, sowie Robert Mayer-Uellner: Das Schweigen der Lurker. Politische Partizipation und soziale Kontrolle in Online-Diskussionsforen. München: Fischer 2003 (Internet research 8), ISBN 3-88927-325-4.



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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu127/churchmail.htm, Stand: Oktober 2009, dk

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