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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 127 - Oktober 2009
Sonderteil "Die Wiedervereinigung im Spiegel von Kirche von Unten"
Texte von November 1989 - November 1990


Einheit der Deutschen, ein Trauma

von Eberhard Fincke
Dezember 1989
(Download als pdf hier)

Kaum war die Mauer durchbrochen, da ging es los, das Reden von Wiedervereinigung. Als ob. es nichts dringenderes gäbe. Inzwischen hat .die Beschwörung der Einheit der Deutschen so um sich gegriffen, daß sich praktisch keine Partei dem entziehen kann, wenn sie noch Chancen haben will bei den nächsten Wahlen in West wie in Ost. Das ist bedrückend.

Jedesmal, wenn die Deutschen sich als Nation entdecken, gibt es Unglück. Andere Völker haben es leichter. "Nation" - das heißt bei den anderen: ein Volk entdeckt sich als Volk - aufgrund gemeinsamer Sprache und Kultur - und verlangt für sich, für das Volk, Freiheit und Recht. Konkret bedeutete dies: Befreiung von. Fremdherrschaft. Das Volk will die Macht, sich selbst zu bestimmen, das heißt "Demo-Kratie" (Demos = Volk, Kratie = Herrschaft). Wenn ein Volk im nationalen Aufbruch voranging, wollte es somit nicht nur die Herrschaft der. fremden Herren abschütteln, sondern überhaupt die Herren. Nation und Demokratie gehörten also zusammen.

Nicht nur das. Im 19. Jahrhundert begriffen immer mehr Menschen, das demokratische Freiheit ohne soziale Gerechtigkeit nicht zu haben, ist. Zur politischen Freiheit gehört. auch die ökonomische Gerechtigkeit. Wenn statt der Führer die Reichen bestimmen, was ist dann gewonnen? So verband sich mit dem Begriff .der Nation nicht nur die Forderung nach Demokratie sondern auch die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit. Im 20. Jahrhundert kehrt diese Erkenntnis wieder in den nationalen Befreiungskämpfen der Länder in der Dritten Welt.

Nicht so bei den Deutschen. In Deutschland bemächtigten sich die Könige und Fürsten der Nation. Sie benutzten die Idee, um 1871 ein Kaiserreich zu schaffen, gegen die Demokraten. Nicht mehr Freiheit und Demokratie waren das Ziel, sondern die Einheit eines Staates, eines undemokratischen Staates.
Dieser einheitliche Staat war die Sehnsucht der deutschen Demokraten gewesen. Sie hatten sich gewünscht, daß das deutsche Volk sich zusammentun möge, um gemeinsam Gerechtigkeit und Freiheit zu erkämpfen. Für diese Einheit hatten viele vergeblich gelitten, ja ihr Leben verloren. Am Feuer dieser Leidenschaft haben dann ganz andere ihre Suppe gekocht. Die große Bereitschaft, für die Einheit der Deutschen einzutreten, wurde dann dazu benutzt, um ein Reich zu schaffen, indem große Wirtschaftseinheiten entstanden. Diese erlaubten es, Macht und Kapital zusammenzuballen für Rüstung und neue Herrschaft. Aus der Freiheit des Volkes war die Freiheit des Unternehmers geworden, aus der Gerechtigkeit war das Recht auch des Deutschen Reiches, zum Beispiel auf Kolonien.

1933 setzte Hitler noch eins drauf. In anderen Ländern waren "National-Sozialisten" wirklich Sozialisten und Demokraten. Hitler war sowohl gegen Demokratie wie gegen Sozialismus. Aber als "National-Sozialist" konnte er die Deutschen, an ihrer wunden Stelle packen: An der Meinung, das Wohlergehen der Deutschen hinge davon ab, dass sie einen Staat bilden. Unfreiheiten und Ungerechtigkeiten sind auf die Nachbarn zurückzuführen.
Auf dem Wege zur nationalen Einheit in einem großdeutschen Reich mit einer bis dahin ungekannten Rüstungsmacht hat das deutsche Volk alles verloren, Freiheit und Gerechtigkeit.

Inzwischen ist den Deutschen in der Bundesrepublik die Demokratie geschenkt worden. Es fehlt jedoch an sozialer Gerechtigkeit. In der Deutschen Demokratischen Republik schaffte die sowjetische Besatzung die reichen Herren ab. Aber es fehlte die demokratische Freiheit. Ein kleines Stück sind wir also auf deutschem Boden vor-angekommen. Die Einheit ging dabei verloren.

Nun ist die Mauer gefallen. Das Volk der DDR hat sich erneut entdeckt. Hat sich zum ersten Mal in der deutschen Geschichte die Freiheit selbst mit Erfolg genommen. "Wir sind das Volk!". Jetzt gibt es dort Demokratie - und keine reichen Herren. Endlich ist in einem Teil von Deutschland beides möglich: Freiheit und soziale Gerechtigkeit.
Mit einem Mal ist die DDR der Bundesrepublik weit voraus, wenn - ja wenn die Deutschen eine Nation wären wie die anderen. Wenn sie wüßten, was sie als Nation wollen. Dann würden die nationalbewußten Deutschen hüben und drüben versuchen, daß nunmehr in der DDR endlich erreichte zu schützen und zu sichern, Freiheit und Gerechtigkeit.
Aber wir sind in Deutschland. Dort ist Nation nicht mit, Freiheit und Gerechtigkeit, sondern mit Einheit gekoppelt. Die das Wort Nation im Munde führen, haben nicht die Freiheit im Sinn und auch nicht die Gerechtigkeit, sondern das Geschäft. Die staatliche Einheit von Bundesrepublik und DDR würde all die Möglichkeiten verschütten, die in der DDR jetzt gegeben sind für den Aufbau einer Wirtschaft und Gesellschaft, die nicht die Lebensvoraussetzungen der kommenden Generationen verpraßt.

Wird nun erneut jener Taschenspielertrick gelingen, mit dem die Deutschen bisher schon zweimal um ihren Freiheitskampf betrogen wurden? Raffiniert stellte Bundeskanzler Kohl am 11.Dezember 1989 auf dem kleinen Parteitag der CDU in Berlin die Begriffe Einheit und Freiheit ins Zentrum. Den Begriff Gerechtigkeit läßt er dagegen weg. Er weiß, warum. Unter dem Fanal von Einheit und Freiheit werden die Deutschen genau den einheitlichen Staat errichten, den das Kapital sich wünscht. "Freie Fahrt für freie Bürger!". Der Automarkt in der DDR ist zum Beispiel eine groß-artige Zukunftsinvestition.
Schon traut sich die SPD nicht mehr recht, die es doch besser weiß, mit dem Begriff Gerechtigkeit könnte sie ein klares Kontrastprogramm anbieten. Ohne Gerechtigkeit gibt es Freiheit nur für die oberen Zehntausend. Sie könnte so für Gegeninformationen sorgen. Aber der Nebel ist bereits zu dick. Auch Hans-Jochen Vogel redet am gleichen Tage, bei dem Stichwort "Nation" von der Einheit. Wer wie. Lafontaine auch _nur laut über Zweistaatlichkeit nachdenkt, ist bereits ein "vaterlandsloser Geselle"_ Dietrich Kuessner wird von der CDU gar als "Verfassungsfeind" angeprangert, weil er die DDR vor der Vereinnahmung bewahren will.

Die Deutschen wollen sich wieder zusammentun, ohne zu sagen, zu welchem Ziel. Das Ziel wird gesetzt von denen, die das Geld haben. Sie haben die Macht im Auge, nicht Freiheit und Gerechtigkeit. Mögen sich doch viele Deutsche finden, die das durchschauen. Mögen sich doch viele Deutsche zusammen tun als Nation im Sinne unserer Nachbarvölker, das heißt mit dem Ziel, gemeinsam für Freiheit und Gerechtigkeit einzutreten.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu127/deutscheeinheit.htm, Stand: Oktober 2009, dk

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