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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 127 - Oktober 2009


Kassandra hat geirrt

von Herbert Erchinger
(Download als pdf hier)

Die alttestamentlichen Propheten Amos, Jesaja und Jeremia waren zu Lebzeiten ungeliebt. Sie galten als Stinkstiefel und nervten mit ihren Katastrophenwarnungen. Erst im nachhinein – nach der Zerstörung Jerusalems (587 vor Chr)- kamen sie zu Anerkennung und Kanonisierung.

Warner und Bedenkenträger sind wichtige Zeugen in der Glaubenstradition. Sie halten Einsamkeit und Anfeindung aus. Aber sie haben nicht immer recht.

Mit Bewegung lese ich die alten KvU Hefte (41-45) der Wendezeit 1989/90. In polternder Prophetenpose warnen meine Mitherausgeber vor den Gefahren der Wiedervereinigung und der Gefahr eines „Vierten. Reiches“. Da wird die Braunschweiger Zeitung in ihrer Wendebegeisterung als „Völkischer Beobachter“ diffamiert. Es wird die Anerkennung der Grenzen der DDR gefordert und die Sorge geäußert, die DDR könnte sogar zerstört werden. O weh! Die Einheit der Nation bedeute in Deutschland aus geschichtlicher Erfahrung nicht Gerechtigeit, Frieden und Freiheit, sondern Geschäft, Machtmissbrauch und Rüstung.

Diese Befürchtungen, die ehemalige DDR könnte das Opfer rücksichtsloser Geschäftemacherei werden und ein neuer Nationalismus könne die friedliche Entwicklung gefährden, waren durchaus verständlich. Wenn alle begeistert sind, müssen Christen kühlen Kopf bewahren und nüchtern auch die Gefahren sehen . Das Trauma von 1914 und 1933 sitzt tief. „Etsi omnes, ego non“

Und doch können wir heute im nachhinein sehen, dass die Vereinigung sich positiver entwickelte als befürchtet. Kassandra hat diesmal geirrt. Die Warner übersahen, dass die deutsche Vereinigung kein vorrangig nationales oder gar nationalistisches Projekt war, sondern völlig eingebettet in die Erweiterung der Europäischen Union. Auch übersahen die Bedenkenträger, dass die DDR wirtschaftlich, politisch und menschenrechtlich in keinster Weise überlebensfähig war. Da war kein Sozialismus zu verteidigen. Die Aufhebung der Spaltung Europas war überfällig. Ein Rückfall in nationalistische Politikmuster ist im Wesentlichen nicht erfolgt. Auch die Gefahr einer rücksichtslosen wirtschaftlichen Ausbeutung der neuen Länder hat sich im Ganzen nicht bestätigt. Natürlich hat es Geschäftemacher und Profiteure gegeben. Auch hat die Treuhand schwere Fehler gemacht. Aber angesichts der völlig desolaten und abgewirtschafteten Situation „drüben“ ist die Entwicklung erstaunlich gut gelaufen. Die juristische Aufarbeitung des DDR- Unrechts ist mit Augenmaß erfolgt. Der Aufbau einer parlamentarischen Demokratie in den neuen Ländern hat sich positiv entwickelt. Beklagenswert ist die Stärke rechtsradikaler Parteien. Aber sie werden entschlossen bekämpft.

Auch die Befürchtung, der Westen würde sich durch die Vereinigung hemmungslos bereichern, ist so nicht eingetreten. Im Gegenteil: Milliarden wurden investiert. Heute ist die Infrastruktur drüben in vielen Bereichen moderner und besser als hier. Der Soli, der übrigens drüben auch gezahlt wird, hat durchaus Wirkung gezeigt. Industrielle Kerne sind erhalten und sogar erweitert worden.

Am meisten bedrückt mich die immer noch starke Abwanderung der Menschen aus den neuen Ländern. So hat eine Stadt wie Halle seit der Wende 100000Einwohner verloren. Große Gebiete in Brandenburg oder der Uckermark sind fast entvölkert. Doch Freizügigkeit ist eben ein –lange genug entbehrtes- BürgerrechtAber noch mehr schmerzt mich die Situation der Kirchen in der ehemaligen DDR. Sie haben einen wesentlichen Beitrag zum Zusammenhalt der Menschen in der Zeit des Kalten Krieges geleistet und beim Aufbau der Bürgerbewegung. Sie waren lange der einzige staatsfreie Raum. Das hat man den Kirchen nicht gedankt. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann geh´n.“ Der Atheismus ist der einzige Bereich, wo Walter Ulbricht nachhaltig gesiegt hat. Die Jugendweihe boomt. Vierzig Jahre Traditionsabbruch bleiben nicht ohne Folgen.

Umso erstaunlicher ist es da, mit welcher Mühe, Liebe und gewaltigen Kosten die Kirchen drüben wieder renoviert werden, obwohl sie oft in bejammernswertem Zustand, ja oft abrissreif waren. Ich habe die Hoffnung, dass diese spirituellen Räume eine Hilfe sein können zur Entstehung neuen religiösen und kirchlichen Lebens. Gott kann auch Steine zum Leben erwecken.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu127/kassandra.htm, Stand: Oktober 2009, dk

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