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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten
Extrablatt - Mai 2009
zum 75sten Geburtstag von Dietrich Kuessner


Der Historiker Dietrich Kuessner

von Hans-Ulrich Ludewig
(Download als pdf hier)

Dietrich Kuessner habe ich zum ersten Mal im Frühjahr 1980 erlebt. Er sprach im völlig überfüllten Saal des Städtischen Museums im Rahmen der Vortragsreihe "Braunschweig unterm Hakenkreuz". Sein Thema: Die Braunschweigische Landeskirche und der Nationalsozialismus. Dieses Thema hat ihn bis heute beschäftigt, umgetrieben. Der Vortrag damals - ich erinnere mich recht gut - war für ein historisches Thema ungemein fesselnd, pointiert, zuweilen polemisch formuliert. Gar nicht einverstanden war ich mit seiner Grundthese, der Hitlerstaat präsentiere sich als christliche Diktatur. Für mich, und das entsprach auch dem Forschungsstand, waren die Kirchen Widersacher des Nationalsozialismus. Heute, dreißig Jahre später, wird das Verhältnis zwischen Kirchen und NS-Staat viel kritischer gesehen. Kuessner hatte 1980 die richtigen Fragen gestellt. Scheinbar gesicherte Erkenntnisse aufzubrechen, unkonventionelle Fragen zu stellen, das scheint mir charakteristisch für Kuessners historisches Arbeiten zu sein. Jüngst war es zu beobachten bei der Diskussion um die Novemberrevolution 1918 in Braunschweig. als er lang gepflegte Revolutionsmythen in Frage stellte. Seine hierzu verfassten beiden Aufsätze, die in einem vor kurzen erschienenen Sammelband abgedruckt sind ("Von der Monarchie zur Demokratie"), zeigen eine weitere Stärke seiner historischen Arbeit: Er liest schon bekannte Quellen neu und er wertet Quellen aus, die vorher niemand für lesenswert gehalten; Tageszeitungen zum Beispiel, und er entnimmt sogar dem Staatshaushalt erstaunliche Informationen. Er verlässt ausgetretene Pfade, wenn er die auf die Stadt Braunschweig zentrierte Betrachtung kritisiert und auf ganz andere Entwicklungen draußen auf dem Land, in den Dörfern und Kleinstädten verweist.
Die Arbeiten Kuessners zur Braunschweiger Landeskirche in der NS-Zeit waren Pionierarbeiten. Er hat das spannungsreiche Verhältnis von Staat, Kirche und Gesellschaft in der Weimarer Republik beschrieben. Zu einzelnen Personen der Landeskirche, zu Bischof Johnsen und Bischof Bernewitz, zu Pastor Schlott, zu Ottmar Palmer und der Bekennenden Kirche (welch reichhaltiges Quellenmaterial enthält diese Publikation!) liegen wichtige Untersuchungen vor. Eine faszinierende Momentaufnahme des politisch-ideologischen Denkens der Braunschweiger Pfarrerschaft im Jahr 1931 gibt Kuessners Analyse vonTexten, welche die Pfarrer zum Thema "Kirche und völkische Bewegung" beim Landeskirchenamt einreichen mussten; der Aufsatz ist 2005 in der Festschrift für Klaus Erich Pollmann erschienen. Kuessner war einer der ersten, welcher die Vorgänge in Braunschweig während der Pogromnacht 1938 thematisierte.

Unser gemeinsames Arbeiten geht auf die frühen neunziger Jahre zurück. Bei einem Aufenthalt im Staatsarchiv Wolfenbüttel stellten wir fest, dass wir uns mit demselben Thema beschäftigten, dem Sondergericht Braunschweig. Wir beschlossen, uns gemeinsam an die Arbeit zu machen. Wir teilten die Bereiche auf, trafen uns regelmäßig zu Diskussionen, fuhren zusammen ins Bundesarchiv nach Koblenz. Zehn Jahre haben wir an diesem Projekt gearbeitet, unterbrochen immer wieder von längeren Pausen. Im Jahr 2000 ist das Buch erschienen. Uns beiden wurde es zu einer Herzensangelegenheit; für mich wurde es das wichtigste Buch in meinem Historikerleben. In den neunziger Jahren erlebte ich Dietrich Kuessner bei vielen Sitzungen in der von der Landeskirche eingesetzten "Kommission für kirchliche Zeitgeschichte" unter der Leitung von Klaus Erich Pollmann. Sie hat in zwei Bänden den schwierigen Weg der Braunschweiger Landeskirche nach 1945 erarbeitet und publiziert; leider ist die Arbeit der Kommission nicht fortgesetzt worden.
Es ist Dietrich Kuessner zu verdanken, wenn die Braunschweiger Kirchengeschichte zu den am besten erforschten Bereichen der hiesigen Landesgeschichte zählt. Kirchengeschichte übrigens versteht Kuessner als umfassend, ist für ihn immer auch politische Geschichte, Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Ideengeschichte, Mentalitätsgeschichte.
Treffen wir uns hin und wieder, denken wir auch über ein neues gemeinsames Projekt nach. Wir sollten, so seine hartnäckig vorgebrachte Anregung, ein lesbares Buch über die Geschichte des Nationalsozialismus in dieser Region schreiben, über seine Anfänge, seinen Aufstieg, die Jahre an der Macht und nicht zuletzt über sein Nachwirken; Vorarbeiten dazu hätten wir beide doch genug geleistet. Hier zeigt sich, dass bei aller Vielfalt seiner Publikationen und Vorträge das eigentliche Thema des Historikers Dietrich Kuessner ist und bleibt: die Deutschen und der Nationalsozialismus.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvuExtrablatt/ludewig.htm, Stand: Mai 2009, kd

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