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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 127 - Oktober 2009


Das Missverständnis, Jesus sei für unsere Sünden gestorben

von Eberhard Fincke
(Download als pdf hier)

Lieber Freund,
Du fragst, wie konnte es nur zu der Vorstellung kommen von einem Gott, der Sühne verlangt, Strafen verhängt und auf diese Weise den Menschen zum „Guten“, zur Liebe bringen will? Wo kommt dieser Sühnegedanke her, diese Konstruktion, dass Jesus als Sühnopfer gesehen wird? Worin ist die Suche nach einem gnädigen, versöhnten Gott begründet? Gilt es nicht vielmehr, gegen alles das der bedin-gungslosen Liebe zu vertrauen?

Tatsächlich, die Rede vom Opfertod Jesu, er sei für unsere Sünden gestorben, scheint wie-der zuzunehmen. Gerade gestern habe ich eine Radioandacht gehört, in der eine Pastorin die Zeile
„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab...“
entsprechend auslegte. Immerhin fügte sie hinzu, nach menschlichen Maßstäben könne man das nicht verstehen. So haben es die Christen seit Jahrhunderten mehr oder weniger zu hören bekommen und brav geschluckt, aber auch manche Bauchkrämpfe davon bekom-men. Das ist kein Wunder; denn in diesem Gebräu wurde Mehreres zusammengemengt, was nicht zusammengehört und sich nicht verträgt, zum Beispiel Sühne und Strafe, Liebe und Opfer.

Mit dem Widersinn des Opfers haben sich schon die Propheten des AT herumgeschla-gen. Doch jenes unverdauliche Gebräu ist erst im Christentum entstanden, als nach und nach griechisch denkende Menschen den Glauben des Juden Jesus übernahmen. Schon der früheste christliche Autor, der Jude Paulus, hat seine berühmten Briefe griechisch abgefasst. Und die Gemeinden, zwischen denen er sich bewegte, lagen vorwiegend in der griechisch sprechenden Welt, in Kleinasien und Griechen-land.


Sühne ist der Gegensatz von Strafe

Wenn er von Gott sprach oder zu ihm betete, meinte der Jude Jesus eine partnerschaftliche Beziehung, wie sie in der Bibel, dem AT, oft im Bild des „Bundes“ oder der „Ehe“ zum Aus-druck kommt, vergleichbar dem Verhältnis zum Vater oder einem Freund. Die Distanz zu Gott wird dabei gewahrt, indem man den Namen Gottes „heiligt“ bzw. verschweigt.

Entsprechend ist ein „Sohn Gottes“ im Juden-tum kein Gott, sondern ein Mensch, der in jener vertrauten Beziehung zu Gott lebt (Rö-mer 8, 14). Darum steht im Zentrum des Glau-bens, wie Jesus ihn in der Nachfolge der Pro-pheten versteht, die Liebe. Liebe geht auf in Gegenseitigkeit, Erwiderung, verträgt sich nicht mit oben – unten. Ist die gegenseitige Liebe gestört, so verlangt sie nach Versöhnung, und die wiederum kann nur zustande kommen durch „Sühne“, d. h. den ersten Schritt, den eine Seite tut, indem sie entgegenkommt bzw. Wiedergutmachung anbietet. So versteht die bekannte „Aktion Sühnezeichen“ ihren Namen.


Die Umkehrung des Opfer-Begriffs

Der Sache nach ist auch das „Opfer“ ursprüng-lich nichts anderes als eine solche entgegen-kommende Gabe bzw. eine Gegengabe zum Zeichen der Versöhnung und des Dankes. Nur so war Frieden erreichbar, wo es keine höhere Macht gab, also auch Gott noch nicht als Herr-scher gedacht werden konnte, der Frieden befiehlt. Seit jedoch Herrschaft ausgeübt wird durch Könige, Priester und heute durch staatli-che Institutionen, stellt man sich auch Gott als Macht von oben vor, die straft und begnadigt. Dabei haben sich die Gaben in „Abgaben“ verwandelt, in Opfer, die man bringt, nicht aus Liebe, sondern weil man dazu von oben mehr oder weniger verpflichtet ist. Und Opfer sind seitdem Verlust.

Diese Verkehrung hat die Propheten des AT zu ihrer bekannten Kritik des Opfers provoziert. Opfer und Liebe, ursprünglich identisch, sind in einen Gegensatz zueinander geraten.
Zwei Mal berichtet Matthäus (9, 13; 12, 7), wie Jesus seine Zuhörer auffordert, sich den Sinn des Gottesspruches Hosea 6, 6 klar zu ma-chen,
„Liebe will ich und nicht Opfer“.


Paulus wird missverstanden

Genau das will nun auch Paulus sagen: es ist Liebe, dass Gott den Menschen Jesus, seinen Sohn, den Prediger der Liebe, gesandt hat. Das Ziel ist die Versöhnung, und Jesus ist sozusagen Gottes erster Schritt dazu (II. Korin-ther 5, 18-21).
Doch dieser Jesus war ja nun wirklich zum Opfer staatlich-religiöser Gewalt geworden. Und um diesen schlimmen Tod überhaupt zu deuten, hatten die jüdischen ersten Christen in Tora, Psalm und Propheten nach Hinweisen gesucht und z. B. in Jesaja 53 die Sätze über den leidenden Gottesknecht gefunden, der „unsere Krankheit trug, durchbohrt um unserer Sünden willen.“ Solche Deutungen hat Paulus wahrscheinlich gekannt, und er verwendet in dem Zusammenhang von der Versöhnung sogar das Wort „Sühnopfer“ (Römer 3, 25). Ungewollt hat er damit Tür und Tor geöffnet, den Tod Jesu zu einem Opfer umzudeuten, was seinem Anliegen, die Liebe zu verkünden, widerspricht. Dies konnte umso leichter ge-schehen, weil Gott ohnehin im Griechischen eher ein Herr im Himmel ist und man deswe-gen unter Opfer nur noch eine Leistung verstand, mit der eine Schuld abgetragen wird.


Die Angst vor der Liebe

Warum aber hat sich dieses Missverständnis historisch so breit machen können und warum ist es bis heute so attraktiv? Warum wollen die Christen seitdem ihren Jesus Christus so gern als Sündenbock sehen?
Der Mensch, der staatlicher Herrschaft unter-worfen ist, wünscht sich Freiheit und Sicherheit zugleich und findet beides dort, wo Schuld durch Strafe abgegolten oder durch Gnade erledigt wird. Erst recht ist der Mensch im Ka-pitalismus darauf aus, seine Probleme durch Bezahlung zu lösen. Darum ist es ihm lieber, jemand bezahlt oder hat bezahlt. Liebe dage-gen kann nicht bezahlt sondern nur erwidert werden. Dem möchte man ausweichen, ob-wohl man sich Liebe dringend wünscht.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu127/missverstaendnis.htm, Stand: Oktober 2009, dk

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