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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 127 - Oktober 2009


„Ir hat die erde, er hât daz himelrîche“
Oder: „Fürchtet Gott, ehret den König.“
Predigt im Festgottesdienst zu Pfingsten
Im Braunschweiger „Kaiserjahr“
Am 75. Jahrestag der Barmer Theologischen Erklärung
am 31. Mai 2009

von Pfarrerin Kristina Kühnbaum-Schmidt, St. Petri
(Download als pdf hier)

„Fürchtet Gott, ehret den König!“

Zwischen Gott und dem König recht zu unterscheiden
die Macht Gottes von der Macht der Menschen zu trennen,
das eine nicht für das andere zu missbrauchen,
die Macht Gottes nicht für die Machtgelüste von weltlichen Herrschern,
und politische Macht nicht zu nutzen,
um einen diktatorischen Gottesstatt zu errichten,
das war in der Geschichte des Christentums
von Anfang an ein wichtiges Thema.
„Ist es recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht?“,
fragte man schon Jesus.
Er antwortete: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist,
aber Gott, was Gottes ist.“

Zwischen Gott und dem König recht zu unterscheiden
die Macht Gottes von der Macht der Menschen zu trennen,
das war in der Geschichte des Christentums immer wieder Thema.
Vor allem, weil es nur allzu oft als selbstverständlich angesehen wurde,
dass göttliche und weltliche Macht zusammengingen und zusammengehörten.
Dass die Päpste nicht nur geistliche, sondern sehr weltliche Machtansprüche hatten,
dass der Papst weltlichen Herrschern Macht verlieh oder entzog,
Kaiser- und Königskrönungen vollzog,
das war im Mittelalter selbstredend der Fall,
und niemand hätte gewagt,
das anders zu sehen.
Und ebenso selbstredend ging man auch davon aus,
dass weltliche Herrscher ihre Macht, ihren Einfluss,
ihr Geld und auch ihr Heer einsetzten,
um Interessen der Kirche
und vermeintliche Interessen des christlichen Glauben zu verteidigen.

Als Otto VI. Im Jahr 1212 auf dem Reichstag zu Frankfurt erschien,
da wurde er von dem Minnesänger Walther von der Vogelweide
mit drei Gesängen im sog. „Ottenton“ begrüßt –
Gesänge freilich, die der Kaiser zuvor selbst
bei Walther von der Vogelweide in Auftrag gegeben hatte.
Einer dieser Gesänge, beginnend mit den
mittelhochdeutschen Worten
„Her keiser, ich bin fronebote“
beinhaltete die Aufforderung an den Kaiser,
einen Kreuzzug nach Palästina auszurüsten und zu unternehmen,
um dem Christentums dort die Vorherrschaft zu sichern.
Der ganze Text des Liedes,
übertragen in unser heutiges Deutsch,
lautet so:
„Herr Kaiser, ich bin Bote des Herrn
und bringe Euch Botschaft von Gott.
Ihr herrscht auf der Erde, er im Himmelreich.
Er hieß mich vor Euch Klage zu führen:
Im Land seines Sohnes erhebt sich übermütig
die Heidenschaft, Euch beiden zur Schmach.
Ihr mögt so gut sein und ihm darüber richten:
Sein Sohn, der heißt Christus;
er hat Euch sagen lassen, wie er es vergelten wolle.
Nun lasst ihn sich mit Euch verbünden.
Er verhilft Euch zum Recht, wo er Gerichtsherr ist,
klagtet Ihr auch gegen den Teufel aus der Hölle.“

Dass der Kaiser seine Macht, seine Soldaten einsetzen sollte,
um Interessen der Kirche durchzusetzen,
das galt also als ganz und gar selbstverständlich,
und wollte sich ein Kaiser damals der Gunst des Papstes sicher sein,
dann rüstete er auch zum Kreuzzug.

„Fürchtet Gott, ehret den König!“
Manchmal in der Geschichte des Christentums war es wiederum notwendig,
zwischen der Macht der Menschen und der Macht Gottes zu unterscheiden,
zu trennen zwischen dem, was des Kaisers und was Gottes ist.
Keinem Herrscher steht es zu, über Gott zu befinden.
Als römische Kaiser begannen,
die Christen wegen „Gottlosigkeit“ zu verfolgen,
weil sie nicht ihn und seine Standbilder,
sondern Gott anbeteten,
da widerstanden sie dessen Ansinnen bis in den Tod.
Den Kaiser ehren – ja,
ihn anbeten und fürchten wie Gott – niemals!

Und wieder hunderte Jahre später zog Martin Luther
eine klare Grenze zwischen der weltlichen Obrigkeit und der Kirche.
Er unterscheidet zwei „Regimente“,
also Regierweisen Gottes.
Das eine Regiment, so Martin Luther, macht fromm,
das andere schafft äußerlich Frieden und wehrt bösen Werken.
Keines ist ohne das andere genug in der Welt.
Mittel des „geistlichen Regiments“ ist allein das Wort,
Werkzeug des weltlichen aber ist äußere Gewalt.
Aus Glaubensdingen aber hat sich die weltliche Obrigkeit herauszuhalten.

Seit dem 30. Januar 1933 galt Luthers Unterscheidung in Deutschland nicht mehr.
Die Nationalsozialisten gingen daran, die ganze Gesellschaft „gleichzuschalten“,
wie sie es nannten. Man hob die Länder auf und die Parteien, Studentenverbindungen und Jugendverbände.
Die Gewerkschaften wurden in die „Deutsche Arbeitsfront“ aufgelöst,
für Autofahrer gab es das NS-Kraftfahrer-Korps, und Schriftsteller
konnte nur sein, wer der Reichsschrifttumskammer zugehörte.
Ein totalitärer Staat wurde errichtet,
in dem auch die evangelische Kirche „gleichgeschaltet“ werden sollte.
Und weite Teile der evangelischen Kirche
waren nur allzu bereit, im neuen Regime mit hochfliegenden Ideen
eine staatstragende Rolle zu spielen.
So manche Kirchenleitung in Deutschland unterschied nicht mehr zwischen Aufgaben des Staates und Aufgaben der Kirche,
sondern wollte nur allzu gern „eine große deutsche evangelische Kirche“
in einem „Großdeutschland“ sein
und erträumte sich die Erfüllung alter Wünsche
nach einer einheitlichen evangelischen Kirche
mit weitreichendem Einfluss.
Wie weit diese Übereinkunft mit staatlichen Zielen
und der nationalsozialistischen Ideologie gehen
und wie offensichtlich sichtbar diese zur Schau gestellt werden konnten,
kann man mit Erschrecken in der Ausstellung
„Christenkreuz und Hakenkreuz“ sehen,
die sich mit dem Kirchbau während der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt und
die zur Zeit in der nur wenige Schritte entfernten Brüdernkirche zu sehen ist.

Gegen diese Bestrebungen führt die fünfte Barmer These die alte biblische Unterscheidung ins Feld: „Fürchtet Gott, ehret den König“, und führt aus:
„Wir verwerfen die falsche Lehre,
als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus
staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen
und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“
Das richtete sich gegen die bereits gleichgeschalteten Kirchenleitungen.
Aufs Ganze aber geht der Satz davor:
„Wir verwerfen die falsche Lehre,
als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus
die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden
und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.“
Genau das war der Wille der Nationalsozialisten.

Was aber ist „nach göttlicher Anordnung“
die Aufgabe des Staates und was die Aufgabe der Kirche?
Der Staat hat in der noch nicht erlösten Welt für Frieden zu sorgen,
so gut dies Menschen möglich ist.
Das ist viel, wie viel, erkennen wir, wenn wir auf Länder blicken,
wo die staatliche Ordnung zusammengebrochen ist,
und auf das Leid, das daraus entsteht – wie im Kongo und im Irak,
in Somalia und Afghanistan.
Dass ein der Staat für Recht und Frieden sorgt,
ist gar nicht so selbstverständlich,
wie unser westeuropäischer Blick mittlerweile meint.
Und wenige Jahrzehnte vor uns sorgte auch in unserem Land
der nationalsozialistische Terrorstaat nicht für Frieden und Recht,
sondern verletzte das Recht von Anfang an,
scherte sich eben nicht um „Gottes Gebot und Gerechtigkeit“,
und untergrub damit die eigene Existenzberechtigung.

In einem Vortrag „Die Kirche vor der Judenfrage“
zählte der Theologe Dietrich Bonhoeffer bereits im April 1933
– also drei Monate nach der sogenannten Machtergreifung und ein
Jahr vor Barmen – auf, was die Kirche deshalb zu tun hat.
Sie hat erstens den Staat zu fragen
„nach dem legitimen staatlichen Charakter seines Handelns,
d. h. die Verantwortlichmachung des Staates“.
Die Kirche hat sich zweitens der Opfer anzunehmen,
auch wenn sie nicht der Kirche angehören.
„Die dritte Möglichkeit besteht darin,
nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden,
sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.
Solches unmittelbar politisches Handeln der Kirche ist nur
dann möglich und gefordert, wenn die Kirche den Staat in seiner Recht und
Ordnung schaffenden Funktion versagen sieht“,
denn dann befindet sich der Staat in einem Akt der Selbstverneinung.
Die Kirche ist in diesem Fall aufgerufen, aktiv
„den Staat als Staat vor sich selbst zu schützen“.
So weit wie Bonhoeffer mit seiner dritten Möglichkeit
ging die Barmer Erklärung nicht.
Bonhoeffer hat es dann später selbst unternommen und versucht,
dem sich gnadenlos drehenden Rad in die Speichen zu fallen.

„Fürchtet Gott, ehret den König.“
So, wie es 1934 in Deutschland stand,
lag es auf der Hand,
auf welche Weise Gott zu fürchten und wie der König zu ehren sei,
zumindest für die Verfasser der Theologischen Erklärung von Barmen.
Für die meisten Deutschen dagegen hatten
sich die Grenzen bereits verwischt zwischen Gottes Reich und Drittem Reich, zwischen Christus und dem Führer, zwischen Gottes Gebot und Führerbefehl.

Um aber damals wie heute zu unterscheiden
Zwischen dem, was dem Kaiser zu geben sei und was Gott,
brauchen wir heute ebenso wie die Menschen vor uns
vor allem eines: den Geist Gottes, den Heiligen Geist.
Den Heiligen Geist, um den wir zu Pfingsten bitten.
Denn es ist dieser Geist, der Geist der Wahrheit,
der Licht und Klarheit verbreitet,
Trug und Schein verbannt.
Der Geist Gottes lässt klar sehen,
weil er Unterschiede deutlich werden lässt –
weil er deutlich sehen lässt:
wer Mensch ist, ist nicht Gott.
Und wer Geschöpf ist, ist nicht Schöpfer.

Der Geist Gottes verhilft uns dazu,
vor allem diesen fundamentalen Unterschied zu sehen und anzuerkennen.
Um diesen Geist Gottes bitten wir zu Pfingsten –
Und dieser Geist Gottes kann befreiend und erlösend wirken,
kann helfen, die Verhältnisse wieder richtig einzuschätzen –
kann vielleicht auch helfen, Trug und Schein und Marketing zu durchschauen
und wie das kleine Mädchen im Märchen erstaunt auszurufen
„Aber der Kaiser ist ja ganz nackt“.....
Amen.




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