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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 127 - Oktober 2009
Sonderteil "Die Wiedervereinigung im Spiegel von Kirche von Unten"
Texte von November 1989 - November 1990


Die verhunzte Vereinigung

von Dietrich Kuessner
Dezember 1989
(Download als pdf hier)

"Sie haben uns die Vereinigung regelrecht verhunzt", sagte mit der Taxifahrer zwischen Helmstedt und Offleben mit dem Blick auf die naheliegende Grenze. Recht hat er. Vor 10 Jahren beklagte Jörg Zink das Ausmaß der Verlogenheit in unserem politischen und kirchlichen Leben. Das ist vielleicht zu hart geurteilt, aber die westdeutschen Politiker belegen das Urteils Zinks in den letzten Monaten Tag für Tag:
* sie sagen "Vereinigung", aber auf dem Wege des Art.23 gibt es nur einen Beitritt. Vereinigung - da bewegen sich zwei; Beitritt- da macht einer einen Schritt auf den andern zu, der unbeweglich bleibt. Am 3. Oktober erfolgt keine Vereinigung, sondern wohl eher eine "Machtübernahme" (so der SPIEGEL)
* sie sagen: wir wollen von der Demokratiebewegung in der DDR lernen, also: selber nicht unbeweglich bleiben, aber sie machen ein Wahlrecht, das die Träger der Demokratiebewegung gezielt ausgrenzt. Und wir werden ja erleben, mit welch eisigem Schweigen oder gar unter "erheblicher Unruhe auf der rechten Seite des Hauses" die Diskussionsbeiträge des Kirchengeschichtlers und Abgeordneten Ullmann von "Demokratie jetzt" im Bundestag begleitet werden.
* sie sagen; mit der Vereinigung muß es schnell gehen, sonst wird es teurer. Tatsächlich aber rechnet die Bundesbank dem Kanzler vor, daß sein Hauruckverfahren die teuerste Lösung ist.
* sie sagen: wir mußten es so machen, sonst wären noch mehr rübergekommen. Nur komisch, daß wir jetzt von den "Übersiedlerzahlen nichts mehr hören. Das Hamburger Abendblatt hat geplaudert, daß von 1990-1995 50.00o DDR Bürger sich in der Hansestadt niederlassen wollen.
* sie sagen: die Kohlsche Vereinigungspolitik kostet den Bundesbürger nichts. Das glaubt nun überhaupt keiner mehr.
* sie sagen: wir wollen die Stasiakten sichern, damit alles mit Recht und ordentlich zugeht. Tatsächlich lauern sie darauf, ihre eigenen Verbindungen zum Stasi ( siehe Lummer,
siehe Löffler) zu stornieren.
* sie sagen: Stasi und CDU sind unvereinbar; aber die Regierung Kohl verhindert nicht, daß sich der am Bodensee residierende Stasioberst und Wirtschaftsfachmann der DDR Schalck-Golodkowski seine Möbel aus der DDR holen kann. Der Ärmste - das haben ihm die DDR- Dorfbewohner bisher vermasselt, aber: warte nur ein Weilchen, - nach dem 3. Oktober klappen auch solche Umzüge.
* sie sagen: Kurzarbeiter sind keine Arbeitslosen, tatsächlich aber haben wir in Deutschland bereits über 3 Millionen Arbeitslose und das wird noch mehr.
· sie sagen: keinem wird es schlechter gehen. Kohl glaubt das wirklich, aber deswegen stimmt es ja noch nicht. Mit diesem Spinnennetz der Verlogenheit haben sie uns die Vereinigung regelrecht verhunzt.

Aber nicht nur die Vereinigung. Kohl hat uns dazu auch die Demokratie verhunzt. Niemals in der Geschichte der BRD ist die Demokratie gründlicher und rascher zersetzt worden als in den letzten 10 Monaten. Erhard Eppler hat es im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt vom 17.6.90 bündig nachgewiesen, wie Kohl, Bohl, Teltschik, Rühe, Seiters etwa seit September 1989 den Entschluß gefaßt haben, die "Wiedervereinigung" im Alleingang zu machen. Das bedeutet: Ausschaltung des Bundespräsidenten, Verweigerung des x-mal. erbetenen Runden Tisches in Bonn, Ausschaltung der Bundesbank, Ausschaltung auch der innerparteilichen Opposition wie Süßmuth, Geisler, Biedenkopf, die ja meinten, auch wir in der BRD müßten von der DDR lernen z.B. den ramponierten Verfassungsschutz wieder an demokratische Kontrollen anbinden und nicht frei vagabundieren lassen (wie das in Niedersachsen ja üblich war), oder endlich mit einer Parlamentsreform den heruntergekommenen Bundestag wieder auf die Beine bringen und mit der schauerlichen Verwechslung von Legislative und Exekutive ( wie sie ja auch in die Kirchen längst eingedrungen ist) Schluß machen.

Opfer dieser Demokratiezersetzung Kohls ist die SPD, die sich das gefallen läßt. Sie wird bis zum Mai von einer Mitarbeit ausgeschlossen, dafür vor die haarsträubende Alternative gestellt: annehmen oder ablehnen; und dann der Dolchstoß wie anno 1918: wer es nicht so macht wie Kohl, ist gegen die Vereinigung. Diese Dolchstoßlegende wird noch oft genug auf der Rechten rumgereicht werden.
Mit der Zersetzung der Demokratie bei uns geht logisch gleichzeitig einher die endgültige Etablierung des Primates der Industrie vor der Demokratie. "Die Eroberung der Städte durch Investoren und Baulöwen", kündigte die ZEIT am 11.5.90 an. Mit Hilfe der Wunderwaffe DMark wird die Wirtschaft erst gründlich ruiniert, dann zu billigen Preisen aufgekauft und dann kann mit entsprechender Rendite saniert werden. Nichts da mit "sozialer Marktwirtschaft", nichts da auch mit Markt. Die Gesetze des Marktes sind ja auch bei uns längst abgeschafft (sonst würde nicht bei fallendem Dollar, noch billig eingekauftem Öl und erhöhter Nachfrage der Benzinpreis steigen. Nach den Gesetzen des Marktes müßte er ja fallen), sondern es ist in der DDR wie das Allg. Deutsche SONNTAGSBLATT zutreffend beschrieb, der Markt ein Dschungel. Und es herrschen die Gesetze des Stärkeren wie eben im Dschungel. Wir erleben also die Ablösung der Demokratie durch die Ochlokratie, nämlich des Wirtschafts- und Industriepöbels. (ochlos heißt Pöbel)
Die Zersetzung der Demokratie durch die Regierung Kohl hat Rolf Gössner mit einem lesenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 20.7.90 unter der Überschrift "Deutschland - einig Stasiland?" eindrucksvoll beschrieben. Gössner verschweigt natürlich nicht grundlegende Unterschiede zwischen Verfassungsschutz und Stasi, aber er kommt zu folgender nachdenswerten Beschreibung:" Die Bundesrepublik hat einen durchaus hohen Überwachungsstandard und ein ausdifferenziertes Staatssicherheitssystem, das in Westeuropa seinesgleichen sucht." Das Wort "Verfassungsschutz sei eine " verharmlosende kosmetische Sprachschöpfung", und er zitiert OLG-Präsident Richard Schmid; "Das Verhältnis der Ämter zur Verfassung ist etwa so problematisch wie im Dritten Reich das Verhältnis der Kulturkammer zur Kultur." Der "großdeutsche Sicherheitsstaat" stehe uns bevor..
Wer sich daran macht, die Demokratie gezielt zu zersetzen,
der muß die Brücken zwischen Politik und Kultur abbrechen. Das ist inzwischen am Beispiel des jüngsten Buches von Christa Wolf gründlich besorgt. Graß und Walter Jens bleiben einsame Rufer im Streit. Auffällig ist hierbei nur die freiwillige Gleichschaltung von SPIEGEL und ZEIT mit der Kohlseuche.

Wo die demokratische Kultur so zielstrebig ramponiert wird, da geht das sowieso schon unterentwickelte Solidaritätsgefühl in der Bevölkerung noch mehr verloren. Die Distanz zwischen den Deutschen in der DDR und der BRD wird größer. Grass hat Recht: Vom Wohlstand geködert, durch Arbeitslosigkeit entlohnt, weiden sich die Deutschen dort und die Deutschen hier fremder als je zuvor"(ZEIT 11.5.90) und: "Nicht allmähliche Annäherung der Deutschen ist gefragt, sondern einzig Zuwachs an Absatzmärkten , weil umfassender Stumpfsinn alles dem alles regulierenden Markt überlassen hat." Aber auch bei uns: da gibt es die Kluft zwischen Vereinigungsgewinnlern und Vereinigungsopfern ( wie bei jedem normalen Krieg, bei dem es ja auch Kriegsgewinnler und Kriegopfer gibt), also zwischen denen, die an der Vereinigung a la Kohl horrende verdienen ("Jägermeister wächst zweistellig. Starker Schub durch DDR-Geschäft - Wir nutzen jetzt unsere zentrale Lage in Deutschland - die Mitarbeiterzahl in Wolfenbüttel ist um 30 Mann gestiegen" so die BZ vom 14.7.) und solchen, die dabei zugucken müssen. "Es gibt inzwischen eine wachsende Gehässigkeit auf den Staatsbürger des jeweils anderen Staates", hieß es im Entwurf für ein Wort an die Gemeinden in unserer Landessynode, das dann unverständlicherweise gestrichen wurde. Aber wie ist der Ton zwischen dem Landwirt Ost und dem Landwirt West und an den Mühlen im Braunschweiger Land, wo nun der Landwirt Ost den "Markt" ausnutzt und sein Getreide zu Billigpreisen absetzt ? Vor einiger Zeit hielt der BZ Redakteur Hosang, der seine Leser mit unsäglichen Kommentaren zum Grund und Boden in der DDR beglückt - er hat selber einigen Besitz da drüben und will ihn nun rasch wiederhaben - vor der Pfarrkonferenz Oschersleben einen so grausamen Vortrag über das deutsch-deutsche Verhältnis, daß ihn die Mitglieder der Amtskonferenz am Ende einer harten Diskussion dringend gebeten haben, diesen Vortrag nie wieder irgendwo in der DDR zu halten. So wächst zusammen, was zusammengehört? Und wir an der Grenze hatten uns wirklich auf die Vereinigung so sehr gefreut.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu127/verhunzt.htm, Stand: Oktober 2009, dk

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