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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 127 - Oktober 2009


Wendejahr 1989

von Christine Witte
(Download als pdf hier)

Schon in den Jahren, als ein Gedanke an die deutsche Einheit einfach nur absurd war, hatte ich eine Vision: eines Morgens (ich dachte immer an einen Morgen, nicht an einen Abend) ist die Grenze verschwunden – irgendwie – und die Menschen strömen zueinander. Eine Vision, aber ich sah alles ganz deutlich.

1989: meine Mutter starb im Mai, in Braunschweig. Sie wollte "drüben" beerdigt werden, neben meinem Vater, denn dort war unsere Heimat; "drüben" lebte auch meine Schwester mit ihrer Familie. Selbstverständlich war die Bestattung einer West-Bürgerin in der alten Heimat nicht, auch nicht für "legal" Gegangene. Im August schließlich konnte nach Genehmigung durch die DDR-Bürokratie die Urne beigesetzt werden. Eine Todesanzeige in der "Volksstimme" war aber "für Ausländer" nicht zulässig. Dennoch kamen viele Menschen aus dem kleinen Ort zur Trauerfeier. Die in Braunschweig gehaltene Trauerpredigt hatten wir dem dortigen Pfarrer zugeschickt. Sie war aber nie bei ihm angekommen. Sie war "verloren" gegangen. - Noch heute schmerzt mich, dass meine Mutter die dann rasant aufeinander folgenden unfassbaren Ereignisse und schließlich den 9.November 1989 nicht mehr erlebt hat.

Schon am Tag der Trauerfeier, im August also, sprachen die sonst so vorsichtigen Menschen ungewöhnlich offen über ihre Wünsche und Hoffnungen. Meine Freundin bewies großen Mut, indem sie mir Westlerin ermöglichte, das Rathaus der Stadt zu betreten. In dem Haus hatte ich meine Kindheit verbracht, es war mein Elternhaus gewesen.

Im September wurde mein Neffe verhaftet. Er war nachts durch die Oder geschwommen, um über Warschau "rauszukommen" – von Ostberlin nach Westberlin – zu seiner Frau, die es schon vorher geschafft hatte. Der Lastwagen, der ihn jenseits der Oder auflas, brachte ihn nicht, wie erhofft, in die polnische Hauptstadt, sondern geradewegs in ein DDR-Gefängnis.

Derweil überstürzten sich die Nachrichten. Sie waren im Herbst 1989 spannender als jeder Kriminalroman: Ungarn – Warschau – Prag – Leipzig – Berlin…

Schließlich der 9.November – ein Donnerstag – für mich ein Chorabend. Die Nachrichten noch vor der Chorprobe waren selbstverständlich. Und ich hatte Schabowski gesehen und sein "…noch heute" gehört. Meine Chornachbarin sagte fast beiläufig: Jetzt können die ja reisen. Ja !? Aber begriffen hatten wir's nicht.

Dann die Nacht der Nächte – dank Fernsehen für alle zu erleben, die wach waren. Unglauben – unsagbare Freude – Tränen - Waaahhhnsinn!!! - Wen anrufen? Meine Schwester in der DDR? Hoffnungslos – keine Verbindung.

Sie, die Krankenschwester, hat diese Nacht verschlafen; ebenso ihr Mann, der, weil er für seinen Arbeitsweg die Mauer in Berlin umfahren musste, seit 1961 täglich von 3.30 Uhr bis 19 Uhr unterwegs war. Und mein Neffe, aus dem Gefängnis wieder entlassen, hatte seinen Personalausweis noch nicht zurück erhalten. Ohne Papiere ging's auch in dieser Nacht nicht über die Nicht-Mehr-Grenze.

Freitag: Ausnahmetag – denen, die nichts mitbekommen hatten, musste man es erst mal beibringen. Die ersten DDR-Bewohner tauchten auf – kenntlich an bunten Perlonbeuteln, an "steingewaschenen" Jeans und Jeansjacken, wie "wir" sie nicht kannten. Erste Gespräche – Staunen - Umarmungen – offene Häuser – Ausnahmezustand mit Bananen – Freude - Wahnsinn! Wahnsinn!

Für den 11. November, Sonnabend, hatten wir eine Aufenthaltsgenehmigung für meinen Heimatort: frühmorgens Aufbruch Richtung DDR. Aber die ersten Trabis waren früher aufgebrochen, kamen uns schon am Rand von Braunschweig entgegen. Die ersten von ?-Tausenden. Trabi an Trabi an Trabi – benzingeschwängerte Luft - Als wir bei Magdeburg die Autobahn verließen, war kein Ende der einheitlich grauen Schlange abzusehen, und aus allen Seitenstraßen bekam dieser Bandwurm immer neuen Zuwachs.

Das Problem der Rückfahrt hatten wir nicht vorausbedacht. Auch am Sonntagabend setzte sich die Endlos-Bewegung Richtung Westen fort. Bei Salzwedel wurde wieder ein neuer Grenzübergang geöffnet. Wir mittendrin im Stau, im Jubel, im Miteinander… Irgendwann waren wir wieder zurück in Braunschweig, dessen euphorischer Ausnahmezustand noch Wochen andauern sollte.

Ich bin 72 Jahre alt. Zwei Nächte in meinem Leben haben sich meinem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt: die Kriegsnacht vom 3. zum 4. Dezember 1943 in Leipzig und die Nacht der Freude vom 9. zum 10 November 1989.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu127/wendejahr1989.htm, Stand: Oktober 2009, dk

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