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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 128 - Dezember 2009


Herbstlicher Rückblick
Braunschweiger Andacht 2009
"Alles im Fluss"

von OLKR Peter Kollmar
(Download als pdf hier)

Die Situation: Auf dem Floß stand ein Klavier, auf dem während der Fahrt von dem Organisten von St. Markus BS unterschiedliche Musik gespielt wurde. Wir waren von weitem zu hören und eine Attraktion für alle Spaziergänger entlang der Oker. Meine Andacht war für die Bootsanlegestelle unterhalb der Okerte-rassen vorgesehen. Für mich bestand also die be-sondere homiletische Herausforderung darin, zum einen eine Andacht zu halten für die etwa 40 Per-sonen, die auf dem Floß mitfuhren und auf eine Andacht vorbereitet waren. Und zum anderen die Andacht so zu gestalten, dass sich die zufälligen Besucher und Kaffeegäste auf den Okerterassen ebenfalls angesprochen fühlen und unser Motto "Alles im Fluß" nachvollziehen konnten.
So weit zur Einordnung der Andacht und seiner Intention.
Ich mache von Anfang an bei diesen Braunschwei-ger Andachten von Welge und Anton mit und finde über die Jahre hinweg ihr Konzept mit jeweils sehr originellen Ideen und besonderen BS Orten und Situationen äußerst gelungen.

Wir legen als Gäste an. Angekündigt durch Mu-sik. Für uns ist es ein Zwischenstopp. Lassen Sie sich einladen zu einigen Minuten geistliche Be-sinnung. Hier auf dem Floß unterhalb der Oker-terrassen und auch auf den Okerterrassen. Die-sem Ort, der die Tradition der Wiener Kaffee-häuser in Braunschweig seit dem 18. Jhdt. leben-dig und wach hält. Sie beim Kaffeetrinken kön-nen es wie ein Tischgebet vor dem leckeren Ku-chen verstehen. Unsere Klaviermusik auf dem Floß verträgt sich ebenfalls gut mit Kaffee und Kuchen, mit Kirche und Kurzandacht. Mit allen Sinnen genießen. Das dürfen sie.

Wir sind unterwegs unter dem Motto "Alles im Fluss". Wir hier auf dem Floß praktizieren das wortwörtlich. Es ist erholsam, entspannend, ungewöhnlich, einladend. Das Floß hält uns im Fluss, in Strömungsgeschwindigkeit, wenn wir nicht gerade anlegen oder ankern.

Wer das "Alles ist im Fluss" im übertragenen Sinne hört, der assoziiert eher trübe und beängs-tigende Vorgänge: Nichts ist sicher, alles schwimmt weg, alles ist in Bewegung und Ver-änderung. Nichts was man mit Kaffee, Kuchen und Klavier feiern möchte. Nichts, womit man sich an einem solchen Ort der Entspannung und des Plauderns befassen möchte. Da stimmt scheinbar etwas nicht zusammen: Entweder ist das Motto richtig, dann ist der Ort falsch oder umgekehrt.

Ich versuche uns aus diesem Dilemma heraus zu helfen, mit ein paar spielerischen Gedanken, die ich ins Gespräch/Spiel bringe.

Mir jedenfalls geht es so, dass ich gerne auf einer Brücke, am Ufer stehe und in einen Fluss hinein-träume. Meinen Gedanken nachhängen kann, träge wie das langsam fließende Wasser. Es denkt in mir, ich werde gedacht: Versonnen träume ich, entdecke die Langsamkeit, kann mi-nutenlang einem Blatt nachsehen, wie es sich langsam mit der Strömung dreht. Zurückschalten, runterkommen, zu mir kommen, bei mir sein. Alles aus der ruhigen, unaufgeregten Strömung des Wassers. Das seine eigene Geschwindigkeit hat, die ich auch nicht verändern kann.

Das sind Momente, wo mir Erinnerungen hoch-kommen, vorbei treiben an meinem Bewusstsein. Alte Träume tauchen auf von irgendwo her. Ich bin immer noch derselbe, doch in einem anderen Leben. Vielleicht in dem, das ich mir einmal erträumte. Vergleiche schieben sich vorbei. Was ist davon eingetreten? Was ganz anders gekom-men? Warum? Traurig darüber? Zufrieden? Zwi-schenstation, Zwischenbilanz also, gar nicht geplant und darum wohl so leicht und zugelas-sen. - Rückblickend zu verfolgen, wie mein Le-bensfluss durch die Zeiten mäandert ist, welchen Verlauf er genommen hat, wie er sich in die Le-benslandschaft eingegraben ist. "In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott, über dir Flügel ge-breitet."-----

Überrascht, das so zu sehen, so zu erkennen. Interessiert zu überprüfen, wo immer das zutraf. Eine Perspektivwechsel, der mir mein Leben anders deutet. Und neu motiviert: Leben muss ich es selbst, aber begleitet bin ich dabei von Gott. Eine Gewissheit, die den Kopf hebt für einen freien Blick nach vorne. Sich nicht fürchtet vor dem Unbekannten hinter der nächsten Fluss-biegung. Gut, dass mein Leben im Fluss ist.

So kann ich mich lösen von dem meditierenden Blick auf das Wasser, mich aufrichten und wie-der in mein reales Leben zurückkehren. Den Liegeplatz der Zwischenbilanzen verlassen und mich wieder in die Strömung meines Lebens begeben. "Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt. Er selbst kommt uns entgegen: Die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit."
Amen




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu128/okerterassen.htm, Stand: Dezember 2009, dk

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