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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 128 - Dezember 2009


Andacht in der Sankt Nicolai-Kirche in Melverode
anläßlich unseres Braunschweiger Seniorentreffens in der Adventzeit

von Wolfgang Freytag
(Download als pdf hier)

Wir sind hier in einem mittelalterlichen Kirchlein zusammengekommen. Es liegt an einer alten Handelsstraße, die von Leipzig herkommend den Nordharz berührt und sich dann nördlich von Bad Harzburg nach Norden wendet auf der östlichen Seite des Okerflusses über Wolfenbüttel nach Braunschweig. Sehr oft weihte man solche Kirchen dem Schutzpatron der Kaufleute, dem heiligen Nicolaus; dieser war aber auch der Patron der Schiffer und Seeleute.

Das traf auch für diese Kirche zu; denn nicht unweit befand sich ein Umladeplatz für die Güter, die auf der schiffbaren Oker befördert wurden. Besonders der letzte Umstand regte mich an, das Adventslied "Es kommt ein Schiff geladen..." für diese Andacht auszuwählen. Der Choral beschreibt das Kommen eines Segelschiffes. Mit der Wendung "Das Schiff geht still im Triebe" empfinde ich, daß eine große Ruhe über mich kommt; alles Aufgeregte und Hektische verschwindet. Soll dieser Eindruck hervorgerufen werden?

Es ist zwar ein Adventslied; aber ist der Advent nicht etwas sehr Drängendes und Lautes? Der lateinische Begriff "adventus" benennt immer einen epochalen Wendepunkt. So wird das Kommen des Kaisers Augustas als ein göttlicher Advent gefeiert, denn er bringt die göttliche Friedenszeit mit sich; dargestellt ist dies auf dem bekannten Friedensaltar in Rom. Auch in der Bibel wird das Wort "kommen" mit einem Kommen Gottes verbunden. Das Prophetenwort in dem Jesajabuch sagt: "Siehe, der Herr Herr kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen". Dieses angesagte "Kommen" bringt die Beendigung der leidvollen Gefangenschaft in Babylon - also eine neue Epoche. Mit diesem Wort ist immer ein aufregendes und dramatisches Geschehen verbunden.

Es befremdet mich daher, den Advent mit dem Bild eines heransegelnden Frachtschiffes zu beschreiben, denn mit der Beschreibung einer idyllischen Ruhe hat der Advent nun wirklich nichts gemein. Darum ist zu fragen, wie der Dichter zu diesem Bildvergleich kommt. Wenn er in der Tradition der mittelalterlichen Mystiker steht, dann will er sicherlich zum Ausdruck bringen, daß man sich in gesammelter Aufmerksamkeit und Konzentration befinden muß. Die Kehrseite dieses Verhaltens ist gesammelte Ruhe. So hat man dieses Gedicht im alten Gesangbuch noch dem Mystiker Johann fauler zugeschrieben. Heute weiß man, daß sein Urheber Daniel Sudermann heißt, der drei Jahrhunderte später gelebt hat (von 1550 bis 1631) und ein Verehrer dieser Frömmigkeitsströmung war.

Man hat herausgefunden, daß diesen Strophen ein Marienhed zugrunde liegt. Sudermann hat dieses umgedichtet. in seinem Leben hat er immer an großen Strömen gelebt. Er wurde in Lüttich an der Maas geboren und wirkte und verstarb in Straßburg am Rhein. So war ihm der Anblick fahrender Schiffe wohl vertraut. Er hat beobachtet, wie sie sehnsüchtig erwartet wurden. Es waren die behäbig aus-sehenden Koggen, die große Ladungsmengen verstauen könnten. Sie brachten alles, was man zum Leben in einer großen Stadt benötigte: Holz zum Heizen und Bauen, Getreide für die vielen Mühlen, Vieh und Fleisch und das kostbarste, das man erlangen konnte - Gewürze. Das ist im Sprachgebrauch des Liedes als "teure Last" angedeutet. Die Gewürze dienten den Apotheken zur Medikamentenherstellung, und in der Küche benötigte man sie zum Schmackhaft- und Haltbarmachen der Lebensmittel. Wenn im Spätherbst und Frühwinter die große Schlachtezeit begann - damit man die 'fiere nicht über Winter lüttem mußte - benötigte auch das Dorf große Mengen an Gewürzen. Diese aber mußten aus einem Land herbeigebracht werden, das unmittelbar am Paradiese lag; denn dort irgendwo weit hinter dem Meereshorizont mußte es liegen.

Für mich ist die mittelalterliche Meinung herzbewegend, daß der barmherzige Gott den an Krankheiten leidenden Menschen eine kleine Milderung in ihre Todeswelt mitgegeben hatte: die Heilpflanzen und Gewürze. Sie wachsen sowohl in der heimischen Umgebung, aber auch an ganz weit entfernten Orten, die in der Nähe des Paradieses lagen. Sie brachten die besonders wirkungsvollen Gewürze hervor: Pfeffer, Muskatnuss, Ingwer und Nelken. Sie gedeihen auf den Molucken, also zwischen Java und Neu-Guinea und gelangten in der alten Zeit auf zwei abenteuerlichen Wegrouten nach Europa: per Schiff durch das Rote Meer nach Kairo oder durch den Persischen Golf, Euphratstrom aufwärts bis Trapezunt am Schwarzen Meer. Von dort wurden sie über London zu ihrem Bestimmungshafen gebracht.

Es war nicht nur ein langer sondern auch geheimnisumwitterter Weg. So wird der Vergleich zum Anlanden der Gewürze und dem Heranbringen Jesu Christi aus den Tiefen und Geheimnissen der Gottheit Gottes begreiflich. Beides kommt von fernen Ufern, von jenseitigen Gestaden, von Gestaden des Paradieses und Gestaden der Ewigkeit. Unser Lied formuliert: "Es kommt ein Schiff geladen bis an sein höchsten Bord... es trägt ein teure Last... der Anker haft auf Erden, da ist das Schiff an Land...". Die einzigartige Fracht, die als "teuer" bezeichnet wird "trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort... das Wort tut Fleisch uns werden; der Sohn ist uns gesandt".

Das Lied breitet eine große Ruhe Qm sich aus. Es erinnert an das Wesentliche, das Innerste der Welt; es hilft uns so die äußeren Gegebenheiten in ihrem geheimnisvollen Dasein zu erfassen und auf das Geheimnis hinter aller Welt zu schauen. Ein Mensch, der diesen Weg beschreitet, ist auf dem Weg, innerlich zu werden. Im alltäglichen Sprachgebrauch bezeichnen wir jedoch mit "innerlich" nur den Zustand des Auf-Sich-Selbst-Konzentriert-Seins, der Abgetrenntheit und Isoliertheit. Damit hat Sudermann nichts im Sinn; er will vielmehr Kraft, Stärke, Gelassenheit und Ruhe verbreiten, die aus der Verbindung mit dem Träger des Alls fließt und um Christi Willen geschenkt wird.

Dieses Lied ist in einer sehr aufgeregten und bedrängenden Zeit gedichtet worden. Es entstand in der ersten Phase des Dreißigjährigen Krieges - um das Jahr 1626. In dieser Zeit konnten die Evangelischen in Süddeutschland auf keine Zukunft hoffen. Das evangelische Böhmerland war von den kaiserlichen Truppen seit der verlorenen Schlacht am Weißen Berge besetzt. Die Evangelischen litten schwer unter der Drangsalierung der kaiserlich-katholischen Truppen. Die Pfalz wurde 1622 von der katholischen Liga besiegt, und von bayrischen, kaiserlichen und spanischen Truppen besetzt und ausplündert. Das evangelische Straßburg aber lag nicht weit entfernt und fühlte sich bedroht. Der Dichter Sudermann aber war in Lüttich geboren und wird den Freiheitskampf der Niederländer aus nächster Nähe miterlebt haben und auch das grausame Regiment der spanischen Truppen unter dem Herzog Alba. Im Jahre 1626 wurde auch der Widerstand der protestantischen Fürsten im Norden gebrochen. Die Schlacht bei Lutter am Barenberg(Mai 1526) brachte dem katholischen Kaiser alle Macht zurück, so daß er 1629 das Restitutionsedikt verkünden konnte - das hieß die Aufhebung des Augsburger Religionsfriedens.

Auf dem Hintergrund dieser Zukunftslosigkeit für die Evangelischen müssen wir die Aussagen dieses Liedes vernehmen. Das Schiff fährt und läßt sich durch nichts aufhalten, durch keine große Wellen und Stürme. Das heißt aber auch: Wie das Schiff ruhig seinem Ziel zustrebt, so geht das Evangelium seinen Weg, unbeirrbar trotz aller Kaiser, Herzöge und Feldherren_ Dem Herannahen Gottes entspricht auf der Seite der Hörer das Sich-Erinnern, das Festhalten am "fleischgewordenen Sohn". Mit den Worten des Liedes: "Das Wort tut Fleisch uns werden, der Sohn ist uns gesandt.... Zu Bethlehem geboren im Stall ein Kindelein gibt sich für uns verloren, gelobet muß es sein". Seinem Verlorensein entspricht auf unserer Seite: "und wer dies Kind mit Freuden umfangen, küssen will, muß vorher mit ihm leiden groß Pein und Marter viel". So ist das Lied eine einzige Ermutigung zum Festhalten und Durchhalten.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu128/schiff.htm, Stand: Dezember 2009, dk

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