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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 128 - Dezember 2009


Sind Sie störbar
In der Weihnachtszeit?

(Download als pdf hier)

Die Weihnachtsoktav, die Festwoche, eine alte Einrichtung der christlichen Kirchen, überlässt uns nicht einfach der Festfreude. An den ersten Märtyrer Stephanus wird ebenso erinnert wie an Thomas von Canterbury, an den gewaltsamen Tod des Evangelisten Johannes ebenso wie an die Kinder von Bethlehem. Die Störung der Weihnachtszeit ist organisiert und Absicht. Die Kirchen folgen dem Vorbild der Weihnachtsgeschichte. Sie malt keine Idylle, wenn sie den Anlass erwähnt, der Maria und Josef auf die Straße zwingt: der Kaiser braucht Steuern, um seinen sehr speziellen Frieden, die pax romana, aufrechtzuerhalten, kurz: um seine Truppen zu erweitern.

Das Kind in der Krippe und die Kinder von Bethlehem - auch Heinrich Schütz hat uns die Störung nicht vorenthalten, als er 1664 in Weißenfels die Weihnachtshistoria schrieb, noch unter dem Eindruck des langen Krieges und seiner überall gegenwärtigen Folgen, dem zerstörten Land, dem unglaublichen Bevölkerungsrückgang, dem zu allem Überfluss in jenen Jahren besonders rauhen, kalten Klima!

Der Tag der unschuldigen Kinder wird in die Weihnachtswoche im Jahre 505 in Nordafrika eingefügt: im Grenzgebiet zwischen dem großen schwarzen Kontinent und dem biblischen Land, wo mindestens einer der Weisen herkam; dort, wo die Wüstenväter und -mütter die frühesten Gestalten einer bis heute eindrucksvollen christlichen Spiritualität wurden. In Nordafrika wird zuerst der Kinder von Bethlehem gedacht - und schon vermischen sich die Eindrücke und die Fragen: wie konnte Gott zulassen, dass auf die Christgeburt so hemmungslose Grausamkeit folgte? Und wie ist es zu ertragen, dass dort heute so viele Kinder - in Somalia, im Südsudan, im Kongo - Soldaten werden, zur Prostitution gezwungen sind, verhungern?

Es sind die schweren Fragen, die nie zur Ruhe kommen, die nach den dunklen Seiten Gottes, und die nach den dunklen Seiten der Macht. Wenn diese Fragen zur Ruhe kämen, hörten wir auf, Menschen zu sein.

Die dunklen Seiten der Macht: als vor wenigen Jahren in einem der ärmsten Länder der Erde, in Haiti, ein Priester sagte, in Haiti gebe es viele Herodesse, wurde er ermordet.

Aber hat es nicht auch etwas Herodes-haftes, wenn wir die hohe Kinderarmut in unserer Stadt, im Landkreis, in unserem reichen Land sehen? Hat es nicht auch etwas Herodes-haftes, wenn 40 Mrd. (oder 25 Mrd. - das ist in diesem Zusammenhang gleich) für die Rettung von Banken und Autoindustrie zur Verfügung sind, das Kindergeld aber nur um 10 Euro erhöht werden kann?
Die dunklen Seiten der Macht - wir müssen sie nicht hinnehmen!
Die dunklen Seiten Gottes? Sie sind mindestens so schwer zu ertragen - und der Glaube tut sich nichts Gutes, wenn er diese Frage unterdrückt. Es gibt, so sagen uns die alten Auslegerinnen und Ausleger der Bibel, eine Spannung in Gott selbst. Er muss zugleich für Gerechtigkeit und für Barmherzigkeit sorgen; ohne Gerechtigkeit wäre die Welt nicht entstanden, ohne Barmherzigkeit hätte sie keinen Bestand. Wir kennen das Problem, jeder und jede Erwachsene: wir brauchen Strukturen und Gesetze - und wir brauchen, wenn wir menschlich leben und bleiben wollen, die Ausnahme von der Regel!

Doch dies erklärt noch nicht den Kindermord von Bethlehem. Der wird erst spät in ein anderes Licht gerückt: wenn das eine, das besondere Kind, nicht auf Kosten der anderen Kinder gerettet wird (davon gibt es viele alte Legenden, von Dhsingis Khan und Krishna und Mose und Buddha bis hin zu Heinrich III.), sondern wenn dieses eine besondere Kind so solidarisch wird, dass alle gerettet werden! Davon spricht das christliche Bekenntnis, wenn es ,hinabgestiegen in das Totenreich' sagt. Zuerst ist Christus zu den Verstorbenen gegangen, dann zu uns - damit niemand verloren geht! Und der Kindermord von Bethlehem? Es gibt nun keine Rechtfertigung mehr für irgendeine Art von Menschenopfer, nicht für noch so edle Ziele, nicht zur Erhaltung der Macht - oder der Ordnung! Gott hat in die Opferung Isaaks eingegriffen, und er ist selbst Opfer geworden, damit Menschenopfern ein für allemal die Legitimation entzogen wird.

In einem neuen Adventslied singt die Gemeinde: "Dann stehen Mensch und Mensch zusammen / vor eines Herren Angesicht, / und alle, alle schaun ins Licht, / und er kennt jedermann mit Namen."

Im Buch des Lebens sind die Erschlagenen, die Vergessenen, die Verschwundenen verzeichnet. An sie erinnert Heinrich Schütz, an sie erinnert der heutige Tag, der Tag der unschuldigen Kinder. Dass dieser Tag zum Weihnachtsfest gehört, ist eine Verheißung: das Licht des Festes wird in den Alltag strahlen! Wir werden unruhig bleiben und tätig werden, wo Kinder heute geängstigt und um ihre Lebensmöglichkeiten gebracht werden. Und dann wagen wir zu sagen: der Tod wird nicht das letzte Wort haben! Amen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu128/stoerbar.htm, Stand: Dezember 2009, dk

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