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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 128 - Dezember 2009


Bei der Patengemeinde in Wladiwostok

von Otto Pfingsten
(Download als pdf hier)

"Wodka musst du trinken mit Maß und mit Ziel" so hat man mich schon vor vielen Jahren in Sibirien belehrt. Wodka ist auch heute noch das Nationalgetränk Russlands. Herz und Seele werden weit, die Ängste und Sorgen klein. Wodka ist mehr als ein alkoholisches Getränk: es ist Seelentrost und Lebensphilosophie.
Und so ist auch heute noch das Maß des russischen Wodka - Trinkers ein Becher und das Ziel ist das Leeren der Flasche. Auf unserer weiten Reise ist uns das mehrmals gelungen.
Das erste Mal besuchen durfte ich Wladiwostok im Januar 1992. Kurz zuvor war diese wunderschöne Hafenstadt am Pazifik für Ausländer geöffnet worden - bis dahin benötigten auch Russen für das Betreten des Stadtgebiets eine Sondererlaubnis. Nun aber, im Zuge der Perestroika veränderte sich vieles in erstaunenswerter Geschwindigkeit. Wir "Reichsdeutschen" - ich hatte mich einer kleinen Gruppe westdeutscher Reiseunternehmer angeschlossen - wurden von staatlichen Stellen mit großer Herzlichkeit und vielen Gastgeschenken begrüßt.
Ich selbst erhielt ein besonders ausgefallenes Geschenk: mir als deutschem Pfarrer schenkte ein Offizier der Pazifikflotte eine in Hafennähe liegende Kirche.
Hintergrund dieses Dauergeschenkes: Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Hamburger Kaufleute diese Pauluskirche erbaut. Und Baltendeutsche Pfarrer hatten in und um die Kirche ein reges Gemeindeleben geschaffen. Mitte der 30 er Jahre wurde das Gotteshaus jedoch enteignet, der letzte deutsche Pfarrer ist irgendwo in einem sibirischen Gulag umgekommen. Mehrere Funktionen soll diese Kirche gehabt haben, zum Schluss unterstand sie als Armeemuseum der Roten Flotte. Allerdings war das Gebäude Anfang der 90 er Jahre in einem erbärmlichen Zustand: Farbe bzw. Putz blätterte von den Wänden, das Dach war offensichtlich seit den Tagen der Deutschen nicht gedeckt, die Fensterscheiben hatten Sprünge und Löcher…
Was macht man mit einem solchen Geschenk? OLKR Henje Becker im Landeskirchenamt war nicht allzu entzückt. Anders ein Pfarrer der Bethlehem - Gemeinde zu Hamburg. Er hatte eine entsprechende epd - Meldung von dieser wunderbaren Gabe gelesen. Er kaufte sich kurz entschlossen eine Fahrkarte nach Wladiwostok (Fahrtzeit mit Umsteigen in Moskau runde 12 Tage), fuhr hin und fand alles so, wie ich es geschildert hatte. Auch Russlanddeutsche fand er. Ein paar Monate später waren Vertreter dieser Deutschen bei uns in Wendeburg, Pfarrer Manfred Brockmann kam aus Hamburg, es wurde ein Art Kirchenvorstand geplant. Pastor Brockmann ließ sich von der Hamburger Kirchenleitung beurlauben und trat als Propst des Fernen Ostens - er betreut damit die mit Abstand größte Propstei der Welt - in Wladiwostok seinen Dienst an.
Inzwischen ist Bruder Brockmann dort in Wladiwostok fest verwurzelt, er hat Tanja, eine russische Juristin, geheiratet.
Aber natürlich sind die Bande nach Deutschland - vornehmlich Hamburg und Wendeburg - nie abgebrochen. Mindestens einmal pro Jahr hat Bruder Brockmann oder ein anderes Mitglied der Gemeinde Wladiwostok uns besucht und von ihren Sorgen aber auch Erfolgen erzählt.
Nun, im August 2009, ist es mir zum ersten Mal gelungen, eine Gruppe Wendeburger für einen Gegenbesuch zu gewinnen: 24 Mutige - unter ihnen unser Bürgermeister - haben sich auf die abenteuerliche Fahrt begeben. Hinterher konnten wir feststellen: es hat sich mehr als gelohnt.
Geflogen sind wir zunächst über Paris nach Peking. Organisiert hatte diesen ersten Teil der Reise mein langjähriger Freund Dong Jianming, in dessen Villa zu Tientsin wir zu einem üppigen Grillabend empfangen wurden.
Mit Flugzeug, Eisenbahn und Schiff über Tsingtau, Dalian und Harbin (alle Millionenstädte) gelangten wir nach einer Woche an den Amur, den gewaltigen Grenzstrom Sibiriens. Dort wurden wir von Manfred Brockmann empfangen, der nun für den zweiten Teil unserer Reise verantwortlich war. Nach langer 3 tägiger Bahnfahrt auf der Transsib erreichten wir das Ziel unserer Reise, Wladiwostok, der "Beherrscherin des Ostens". Der Empfang war überwältigend, und wunderschön die Tage, die wir dort verbringen durften.

Die Pauluskirche ist inzwischen ein Juwel geworden, mit Glocken und Orgel, mit neuen Fenstern und neuem Dach. Und viel Farbe. Mit Recht ist die Wladiwostoker Gemeinde stolz auf das, was sie geschaffen hat. Nachdem man während der Umbauphase mehrere Jahre in einem Kinosaal Gottesdienste gefeiert hatte, kommen nun viele Gläubige jeden Sonntag in der Pauluskirche zusammen.
Allerdings hat sich einiges seit meinem ersten bzw. zweiten Besuch (1996) in Wladiwostok geändert: fast alle Deutschen haben die Stadt verlassen. So ist die Sprache der evangelischen Gemeinde auch im Gottesdienst russisch geworden. Und noch etwas hat sich gewandelt: Manfred Brockmann ist älter geworden. Er ist 72 Jahre alt und sucht einen Nachfolger. Aber "Sibirien" hat offensichtlich keinen guten Klang in deutschen Ohren. Noch hat zumindest keiner bei Bruder Brockmann angeklopft - dabei benötigt gewiss der riesige Weinberg Gottes im fernen Osten besonders viel Hege und Pflege.
Zum Abschiedsabend wurden wir von unseren russischen Freunden in der Pauluskirche eingeladen. Zunächst haben wir für unsere Länder und unsere Gemeinden und ihre Menschen gebetet; und dann wurde an reich gedeckten Tischen gefeiert, gesungen, erzählt, gelacht und gegessen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu128/wladiwostok.htm, Stand: Dezember 2009, dk

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