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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 129 - März 2010


Eine Predigt am 2. Sonntag vor der Passionszeit dem 7. Februar 2010

von Eckard Etzold
(Download als pdf hier)

Hebräer 4,12-13:
Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Liebe Gemeinde!

I.
Lebendig und kräftig und schärfer: diese Worte aus dem Hebräerbrief waren vor drei Jahren als Motto für den Kirchentag gewählt worden.

Lebendig und kräftig und schärfer, mit diesen drei Worten werden die besonderen Eigenschaften des Wortes Gottes beschrieben. Und vor allem die Schärfe hatte damals für Aufsehen gesorgt: der Fisch als Zeichen der Christen, stromlinienförmig und geschmeidig, sich allem anpassend, wurde flugs passend zum Kirchentagsmotto mit einer Haifischflosse versehen. Dieser Fisch sah nicht mehr harmlos aus. Er sah deutlich schärfer aus.
[Kirchentagsplakat per OHP zeigen]

Lebendig und kräftig und schärfer, so soll auch Gottes Wort in der Welt erklingen. Ein Wort, nicht sanft, sondern eher schrill, ein Wort, dass durch Mark und Bein geht. Scharf eben. Schneidend, einschneidend. Nicht abwägend und herumdrucksend, - ein scharfes Wort, an dem sich die Geister scheiden, ein Wort, das auch verletzen kann. Das klingt zwar abschreckend, aber die Sehnsucht der Menschen wächst nach solch einem Wort, gerade auch in der Kirche.

Über die letzte Friedensdenkschrift der EKD, die Bischof Huber 2007 unter dem Titel "Aus Gottes Frieden leben - für gerechten Frieden sorgen" vorstellte, hieß es noch in der Presse: "Die vagen Postulate erlauben es allen Parteien, das Papier zu loben" (Matthias Dobrinski)

Als Margot Käßmann, die neue EKD-Ratsvorsitzende, sich nun zum Krieg in Afghanistan äußerte, da geschah das nicht mehr nach allen Seiten hin abwägend und bloß nicht jemandem zu nahe tretend, sondern "lebendig und kräftig und schärfer". Sie erklärte öffentlich:

"... unsere Kirche sagt: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Das war 1948 in Amsterdam beim ersten Treffen des Ökumenischen Rates der Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg der entscheidende Satz. Auch nach den weitesten Maßstäben der Evangelischen Kirche in Deutschland ist dieser Krieg so nicht zu rechtfertigen. Deshalb, denke ich, muss die gewalttätige Auseinandersetzung möglichst rasch beendet werden. ...
Friedenssicherung ohne Waffen, etwa durch Mediation, durch Unterbrechen der Finanzströme durch eine Beendigung des Waffen- und Drogenhandels, der den Terror finanziert. Mir geht es darum, dass wir endlich auch Wege debattieren und finanzieren, wie Frieden ohne Waffen geschaffen werden kann. Da gibt es positive Beispiele, die aber von der Weltöffentlichkeit überhaupt nicht wahrgenommen werden."

Den Eiertanz vergangener Ratsvorsitzender und anderer Kirchenleute machte sie nicht mehr mit: Kein Gefasel von einem gerechten Krieg, kein Gelaber von dem geringsten aller großen Übel, kein harmloses Friedensgequatsche, das lettztlich alles beim alten lässt.

Und Margot Käßmann wurde noch schärfer in ihrer Neujahrspredigt in der Dresdner Frauenkirche:

"Nichts ist gut in Sachen Klima, wenn weiter die Gesinnung vorherrscht: Nach uns die Sintflut! Da ist Erschrecken angesagt und Mut zum Handeln, gerade nach dem Klimagipfel in Kopenhagen.
Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden."

Sie redete "lebendig und kräftig und schärfer", und prompt kam es dann auch zum Gespräch mit dem irritierten Verteidigungsminister von Guttenberg, zu aufgebrachten Politikern von CDU und SPD und verstimmten Generälen. Kurzum, es war ein Wort ganz im Sinne des Hebräerbriefes, ein Wort, das auf dem Boden von Gottes Wort stand.

Bundespräsident Köhler aber hatte gemerkt, wie notwendig dieses scharfe Wort ist und sie öffentlich in Schutz genommen, indem er sagte: "Ich mache mir nicht alle Ihre Worte zu eigen. Aber das, was Sie in Ihrer Neujahrspredigt gesagt haben, kann Deutschland nicht nur verkraften. Unser Land braucht solche Beiträge sogar. Mit der Predigt in der Frauenkirche haben Sie uns allen einen guten Dienst erwiesen."

II.
Aber wir brauchen nicht nur nach Afghanistan zu schauen. Lebendig und kräftig und schärfer redet auch Pfarrer Konstantin Dedekind aus Waggum angesichts der sinnlosen Rodung von 60.000 Bäumen, die der Startbahnverlängerung des Braunschweiger Flughafens weichen müssen. Die Kirchengemeinde hatte zum runden Tisch eingeladen, die Verantwortlichen der Stadt, auch Oberbürgermeister Hoffmann blieben fern, ein politisches Armutszeugnis. Dedekind schreibt in seinem Gemeindebrief:

"Lange war um den Ausbau des Flughafens rechtlich gestritten worden. Am Ende entschieden Verwaltungsgerichte nach formalen Kriterien, die für Normalbürger kaum noch durchschaubar waren: etwa wer klageberechtigt ist und ob Termine eingehalten wurden. Jetzt fallen seit Wochen Tag für Tag Tausende von Bäumen eines hochrangigen Naturschutzgebietes der Verlängerung der Startbahn zum Opfer. ... Bei den täglichen Begehungen der Abholzungsarbeiten traf ich auf viele bekannte Gesichter aus der Mitte unserer Gemeinden, die fassungslos und auch unter Tränen den Kahlschlag verfolgten. Sie hatten in den Wäldern schon als Kinder gespielt und erlebten diese Art von Flughafenausbau nun als Verlust von Heimat. ... Die Verlängerung der Startbahn greift so schwerwiegend in das Öko- und Sozialsystem ... ein, dass die bisherige Meinungsbildung unter der betroffenen Bevölkerung vollkommen unzureichend ist.
Darum läuten täglich um 14.45 Uhr die Kirchenglocken. Sie läuten nicht gegen den Flughafenausbau, wie manchmal gesagt wird - sie erinnern vielmehr daran, dass dort 'hinten' im Wald etwas geschieht, das jeden in unseren Ortschaften angeht. Darüber muss diskutiert und auch gestritten werden ... Man kann in der Frage des Flughafenausbaus durchaus verschiedener Meinung sein - Resignation aber und die Feststellung: 'Da kann man sowieso nichts machen!' untergraben die Demokratie und sind Wasser auf die Mühlen der schon jetzt größten Partei: der Nichtwähler. Also: Mischen wir uns ein!"

III.
Lebendig und kräftig und schärfer: immer da, wo die Kirche Gottes Wort in dieser Weise verkündigte, hat sie Aufmerksamkeit gewonnen, Anstoß erregt und auch Menschen begeistert.

Lebendig und kräftig und schärfer war auch das Wort der Barmer Theologischen Erklärung 1934 als Reaktion auf Hitlers Machtergreifung und die nationalsozialistische Politisierung des gesellschaftlichen Lebens. Sie finden das übrigens im Gesangbuch unter der Nummer 810 zum Mitlesen:

"Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. ... Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen."

Keine andere Quelle der Wahrheit wird anerkannt als allein Gottes Wort. Und neben Gott gibt es auch keinen Führer, dem wir uns unterzuordnen hätten:

"Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst besondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer geben und geben lassen."

Lebendig und kräftig und schärfer: wo Gottes Wort so auf die Wirklichkeit angewandt und gepredigt wird wie in diesen Beispielen, die ich Ihnen genannt habe, da wird deutlich, dass mit Gott keine Wahrung aller Interessen zu machen ist, keine Lobbyarbeit, kein Herumlarvieren und Taktieren. Gottes Wort geht durch Mark und Bein, und es richtet die Gedanken und Sinne, damit wir auf der Erde und in der Schöpfung so leben wie es Gott beabsichtigt hat. Damit es auch in Zukunft noch heißt: "... und Gott sah an alles, was er geschaffen hatte, und siehe, es war sehr gut."

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wiseguys: Lebendig und kräftig und schärfer

Text und Musik: Daniel "Dän" Dickopf
Arrangement: Edzard Hüneke

Zusammen erleben, was das Leben ist -
lebendig und kräftig und schärfer.
Die Welt verändern schon mit einem kleinen Lachen.
Endlich bereit sein, den Unterschied zu machen.
Lasst uns dem Alltag, der so nichtig ist,
entgegenstellen, was uns wichtig ist.
Mit frischem Schwung und neuer Energie,
so gut gelaunt und engagiert wie nie:

Zusammen erleben, was das Leben ist...
lebendig und kräftig und schärfer.
Und spüren, dass du nicht alleine bist -
lebendig und kräftig und schärfer.

Man fühlt sich oft auf sich allein gestellt.
Oft fehlt die Kraft, dass man dagegenhält.
Zu oft das letzte Wort den Ander'n überlassen,
zu oft verführt, sich nur der Mehrheit anzupassen.
Wir wachen auf aus dieser Lethargie
und zeigen, dass wir so lebendig sind wie nie.

Zusammen erleben, was das Leben ist...

Es gibt so viel zu zeigen und entdecken,
schon zu viel Zeit damit verlor'n, sich zu verstecken.
Wir merken, dass es nie zu spät ist, zu beginnen,
und zeigen das der Welt da draußen und hier drinnen.

Zusammen erleben, was das Leben ist...




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu129/hebraeer4.htm, Stand: März 2010, dk

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