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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 130 - Juni 2010


Was hülfe es dem Menschen…?
Weltgewinn und Selbstverlust
ein theologischer Beitrag zum Thema Acedia

von Dieter Rammler, Direktor des Predigerseminars
(Download als pdf hier)

Vortrag beim
Symposium der Hochschule für Bildende Kunst Braunschweig am 09.02. 2007
"Faulheit. Lust und Last nichts zu tun"


1. Der antike Begriff Acedia und seine Deutung im Neuen Testament
2. Acedia - wie sie ihre Bedeutung wandelt und doch die alte bleibt
3. Modernes Zeitempfinden und das Lob der Faulheit
4. Theologische Spurensuche nach einem Gegenmittel

In unserer komplexen Welt haben Ratgeber Konjunktur. Das gilt auch für die persönliche Lebensführung. Gestresste, ausgebrannte Workaholics suchen Rat. Sie suchen ihn auch bei den Künstlern - den Lebenskünstlern. Kaum überschaubar ist der Buchmarkt für Lebenskunstthemen geworden. Alte Begriffe aus der Psychologie- und Theologiegeschichte des Abendlandes tauchen plötzlich wieder auf, zum Beispiel: "Wie uns der Teufel reitet. Von der Aktualität der 7 Todsünden" von Heiko Ernst, 2006, oder: "Lebe mit Herz und Seele. Sieben Haltungen zur Lebenskunst" von dem renommierten Arzt Dietrich Grönemeyer.

Die Frage, wie wir in der Welt bestehen und was uns dabei hilft, worauf wir uns verlassen und an wen wir uns halten können, begleitet die christliche Seelsorge von Anfang an. So zitiert - warnend und wegweisend zugleich - der Evangelist Matthäus ein wahrscheinlich von Jesus stammendes Wort: "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und doch Schaden nähme an seiner Seele?" (Mt. 16,26)

Die Seele ist nach biblischem Verständnis der Sitz des Lebens, das Selbst des Menschen, die vom Schöpfer eingehauchte Lebendigkeit (1. Mose 2). Seelenschaden ist demnach kein "Wehwehchen", sondern eine tiefe Beschädigung des Lebens selbst. Was würde euch ein äußerlich abgesichertes Leben helfen, wenn eure Seele krank wäre, könnte man die Frage Jesu an seine Jünger paraphrasieren. Die unausgesprochene Antwort lautet: Es hilft nichts! Im Gegenteil: Wer es mit dem Weltgewinn übertreibt, dem droht Seelenschaden.

Jesus schien diese Warnung so wichtig zu sein, das er sie im Gleichnis vom reichen Kornbauern (Lukas 12,11ff.) wiederholt und veranschaulicht: Ein reicher Bauer, der zeitlebens seine Scheunen vergrößerte, beruhigt sich selbst: "Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!"
Derselbe Mann steht plötzlich vor der Erkenntnis, dass ihm von dieser Art Vorrat nichts bleibt, wenn der Tod in Kürze kommt und seine Seele fordert.

Hier wird nicht die vorsorgende Vernunft kritisiert, sondern vor einem überwiegend am Lebensgewinn orientierten Leben gewarnt. Die "Scheunen" sind Metapher; es könnten auch "Titel" oder "Connections" oder "goldene Schallplatten" sein. Einem auf Weltgewinn ausgerichteten Leben droht Selbstverlust. Deshalb der Ernst, mit dem Jesus die Sache anspricht. Es geht ja auch heute nicht um ein wenig mehr Muße, um zu sich selbst zu kommen und ein ausgeglichenes Leben zu führen, wie uns immer noch in gut stoischer oder epikureischer Tradition die Lebenskunstautoren weismachen wollen. Sondern es geht darum, ob jemand am Leben krank wird oder nicht. Einen solchen Zustand der (seelischen) Krankheit bezeichnet Acedia: Innere Leere, Schwermut, Betrübnis, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Bitterkeit, Überdruss, Antriebslosigkeit, Gleichgültigkeit, Depression. Sie sind die psychologischen Begleiterscheinungen der Lebenskrise, die seit antiker Tradition Acedia heißt.

Was hilft einem Menschen, den - aus welchen Gründen auch immer - die später synonym gebrauchte Tristitia, Acedia oder Melancholia überfallen? Bereits in der frühen christlichen Seelsorge wurde darauf eine Antwort gesucht. Der Apostel Paulus hatte zu diesem Zweck eine existenziale Theologie herausgearbeitet, die das Kreuz in den Mittelpunkt stellte (1. Korintherbrief). Am Kreuz, also in äußerster Traurigkeit, Verzweiflung, Einsamkeit und Angst, zeigt sich Gott in seiner aufopfernden Liebe gegenüber jedem Menschen. Gott birgt ihn und führt ihn hinüber in das ewige Leben (Römer 8, 38ff.).

So wird neben dem Kreuz auch der Kreuzweg zur zentralen Metapher für das sich selbst verleugnende, den Weltgewinn verneinende Leben, das sich ganz und gar in den Dienst dieser aufopfernden Liebe stellt. Trägerin dieser asketischen Auslegungstradition wird eine bald mächtige Kraft der frühen Kirche, die monastische Bewegung, die im dritten Jahrhundert in der ägyptischen Wüste ihren Ausgang nimmt. Für diese Einsiedler beginnt die neue christliche Existenz mit der conversio morum, der Weltentsagung durch Eintritt in die Klausur, den Konvent, das Kloster. Dieser Verzicht auf Autobiographie und Karriereplanung wird zum Programm erhoben, um frei zu werden für den Dienst im Gebet, in der Armenfürsorge und anderen guten Werken.

2. Acedia - wie sie ihre Bedeutung wandelt und doch die alte bleibt

Ausgerechnet in der monastischen Lebensführung kommt es nun aber zu einer beunruhigenden Entdeckung: Auch der treueste Mönch und eifrigste Beter ist vor dem "Mittagsdämon" der Acedia nicht gefeit. Der Mönch Cassian, etwa 360 - 430 n. Chr., gehörte zu den geistlichen Vätern der benediktinischen Spiritualität. Er hatte bei den ägyptischen Wüstenvätern gelernt und im Jahre 410 zwei Klöster bei Marseille gegründet. In seinem ersten Hauptwerk "Von den Einrichtungen der Klöster und von den Heilmittel gegen die acht Hauptlaster" beschreibt er den Kampf gegen die Acedia: "Die Acedia ist verwandt mit dem Trübsinn. Für die in der Einsamkeit lebenden Menschen ist sie ein ziemlich häufig und heftig auftretender Feind. Den Mönch - wie jeden einsam Lebenden - belästigt sie vor allem um die Mittagsstunde. Sie ist wie ein Fieber, das periodisch wiederkehrend mit brennender Glut die kranke Seele befällt. Wenn der Dämon der Acedia einmal von dem unglücklichen Geist Besitz ergriffen hat, dann erzeugt er in ihm einen horror loci (Widerwillen gegen den eigenen Lebensort) Dieser Ort, an dem er lebe, sei für ihn unfruchtbar. Er rühmt andere Orte, die weit weg liegen, und malt sich die Gemeinschaft mit den dort lebenden Brüdern überaus lieblich aus." (Cassian, Spannkraft der Seele. Einweisung in das christliche Leben I, in: Herderbücherei Texte zum Nachdenken Bd. 839, Freiburg 1981, S. 82)

So erfassten die Kirchenväter schon früh die gefährliche, ja durchaus pathologische Dimension der Acedia. Cassian beschreibt sie nach ihren Symptomen. Die Unlust der Acedia überfällt den Menschen erfahrungsgemäß am meisten in den brütenden orientalischen Mittagsstunden. Origenes führt sie auf den "Mittagsteufel" zurück (vgl. Psalm 91,6). Von Origenes her bleibt diese Ableitung in der asketischen Literatur heimisch.
Die Acedia wird dort unter die acht Hauptlaster (von vitium / vitiare = verderben, verletzen, beschädigen) gerechnet. Sie steht neben Stolz (superbia), Zorn (ira), Eifersucht (invidia), Wollust (luxuria), Geiz (avaritia) und Völlerei (gula) und wird nach der Traurigkeit (tristitia) aufgezählt und aus ihr abgeleitet.

Bei Gregor dem Großen wird die Acedia endgültig mit der Tristitia gleich gesetzt. Es ist die Traurigkeit des in seinem Stolz einsamen Menschen, der niemanden braucht, aus der zuerst die Tristitia und sodann die Acedia, die Antriebslosigkeit eines verzweifelten Lebens, hervorgehen. In dieser veränderten Form geht die Lehre von den sieben Haupt- oder Todsünden als festes Lehrstück in die katholische Ethik des Mittelalters ein. (zum gesamten Zusammenhang siehe: R. Hauser, Acedia, in: Historisches Wörterbuch Philosophie 1, 73-74)

Was einmal in der christlichen Seelsorge als spirituelle Lebenshilfe entwickelt wurde, kann sich also in sein Gegenteil verkehren. Auch den spirituellen Menschen vermag die Verzweiflung der Tristitia und Acedia einzuholen. Die Frage kehrt sich dann um: > Was hülfe es dem Menschen, wenn er der ganzen Welt entsagte und doch Schaden nähme an seiner Seele? < Auch Weltentsagung und frommes Leben schützen vor Seelenschaden nicht. Im Gegenteil, das lehren die Kirchenväter selbstkritisch, scheinen gerade sie dazu angetan, den Menschen in einem schier hoffnungslosen Maß auf sich selbst zurück zu werfen, auf seine Endlichkeit, auf seine Zweifel, auf seine Müdigkeit und auf sein Empfinden, dass die Welt voll Teufel wäre und das Böse am Ende doch die Überhand gewinnt.

Das waren auch die Erfahrungen Martin Luthers, als er noch im Kloster der Augustiner Eremiten in Erfurt lebte. Luther fand keinen Seelenfrieden, obwohl er sich vollständig und radikal auf die klösterliche Spiritualität konzentrierte. Im Gegenteil: Seine Gottes- und Selbstzweifel steigerten sich ins Maßlose, bis zu dem Augenblick, da er - wie er es später beschrieb - die Erkenntnis der Justitia Dei Passiva hatte, der rettenden, vergebenden Gerechtigkeit Gottes an Stelle des richtenden, Sühne fordernden Verständnisses dieser Gerechtigkeit, wie es das Bußwesen seiner Zeit beherrschte (Luther 1545 in der Vorrede zu seinen lateinischen Schriften)). Insofern führt Luther in die existenziale Theologie des Paulus zurück, also in den Glauben an die Gegenwart Gottes im Kreuz des Lebens. Das wirkte auf ihn, auf sein Gottesverhältnis und sein Kirchenverständnis wie eine Befreiung.

Neben dieser langen Tradition psychologisch scharf beobachtender Analysen und theologisch tiefgründiger Reflexionen über die Acedia gab es freilich auch in theologischer Tradition eine mehr oder weniger oberflächliche Deutung der Acedia als Faulheit oder bloße Trägheit (vgl. Joachim Westphalum, Faulteuffel. Wider das Laster des Müssiggangs, Sangerhausen 1585). Auf dieser Linie liegen die vorwiegend moraltheologischen Entwürfe, ob nun katholischer oder lutherischer Provenienz, deren Anliegen es war, das christliche Arbeitsethos zu begründen. Die tragische Tiefe, die pathologische Abgründigkeit des Phänomens, die dazu geführt hat, die Acedia unter die sieben Todsünden zu zählen, ist damit bei weitem nicht erfasst.

In der Wirkungsgeschichte kommt es immer wieder zu Umdeutungen, in deren Folge ursprünglich negativ besetzte Begriffe plötzlich gesellschaftsfähig werden. Die Superbia - den Hochmut zum Beispiel. Wer sich heute nicht wichtig nimmt, sich nicht in den Vordergrund drängt und mit Pfunden wuchert, die er nicht hat, gilt als lebensuntüchtig oder ganz einfach "blöd". Eine ähnliche Umwertung beginnt für die Acedia im Zeitalter der Renaissance und lässt sich bis heute verfolgen.
In der Renaissance entwickelte sich zum ersten Mal ein positiver Zugang zum Phänomen der Acedia, und zwar in dem Moment, wo Tristitia, Acedia und Melancholia austauschbar werden: aus Trägheit und Überdruss werden Traurigkeit, Weltschmerz und Sehnsucht. Dürers Darstellung der Melancholia stellt dafür kunstgeschichtlich eindrücklich die Zäsur dar.

Melancholie wird von da an geradezu als eine schöpferische Kraft und Voraussetzung künstlerischen Schaffens gesehen. Im melancholischen Bewusstsein ist das Wissen um die Ungenügsamkeit und Unvollendetheit der Welt bewahrt. Der Melancholiker hat sich mit den Verhältnissen noch nicht abgefunden und arrangiert; er hat nicht fatalistisch resigniert. Es hält die Fenster zu einer anderen Welt offen. Melancholie ist somit eine visionäre, durchaus auch apokalyptische Kraft, die aufdeckt und weiter sieht. Deutlich wird dabei die Umformung der Melancholie hin zu dem für den Dichter und Denker, den Maler und Komponisten notwendig produktiven Zustand - romantisch gesprochen - zur Sehnsucht.

Wir halten also fest, dass der Begriffskomplex Tristita - Acedia - Melancholia im Laufe der christlichen und später auch säkularen Auslegungstraditionen einem Bedeutungswandel unterliegt. Im Kern geht es freilich immer wieder um die Verhältnisbestimmung von Gott/Schicksal/Sinn auf der einen Seite und Welt und Individuum auf der anderen Seite, also um die Frage nach der Identität des Menschen, würden wir heute sagen. Weltgewinn kann zum Selbstverlust führen - Weltverleugnung birgt aber zugleich neue Gefahr für das Seelenheil. Trotz positiver Umformung bleibt das Phänomen gefährlich und pathologisch.
Mit ein bisschen Lebenskunst mehr oder weniger scheint es nicht getan zu sein. Mit dieser polemischen Spitze leite ich meinen dritten Teil ein und wende mich gegen eine Formel, die ich in aktuellen Beiträgen zum Lebenskunstthema in Variationen wieder finde:
Zeitverlust = Selbstverlust - Zeitgewinn = Selbstgewinn

3. Modernes Zeitempfinden und das Lob der Faulheit

Angesichts von Slogans wie "Die Kunst der Entschleunigung" oder "Das Lob der Faulheit" und "Simplify your life" scheint sich erneut ein Bedeutungswandel des Begriffskomplexes von Acedia abzuzeichnen, hin zu einem noch positiveren Verständnis des Phänomens, gewissermaßen von der "Todsünde" zur neuen Tugend, zur "Suche nach der verlorenen Zeit", wie es Christian Schüle in der ZEIT-Ausgabe zum Jahreswechsel beschreibt.
"Die Zumutung der Leere, da siebzehn Minuten lang nichts geschieht. Die Ereignislosigkeit aushalten zu müssen, scheint die größte Herausforderung für das spätmodern getaktete Subjekt zu sein, diese Zumutung, den ungeplanten Stillstand, die eigene Ohnmacht zu ertragen…" (Christian Schüle, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, ZEIT Nr. 1, 28.12.06)

Der Zeitphilosoph Giacomo Marramao aus Italien spricht von einem"Zeitsyndrom". Er meint damit die wachsende Diskrepanz zwischen der Inflation an Erwartungen und der fehlenden Zeit zu ihrer Erfahrung in der globalisierten Gesellschaft. Die Antwort auf diese Diskrepanz, zu wenig Zeit für zu viele Erwartungen zu haben, führe zur "24-7-Gesellschaft", zur rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit: 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche.

"Lebenskunst" nun sei der Versuch, sich mit dieser "enttakteten Zeit" zu arrangieren, z.B. durch Prioritätenentscheidungen. Dabei entstehe aber wiederum ein neues Problem. Schüle schreibt: "Je mehr Entscheidungsmöglichkeiten einer hat, desto mehr will er realisieren, desto weniger will er verlieren, desto mehr lädt er sich auf, desto weniger Zeit bleibt letztlich, weil nicht geschieden, sondern addiert wird. Der M(onochrome)-Zeit-Mensch, der an kein Jenseits mehr glaubt, packt aus der Kränkung über seine Endlichkeit heraus zwei Leben in eins und verdoppelt das Pensum - aus Angst, das Entscheidende verpasst zu haben, bevor er stirbt. Dieser Mensch ist, sagen wir, zugleich Prokurist, Chormitglied, Kirchenvorstand, Ausschussmitglied, Verbandsvizepräsident, Sportfunktionär, Vater, Ehemann. Seine Frau ist Anwältin, Elternbeirätin, Frauengruppenleiterin, Yogaschülerin, Hobbymalerin, Kinderchauffeurin, Mutter. Die Vergleichzeitigung und Gleichwertigkeit vielfältiger Aufgaben wird als >Multitasking< bezeichnet." (zitiert nach Christian Schüle, ZEIT Nr. 1, 28.12.2006, Karlheinz Geißler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik, München)

Zeit ist immer auf Raum bezogen, weil Zeit als Bewegung im Raum definiert ist. Je mobiler jemand ist, desto stärker herrscht bei ihm das Empfinden eines ständigen Zeitnotstands. Ich habe bei meinen Besuchen als Gemeindepfarrer vor 22 Jahren noch Menschen kennen gelernt, die - etwa Jahrgang 1900ff - Zeit ihres Lebens so gut wie nie den eigenen Wohnort verlassen hatten, es sei denn zum Einkauf oder Arztbesuch in die nahe gelegene Kreisstadt. Keine größeren Reisen, kein Urlaub, kein Umzug! Unvorstellbar! Mit der Frage, wie sie früher ihre Freizeit verbrachten, hätte ich nur große Verwunderung ausgelöst. Für Menschen dieser Generation gab es nur Werktage und Sonntage, aber Freizeit - was sollte das sein? Doch hatte ich nicht den Eindruck, einer von Ihnen hätte das alles vermisst, wodurch wir heute maßgeblich Lebensqualität definieren. Im Gegenteil schlich sich bei mir manchmal eine fast neidvolle Bewunderung - und wohl auch Romantisierung - jener genügsamen Zeit ein, in der man sich nach Feierabend zum Klönschnack unter Nachbarn traf.

Ich vermute daher, dass es mit der bloßen Re-formulierung von Lebenskunst-Begriffen wie "Muße" und "Langsamkeit" und mit dem "Lob der Faulheit" nicht anders geht wie mit "Kultur" und "Heimat" und all den anderen inflationären Hülsenworten der Post-Post-Moderne: Sie markieren nicht die Entdeckung, sondern den endgültigen Verlust, das Unwiederbringliche. Deshalb ist mit "Lebenskunst" oder Zeit-Coaching-Ratschlägen der Acedia auch nur bedingt beizukommen.

4. Theologische Spurensuche nach einem Gegenmittel

Ich will es zugespitzt an den Beginn meines drittens Teils stellen: Das Grundproblem liegt nicht in der verlorenen Zeit, sondern dem Verlust der Ewigkeit. Weil das gläubige Bewusstsein von der Existenz letzter Dinge weithin verloren gegangen ist, konnten die vorletzten Dinge so wichtig werden. Ohne Ewigkeit wird die endliche Zeit maßlos.
Es mag die aufgezwungene Genügsamkeit der einfachen Lebensumstände gewesen sein, die den Generationen vor uns noch mehr Zeit zum Leben ließ. Möglicherweise war es darüber hinaus aber zugleich auch ihre Gelassenheit - in gläubiger Gewissheit, dass alles seine Zeit hat: "Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit…(Prediger 3)" - Ist das eine Anleitung zum gelassenen und genügsamen Leben? Dem Leben seinen Lauf zu lassen und sich selbst damit zu begnügen, den Plagen mit Fröhlichkeit und Lebensfreude zu trotzen?

Wenn ich nur dieses eine Leben gelten lasse und nichts darüber hinaus, kann es sein, dass ich ein von meinen begrenzten Möglichkeiten Getriebener werden. Es ist die Last des Möglichen, die das Selbst in die Erschöpfung treibt. Nichts auslassen zu dürfen. Überall gewesen zu sein. Immer besser und sich selbst immer ähnlicher zu werden.
Aber auch die Umtriebigsten erkennen meistens irgendwann, dass sie den Bereich des Menschlichen nicht verlassen. Niemand bleibt unberührt von jener Dialektik zwischen Weltgewinn und Selbstverlust und Selbstgewinn und Weltverlust, mithin von Acedia.

Acedia trägt zuweilen Züge dessen, was wir heute als Depression bezeichnen. Depression entsteht, wenn die Melancholie pathologisch wird, wenn sie ihre schöpferische und seherische Kraft verliert und "Krankheit zum Tode" wird, wie es Kierkegaard beschrieb: verzweifelt man selbst und verzweifelt nicht man selbst sein wollen. Wenn man sein Leben als unzulänglich empfindet und in der damit angeschobenen Spirale der Selbstoptimierung erschöpft an den Punkt kommt, wo nichts mehr geht. "Die Depression erinnert sehr konkret daran, dass sich selbst zu besitzen nicht gleichbedeutend ist mit grenzenlosen Möglichkeiten. Weil sie uns anhält, erinnert uns die Depression daran, dass man das Menschliche nicht hinter sich lässt, dass dieses Menschliche mit einem System von Bedeutungen verkettet ist, das zugleich über es hinausgeht und es konstituiert", schreibt der Soziologie Alain Ehrenberg in seinem sehr lesenswerten Buch: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart, Frankfurt a. M. 2004, S. 277.

Gibt es einen Ausbruch aus der Spirale? Der Ausbruch kann geschehen, wenn ich mich - so Sören Kierkegaard - wieder als ein zusammengesetztes Wesen erkenne: aus Himmel und Erde, aus Zeit und Ewigkeit. Jetzt wird es theologisch. Und ich bin geneigt, mich zu vergewissern. Wie weit kann man als Theologe an einer Hochschule der bildenden Künste gehen? Ich erlaube mir deshalb an dieser Stelle, aus der Korrespondenz mit Prof. Böhringer zu zitieren, den ich um seine Einschätzung zu meinem bisherigen Gedankengang bat.

Er schrieb mir: "Anfangs dachte ich: wird Herr Rammler außer von Seele und Welt auch noch von Gott reden? Aber dann kommt es am Ende. Da geht es über das Pastorale hinaus. Die Frage oder der Gedanke, der sich mir nach der Lektüre aufdrängt: wenn wir Acedia existenziell auffassen als Trägheit / Betriebsamkeit in der Benommenheit durch die Welt, als unweigerlich frustrierte Konkupiszenz (Augustin) auch hinter Klostermauern, als von Gott abgekommenes, verirrtes, entstelltes Gottverlangen, dann muss die christliche Theologie über diese systematische Beziehung von Acedia und Gott hinaus noch konkreter und anschaulicher von Gott (und der Ewigkeit) reden. Leiden nicht auch die christlichen Kirchen an Acedia, oder wie es die französischen Quietisten sagen, an der Trockenheit des Herzens, die uns hindert, die Freuden der Ewigkeit, der Gottesnähe zu erleben und zu beschreiben?"

Ich nehme die Frage des Philosophen an und zeige zum Schluss eine alte und eine neue Spur des Redens von Gott. Zunächst die alte Spur der metaphysischen Allegorie. Von Dante ist die Rede, der in seiner Commedía Divina eine wunderbare Passage himmlischen Sehens erdichtete. Es ist das Traumgebilde eines Wanderers, der, irdisch heimatlos geworden, Liebe und Hass durchlebt und mit ihnen der Hölle und des Himmels Räume durchschreitet, um auf dem Höhepunkt seiner Reise für einen Augenblick das Geheimnis göttlicher Gegenwart zu ersehen und es sogleich wieder zu verlieren:
"So sah ich über tausenden von Lichtern / ein Sonnenlicht, das sie zum Leuchten brachte, / wie unsere Sonne alle andern Sterne. / Und durch das helle Licht ist durchgebrochen / die leuchtende Gewalt mit solcher Klarheit, / dass sie mein Auge nicht ertragen konnte." (Par. XXIII, 28-33)

Botticelli hatte diesen Augenblick und andere Bilder der Commedía zwischen 1480 und 1495 gezeichnet. Das ist lange her. Ich glaube aber, dass die Kunst in gewisser Weise nach wie vor - und heute als eine autonome Quelle - des religiösen Sehens angesehen werden kann. Sozusagen als Beteiligte, wenn es darum geht, das Leiden an der "Trockenheit des Herzens" zu kurieren.

Die andere Spur ist neu und für mich nicht weniger eindrücklich. In einem seiner letzten Interviews stellte die NDR-Journalistin Anja Würzburg dem verstorbenen Bundespräsidenten Johannes Rau folgende Frage: "Sie haben eine lange Krankheit bewältigt. Und jede Krankheit ist eine tiefe Zäsur im Leben. Manchmal auch eine Weggabelung, an der man darüber nachdenkt, in welche Richtung man gehen will. Wie hat sich diese Zäsur auf Ihr Leben ausgewirkt?"
Rau antworte: "Es hat Tiefen gegeben in diesen zehn Monaten, die ich nicht beschreiben will. Und es hat Zuversicht gegeben, die ich nicht mir selber verdanke."
Darauf die Journalistin: "Sondern wem verdanken Sie diese Zuversicht? Ihrer Familie?"
Rau: "Noch tieferer Zuversicht."

Damit schließe ich meine kleine Spurensuche durch die Welt der Acedia und ihrer Gegenmittel.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu130/acedia.htm, Stand: Juni 2010, dk

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