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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 131 - Oktober/November 2010


Aus der Landeskirche

zusammengestellt von Dietrich Kuessner
(Download als pdf hier)

* Der im November tagenden Landessynode liegt ein sog. Strategiepapier der Projektgruppe 2012 vor. Darin wird vorgeschlagen, die Pfarrstellen auf 170 Stellen zu begrenzen. Dummerweise liegt dieser Berechnung keine nachvollziehbare Stellenplanung zugrunde. Zur Zeit haben wir so um die 220 Pfarrstellen. Das gibt wohl eine heftige Diskussion. Wie war die Rückkoppelung mit dem Pröpstekonvent?

* Ein weiteres Thema des Strategiepapiers ist das Theologische Zentrum in Braunschweig. Es ist bereits an der Synode vorbei fest installiert worden. Das Predigerseminar nach Loccum auszulagern wäre nur interessant, wenn es finanzielle Einsparungen ergeben würde. Davon ist jedoch das jetzige Landeskirchenamt nicht überzeugt. Dann ist es besser (übrigens auch sonst), es in Braunschweig zu belassen.

* Die Stellenplanungen bewirken allerlei Bewegungen auf den Pfarren.
* Zu meinem Entsetzen hat sich Pfarrer Fay-Fürst (48 Jahre) seit September aus der Wicherngemeinde in Braunschweig weg an eine Berufsschule beworben. Er war seit 2003 in Wichern. Aus der Tretmühle einer 3.591 Mitglieder starken Gemeinde in die Wochenendoase einer Berufsschule. Er hatte die Gemeinde zusammen mit Oelper (1.145 Mitglieder) bewirtschaftet. Aber irgendwie war die Belastung offenbar zu groß. Was wird im Vorfeld getan, um derartigen Wechsel zu verhindern? Dabei entstehen auch Fragen an den Kirchenvorstand.

* Aus der gekürzten Pfarrstelle in Emmerstedt (1.374 Mitglieder) bei Helmstedt hat sich Pfarrer Werrer (47 Jahre) wegbeworben nach Leiferde, wo er gewählt worden ist. Er war seit 2001 dort tätig. Auch Emmerstedt steht vor Strukturfragen wie auch die vakante Gemeinde Michaelis in HE (1.191) und die vakante Gemeinde Marienberg (1.822 Mitglieder). Die Konstruktion eines „Quartiers“ in Helmstedt (Marienberg/ Michaelis/ Thomas/ Stephanie halbe Stelle) ist irgendwie komisch, wie auch der Name (Calixt). Das Problem besteht m.E. darin, dass alle diese Konstruktionen personenbezogen sind und nur so lange halten, wie die betroffenen Pfarrer auch vor Ort bleiben. Aber aus Michaelis ist Meerheimb weggegangen (nach Linden), und aus Emmerstedt nun Werrer. Die Einrichtung von halben und dreiviertel Stellen wärmt historisch gesehen die früheren unterschiedlich dotierten Pfarrstellen wieder auf, meint Propst i.R. Klaus Jürgens. Stattdessen sollten nur dauerhaft ganze Stellen mit einem vertretbaren größeren Umfang (etwa bis 5.000 Mitglieder) und einem Kranz von Lektoren geschaffen werden. Das wäre auch Sache des Pfarrervereins, zu dem das Landeskirchenamt jedoch ein Verhältnis auf äußerster Sparflamme pflegt.

* Unausgegoren ist leider auch die Pfarrstelle Delligsen II mit Kaierde und Varrigsen (nach dem Pfarramtskalender 999 Mitglieder). Sie ist mit Pfarrer Michael Pfau (50 Jahre) besetzt. Also eine halbe Stelle, die mit Naensen/Ammensen/Stroit (1.148 Mitglieder) zusammengelegt werden könnte. Dort ist jedoch Frau Pfarrerin Lohrey gewählt worden und wird ihren Dienst vor Weihnachten antreten. Pfau gestaltet in Kaierde von Mal zu Mal einen von der Gemeinde und Umkreis sehr gut angenommenen unkonventionellen Gottesdienst (Lebenfeste). Seine seelsorgerlichen Qualitäten hat er kürzlich bei der Beerdigung des in Delligsen ermordeten Jungen Julian erwiesen, wo er , anders als es in der Presse dargestellt wurde, die Beerdigungspredigt und die Andacht am Abend des Bekanntwerdens der Ermordung gehalten hat. Das Landeskirchenamt erstrebt eine Versetzung und eine Verwendung von Pfau als Springer in einer Propstei; offenbar nicht in der Propstei Gandersheim. Die Propsteisynode hat sich für ein Verbleiben Pfaus in der Propstei ausgesprochen. Einer von der Propsteisynode berufenen Kommission ist eine fruchtbare Zusammenarbeit vom Landeskirchenamt verweigert worden. Das fährt die Rechtsschiene. Dagegen sträuben sich zahlreiche Gemeindemitglieder, haben zu Hunderten vor dem Landeskirchenamt protestiert, die Sache war im NDR Fernsehen, der Gemeinderat hat sich mit seinem Pfarrer solidarisch erklärt, also Volkskirche pur, darauf schrieb der Rechtsreferent, das ginge dem Gemeinderat gar nichts an (zwei Zeilen!). Alles kein guter Umgang miteinander. Eine dauerhafte Lösung ist nur mit den Gemeinden zu erreichen. Nie gegen sie.

* Propst Liersch (64 Jahre), Goslar, rüstet zum Aufbruch aus dem Dienst. Womöglich noch bis Jahresende will die Familie ein neues Domizil in Goslar (und Umgebung) beziehen. Die Stelle wird demnächst ausgeschrieben. Das mag ein Wechsel sein. Wir erhoffen uns von Liersch einen saftigen, zu veröffentlichenden Rückblick auf seine Dienstzeit

* „Predigten 2009 aus dem etwas anderen Gottesdienst“ heißt ein Buch mit zwei CDs, das Predigten der Volkmaröder Pfarrerin Christina Koch (seit 1994 in der Gemeinde) wiedergibt. Sie wollte das eigentlich nicht. Herausgeber ist Günter Griebenow, der im Vorwort schreibt: „Ohne die sonst übliche Liturgie erzählt Pfarrerin Christina Koch von biblischen Gestalten wie Adam und Eva, Jakob und David, lässt sie in ihrem biblischen Umfeld lebendig werden und stellt sie in unsere Gegenwart hinein. Pfarrerin Koch versteht es, Aufmerksamkeit und Nachdenklichkeit zu wecken, Zuversicht aufzubauen und Mut zu vermitteln, die eigene Ängstlichkeit zu überwinden und Verantwortung für den Nächsten zu übernehmen“. Das ist doch ein beachtliches Predigtecho. Das Buch ist im Gemeindebüro erhältlich.

* Der Kaiserdom in Königslutter erstrahlt in neuer Quensenherrlichkeit. Der Staat hat es für Millionen gerichtet. Die Landeskirche hätte diese Art von Renovierung finanziell alleine nicht stemmen können. Also Dank Dank Dank. Wirklich? Es ist eine Grabeskirche. Nur für das Kaisergrab hergerichtet. Nie als Gemeindekirche. So war ich doch angenehm überrascht, dass sich Manfred Trümer dort eine Predigthörergemeinde zusammengepredigt hat, auch altersmäßig gut durchmischt. Die Domgemeinde hat gut 2.500 Mitglieder, Trümer, in diesem Jahr 60 geworden, ist seit 24 Jahren dort tätig. Aber er ist nicht mehr Herr im eigenen Haus. Die Stiftung macht Termine und Konzerte, die mit der eigentlichen Gemeindearbeit nichts zu tun haben. Um dies zu verknüpfen, ist noch eine halbe Stelle eingerichtet worden, irgend so ein Kultur- und Verbindungsauftrag. Muss der Theologie studiert haben oder doch mehr Volkswirtschaft und Kultur?

* Als erstaunlich stabil erweist sich auf die Dauer die Propsteilage in Salzgitter-Bad, die nicht mehr mit Anschlussambitionen des LKA belästigt wird. Pfr. Ralf Ohainski, Gr. Flöthe, 52 Jahre, macht nach dem Weggang von Schinke dort seit einiger Zeit bereits die Vertretung als stellvertretender Propst und probt die Propstei als Seelsorgeeinheit. So war sie ja auch gedacht. Das schreit nach Nachahmung, wenigstens in den kleineren Propsteien.

* Die Christophorusgemeinde, Helmstedt, wo Pfr. Birgit Rengel, und die Offleber Kirchengemeinde, wo Pfr. Ina Naumann-Seifert amtieren, stellen die Gemeinderäume den Umweltgruppen in Helmstedt und Büddenstedt für Versammlungen zur Verfügung. In Helmstedt hat es gerade massenhafte Einwendungen gegen die Stillegung von Morsleben gegeben. Diese Umweltinitiative steht etwas im Schatten von Konrad und Asse. Zu Unrecht. In Büddenstedt geht es um das Vergraben des phenolhaltig verseuchten Bodens in Offleben. Die BKB mussten 50 Millionen zurückstellen zur Wiederherstellung des landwirtschaftlichen Bodens. Warum werden diese nicht eingefordert? Ich fände es ja schön, wenn diese wichtige gesellschaftliche Arbeit auch in den Gemeindebriefen reflektiert würde.

* Die Agendenkommission ist wieder ins Leben gerufen. Dazu gratulieren wir herzlich und erhoffen uns heftige, regionalbezogene Anregungen zur Gottesdienstgestaltung. Ihr gehören an: Hecker, Vogelsang als Kirchenmusiker, Gottwald, Berger-Kapp, Welge. Ans Werk!

* Sehenswert für Konfirmandengruppen ist eine Ausstellung über Rechtsextremismus heute und die Harzburger Front im Braunschweiger Landesmuseum. Der verdienstvolle Leiter der Arbeitsstelle gegen Rechtsextremismus Koch legte in einem überzeugende Referat bei der Eröffnung dar, wie unsere Gesellschaft durch das fehlende Arbeitsangebot die jungen Leute in die Arme der Rechtsextremen treibt, weil sie dort alles finden (wie Anerkennung, Arbeit, Gemeinschaft, Tun, was man denkt), was ihnen eigentlich die Gesellschaft bieten müsste. Die Rechtsextremen füllen die Lücke, die die Jugendlichen von der Gesellschaft erwarten dürfen. Sehr sehr traurig. Sehenswert!


Aus anderen Landeskirchen

Aus Hamburg
Die Hamburger Bischöfin Jepsen ist zum 1. November 2010 zurückgetreten.
Ich finde diesen Rücktritt von Frau Jepsen ärgerlich und wie Bischof Weber unnötig. Von der Presse (!) angezweifelte Glaubwürdigkeit ist wahrhaftig kein Grund. Jepsen war gekränkt. In einem solchen Zustand soll man überhaupt keine Entscheidungen treffen, sondern Abstand gewinnen. Leider entfällt jetzt auch eine Beratung und verbindliche Entscheidung in dem sog. Missbrauchsfall. Da müsste ja auch auf der Ebene unterhalb der Bischöfin Klärung geschaffen werden. Aber die Kirche fürchtet die Presse mehr als die Dreieinigkeit, schon lange übrigens. Die Gemeinschaft der Bischöfe hätte längst den Spieß umdrehen sollen und die Glaubwürdigkeit der Presse in Zweifel ziehen müssen. Jenen Kommentar finde ich auch bescheuert, als hätten wir jetzt wie die kath. Kirche ein vergleichbares Problem in Sachen Jugendmissbrauch. Viel wichtiger wäre es, zu diskutieren, ab wann ist Sexualität unter Jugendlichen nach Ansicht der Kirche vertretbar. Dabei sollten mal die Erfahrungen bei den Konfifreizeiten zu Rate gezogen werden. Oho!! und innerhalb der teamer. Oho oho!!. Und wenn Sexualität zwischen Jugendlichen für die liebe liberale Tante Kirche erlaubt ist, und jene nicht bis zur Ehe enthaltsam den Versuchungen ihrer Triebe unter der kalten Dusche trotzend leben sollen, tja: wann dann? und in welchem Verhältnis zwischen Jugendlichen und Erwachsenen? Ein uraltes Kinothema: Lehrerin und Schüler, Lehrer und Schülerin etc. Wo Sex nur in der Ehe vollzogen werden soll, na dann Mahlzeit. Her mit dem Henker oder eben mit der Presse.
Wie geht es in Hamburg weiter? Überhaupt nicht, denn die sog. Nordelbische Kirche formiert sich gerade und berät in nächsten Jahr ihre künftige Verfassung. Da will man mit einer Personalentscheidung nicht vollendete Verhältnisse schaffen. Also macht es der Stellvertreter.

Aus Stuttgart
Einer unserer Kollegen im Pfarramt, der württembergische Pfarrer Joh. Bräuchle, ist Sprecher einer Initiative für das Projekt Umbau des Stuttgarter Bahnhofs. (PROSiT). Er schwingt zweifelhafte Reden, die das Potential haben, dem Ruf der württembergischen Kirche und evtl. der Pfarrerschaft allgemein Schaden zuzufügen.

Am 14.10. hat er auf einer Kundgebung vor mehreren Tausend Zuhörern wörtlich gesagt:
„Lasst uns zusammenhelfen, dass wir uns von denen trennen, die uns in ein Chaos hineinverführen wollen, wir wollen uns trennen von Parkschützern, die unseren Park zertrampeln, die unseren Park zum Hippie-Camp verunstalten, wir wollen uns trennen von Baumschläfern, Ankettungstrainern und von den Bauzaunbesetzern. Schützen wir uns vor den vermeintlichen Schützern eines verirrten Demokratieverständnisses.
(…) Schicken wir die hinaus aus unserer Stadt und unserem Land, die als Aktivisten und Agitatoren und Demagogen im Ganztagsjob eingekauft worden sind.“
Ganz schön krass, der Amtsbruder! Die christlichen Bischöfe sagen zum ganzen natürlich nichts. Sie ähneln den Profeten bei Elia, die auf beiden Seiten hinken.

Vom Lutherischen Weltbund in Stuttgart
Eigentlich soll der scheidende Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB), Mark Hanson, auf seine Amtszeit zurückblicken. Doch der US-Amerikaner bilanziert an diesem schwülen Tag in der Stuttgarter Liederhalle nicht. Hanson predigt vielmehr, mahnt, appelliert, redet den rund 400 Delegierten der Vollversammlung ins Gewissen. Im Grunde hat er nur eine Botschaft: die Lutheraner sollen alle kulturellen Unterschiede, Meinungsverschiedenheiten in moralischen Fragen und theologischen Zwistigkeiten hintanstellen, sich auf das gemeinsame Erbe besinnen und die Einheit hochhalten. Man merkt, dass den 63-Jährigen die Sorge umtreibt, es könne zur Spaltung des LWB mit seinen mittlerweile 145 Kirchen kommen.

Der Theologe bestreitet dies zwar hernach. Er habe nur um die lutherischen Kirchen werben wollen, die noch nicht zu dem Dachverband mit 70 Millionen Protestanten gehören. Doch die Konflikte innerhalb des Weltbundes sind so groß, dass mancher zuvor fürchtete, die Stuttgarter Versammlung könne zur Zerreißprobe werden. Das Reizthema mit der meisten Sprengkraft ist dabei die Homosexualität. Vor allem die stark wachsenden und daher selbstbewussten afrikanischen Kirchen schütteln den Kopf über die großzügige Haltung einiger nördlicher Brüder und Schwestern gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren.

Hanson selbst steht der lutherischen Kirche in Amerika vor, die sich kürzlich in dieser Frage erst an die Spitze des Fortschritts gestellt hat. Die Segnung homosexueller Paare im Gottesdienst ist dort ebenso akzeptiert wie leitende Geistliche, die dauerhaft mit ihrem schwulen oder lesbischen Partner zusammenleben. Seit dieser Reform ist Hanson nicht nur im Weltbund unter Druck. Er muss auch in seiner Kirche einen Exodus der Glaubenden verkraften. Zudem versuchen konservativere Kräfte mit alternativen Bistümern ihm Gläubige abzuwerben. Ähnlich ist die Situation in Schweden, wo es eine offen lesbisch lebende Bischöfin gibt. Tansania ist dazu der Gegenpol. Dort möchten Bischöfe Missionare aus dem Land weisen, wenn sie von so liberalen Kirchen kommen.

Der LWB-Generalsekretär Ishmael Noko weiß um die Spannungen, möchte aber den Knall vermeiden. Deshalb versucht der Weltbund die Debatte zu kanalisieren und spielt auf Zeit. Vor Jahren begann ein Gesprächsprozess. 2007 hat eine Arbeitsgruppe erst mal einen Zwischenbericht zum Thema Ehe, Familie, Sexualität vorgelegt. Bis 2012 solle die Diskussion in den Mitgliedskirchen weitergehen, wünscht sich der Afrikaner Noko nun.

Seine Strategie könnte aufgehen. Erstens, weil die Konservativen schon im LWB-Rat ihren Kropf geleert haben. Zweitens, weil die nur alle sieben Jahre stattfindende Vollversammlung nicht zur Bühne für Konflikte werden soll. Und drittens, weil man sich wohl auf das Konzept der versöhnten Verschiedenheit verständigen kann. Danach wäre das unterschiedliche Urteil über die Homosexualität kein Grund auseinander zu gehen. Hansons Aufruf zur Einheit wird jedenfalls mit dankbarem Applaus aufgenommen. So fällt dem württembergischen Organisator des Treffens, Klaus Rieth, ein Stein vom Herzen. Vorerst, meint er, sei die Veranstaltung gerettet.

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 22.07.2010
Von Michael Trauthig




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu131/ausderlandeskirche.htm, Stand: Oktober/November 2010, dk

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