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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 131 - Oktober/November 2010


Wege aus der PerikopenUNordnung

von Dietrich Kuessner
(Download als pdf hier)

Was ist denn eine „Perikope“? Perikopein heißt herumschneiden. Perikope ist ein aus der Bibel herausgeschnittener Textabschnitt, der Sonntag für Sonntag in Gottesdienst vorgelesen wird. Zu Weihnachten also die Weihnachtsgeschichte, zu Ostern die Ostergeschichte usw. Aber es entstehen Fragen: es gibt in der Bibel mehrere Ostergeschichten. Welche soll man nehmen? Es gibt mehrere Geburtsgeschichten!
Diese sonntäglichen Lesungen haben eine uralte Tradition, mit der man pfleglich umgehen muss. Sie enthalten vor allem „wichtige“ Bibelabschnitte. Manchmal sind sie beim ersten Hören nicht verständlich, z.B. Abschnitte aus einem Paulusbrief. Sollen es vor allem Christustexte aus dem Neuen Testament sein, wie oft darf das „Alte Testament“ vorkommen?
Es gibt drei sonntägliche Lesungen, eine alttestamentliche, eine aus den Evangelien, eine dritte aus den Briefen der Apostel.
Diese sonntäglichen Lesungen werden von allen Pfarrerinnen und Pfarrern, Lektorinnen und Lektoren benutzt und sind im sog. Lektionar zusammengefasst. Das Lektionar liegt meist auf dem Lesepult. Sie sind auch im Gesangbuch abgedruckt.
Ein normaler Pfarrer kümmert sich nur um den Predigttext, die Lesun1gen macht eine Lektorin. Das ist ihre Sache, denkt er. Schade! Ein sorgfältiger Pfarrer liest sich alle drei Lesungen für den Sonntag durch, fragt nach dem besonderen Gesicht des Sonntags und bezieht die Lesungen in seine Predigt mit ein. Es muss ja einen Grund haben, warum, gerade diese Texte für diesen Sonntag zusammengestellt wurden. Es gibt eine „Arbeitshilfe zum Evangelischen Gottesdienstbuch“, in dem die Verfasser kurze Erläuterungen zu den drei Lesungen und dem Predigttext geben.
Die Gemeinde merkt sehr bald, ob ihr die Lesetexte wie Backsteine an den Kopf geknallt werden, oder ob die Pfarrerin/ der Pfarrer sich bemüht, ihr die Texte auch in ihrem Zusammenhang nahe zu bringen.
Diese Lesungen wurden immer mal wieder erneuert. So 1949 und 1978. Das Ergebnis ist heute noch im Gesangbuch nachzulesen.
Aber auch diese Reform erhielt kräftigen Gegenwind. So schrieb Alexander Völker, der Vorsitzende der Lutherischen Liturgischen Konferenz (LuLiKo), eine weitere Reform sei notwendig, „weil Auswahl, Abgrenzung und Einordnung vieler Perikopen in zahlreichen Zuschriften an unsere Konferenz angefragt wurden. Außerdem wurden wichtige biblische Texte vermisst, während andere für entbehrlich gehalten wurden.“

Mir fiel in der Gemeindearbeit auf, dass einige Lesungen für die sonntägliche Hörergemeinde unzumutbar waren. Und so machten wir in Offleben und Reinsdorf ein eigenes Lektionar. Die meisten üblichen Lesungen blieben bestehen, aber viele wurden ersetzt, vor allem durch erzählende Bibelabschnitte, z.B. am Singesonntag Kantate die Geschichte wie David vor Saul singt, und wie Paulus und Silas im Gefängnis durch ihren Gesang die Gefängnistüren öffnen. Natürlich die Geschichte vom Verlorenen Sohn. Das berühmte Gleichnis von den klugen und sog. törichten Jungfrauen am zweiten Advent statt am Totensonntag. Die Ostergeschichte Johannesevangelium Kap. 21 als fortlaufende Lesung am 2. Sonntag nach Ostern. Oder zu Himmelfahrt die schöne Geschichte von der Himmelfahrt Elias (2. Kön.2). Es waren insgesamt 32 Texte für 22 Sonntage, die geändert worden waren. Ich reichte unser Lektionar im Landeskirchenamt ein, und es wurde von OLKR Becker genehmigt. Jeder Konfirmand erhielt ein Exemplar. Darin wurde dann angestrichen und manchmal auch chorisch gelesen.
Die Unzumutbarkeit der sonntäglichen Lesungen hatte sich also herumgesprochen, und es setzte sich in Hannover ein kleiner Kreis aus Teilnehmern der Liturgischen Konferenz Niedersachsens (LKN) zusammen, dem u.a. Prof. Stalmann, Pfr. Reich, Superintendent Frerich und ich angehörten. Wir arbeiteten ab 1991 im Auftrag der Lutherischen Liturgischen Konferenz (LuLiKo) in 14 Sitzungen eine neue Perikopenordnung aus. Das dauerte vier Jahre. Die LuLiKo hatte außerdem einen eigenen Ausschuss noch einberufen, sodass wir zweigleisig, aber untereinander gut vernetzt und informiert arbeiteten. Wir schlugen u.a. vor, die lange Trinitatiszeit neu aufzugliedern in Sonntage nach Johannis und nach Michaelis. Unverständlichen Texte wurden durch neue ersetzt, aber wir gingen sehr behutsam vor. 1994 war die Sache fertig. Sie wurde am 12. – 14 September 1994 in Trier vor die vielköpfige Lutherische Liturgische Gesamtkonferenz gebracht, dort wurden wieder Ausschüsse gebildet und an den Texten, nämlich den zwei Vorlagen der LuLiKo und der LKN erneut herumgefeilt. So wurde z.B. der Vorschlag, am 2. Advent das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen zu lesen, abgelehnt. Wie bei allen größeren Gremien regierte da ein eher konservativer Ton. Immerhin: es wurde beschlossen, die Vorschläge zu drucken und in den Landeskirchen ein Stellungnahmeverfahren einzuleiten. Es erschienen zwei vorzügliche Hefte, wobei bereits alle Neuerungen so wiedergegeben waren, dass sie sofort im Gottesdienst verwendet werden konnten. Außerdem waren sie mit hilfreichen Übersichten und Begründungen für die Revision versehen. Für ein Stellungnahmeverfahren alles prima bestens vorbereitet.
Aber die lutherischen Bischöfe, deren liturgische Kompetenz man nicht überbewerten darf, lehnten die ganze Sache ab. Vor allem der Hannoversche Bischof Hirschler, der ja auch sonst schneidig und schnoddrig sein kann, stellte sich völlig quer. Die Bischöfe lehnten ab, ohne eine weitere Lösung vorzuschlagen. Haarsträubend und sehr enttäuschend. Vor allem war es blankes Kirchenunrecht, denn das sog. ius liturgicum, also das Recht, in liturgischen Fragen zu entscheiden, liegt seit altersher bis heute nicht bei den Bischöfen, sondern bei den Synoden und bei den Kirchengemeinden.
Die Sache kam also für die Leitenden auf den Kirchenschutt, in der Hannoverschen Landeskirche wurden die Hefte im Keller verstaut. Die Braunschweiger Landeskirche gab die Vorschläge an die Kirchengemeinden weiter. In der immerhin in 1.500 Exemplaren verteilten „Arbeitshilfe Gottesdienst“ wurde immer wieder auf die Vorschläge von 1995 zurückgegriffen. Was für die einen Liturgieschutt war, war für die anderen Hilfe zur Gestaltung des Gottesdienstes.

Nach 15 Jahren rappelte sich eine neue Generation von Praktischen Theologen auf und versammelte sich in Wuppertal, um sich „auf den Weg zur Perikopenrevision“ zu machen. So lautete der Titel der Dokumentation dieser von 75 Wissenschaftlern vom 30.4.- 2.5. 2010 besuchten Fachtagung. Diese taten nun so, als ob es unsere Arbeit nicht gegeben habe. Diese Arbeit sei nämlich „gescheitert“, so im Vorwort die Leitenden der EKD, UEK und VELKD, „ein Beispiel, wie eine solche Revision eben nicht gelingen kann“ (S. 9) Sie wussten offenbar nicht, woran unsere Arbeit gescheitert war, nämlich an der Verletzung des ius liturgicum durch die lutherische Bischofskonferenz. Und alle künftigen Bemühungen werden wiederum daran scheitern, wenn nicht VORHER geklärt ist, wer denn eine solche Entscheidung zu treffen habe. Ich schlage vor, sie wird wieder in die Hände der Kirchengemeinden gegeben. Dann käme nämlich Bewegung in die kirchenamtlich verkrustete Angelegenheit. Frau Jahn,, Oberkirchenrätin für Gottesdienst in Hannover bei der VELKD, meinte in ihrem Beitrag: dieses Mal solle „sorgfältig geprüft werden“ (S. 11), ha ha, als ob wir vier Jahre etwas anderes getan hätten. In der Dokumentation befindet sich ein historischer Rückblick vom liturgischen Übervater Karl-Heinz Bieritz („Es wechseln die Zeiten“ S. 115 ff). Bezeichnenderweise fehlt darin eine Besprechung unserer Arbeit seit 1991. Weil offenbar die Unterlagen fehlten oder nicht benutzt wurden? Pech, dass ich die meisten noch habe.
Es ist vor allem dem Professor für Praktische Theologie in Neuendettelsau, Klaus Raschzok, zu danken, der in seinem Beitrag „Zwölf Merkpunkte für eine Weiterarbeit“ (S. 271 ff) „für eine mutige Optimierung des Vorhandenen unter Einarbeitung und Prüfung des 1995 Erreichten und lediglich organisatorisch Gescheiterten“ plädiert. (S. 274)

Wie soll es nun weitergehen? Die Dokumentation über die Wuppertaler Tagung war im Buchhandel erschienen, nun mussten mal wieder Ausschüsse gebildet werden. Zu diesem Zweck trafen sich in Hildesheim im Michaeliskloster vom 4. – 6. Oktober erneut, Professoren und Oberkirchenräte, auch einige Pfarrer und Kirchenmusiker, insgesamt 58 Leutchen als Liturgische Konferenz. Hans Jürgen Kalberlah hatte als früheres Mitglied der Liturgischen Konferenz die Unterlagen erhalten und gab sie an mich weiter. Ich meldete mich an, um als Mäuschen zu hören, wie man über unsere Arbeit dachte und wie die Sache weitergehen würde. Denn die sonntäglichen Lesungen sind enorm wichtig.

Mein Eindruck von der Konferenz in Hildesheim war, dass es den Beteiligten gar nicht unter den Nägeln brennt, dass den Gemeinden Sonntag für Sonntag unverständliche Texte präsentiert werden.
Da merkt man, das die Motivation zur Reform nicht wie seinerzeit in Offleben und auch bei Reich und Stalmann die Gemeinden sind, sondern Hobbyliturgiker sind am Werke. Nicht solche, die sich ernsthaft den Zumutungen des Textes gegenüber den Gottesdienstbesuchern Sonntag für Sonntag, meist zweimal stellen und sie verantworten müssen.
Den meisten ist die Durcharbeitung unserer Vorlage zu anstrengend. Das ist es auch. Sie möchten lieber ganz von vorne anfangen. Das würde bedeuten: die Revision geht wieder vom Jahr 1978 aus. Das ist außerordentlich schlecht. Und sie soll bis 2017 dauern. Viel zu lange!
Längst fällig wäre, wenn einzelne besonders problematische Texte ausgetauscht würden. Das ist in zwei Fällen auch schon passiert. Außerdem sollten die einzelnen Landeskirchen, und die kleinen vorneweg, neue Texte erproben. Das wäre ein erster kleiner Schritt. Für weitergreifende Überlegungen, etwa zum Kirchenjahr, ist dann immer noch Zeit.


Die Offleber/ Reinsdorfer Revision der sonntäglichen Lesungen

2. Advent: Mt 25 (Gleichnis von den sog. törichten und klugen Jungfrauen) statt Luk. 21

Silvester: 1. Mose 1, 14-19 (die Erschaffung der Zeit) statt Jes. 30
Silvester: Luk. 10, 38-42 (eins ist not) statt Luk. 12 (Aufruf zur Wachsamkeit! dämlich!)

Neujahr: Luk. 2, 21 (Namensgebung Jesu) statt Luk. 4 (Predigt in Nazareth)

Ostersonntag früh: Jona Kap 1-4 in vier Lesungen statt Jes. 26
Ostersonntag früh: Johannesevangelium Kap. 20 in drei Lesungen gegliedert statt Mt. 28

2. S. n. Ostern: Joh. 21 (Jesus am See Tiberias!) in zwei Lesungen gegliedert; keine a.t. Lesung und keine Ep.

Kantate: 1. Sam 16, 14-23 (David spielt vor Saul) statt Jes. 12
Kantate: Apostelgeschichte 16, 23-32 (der Gesang von Paulus und Silas im Gefängnis) statt Kol. 3

Rogate: 2. Mose 17, 8-13 (Aaron und Hur stützen Mose beim Gebet) statt 2. Mose 32

Himmelfahrt: 2. Kön. 2 (Himmelfahrt des Elia) statt 1. Kön. 8

Pfingstsonntag: 1. Mose 11 (Turmbau zu Babel) statt 4. Mose 11

3. S.n.Tr.: Luk. 15, 11-32 (Gleichnis vom Verlorenen Sohn) in zwei Lesungen statt Luk. 15, 1-7
keine a.t. Lesung

4. S.n. Tr.: Joh. 8,3-11 (Jesus und die Sünderin) statt Luk. 6

6. S.n.Tr.: 2. Mose 14, 10 – 15,2 in Auswahl (Israel durchs Rote Meer) statt Jes. 43
6. S.n. Tr.: Apostelgeschichte 8, 26-39 (Philippus tauft den Kämmerer) statt Röm. 6

16. S.n.Tr.: Luk. 7 (Auferweckung des Jünglings von Nain) statt Joh 11 (Auferweckung des Lazarus)

17. S.n.Tr.: 1. Mose 32, 22-32) (Jakob in Bethel) statt Jes. 49

18. S.n.Tr.: Markus 10 statt Markus

19. S.n.Tr.: Jesus Sirach 50 („Nun danket alle Gott“) statt 2. Mose 34
19. S.n.Tr.: Apostelgeschichte 3, 1-10 (Petrus und Johannes heilen den Lahmen) statt Eph.4

20. S.n.Tr.: Jak. 2,1-13 (keine Unterschiede in der Gemeinde) statt 1. Thess. 4 (meidet die Unzucht)
20. S.n.Tr.: Joh. 5 (Heilung des Kranken am Teich Bethesda) statt Mark 10 (Jesus über Ehescheidung)

22. S n.Tr.: 2. Mose 34 statt Micha 6
22. S.n.Tr.: Eph. 5 statt Phil 1

Dritt..S.i K.: Jeremia 18 (Ton in des Töpfers Hand) statt Hiob 14

Ewigkeitssonntag: Weisheit Salomos Kap. 3 (Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand) statt Jes. 65
Ewigkeitssonntag: Mk. 13, 31-37 (Himmel und Erde werden vergehen) statt Mt. 25





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