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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 131 - Oktober/November 2010


Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes

Predigt über 2. Tim 1, 7-10
von Pfarrer Werner Busch
(Download als pdf hier)

Ich begrüße Sie und Euch herzlich zum Gottesdienst an diesem Sonntagmorgen hier in der St. Katharinenkirche.
Das biblische Leitwort über diesem 16. Sonntag nach Trinitatis stellt uns auch für die neu beginnende Woche unter Gottes belebendes Wort aus 2. Tim 1:
Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.
Damit sind Thema und Grundton für diesen Gottesdienst und für die neue Woche angestimmt:
Mitten in der festlosen Trinitatis-Zeit feiern wir heute ein kleines Ostern, Auferstehung mitten im Leben.
So wie uns jeder Sonntag als Tag der Auferstehung die neue Woche aufschließt als Zeit der Hoffnung.
Unser Alltag - ein Weg in Gottes Zukunft.
Gott schenke uns, dass wir in der Hoffnung wachsen.

Tagesgebet
Barmherziger Gott, unser Vater!
Das Wort ist dein Element, in dem du zu uns kommst, und im Hören finden wir dich.
Wir bitten: Herr, öffne uns die Ohren des Herzens für deinen schöpferischen Weckruf,
und mach uns zu deinen Gesprächs- und Bundespartnern auf dem Weg, den du mit der Welt gehst.
Auf dass auch wir das gute Wort und die rechte Tat finden für die Menschen, die uns zur Seite sind.
Das bitten wir im Namen deines Sohnes Jesus Christus, der unser Herr ist und mit dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

Predigttext 2. Timotheus, Kapitel 1 :
3  Ich danke Gott, dem ich diene von meinen Vorfahren her mit reinem Gewissen, wenn ich ohne Unterlass deiner gedenke im Gebet, Tag und Nacht.
4  Und wenn ich an deine Tränen denke, verlangt mich, dich zu sehen, damit ich mit Freude erfüllt werde.
5  Denn ich erinnere mich an den ungefärbten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; ich bin gewiss, auch in dir.
6  Aus diesem Grund erinnere dich daran, dass du erweckest die Gabe Gottes, die in mir ist durch die Auflegung meiner Hände.
7  Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
8  Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.
9  Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt,
10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unsers Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium,
11 für das ich eingesetzt bin als Prediger und Lehrer.
Amen.

Liebe Gemeinde!

Zu den Quellen unseres Glaubens und Unglaubens gehören auch die Großmütter und Großväter, die Eltern, die uns zur Taufe trugen. Die Generationen vor uns: Denker, Lehrer, Pfarrer und die Bezugspersonen, durch die das alles zu uns gelangt ist. Der Grundwasserspiegel unserer Spiritualität wird durch sie wie aus unterirdischen Seen gespeist. Im Predigttext sehen wir das bei Timotheus geradezu klassisch abgebildet: „Ich erinnere mich an den ungefärbten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; und ich bin gewiss, auch in dir.“ Auch das Verhältnis zwischen dem Apostel und seinem Schüler erscheint hierfür als Modell, zwei Briefe gehen an Timotheus, Pastoralbriefe, unter dem Namen des großen Völkerapostels und Kirchengründers Paulus. Die Pastoralbriefe sind eine besondere Stil-Form in der Bibel: Sie sind Ermutigung der nächsten Generation in Briefform, eine theologische Hinterlassen-schaft für Nachfolger. Wir beobachten einen bewussten Generationenwechsel schon in der frühen Kirche, im Neuen Testament, den Anfang einer Überlieferung bis zu uns. Haben wir heute ein Bewusstsein dafür, dass die junge Generation einen eigenen und neuen Zugang zum Glauben finden muss?
Nachdenkliche Briefe an die junge Generation werden auch in unseren Tagen wieder geschrieben:1) von Prominenten, von Intellektuellen und Künstlern.
Was würden Sie in einem Brief an Ihre Kinder und Enkelkinder weitergeben – an die Generation, die sich im dritten Jahrtausend heimisch fühlen soll?
Was halten Sie auch in Zukunft für tragfähig? Solche Briefe sind eine Art Bilanz angesichts unsicherer Perspektive. Was hat uns geprägt? Und was davon sollten wir weitergeben, womit können wir inspirieren und weiterhelfen? Dahinter steht eine Erfahrung: Die Berufung zu einem Lebensweg - ein Lebensthema - wird weitergegeben. Sowas fällt nicht vom Himmel. Wie beim Staffellauf will der Staffelstab des Glaubens im Lauf, also auf dem Lebensweg übergeben und angenommen werden. Durch Vorleben und Mitleben, durch Kontakt und Beziehung. Selbst für Paulus gilt, trotz seiner plötzlichen Lebenswende bei Damaskus, trotz dieses tiefgehenden Umbruchs: „ich diene Gott von meinen Vorfahren her.“
Anfang und Ursprung einer Mission, einer Lebensaufgabe sind sozusagen pränatal, vorgeburtlich angebahnt: „So spricht der Herr: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von deiner Mutter geboren wurdest.“ (Jeremia 1). Von nichts kommt bekanntlich nichts, das gilt auch für ein christliches Leben. Es kommt nicht alles aus uns selbst! Manches kommt von weither, aus unserer Herkunft, durch die Wurzeln, aus denen wir gewachsen sind: Impulse und Gedanken zum Guten wie zum Bösen, Schwächen und Mängel, Werte und Grundsätze.
Fast überflüssig zu sagen: das ist Überlieferung ohne Genetik,2) keine biologische Festlegung, sondern: ein soziales Erbe, kulturelle Prägungen, Gelerntes und Erlebtes. Gespräche am Küchentisch, gefaltete Hände am Kinderbett, gemeinsame Erfahrungen im Urlaub. Hier hat der Glaube seine verborgenen Quellen und untergründigen Traditionen: in den Familien-Ritualen und auch in den großen kirchlichen Festen.
Aber (!): dieses Grundwasser ist noch kein Bach, der Wiesen bewässert, und noch kein Fluss, auf dem Boote fahren. Das überlieferte Christentum ist oft wie eine Saat, die noch nicht aufgegangen ist, sondern in Erinnerungen verborgen schlummert. Im 2. Timotheus-Brief zum Generationenwechsel ist ganz deutlich: Da ist noch etwas anderes, durch das der Glaube erst ans Tageslicht kommt. Seine lebenspraktische Kraft, seine Liebe und seine situationsgemäße Besonnenheit entfaltet das Christsein nicht von selbst.
Wir hören eine Heraus-Forderung im wahrsten Sinn des Wortes: „Er hat uns mit einem heiligen Ruf berufen.“ Gerufen und gefordert sein: das ist unser Leben. Verantwortung tragen heißt ja im Kern: zum Antworten gerufen werden, das Verstummen überwunden sein lassen, reagieren. Mein Leben - ein Wortwechsel.
Schauen wir in den Alltag, in die Stadt: Wir sind beschäftigt, tagaus, tagein. Wie verräterisch! Dieses sinnleere Wort „beschäftigt“ soll unser Leben beschreiben? In Beruf und im Ruhestand, in Schule und Freizeit sind wir „... beschäftigt ....“. Nur nicht untätig sein, Langeweile als Risiko. Betriebsamkeit sei unser Element! Wer nicht eingebunden ist in organisierte Alltags-„Beschäftigungen“, scheint in Gefahr: psychisch und politisch. Achtung: Subkultur! Krankheit! Abdriften.
Aber der beschäftigte Mensch ist auch der verschlossene und der getriebene Mensch. Die daraus folgende Zeitnot und Gesprächsarmut ist zum Allerwelts-Problem geworden. Die individuelle „Vollbeschäftigung“ ist auch ein Problem, Ursache mancher Not. Ein Hamsterrad, das keiner anhalten kann, der drin ist.
Der Ruf, der nun aus der Christus-Botschaft zu uns herüber hallt, unterbricht und stört unser alltägliches Gewirke. „Nicht nach unsern Werken“ wird gerufen. Christsein ist keine Beschäftigung, mit der wir unsere Zeit zu füllen hätten.
Christsein ist Leben als Antwort, als Gespräch. Und damit kein Missverständnis aufkommt: gemeint ist nicht nur das Beten im engeren Sinn. Es wäre eine Karikatur und Verzerrung unseres Christseins, es auf den weltabgewandten Blick und die gefalteten Hände zu reduzieren. Alles ist Teil des Gesprächs mit Gott.
Nicht erst wir rufen ihn herbei, wenn‘s brenzlig wird. Sondern er ruft uns in allem, was der Alltag mit sich bringt. „Adam, wo bist du?“ (1. Mose 3,9) ist der erste Ruf, den der gefallene Mensch nach dem Sündenfall hört. Das berührt mich: noch bevor nach dem Tun gefragt wird, ruft Gott den Menschen selbst aus seinem Versteck, die Person spricht er an. Das ist auch die Grunderfahrung unserer Taufe: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“ (Jesaja 43,1)
Und das erste und einzige, wozu der Gerufene in und außerhalb des Paradieses dann allerdings nur fähig ist, ist die Selbstrechtfertigung, das nachträgliche Finden von Gründen. Warum bin ich so, wie ich bin? Warum tat ich, was ich tat? Warum unterließ ich dies und das? Ich kann’s erklären. Verantwortung als Selbstverteidigung gegen Gott und den Nächsten: ein Reflex, der uns beherrscht und der wahre Verantwortung im Ansatz unmöglich macht. Je lauter nach Verantwortung gerufen wird, umso tiefer treibt dieser Ruf die Menschen in die Abwehr, in die Defensive, in die eigene Spielfeldhälfte, bis alle Kräfte nur noch vorm eigenen Tor stehen und alles dicht machen. Bei jedem öffentlichen Skandal wird diese traurige Seite unseres Menschseins vorgeführt.
Die Botschaft für Timotheus und für alle Generationen der Kirche unterbricht diese reflexartige Gegenwehr gegen jedes Gerufen-werden. Erst Gnade kann diesen Teufelskreis anhalten. Erst Gnade kann die Verkrampfung wirklich lösen. Bei Gott geht es „nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist.“
Eine neue Stimme dringt aus dem Evangelium an Ohr und Herz. Nicht dieses stählerne und unerbittliche: „Warum hast du das getan?“ (1. Mose 3,13), mit dem wir nur in die Enge getrieben werden und dann auch selbst wieder andere in die Enge treiben. Der Christus-Ruf hat einen ganz anderen Klang und treibt uns nicht fort wegen unserer versäumten und vermasselten Taten.
Christus lässt sich bitten und kommt. „Der, den du liebst, liegt im Sterben, im Tod, im Grab, in der Abriegelung gegen das Leben.“ (Jh 11,3) Und Christus erbarmt sich. Er wird zornig auf das Vergehen und Verfallen, tritt gegen den Tod an. Und ruft. Der liebende Christus erhebt die Stimme, erhebt Einspruch gegen die Vergänglichkeit, protestiert gegen das Preisgeben von Mensch und Würde.
Als Freund aller Hinfälligen ruft er auch uns. Ein Herr der Sterblichen, der alles zu-Ende-Gelebte aus der Bewegungslosigkeit herausruft. „Komm!“
Sein Ruf bedrängt, bedrückt, vertreibt uns nicht. Er ruft uns heraus, ins Leben. Ans Licht. In den Kontakt und ins Gespräch. In die Zukunft. „Komm heraus!“ (Jh 11,43 ) Christus ruft in eine entlastete Gegenwart. Er bittet uns ins Hier und Jetzt, in das von der Last einer verschlossenen Zukunft befreite Hier und Jetzt.
„Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durchs Evangelium.“ Das, liebe Gemeinde, ist der Siegesruf am heutigen Sonntag und für diese Woche. Eine Fanfare der Hoffnung mitten in der festlosen Zeit des Spätsommers.
Einspruch! mag manch einer jetzt denken. Sovieles spricht dagegen, spricht und schreit gegen die Hoffnung. Unheilbares, Aussichtsloses, Frust und Krieg. Blut der Opfer. Hunger und Elend. Mindestens dies, dass wir alle einmal sterben müssen.
Das Evangelium von der Hoffnung stellt die Machtfrage in unseren Welt-Raum und in unser Herz hinein. Diese Botschaft geht gegen einen gewaltigen Gegner an und fordert den letzten Feind: Gevatter Tod, den niemand verharmlosen und religiös überspielen, den auch niemand süßlich verklären sollte. Mit dem sich seit Ostern aber auch keiner mehr anfreunden muss! Dem die Macht genommen ist. Der nicht mehr die Letztinstanz ist, nicht mehr der Fluchtpunkt unserer Daseinsperspektive. Christus hat ihm das Genick gebrochen, das Leben ist Sieger. Der Auferstandene ist da. Und ruft beim Namen.
Die Theologin Dorothee Sölle hat treffende Worte für diesen trotzigen, fröhlich-verwegenen Glaubensmut gefunden. Österliche Standhaftigkeit mitten im verwalteten und etablierten Einknicken. Mut und Liebe mitten im allgemeinen Wegducken unter die niederdrückenden Sachzwänge unserer Welt:

Ich muss sterben.
Aber das ist auch alles, was ich für den Tod tun werde. Alle andere Ansinnen:
- seine Beamten zu respektieren
- seine Banken als menschenfreundlich
- seine Erfindungen als Fortschritte der Wissenschaft zu feiern
werde ich ablehnen.
All den anderen Verführungen
- zur milden Depression
- zur geölten Beziehungslosigkeit
- zum sicheren Wissen, dass er ja sowieso siegt,
will ich widerstehen.
Sterben muss ich.
Aber das ist auch alles.

Unsere Herzen, liebe Gemeinde, gehören dem Leben und der Hoffnung, genauer:
Unsere Herzen gehören einer Zukunftsgewissheit, die sich auf Christus stützt.
Mit der wir uns nicht schämen müssen, wenn wir in seine Worte ein herzliches Vertrauen zu legen (Jh 11,25f):
„Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?“
Amen.





1) Als Beispiel sei genannt: Klaus Möllering (Hg.), Worauf du dich verlassen kannst. Prominente schreiben ihren Enkeln. Berlin 1999.

2) Seit etwa zwei Wochen: sehr kontroverse und hitzige öffentliche Debatte über die Thesen von Thilo Sarazin, der Bildungsschwächen und soziale Probleme in Zusammenhang mit Vererbungsvorstellungen bringt.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu131/predigt.htm, Stand: Oktober/November 2010, dk

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