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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 131 - Oktober/November 2010


Der Pastor als „Statthalter des Religiösen“
Die Lutheraner auf deutsch-christlichen Abwegen

von Dietrich Kuessner
(Download als pdf hier)

Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass ich mich über Sachen aufrege, die ansonsten keinen Menschen mehr aufregen. So auch in diesem Fall.
Da findet anlässlich des Todes von drei Soldaten in Afghanistan in Niedersachsen ein Trauergottesdienst in der Dorfkirche statt. Einige Besucher bringen zum Gottesdienst auch die Nationalfahne mit. Gesangbuch genügt offenbar nicht. Den Gottesdienst halten der evangelische Gemeindepfarrer und ein katholischer Pfarrer. Nach dem Gottesdienst spricht Bundeskanzlerin Merkel im selben Raum, in der Kirche, und rechtfertigt den Kriegseinsatz in Afghanistan. Sie spricht von den Gegnern als von Mördern.
Da wird also der Kirchenraum zu politischen Zwecken missbraucht. Massiv. Er dient zur tagespolitischen Erklärung und auch zur Überhöhung der Berliner Regierungspolitik, von der wieder Krieg ausgeht. Früher sangen sie: „Wir wollen nur den einen Ruhm erwerben, für Deutschlands Ehre siegen oder sterben“. Man muss das Wörtchen „Ehre“ nur durch „Freiheit“ oder „Sicherheit“ ersetzen, und ist mitten in der Gegenwart angekommen. Tatsächlich werden die Soldaten in Afghanistan durch hohe Geldsummen zum Einsatz verführt; 50.000 € am Ende des Einsatzes für jeden, was manche häusliche Spekulation auslöst. Was die drei jungen Kriegwitwen als Rente bekommen (insgesamt sind es 43), weiß ich nicht. Sie, die Soldaten, sterben an ihrer Habgier, sagte mir ein Soldat. Das muss natürlich weggewischt und der Einsatz ethisch überhöht werden. Dazu macht sich eine Dorfkirche prima bestens.

Der Professor für praktische Theologie in Mainz, Kristian Fechtner, lässt sich diesen Braten nicht entgehen und veröffentlicht im Kohlhammerverlag ein Buch unter dem Titel „Riskante Liturgien“. Darin sind elf Gottesdienste analysiert, darunter auch „Militärisches Zeremoniell anlässlich der Tötung von deutschen Soldaten in Afghanistan“, oder: Trauerfeier für Robert Enke, oder zu den Amokläufen in den Schulen, oder der Staatsakt für Johannes Rau u.a. Alle haben gemeinsam: es sind „Gottesdienste in der gesellschaftlicher Öffentlichkeit“, so der einführende Aufsatz von Fechtner.
Fechtner stellte dieses Buchprojekt bei der Lutherischen Liturgischen Konferenz in Hildesheim im Oktober vor und die Versammlung votierte einstimmig dafür. Sie befindet sich auf „riskanten“ Abwegen:

Bei der Vorstellung seines Buchprojektes problematisierte Fechtner die Rolle des Pfarrers bei derlei staatlich-kirchlich gemischten Veranstaltungen. Er bezeichnete sie als „Statthalter des Religiösen“.
„Gegenüber den kirchlichen Repräsentanten als Statthalter des Religiösen gilt eine „Transzendenzvermutung“, heißt es in dem Blatt, auf dem das Buch vorgestellt wird.
Mir drehte sich alles im Magen um. Wenn das Barth im Himmel hört. Hatte es nicht gedonnert? Nein, leider nicht. Dieser Rollentausch ist symptomatisch. Die Rückkehr des Religiösen ist ja eine zur Zeit viel zitierte Behauptung. Meist damit zusammenhängend, dass dies kein Wasser auf die langsamer mahlenden Mühlen der verfassten Kirchen wäre. Aber immerhin: das Religiöse. Der Pfarrer hat keine Gemeinde vor sich, die ein Bekenntnis eint, sondern eine Versammlung von näher oder weiter Betroffenen, die trauern oder Trost suchen. Trost von oben, Trauer ins Unerklärlich-Jenseitige. Es gibt nämlich eine allgemeine „Transzendenzvermutung“. Der Pfarrer hat keinen profetischen Auftrag, sondern er hat in dieser religiös-staatlichen Inszenierung eine Rolle, die das sorgsam andernorts aufgestellte Ensemble keinesfalls stören darf. Die religiöse Befindlichkeit der Anwesenden kann dem Pfarrer als „Anknüpfung“ für die Ansprache dienen. Er versteht was vom „Religiösen“, hat das offenbar „studiert“, denken sich die Anwesenden, er muss ihr religiöses Bedürfnis stillen. Es gibt nämlich nach Fechtner eine „Liturgiebedürftigkeit der Gesellschaft“.

Da feiern alle Schrecknisse einer „natürlichen Theologie“ ihre Wiedererweckung. Die Welt, ausgerechnet unsere, schwirrt voller religiöser Bedürfnisse, sei liturgiebedürftig aus sich, der Pfarrer braucht nur zuzugreifen und anzuknüpfen.

Es gibt also nach Fechtner zwei Sorten von Pfarrern. einen altmodischen, der sich noch als Verkünder des fremden Wortes Gottes an und in die Welt versteht, und einen Statthalter des Religiösen, der an die naturgegebenem religiösen Bedürfnisse des modernen Menschen anknüpft.
Beide haben sich nichts zu sagen. Der erste hat theologiegeschichtlich das 20. Jahrhundert schon hinter sich, der zweite noch vor sich.

Es gibt daher nach Fechtner auch zwei verschiedene Kirchenjahre. Ein traditionelles, in der Agende beschriebenes mit den altmodischen Festen Advent als Fastenzeit, Weihnachten, Ostern und Pfingsten und ein „gelebtes Kirchenjahr“, nämlich auf dem Weihnachtsmarkt und beim Ostereiersuchen und bei Ausflug in den Maien zu Pfingsten. Er hat diesen Unsinn allen Ernstes in dem Buch „Auf dem Weg zur Perikopenrevision“ unter der Überschrift „Kirchenjahr und modernes Zeitempfinden“ S. 1899 ff ) beschrieben. Das agendarische Kirchenjahr sei das „Rückgrat“ für das gelebte, und das gelebte sei der „Resonanzraum“ für das agendarische. Mahlzeit. Wenn ich also auf dem Christkindelmarkt zum Punsch „Ännchen von Tharau“ höre oder „Süßer die Glocken nie klingen“ soll das die Resonanz (!!) des im Gottesdienst gefeierten Kirchenjahres sein, also am dritten Advent etwa auf die Botschaft Johannes des Täufers.

Ich halte dieses ganzer Fechtnersche Gedankengebäude für eine Wiederkehr des gepflegten deutsch-christlichen Irrtums. Die Deutschen Christen 1933/34 verbanden auch Zeitgenössisches mit Religiösem, Kirchliches mit staatlicher Nähe, Religiöses mit Liturgischem, eine schroffe Absage an einen fremden Offenbarungsbegriff, die suchten die Anknüpfung an die seinerzeit moderne Zeitströmung, und alles mit der Absicht, volksmissionarisch den modernen suchenden Menschen zu gewinnen. Insofern hat Fechtner das 20. Jahrhundert noch vor sich.

Ich eilte nach seinem Vortrag zu Frau Berger-Kapp und teilte mein Entsetzen mit. Sie meinte: „Was ist daran so schlimm?“ Neben ihr saß Dr. Waubke, Hamburg, verantwortlich für die Arbeitshilfe zum Gottesdienstbuch. „Ich muss das erst lesen“, meinte er unwirsch. Da musste ich mich wieder daran gewöhnen, dass ich mich über Sachen aufrege, die andere offenbar kalt lassen. Übrigens auch wie damals.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu131/statthalterdesreligioesen.htm, Stand: Oktober/November 2010, dk

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