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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 132 - Dezember 2010


Eiche im Winter

von Gerhard Hinrichs
(Download als pdf hier)

Du solltest nicht dein totes Laub
Festhalten
Die Erinnerung erwürgt den Frühling
Kannst du vorbereiten
Neues Schwellen
Verwirf das Blatt
Vom Gestern beschrieben
Befrei dich zu
Dir selbst heute
Verordnetem
Heftigen Blattabfall
Deiner verordneten Unbekümmertheit.

Die Eiche ist in unseren Breiten ein Sinnbild für Festigkeit und Tradition: Schwere, eichene Bauernmöbel, Eichenfachwerk, alles Sinnbilder für Beständigkeit und Unvergänglichkeit. Das Niedersachsenlied, von Hermann Grote schon vor 1934 gedichtet und vertont, wird von der CDU am Schluss jedes Landesparteitages gesungen: „Fest wie unsere Eichen halten allezeit wir stand, wenn Stürme brausen übers deutsche Vaterland. Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen.“ Und im 3. Reich wurde die größte Auszeichnung, das Ritterkreuz, schließlich noch überhöht mit „Eichenlaub und Schwertern“. Die deutsche Eiche – eine Metapher für den in allen Stürmen unbeugsamen, standhaften Mann.
Helene Voigts geb. Hinrichs, geb. 1924, sieht die Eiche anders. Sie ist eben eine Frau. Als Gärtnerin kennt sie den Unterschied zwischen einer Sommer- und einer Wintereiche. Die Letztere behält ihr Vorjahreslaub bis in das späte Frühjahr hinein, wenn die anderen Bäume bereits zu grünen beginnen. Die Wintereiche wird ihr zum Gleichnis für einen Menschen, für eine Kirche, für eine Partei, die ihre große Zeit hatte und nur aus der Erinnerung heraus lebt. Wer das Laub des Vorjahres, den Ruhm der Vergangenheit, festhalten will, hat sich selbst überlebt. „Du solltest nicht dein totes Laub festhalten – die Erinnerung erwürgt den Frühling.“
Und da ich diesen Artikel für KvU schreibe, denke ich an all die restaurativen Tendenzen in unserer Kirche im ausgehenden 19.Jhdt. mit neogotischem Baustil, mit neuorthodoxer Theologie: „Du solltest nicht dein totes Laub festhalten – die Erinnerung erwürgt den Frühling.“ Und ich denke auch an die rückwärts gewandte „Lutherische Messe“, in den fünfziger Jahren für alle evangelischen Kirchen als einzige Gottesdienstform verpflichtend eingeführt und an das EKG mit der „heiligen Brunst“ und der zu stärkenden „Blödigkeit des Fleisches“, - die Erinnerung erwürgt den Frühling! Aber wir brauchen bei solchen kleinen Fußnoten nicht stehen zu bleiben. Das Wiederaufleben der Landeskirchen in königlich-bayrischen Grenzen bis hin zu einem Miniaturbischof im ehemaligen Herzogtum Schaumburg-Lippe – alles nur Festhalten des toten Laubes, das den Frühling erwürgt, Karikaturen von Lebendigkeit. Und dagegen dann die Befreiungstheologie, die nach dem Gedicht sogar zweimal „verordnet“ ist. Den „Blattabfall“, das Abwerfen der Vergangenheit, das muss die Kirche schon selber tun, wenn sie sich nicht selbst erwürgen will. Die „Unbekümmertheit“, ein anderes Wort für „Hoffnung“, hat freilich ein anderer uns verordnet.
Helene Voigts muss dieses Gedicht in den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts geschrieben haben. Sie stammt aus einem konservativen Pfarrhaus. Sie hat dann auch einen Pfarrer geheiratet. Sie hat versucht, ihre Kinder in der strengen Form zu erziehen, in der sie auch erzogen worden war. Sie hat nach dem frühen Tod ihres Ehemannes umgelernt, sie hat, um im Gedicht zu bleiben, „das Blatt, vom Gestern beschrieben, verworfen“, als ihre Kinder mit völlig neuen Gedanken zur Mutter in den Semesterferien zurückkehrten.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu132/eicheimwinter.htm, Stand: Dezember 2010, dk

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