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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 132 - Dezember 2010


„... bis ins dritte und vierte Glied.“
Zur transgenerationellen Weitergabe von Schuld
Vortrag am 28. Oktober 2010, Abt-Jerusalem-Akademie in Braunschweig

von Kristina Kühnbaum-Schmidt
(Download mit Anmerkungen als pdf hier)

Einleitung
Am 1. Oktober diesen Jahres hatte die Tagesschau eine kurze Meldung für ihre Zuschauer bereit, die viele überraschte. Sie stand im Zusammenhang mit dem kurz bevorstehenden 20. Jahrestag der Deutschen Einheit und reichte dennoch sehr viel weiter zurück. „Am Sonntag“, so lautete die Nachricht der Tagesschau, „am Sonntag wird Deutschland die letzte Millionenrate der Kriegsschuld aus dem Ersten Weltkrieg begleichen - eine fast 100-jährige deutsche Geschichte geht zu Ende, die viele überraschende Wendungen hatte.“
Als die junge westdeutsche Bundesrepublik - im Unterschied zur DDR - bei ihrer Gründung formell die Rechtsnachfolge des deutschen Reiches antrat, übernahm sie damit auch die Kriegsschulden von 1919, deren Zahlung während das nationalsozialistische Regime ausgesetzt hatte. Allerdings wurden die Zinszahlungen 1953 auf den Zeitpunkt der Wiedervereinigung Deutschlands vertagt - was damals so viel hieß wie „ad calendas graecas“, mit anderen Worten: auf den St. Nimmerleinstag. Als es dann doch zur Wiedervereinigung kam, lagen auch die alten Schulden wieder auf dem Tisch - 240 Millionen D-Mark. Die letzte Rate der damals herausgegebenen Anleihe war am 3. Oktober 2010 fällig. „Und damit“, so die Tagesschau, „wird das Kapitel Erster Weltkrieg auch schuldentechnisch abgeschlossen - 92 Jahre nach dessen Ende.“
Warum steige ich mit diesen Bemerkungen ein in einen Vortrag, der sich dem Umgang mit Schuld nach 1945, der Frage nach einer bewussten und unbewussten Weitergabe von Schuld zwischen den Generationen widmen soll? Nun, zum einen scheint die Geschichte von Kriegsschuld eng verknüpft mit der Geschichte von Kriegsschulden - Schuld und Schulden - und der Umgang mit den sich aus begangenem Unrecht und Terror ergebenden auch finanziellen Folgen war nach 1945 eine Art, die Diskussion über Schuld zu führen. Wie diese Diskussion seit 1945 im öffentlichen Raum geführt wurde, möchte ich im 1. Teil dieses Vortrages in großen Zügen nachzeichnen, die unmittelbare Nachkriegszeit werde ich dabei eingehender betrachten.
Zum anderen verdeutlicht die lange Geschichte der Kriegsschulden, der Zins- und Zinseszahlungen auf sehr praktische Weise, wie Generationen miteinander verbunden sind - ob sie das wahrhaben wollen oder nicht - und fordert zugleich eine notwendige Differenzierung und Trennung zwischen den Generationen heraus. Denn wer für die Schulden einer vorangegangenen Generation zahlt, ist definitiv nicht Teil jener Generation oder gar mit ihr identisch, und steht dennoch in einem nicht völlig zu lösenden Zusammenhang mit ihr. Dieser Frage der Generationenfolge und ihrer Konsequenzen im Hinblick auf die Frage nach „Schuld“ im „privaten Raum“, in den Familien, zwischen den Generationen, möchte ich im 2. Teil des heutigen Vortrages nachgehen. Doch zunächst zur Diskussion um die „Schuldfrage“ nach 1945.

I. Die Diskussion um die Schuldfrage nach 1945
I.1. Kollektive Schuld oder nationales Stigma? Zur Debatte in der unmittelbaren Nachkriegszeit
Ausländische Beobachter, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit Deutschland besuchten, zeigten sich meist sehr bewegt über das Ausmaß der Zerstörung und die Not der Zivilbevölkerung. So bereiste von kirchlicher Seite bereits ab Juni 1945 eine dreiköpfige Delegation des Ökumenischen Rates der Kirchen die amerikanische und britische Zone, um die „dringlichsten deutschen Notstände und geeignete Mittel zu ihrer Behebung“ zu erkunden. Das in Genf ansässige „Büro für Hilfswerke an deutschen Kriegsopfern“ bemühte sich nach Kräften, internationale Hilfe zu organisieren und mit deutschen karitativen Einrichtungen in Verbindung zu bringen.
Den Berichten über die Not der Bevölkerung standen allerdings andere, erschütternde Berichte zur Seite, die es erschwerten, im Ausland Mitgefühl für die Notlage in Deutschland zu wecken. Das unfassbare Grauen, dass die Befreier der US-amerikanischen und britischen Armee in den Konzentrationslagern vorgefunden hatten und der Schock, den sie darüber empfanden, wurde noch vertieft durch die Tatsache, „dass die deutsche Bevölkerung in unmittelbarer Nachbarschaft der Konzentrationslager in Kleinstädten wie Dachau und Weimar ihren offenbar ungetrübten Alltag gelebt hatte.“ So entfaltete sich das Entsetzen über die deutschen Massenverbrechen auch zuerst an Dachau und Buchenwald und nicht an den bereits zuvor durch die Rote Armee befreiten Vernichtungslagern wie Majdanek oder Auschwitz. Was vor allem die US-Soldaten und die Kriegsreporter zutiefst erschütterte, war die Gleichgültigkeit, mit der die Bewohner von Dachau an den Leichenbergen des KZs vorbeigingen, ihr Leugnen von Verantwortung für oder des Wissens um die Verbrechen. Der Psychological Warfare Branch der 7. US-Army stellte bei einer Befragung der Dachauer Bevölkerung fest, dass Nachrichten über Verbrechen im KZ in der Stadt durchaus bekannt gewesen waren. Dabei galt für Dachau, was sich für alle Lager vermuten ließ: Sie waren keine isolierten Orte, vielmehr sicherten „die verwaltungstechnischen, infrastrukturellen, ökonomischen und sozialen Beziehungen zur Stadt ... die Existenz der Terrorstätte.“ Dennoch hielten Befragungen der deutschen Bevölkerung fest, was Saul K. Padover, Oberstleutnant der US-Army, so beschrieb: „Festzustellen war die Absenz jeglichen Schuldgefühls, begleitet von einem hohen Maß an Larmoyanz. Die Sorgen der Befragten kreisten um das eigene Kriegsschicksal und die zu erwartende unsichere Zukunft ... Evident war, dass die Greueltaten in den Konzentrationslagern zwar vielen bekannt waren, jedoch fühlte sich kaum jemand dafür verantwortlich.“
Es war diese Stimmungslage, die die alliierten Siegermächte dazu brachte, der deutschen Bevölkerung den Schock vermitteln zu wollen, den sie selbst bei der Befreiung der KZs empfunden hatten. In der amerikanischen Besatzungszone wurden im Sommer 1945 in allen Ortschaften Plakate mit Fotos aus Konzentrationslagern angebracht. Sie trugen die Überschrift: „Diese Schandtaten: Eure Schuld.“ Und wieder erlebten die Alliierten die Reaktion der deutschen Bevölkerung als zutiefst befremdlich und irritierend. James Stern, Zivilist im Dienst der US-Armee, schrieb: „Nie hörte ich jemanden aus der Menge ein einziges Wort sagen. Gelegentlich hielt eine Frau die Hand oder ein Taschentuch vor den Mund, als wollte sie ein Stöhnen oder einen Entsetzensschrei ersticken. Oder ein älterer Mann starrte minutenlang mit offenem Mund wie hypnotisiert darauf. Nach einer Weile gingen sie langsam, schweigend, einer nach dem anderen, davon.“
Die Bilder des Grauens riefen nicht die erwünschte Wirkung hervor, führten eher noch zu Abwehr und Blockade - z.T. wohl auch aus tief empfundener Scham heraus. Erich Kästner schrieb: „Was in den Lagern geschah, ist so fürchterlich, dass man darüber nicht schweigen darf und nicht sprechen kann.“ Wenn auch in keiner offiziellen Stellungnahme der Besatzungsmächte jemals von einer Kollektivschuld der Deutschen die Rede war und in Kriegsverbrecherprozessen wie Entnazifizierungsverfahren mit einem Schuldbegriff gearbeitet wurde, bei dem es um die „individuelle Zurechenbarkeit strafrechtlicher Schuld“ ging, so gab es auf dem Hintergrund der begangenen Verbrechen doch ein „Unbehagen an den Deutschen als Nation“ , einen Generalverdacht, ein Grundmisstrauen.
Die Greueltaten schrieen nach Erklärung. Die norwegische Literaturnobelpreisträgerin Sigrid Undset vermutete eine spezifische deutsche Mentalität und Geisteshaltung als Ursache für die Verbrechen. Der Psychoanalytiker C.G. Jung sah eine Kollektivschuld aller Deutschen, weil sie aktiv und passiv, bewusst oder unbewusst, an den Untaten beteiligt gewesen seien. Die Philosophin Hannah Arendt sprach von „organisierter Schuld“, und sah das Ziel der Nazis darin, „die gesamte deutsche Bevölkerung zu Komplizen ihrer Verbrechen zu machen, alle irgendwie einzubinden, so dass es nach der Niederlage unmöglich sein würde, Unschuldige klar zu definieren und zu erkennen.“
Wer nun, wie der Philosoph Karl Jaspers oder der Pfarrer Martin Niemöller, die These einer Kollektivschuld zwar ablehnte, aber zugleich für die individuelle und persönliche Auseinandersetzung mit Schuld und Versagen plädierte, sah sich in Deutschland breiter Kritik und Ablehnung ausgesetzt. Jaspers und Niemöller vertraten, je auf ihre Weise, das christliche Konzept, nach dem Schuld überwunden werden kann, wenn sie zuvor bekannt wurde und um Vergebung gebeten wird - auch dann, wenn die Schuld „nur“ im Wegsehen oder im Mitläufertum bestanden hatte. Für Niemöller war es allein „die vergebende Liebe Gottes“, die „die Luft wieder rein machen machen“ konnte.
Die große Mehrheit der Deutschen aber teilte seine Sicht nicht. Befürchtet wurde zum einen, mit einem Schuldbekenntnis ein Schuldeingeständnis abzuliefern, dass wie Versailles 1919 zu hohen Reparationszahlungen führen würde. Befürchtet wurde aber auch, als Nation mit einem nie mehr auszulöschendem Stigma belegt zu werden - der, wie Thomas Mann formulierte, „Kontaminierung, Beschmutzung aller Deutschen durch den Nationalsozialismus und dessen Verbrechen.“ Weil in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung, auch in weiten Teilen der Kirche, die christliche Überzeugung offensichtlich nicht geteilt wurde, dass ein Schuldbekenntnis zu Vergebung und Neubeginn führen würde, wurde statt dessen lieber geschwiegen und geleugnet - in der Hoffnung, ein drohendes nationales Stigma dadurch abwenden zu können.
Statt als Mitläufer, Mit-Täter oder gar Täter sahen sich die meisten Deutschen als Opfer - als Opfer des Krieges und als Opfer einer verbrecherischen NS-Führungsclique, der man sich nicht hatte verweigern oder entziehen können. Und der Verlust oder die Trauer, die empfunden wurden, waren der persönliche Verlust und die Trauer allein um die „eigenen“ Toten. So predigte am Heiligen Abend 1945 der Pfarrer von St. Katharinen in Braunschweig, Siegfried Stange: „Die alte Heimat - Sie ist uns verloren! (...) Unser Haus und Heim mit der vertrauten Weihnachtsstube...- Es ist dahin! (...) Der Kreis der alten Freunde, die damals an dem Glück unseres gesicherten, behaglichen Lebens teilhatten. - Sie sind in alle Winde zerstreut, und das Glück zerbrach! Viele unserer liebsten Menschen, die noch im Vorjahr mit uns unter dem Weihnachtsbaum standen und die Weihnachtsfreude teilten, sind nicht mehr. Ihr Platz ist leer.“ Stange dachte außerdem an „unsere Soldaten, die immer noch nicht nach Hause kommen durften und, wenn sie kamen, kein Zuhause, keine Angehörigen mehr vorfanden“ und auch an „unsere schwergeprüften Brüder im Osten..., die irgendwo unterwegs mit ungewissem Ziel nicht daran denken möchten, dass heute Heiligabend ist.“ Eine nahezu akribische Aufzählung der Verluste und Opfer - gerade deshalb mag man es schmerzlich vermissen, dass es kein Wort, keine Silbe, der Trauer, der Scham, der Reue oder der Buße gibt über die Verbrechen an den Menschen, die all die Jahre zuvor ausgegrenzt, gequält, verfolgt und ermordet worden waren.

I.2. Vom langen Schweigen der fünfziger Jahre über die Politik der Wiedergutmachung und den Auschwitz-Prozess bis zur Erlösung durch Erinnerung
Während sich viele Deutsche in der Opferrolle sahen, schrieb ein junger deutscher Journalist unter dem Eindruck der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse: „Kein erwachsener Deutscher kann sich seinem Anteil an der Mitverantwortung für das, was damals geschehen ist, entziehen. ... Die Deutschen müssen diese Verantwortung tragen. Verantwortung ist jedoch nicht dasselbe wie Schuld.“ Es war der spätere Bundeskanzler Willy Brandt, der für eine Osloer Zeitung vom November 1945 bis März 1946 aus Nürnberg berichtete und sich mit Sätzen wie diesen immer wieder gegen eine Kollektivschuld, aber für eine Verantwortung aller Deutschen aussprach. Doch die Mehrheit der bundesdeutschen Gesellschaft stellte sich bis weit in die 50er Jahre hinein dieser Verantwortung nicht. Statt dessen „Amnesie und Verdrängung, rigorose Stille bzw. lautes Umdeuten“ . Wenn überhaupt, so sprach oder schrieb man von der NS-Zeit als „schwerer“ oder „dunkler“ Zeit, in der man sich, so eine Besinnung zum Michaelis-Tag 1951 im Braunschweiger Volksblatt, „von den finsteren Mächten hatte leiten und verführen lassen.“
Die NS-Herrschaft erschien fast immer als von außen oktroyiert, lokale Nationalsozialisten blieben ungenannt, Stätten des NS-Terrors fielen dem Vergessen anheim. Wer, wie der Generalstaatsanwalt in Braunschweig, Fritz Bauer, Prozesse gegen ehemalige SA-Leute wieder aufnahm, sich für eine Haftverlängerung des früheren Ministerpräsidenten Klagges einsetze oder gegen Schmähungen der Attentäter des 20. Juli 1944 vorging , musste damit rechnen, selbst in den Fokus der Justizbehörden zu geraten und traf zugleich auf eine scheinbar undurchdringliche Mauer der „berufsständischen Diskretion“ . Im Braunschweiger Volksblatt schrieb der Schriftleiter Reinhard Herdieckerhoff im März 1951 zu einem Prozess gegen u.a. Angehörige eines SS-Liquidierungskommandos, das 90.000 Juden in der Sowjetunion ermordet hatte, dem sog. Landsberger-Rotjacken-Prozeß: „Menschliches Gericht ist notwendig, aber wie weit kann es gerecht sein? ... Die Häufung der Prozesse bei unseren Gerichten macht die Welt nicht gerechter. Das haben die ,Kriegsverbrecherprozesse‘ auf alle Fälle gezeigt.“ Wenn man sich überhaupt mit solchen Prozessen beschäftigte und ihren Sinn nicht von vornherein in Frage stellte, dann war das vorherrschende Täter-Bild das des sadistischen KZ-Wärters aus dem Kriminellenmilieu, „nicht jedoch das honoriger Experten aus akademischen Prestigeberufen“ - eine Einschätzung, die sich erst mit dem Eichmann-Prozess 1961 ändern sollte. Zunächst aber wurde das NS-Führungspersonal aus seinem historischen und sozialen Kontext isoliert, dämonisiert und pathologisiert; die sog. „kleinen Leute“ erschienen als zum Gehorsam gezwungen, aber anständig, und die blankgeputzten Kulissen des deutschen Heimatfilms taten das Ihre dazu, alles ruhig und sauber erscheinen zu lassen.
Dennoch setzte unter der Oberfläche ein langsamer, aber steter Wandel im Umgang mit der NS-Vergangenheit ein, bei dem der Generationenwechsel zum entscheidenden Faktor wurde. Die Bühnenfassung des Tagebuchs der Anne Frank war 1957 das meist gespielte deutsche Bühnenstück - besucht von einem überwiegend jungen Publikum, ebenso wie der Anti-Kriegsfilm „Die Brücke“ im Jahr 1959. Nach langen Auseinandersetzungen darüber, wie man mit Verbrechen der NS-Zeit zukünftig umgehen wollte, wurde schließlich 1958 in Ludwigsburg die „Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ geschaffen - deren Ermittlungsarbeit blieb allerdings auf außerhalb des Bundesgebietes verübte Verbrechen beschränkt und hatte keine Befugnis, von der Wehrmacht verübte Verbrechen zu untersuchen .
Bei allem Schweigen, bei allem Streben nach blitzsauberen Oberflächen waren die 50er Jahre aber auch die Zeit, in der es zur Aufnahme offizieller Gespräche zwischen der Bundesrepublik auf der einen und dem Staat Israel und der „Conference of Jewish Material Claims against Germany“ auf der anderen Seite kam. Mit dem Luxemburger Abkommen von 1952 begann die Politik der sog. „Wiedergutmachung“ und der Entschädigungszahlungen an NS-Verfolgte, die nur als „ein dynamischer Prozess“ von „komplizierten Lernprozessen“ beschrieben werden können - so die vorläufige Bilanz deutscher und israelischer Historiker zur Praxis der Wiedergutmachung. Bis Anfang 2009 betrug die Summe der seit 1953 geleisteten individuellen Entschädigung an NS-Verfolgte 60 Milliarden Euro und bedeutete „zweifellos das größte Entschädigungsverfahren in der Geschichte der Menschheit.“ Es gilt aber auch: Die meisten Opfer des Nationalsozialismus „haben entweder keine Entschädigung für die ihnen zugefügten Schäden und ihr Leid erhalten ... oder [wurden] nur mit einer reichlich verspäteten symbolischen Leistung bedacht.“ Die Leistungen umfassten jedenfalls nie mehr als 1% des Bruttosozialprodukts der Bundesrepublik und stets weniger als 4% der staatlichen Gesamtausgaben. Das Konzept der Wiedergutmachung war anfangs sowohl in der Bundesrepublik als auch in Israel umstritten. „Die Frage, ob man von den Deutschen ,Blutgeld‘ nehmen dürfe, hat die israelische Aufbaugesellschaft tief gespalten“ . Auf deutscher Seite ging es bei den Entschädigungs- und Wiedergutmachungszahlungen auch um „eine Anerkennung der Schuld und der Verantwortung für das den Juden zugefügte Leid“ ; für die israelische Seite war hingegen klar, dass man die moralischen Implikationen, die mit dem deutschen Begriff „Wiedergutmachung“ gemeint sein könnten, nicht akzeptierte. Im Hebräischen lautete das für die Leistungen verwendete Wort deshalb auch schlicht „shilumim“ - ein Begriff, der für „Zahlung“ oder „Ahndung“ steht - „und nicht für Verzeihung oder für die Idee der Wiederherstellung einer früheren Wirklichkeit“ . Im März 1953 passierte das Luxemburger Abkommen über die Wiedergutmachung mit knapper Mehrheit den Bundestag, knapp einen Monat vorher schrieb Herdieckerhoff im Braunschweiger Volksblatt: „Es gibt viele Deutsche, die ins Vergessen abgedrängt haben, was vor 1945 durch Deutsche geschah; oder die es bagatellisieren oder verleugnen oder gar rechtfertigen. Es scheint, als wüchse ihre Zahl und die Lautstärke ihrer Stimmen. Und es gibt andere, die sich dieser Schuld stellen und bereit sind, die Lasten der Sühne auf sich zu nehmen und daraus die Konsequenzen für ihre eigene Haltung zu ziehen. (...) es geht hier um eine Entscheidung, die vom deutschen Volk als Ganzem getroffen werden muss. Es hat sich mit einer Schuld auseinanderzusetzen. Andere Völker haben auch ihre Schuldenlasten; das ist ihre Sache. Wir sind an unsere Schuld gewiesen. Und wir müssen mit ihr fertig werden. Das bloße Vergessen aber ist kein Fertigwerden. Verdrängte Schuld ist unheimlich lebendig; sie läuft dem nach, der ihr entwischen möchte, auch über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg.“
Mit Beginn der 60er Jahre schien es schwieriger zu werden, der eigenen Schuld zu entwischen. Der vorherige stillschweigende Konsens, die NS-Täter nach Möglichkeit in die Gesellschaft der Bundesrepublik zu integrieren, begann sich aufzulösen und „eine stärkere normative Abgrenzung vom Nationalsozialismus setzte ein.“ Entscheidend dazu beigetragen haben die großen Prozesse dieses Jahrzehnts: Der Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem, der von bis zu 85% der deutschen Bevölkerung verfolgt wurde, und der vom früheren Braunschweiger Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der nun in Frankfurt tätig war, und seinen Mitarbeitern vorbereitete und durchgeführte Ausschwitz-Prozess von 1963 bis 1965, an dem 60% der Deutschen Interesse bekundeten . Eine Folge der beiden Prozesse war eine differenziertere Berichterstattung und Wahrnehmung - im Falle Adolf Eichmanns ließ sich die These des perversen Einzeltäters nun nicht mehr halten. Mit der von Hannah Arendt beschriebenen „Banalität des Bösen“ wurde deutlich, dass sich die Anklage gegen einen ganz normalen Mann seiner Zeit richteten, der in seiner eigenen Einschätzung„einfach nur“ seine Arbeit gemacht hatte. Und spätestens mit dem Ausschwitz-Prozess wurde den Deutschen vor Augen geführt, dass sich die begangenen Verbrechen nicht auf einige wenige „Schreibtischtäter" oder die Führungsspitze eines Unrechtsstaates abschieben ließen. Erstmals wurden die Deutschen direkt mit Fragen der Verantwortung und (Mit-)Schuld an dem Verbrechen konfrontiert, für das der Name Auschwitz zum Symbol geworden ist. Besonders deutlich wurde das im Jahr 1965, als im Bundestag die erste Debatte um die Frage der Verjährung von NS-Verbrechen geführt wurde. Für die CDU/CSU vertrat Rainer Barzel die Ansicht, Adolf Hitler trage große Schuld vor dem deutschen Volk, das als Kollektiv nicht schuldig, sondern Opfer eines Diktators geworden sei. „Jede Form der Mittäterschaft, die nicht zu einer Verurteilung vor Gericht führte, fasste Barzel unter den ... Begriff des ,Rechts auf den politischen Irrtum‘, mit dem der Anspruch erhoben wurde, sich der Verantwortung für das eigene Verhalten in der Diktatur entledigen zu können.“ Dagegen erhob spontan, ohne Redemanuskript, der Rechtsexperte der SPD, Adolf Arndt, seine Stimme und erinnerte daran, dass nicht nur die von Barzel angesprochene kriminelle Schuld existiere, sondern auch geschichtliche und moralische Schuld. „Er habe, so Arndt, schon während des Krieges erfahren, dass Behinderte systematisch ermordet wurden; nicht anders stehe es um viele Wehrmachtssoldaten, die im besetzten Osteuropa Kenntnis von der Vernichtung der Juden gehabt hätten. ,Das Wesentliche wurde gewusst‘ lautete sein Fazit.“ Und Arndt sagte: „Ich weiß mich mit in der Schuld. Denn sehen Sie, ich bin nicht auf die Straße gegangen und habe geschrieen, als ich sah, dass die Juden aus unserer Mitte lastkraftwagenweise abtransportiert wurden. Ich habe mir nicht den gelben Stern umgemacht und gesagt: ich auch! (...) Ich kann nicht sagen, dass ich genug getan hätte. Ich weiß nicht, wer das von sich sagen will. Aber das verpflichtet uns, das ist ein Erbe.“ CDU-Mitglied Ernst Benda, der den Gesetzesentwurf gegen die Verjährung initiiert hatte, sagte: „Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ - ein Zitat aus der Halle der Erinnerung in Yad Vashem, das 20 Jahre später Richard von Weizsäcker in seiner vielbeachteten Rede zum 8. Mai 1945 aufgreifen sollte. Dazwischen lagen zwei Jahrzehnte, in denen die 68er Generation das Verhalten ihrer Eltern im nationalsozialistischen Staat anklagend in den Blick nahm und die These von Alexander und Margarete Mitscherlich von der „Unfähigkeit zu trauern“ populär war, zwei Jahrzehnte, während derer die Frage der Verjährung immer wieder hinausgeschoben wurde, bis die Verjährung für Mord und Völkermord vom Deutschen Bundestag am 3. Juli 1979 schließlich ganz aufgehoben wurde. Dabei wird der Ausstrahlung der vierteiligen Fernsehserie Holocaust im gleichen Jahr, die im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit einen tiefen Einschnitt bedeutete, weil sie den Völkermord erneut und in emotional bewegender Weise in den Blick nahm, eine deutliche Wirkung auch auf die Beschlussfassung des Bundestages zugesprochen. Die Stationen, die die Debatten um die NS-Zeit und die Frage von Schuld und Verantwortung bis in die Gegenwart immer wieder mit immer neuen Facetten anschoben, seien an dieser Stelle nur noch grob umrissen, allerdings nicht, ohne eine Situation, eine Szene, ein Bild besonders hervorzuheben: Der Kniefall von Willy Brandt vor dem Ehrenmal im Warschauer Ghetto im Dezember 1970. International wurde er als Bitte um Vergebung gewertet und ebnete einer Politik der Versöhnung mit den Staaten Osteuropas den Weg, für die Willy Brandt 1971 den Friedensnobelpreis erhielt. In der Bundesrepublik Deutschland war Brandt wegen seiner spontanen Demutsgeste zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt - nicht zuletzt aus den Reihen der CDU. Vielleicht kann man die Bedeutung seiner Geste für ihn persönlich und in seiner Rolle als Bundeskanzler besser verstehen auf dem Hintergrund dessen, was er in seiner Zeit als Berichterstatter bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen gehört und gesehen hatte. 1946 hatte Brandt geschrieben: „Wer den Ausschwitzfilm gesehen hat, wird auch niemals das Lager von Spielzeug vergessen können, das die Kinder mitbrachten, als sie an diesen Ort kamen, von dem sie niemals zurückkehren sollten. (...) Das bedeutete schlaflose Nächte. Es hilft aber nichts. Niemand darf aus der Wirklichkeit fliehen. Niemand darf sagen, dass ,wir nicht mehr daran denken‘.“
Die Weizsäcker-Rede vom 8. Mai 1985, der Historikerstreit ein Jahr später, die Debatte um die Wehrmachtsausstellung und die Verbrechen und die Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg Ende der 90er Jahre, die Diskussion um das Holocaust-Mahnmal in Berlin, die Walser-Bubis-Debatte und die Diskussion um die Mitgliedschaft der sog. „Flakhelfergeneration“ in Nazi-Organisationen, ausgelöst durch die von ihm selbst 2006 öffentlich bekannt gemachte Mitgliedschaft Günter Grass‘ in der Waffen-SS, sind die weiteren Stationen der bundesdeutschen Debatte um Erinnerung, Schuld und die Rolle des Einzelnen im NS-Staat.
Bis in die 90er Jahre bestand für all diese Debatten und Diskussionen ein gemeinsamer Hintergrund - und das war, wie der Historiker Christian Meier es formuliert: „Die Scham, die Furcht, dass die Bundesrepublik, dass die deutsche Nation, für die sie stand, unter anderem in der Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches, durch die Untaten der NS-Zeit mit Schande behaftet würde.“ Seit den 90er Jahren aber wird gerade die lang gestreckte Erinnerungsarbeit den Deutschen gewissermaßen als ein Vorzug angerechnet und als beispielhaft angesehen. Dazu gehört auch, dass auf der 1. Arbeitssitzung des nach der friedlichen Revolution neugewählten DDR-Volkskammer die folgende Resolution gefasst wurde: „Das erste freigewählte Parlament der DDR bekennt sich im Namen der Bürgerinnen und Bürger des Landes zur Mitverantwortung für Demütigung, Vertreibung und Ermordung jüdischer Frauen, Männer und Kinder. Wir empfinden Trauer und Scham und bekennen uns zu dieser Last der Deutschen Geschichte. Wir bitten die Juden in aller Welt um Verzeihung. Wir bitten das Volk in Israel um Verzeihung für die Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik gegenüber dem Staat Israel.“ Der US-amerikanische Historiker Robert Darnton kommentierte das mit den Worten: „So stand die Vereinigung durch Schuld vor der über die D-Mark und die Verfassung.“

II. „... bis ins dritte und vierte Glied.“ Zu Prozessen transgenerationeller Weitergabe
Im August diesen Jahres erschien ein Buch, das sofort nach seinem Erscheinen auf dem ersten Platz der Bestsellerliste des Spiegel landete. Es trug den schlichten Titel „Schuld“. Sein Verfasser hatte bereits im Jahr zuvor mit einem anderen Buch 45 Wochen lang auf der Spiegel-Bestsellerliste gestanden, einem Buch, das einen ebenfalls schlichten Titel hatte: „Verbrechen“. Autor beider Bücher ist der 1964 geborene Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, der in beiden Büchern Kurzgeschichten schreibt, die auf Fällen aus seiner Anwaltspraxis basieren. Ferdinand von Schirach ist Enkel von Baldur von Schirach, „Reichsjugendführer“ im NS-Staat, später Gauleiter von Wien und als solcher für die Deportation von über 180.000 österreichischen Juden verantwortlich. Für Ferdinand von Schirach haben weder seine Berufswahl noch seine Bücher etwas mit der Lebensgeschichte seines Großvaters zu tun und es wäre auch nicht statthaft, ihm einen solchen, evtl. auch unbewussten Zusammenhang zu unterstellen. In einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen sagte von Schirach auf die Frage nach einem solchen evtl. unbewussten Zusammenhang: „Wenn es unbewusst ist, kann ich es nicht beantworten.“ Und er beantwortete die Frage, wie man bei ihm zu Hause mit der Schuld des Großvaters umgegangen sei: „Sehr offen. In vielen deutschen Familien kam die NS-Vergangenheit einzelner Mitglieder überraschend ans Licht, man hatte nie darüber gesprochen. Das gab es bei uns natürlich nicht, die Schuld meines Großvaters war ja eindeutig. Wir sprechen auch heute offen in der Familie über ihn, einer meiner Onkel hat darüber ein Buch geschrieben.“
Dass in vielen Familien aber nicht offen über die Vergangenheit gesprochen wurde, und dass es auf der Ebene der alltäglichen Erinnerung, wie sie in den Familien tradiert wurde, eine ganz andere Version der Vergangenheit weitergegeben wurde und wird, als es die Ebene einer mittlerweile öffentlichen Erinnerungs- und Gedenkkultur und der historischen Fakten nahelegt, haben besonders die Studien des Sozialpsychologen Harald Welzer und seines Teams gezeigt. Im Rahmen einer repräsentativen Befragung, durchgeführt vom Emnid-Institut, ließen die Forscher die Bundesbürger danach befragen, „was sie aus Familiengesprächen über die Haltungen, Einstellungen und Handlungen ihrer Eltern bzw. Großeltern aus der Zeit des Nationalsozialismus wissen. Die Ergebnisse sind einigermaßen verblüffend: 26% der damals erwachsenen Bevölkerung haben Verfolgten geholfen, 13% waren im Widerstand aktiv, 17% haben immer den Mund aufgemacht, wenn es darum ging, Unrecht beim Namen zu nennen und Drangsalierte zu verteidigen.“ Von der Gruppe der Befragten mit Abitur oder Hochschulabschluss „glauben sogar 30%, ihre Eltern oder Großeltern hätten Verfolgten geholfen und 15% wähnen ihre Angehörigen im damaligen Widerstand.“
In und für die eigene Familie wurde und werden offenbar Geschichten erzählt, Erinnerungen weitergegeben und konstruiert, die eine andere Sprache sprechen und einen anderen Inhalt haben, als die historischen Fakten nahelegen. Und indem das geschieht, wurde und wird zugleich auch weiter geschwiegen - geschwiegen über die Gewalterfahrungen der NS-Zeit und des Krieges und darüber, welche Spuren sie wirklich in den „Gefühlen, Wahrnehmungen, Orientierungen und Handlungen auch der Nachfolgegeneration hinterlassen hat“ .
Die nationalsozialistische Herrschaft und Ideologie mündete in Holocaust und Zweiten Weltkrieg. Und beides bedeutete für die davon Betroffenen Erfahrungen, die historisch nicht gleichzusetzen oder gleichwertig zu betrachten sind, die aber für alle Betroffenen traumatisches Erleben unterschiedlichen Inhaltes bedeuteten oder bedeuten konnten. Durch die Jahre und Jahrzehnte der Nachkriegsgeschichte hindurch bildeten die Dynamik von Erinnerung und Schweigen, traumatischem Erleben, Schuld und Scham zusammen mit der Erbschaft der NS-Ideologie „ein komplexes Geflecht, das in seinen Auswirkungen nicht auf die davon betroffene erste Generation beschränkt blieb, sondern auch auf die nächste Generation übergriff.“
Mit einem psychoanalytischen Fachbegriff nennt man das „transgenerationelle Weitergabe“, ein Begriff, der in den 60er und 70er Jahren ursprünglich in der Arbeit mit Kindern von Überlebenden der Shoah entwickelt wurde. Bei diesen Kindern stellte man Symptome fest, die „im Verhalten und Erleben der Eltern während der Verfolgungszeit eine besondere Bedeutung hatten“ . Es gab kein einheitliches Störungsbild, aber das Trauma, das ein oder beide Elternteile durch Verfolgung, Haft, Folter, Kz-Aufenthalte etc. erlebt und erlitten hatten, erwies sich immer wieder als so etwas wie der „organisierende Faktor“ im Leben der Kinder.
Diese besondere Verflechtung der Kinder der Überlebenden mit den Schicksalen ihrer Eltern war sowohl festzustellen, wenn die Eltern offen und viel über ihr Leid sprachen, als auch, wenn sie nicht darüber sprachen. In beiden Fällen wurden die Kinder gewissermaßen zu einem Container für das unverarbeitete Leid und die Traumatisierungen der Eltern. Die Eltern konnten ihre schmerzvollen Gefühle, Erinnerungen und Phantasien nicht in sich behalten, beruhigen oder symbolisch verarbeiten, sondern sie brauchten ihre Kinder, um sich von einem unerträglichen Ausmaß an Trauer oder Aggression zu entlasten. Für das Kind bedeutet dies, dass es mit seiner Person sozusagen einen Behälter darstellt für die Wünsche, Ängste und Affekte eines anderen, die nicht die seinen sind, ihm aber eingeschrieben werden - und das verbunden mit dem beiden Seiten unbewussten Auftrag der Eltern an das Kind, die belastenden Ereignisse gewissermaßen ungeschehen zu machen. Auf zwei Hauptphantasien ist man dabei immer wieder gestoßen: „1. das Kind fungiert als Ersatz eines ermordeten geliebten Familienmitglieds, 2. Das Kind bekommt einen besonderen Auftrag zugeschrieben: seine Lebensziele sollen den Familienstolz durch besondere Leistungen wieder herstellen und vergangene Verletzungen heilen.“ Das Kind übernimmt diese Phantasien der Eltern, versucht ihnen damit zu helfen und hält dabei eine starke Bindung an die Eltern aufrecht, für die der Individuations- und Ablösungsprozss der Kinder häufig eine ernste Bedrohung des familiären Gleichgewichts darstellte. Denn Trennungssituationen konnte bei den Eltern alte Vernichtungs- und Todesängste wieder wachrufen, was wiederum dazu führte, dass es auch den erwachsen gewordenen Kindern schwer fiel, sich von den Eltern zu lösen oder ein eigenständiges Leben zu führen.
Bei Eltern, die über ihr Leid schwiegen oder nicht sprechen konnten, erfassten die Kinder unbewusst oder durch non-verbale Kommunikation das Erlittene und versuchten es zu verstehen, indem sie in ihrem Leben die Erfahrungen der Eltern und die dazugehörigen Gefühle wieder erschufen. Diese Kinder lebten dann sozusagen „in zwei Wirklichkeiten, der eigenen und der, die der traumatischen Geschichte der Eltern angehört.“
Die Identifizierung mit den Eltern oder die Auftragsübernahme von bewussten und unbewussten Erwartungen der Eltern, wie sie in allen Familien vorkommen können, hatte in den Familien der Shoah-Überlebenden damit eine Besonderheit: Die Identifikation fand nicht mit der Person oder bestimmten Eigenschaften von Vater oder Mutter statt, sondern mit einem Teil deren Lebensgeschichte, die vor der eigenen Lebenszeit des Kindes lag. Es ist die „unbewusste identifikatorische Teilhabe an der vergangenen traumatischen Lebenszeit der Elterngeneration“ und führt zu einem Ineinanderrücken der Generationen, das man auch „Teleskoping“ genannt hat. Das Kind identifiziert sich mit einem unbewussten, verschwiegenen oder totgesagtem Teil der elterlichen Geschichte, was dazu führt, dass die Gegenwart mit der Vergangenheit vermischt wird. Gefühle und Verhalten gehören dann eigentlich der verschwiegenen Geschichte der Eltern an und bewirken Identitätsverwirrungen, das Gefühl einer zerstückelten, nur aus Einzelteilen zusammengesetzten Identität, der ein innerer Zusammenhang fehlt, oder auch das Gefühl, etwas Fremdes in sich zu tragen, ein unbekanntes Programm, nach dem es zu leben galt, und das irgendwann unerträglich wurde. „Ich bin der, der seinen Eltern Leben gibt.“, kann so ein Programm lauten oder auch: „Ich bin die, die allem ohnmächtig ausgeliefert ist.“
Das, was hier theoretisch beschrieben wird, hat die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron in ihre Roman „Der Anfang von etwas Schönem“ an drei Romanfiguren, alles Kinder von Überlebenden der Shoah, dargestellt. Auch als Erwachsene entkommen diese Kinder nicht der Geschichte ihrer Eltern, ungeachtet, wie und wo sie ihr Glück suchen. Einer von ihnen, Chesi, erlebt als Kind mit, wie seine Mutter eines Tages, kurz, nachdem sie eine Wiedergutmachungszahlung aus Deutschland erhalten hat, beginnt, den Plan des polnischen Dorfes aufzuzeichnen, in dem sie vor der Shoah gelebt hat.
„ ,Das ist das Haus der Familie Minz‘, erklärte sie mir. ,Minz war mein Mädchenname. Das ist die Synagoge von Rabbiner Friedman, und hier gegenüber der Synagoge ist das Haus von Katzenellbogens. Und schräg gegenüber die Metzgerei von Serach Glick und die Schuhmacherei von Großvater und das Kurzwarengeschäft von Lolek...‘ Für einen Moment erschien ein Lächeln auf ihren Lippen. ,In Ustrzyki‘, sagte sie, ,lag dort, wo die Häuser aufhörten, der Friedhof. Dort ruhen unsere Toten.‘ Und dann begann sie, Gräber zu zeichnen, viele, viele Gräber, und auf jeden Grabstein schrieb sie den namen eines verstorbenen. Von Tag zu Tag sprach meine Mutter weniger mit meinem Vater und zeichnete immer mehr. Am Schluss beantwortete sie auch meine Fragen nicht mehr. ... Wir stellten Fragen, und Mutter zeichnete Menschen, Häuser und Grabsteine. Ihre kleinen Zettel waren überall im Haus verstreut. ,Warum antwortest du mir nicht?‘ schrie Vater eines Abends. ,Warum sprichst du nicht?‘ Er sammelte alle ihre Zettelchen von den Kommoden, aus den Schubladen und Schränken zusammen, zerknüllte sie mit der Hand und warf sie in den Mülleimer. Mutter holte sie wieder heraus, eins nach dem anderen, und strich sie mit den Fingern glatt, und am Schluss legte sie alle in eine Schublade. Vater und ich schauten ihr zu und schwiegen.“ Der Sohn, der dieses Geschehen ohne Sprache beobachtet, miterlebt und mitempfindet, wird im Roman später als Historiker an der Sorbonne in Paris lehren und von dort aus nach Polen reisen - mit dem aberwitzig anmutendem Plan, das jüdische Leben im zerstörten Heimatdorf seiner Mutter aus dem Nichts neu erstehen zu lassen, die Reste des jüdischen Friedhofs freizulegen und auch die alten Häuser wieder aufzubauen. Ein Plan, der von da an sein Leben völlig in Beschlag nehmen wird.
An diesem Beispiel aus der Verarbeitung des Phänomens der transgenerationellen Weitergabe in der zeitgenössischen Literatur wird auf berührende Weise deutlich, wie der Sohn versucht, den mit Worten nicht auszudrückenden Schmerz und die Trauer der Mutter nun seinerseits zu erfassen und das Geschehene gewissermaßen ungeschehen zu machen. Eine Grenze wischen den Generationen scheint nicht mehr zu existieren; was einmal zu Zeiten der Mutter war, soll wieder erstehen - und zwar so, wie es damals war.
Die Mechanismen der transgenerationellen Weitergabe konnten auch in Deutschland festgestellt werden - allerdings mit anderem Inhalt. Hier vermittelte sich den Kindern die Verwicklung der Eltern als Täter oder Mitläufer in der NS-Zeit, in Krieg und Verbrechen. Auch hier wirkten unbewusste Identifizierungen, auch hier wurden die Kinder von den Eltern gebraucht, oftmals, „um den verunsicherten Eltern zu ermöglichen, ihre Selbstachtung und Identität aufrecht zu erhalten. An ihren Kindern versicherten sich solche Eltern der Gültigkeit von Wertvorstellungen, die nach 1945 öffentlich außer Kraft gesetzt waren. So wurden Kindern häufig Erziehungsideale eingetrichtert, aus denen nur an der Oberfläche die NS-Ideologie getilgt war. Härte, Verachtung von Krankheit und Schwäche, ,Haltung bewahren‘, ,Charakter haben‘, bedingungslose Hingabe‘ und andere Maximen wurden oft zusammen mit körperlichen Züchtigungen weitergegeben und bildeten lange eine der hartnäckigsten Gefühlserbschaften aus jener Zeit.“ Mittlerweile ist man dabei, die Auswirkungen der Ideologie- und Gewalterfahrungen auch auf die dann folgende Generation der Enkel der Täter und Mitläufer zu sehen und zu verstehen. Unwillkürlich wird man erinnert an den Vers aus dem Buch Numeri: „Der Herr lässt niemand ungestraft, sondern sucht heim die Missetat der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.“ (Numeri 14,18)
Bei Patienten mit NS-Eltern - sogenannten „Täter-Kindern“ - wurde in Psychotherapien außerdem festgestellt, dass diese unter „schweren, teils bewussten, teils unbewussten Gefühlen von Scham und Schuld“ litten. „Die Schuldgefühle basierten auf (unbewussten) Identifizierungen der Patienten mit ihren Nazi-Eltern und deren realen und phantasierten Untaten.“ Sigmund Freud nannte ein Schuldgefühl, das nicht auf eigene Taten, sondern auf der Identifizierung mit den Taten anderer zurückzuführen ist, ein „entlehntes Schuldgefühl“. Mit dem entlehnten Schuldgefühl ist aber keineswegs nur das Schuldgefühl eines anderen gemeint, sondern dessen reale Schuld, die der andere selbst aber nicht anerkennt. Es ist also „die nicht anerkannte Schuld der Eltern, die das Schuldgefühl der Kinder schafft.“ Die nicht gefühlten Affekte der Eltern erzeugen die Schuldgefühle der Kinder – und das selbst dann, „wenn die Tatsachen (z.B. ... schuldhaftes Handeln in Vorgenerationen) als Information bekannt sind, während die entsprechenden Affekte wegen ihrer überwältigenden Stärke nicht erlebt ... werden konnten, sondern durch Abspaltung und Verwerfung unterdrückt werden mussten.“
So wurde ein 50jähriger Mann, Sohn eines NS-Kriegsverbrechers, suizidal, als er in seiner Firma Mitarbeiter entlassen musste und dafür massive Schuld- und Schamgefühle hatte. Mit nicht unbeträchtlichen finanziellen Mitteln hatte er sich lange Jahre in der Versöhnungsarbeit mit Osteuropa engagiert und stets die Bedeutung von Versöhnung und Völkerverbindung betont. In seiner Therapie wurde deutlich, wie sehr er die Schuld empfand, die sein Vater nicht empfand und die damit verbundene Wut nicht auf ihn, sondern statt dessen gegen sich selbst richtete. Oder die Frau, die als Kind miterlebte, wie brutal die Zwangsarbeiter auf dem Hof der Eltern ausgebeutet wurden und die dafür tiefe Scham- und Schuldgefühle empfand, die sie später mit einem bis an die Selbstaufgabe reichendem Engagement für Flüchtlinge und Migranten zu beruhigen suchte. In beiden Fällen war es wichtig, verlässliche Grenzen zwischen den Generationen aufzurichten, zu unterscheiden, welche Gefühle ursprünglich zu wem gehören und dabei zu begleiten, ein Leben zu leben, dass nicht völlig im Bann der Elterngeneration und deren Verfehlungen oder deren Schuld steht.
Entlehnte Schuldgefühle lassen sich in der Generation der Kriegskinder aber nicht nur auf einer Mikroebene bei Kindern von NS-Tätern, sondern auch auf einer Makroebene durch „Identifizierung mit der deutschen Nation“ finden. „Wie die klinische und alltägliche Erfahrung zeigt, scheint das entlehnte Schuldgefühl auch bei Menschen aufzutreten, die weder in der Eltern- noch Großelterngeneration Nationalsozialisten haben. Hier tritt das entlehnte Schuldgefühl nicht als Reaktion auf die Identifizierung mit nationalsozialistischen Eltern oder Großeltern auf, sondern als Reaktion auf die Identifizierung mit der deutschen Nation, die während der NS-Zeit eine schwere historische Schuld auf sich geladen hat.“ Es gab und gibt also auch eine Identifizierung mit einem Schuldgefühl, das über individuelle Zusammenhänge hinausgeht.

III. Lebt Schuld weiter? Schlussbemerkungen

Lebt Schuld also weiter, weitergegeben von einer Generation an die nächste?
Nun, „Schuld“ ist keine lebendige mythische Größe, die ein Eigenleben führen könnte. Genauso wenig wie „die Geschichte“ oder „das Schicksal“. Nicht Schuld lebt weiter, sondern Menschen leben weiter. Menschen, denen unermessliches Leid zugefügt und Gewalt angetan wurde, Menschen, die Leid zugefügt und Gewalt angetan haben und Menschen, die sich irgendwo in der breiten Grauzone dazwischen verorten lassen. Sie leben weiter mit ihren Erfahrungen, ihren Erinnerungen, ihrem Schweigen, ihrem Leid, ihrer empfundenen oder nicht empfundenen Schuld und all den damit verbundenen Gefühlen. Und ihre Kinder und Kindeskinder leben.

Wie dieser Gang durch die zwei Stränge - den öffentlichen und den privaten, familiären - der Diskussion um Schuld nach 1945 zeigen, ist es beides wichtig: Einerseits, sich in eine Generationenfolge zu stellen und sich überindividuell, als Teil eines Gemeinwesens, einer Institution, einer Berufsgruppe etc. auch der Schuld zu stellen, die andere Generationen auf sich geladen haben und diese und deren Konsequenzen mitzutragen. Und andererseits ist es genau so wichtig, als Individuum in der Generationenfolge in einer Familie Grenzen zwischen den Generationen zu ziehen und nicht als Person mit einer Lebensgeschichte eine Schuld auf sich zu nehmen und zu tragen, die zu einer anderen Person gehört. Beides erfordert indes historische Genauigkeit und Kenntnis, Fragen und Antworten, Offenheit und Neugier - in der historischen Arbeiten ebenso wie im Gespräch zwischen den Generationen in einer Familie.

Als Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 8. Mai 1985 sagte: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“, da ging es auch darum zu betonen, dass Erinnerung wichtig ist, damit Geschichte sich nicht wiederholt. Erinnerung ist wichtig, weil man sie den Opfern und ihren Hinterbliebenen schuldig ist - die Anerkenntnis und das Gedenken dessen, was ihnen angetan wurde. Erinnerung, wahrhaftige Erinnerung ist es aber auch, zu der jede Generation um der ihr folgenden Generation willen verpflichtet ist. Damit den Kindern nicht die Zähne stumpf werden um der sauren Trauben willen, die die Väter und Mütter gegessen haben, damit die Kinder und Kindeskinder auf dem Wege der transgenerationellen Weitergabe nicht immer weiter und immer wieder empfinden und erleben, was die Eltern getan und verschwiegen haben - darum ist es wichtig, dass auch über Schuld in der Geschichte nicht geschwiegen wird, sondern dass sie möglichst genau und möglichst konkret benannt wird. Das getan zu haben, über Schuld nicht zu schweigen, sondern sie zu bekennen, das ist, bei aller Bruchstückhaftigkeit, bei allem, was man an Kritik sagen kann, bei allem, was fehlt oder nur vorsichtig umschrieben wurde, das ist ein bleibender Verdienst, den das Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945 auch für die seinen Verfassern folgenden Generationen hat.
Schließen möchte ich mit einem Zitat aus der Süddeutschen Zeitung von heute morgen (28.10.2010). In einer Besprechung der heute erscheinenden umfassenden Studie einer internationalen Historikerkommission zur Rolle des Auswärtigen Amtes beim Holocaust verwies der Rezensent auf eine Kontroverse zwischen den Kindern von Widerständlern und den, wie es sich mittlerweile nahelegt, Tätern bzw. Mittätern hin. Richard von Weizsäcker hatte 2005 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gesagt, der Widerstand der Außenamtsmitarbeiter Adam von Trott zu Solz und Hans Bernd von Haeften hätte „unter verantwortlicher Anleitung“ seines Vaters Ernst von Weizsäcker stattgefunden. „Und so“, so Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung, „ hatten sich auch hier die Erben zu Wort zu melden, Mitglieder der bis heute gezeichneten Familiendes Widerstands. In einem Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung mussten Heinrich von Trott zu Solz (der Bruder Adams) und Jan van Haeften (der Sohn von Hans Bernd) noch am 25. Mai 2005 diese Legende zurückweisen. Von mehr als „stiller Duldung“ könne nicht die Rede sein. Dass die Zeit solcher quälenden Auseinandersetzungen jetzt zu Ende geht, ist eine der reinigenden Wirkungen der kolossalen neuen Studie. Der Widerstand war die Sache der allerkleinsten Zahl, aber bestimmt nicht irgendwelcher besseren Kreise. Unser war er nicht.“




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu132/weitergabevonschuld.htm, Stand: Dezember 2010, dk

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