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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 133 - Februar 2011


Fragen zur Landeskirchengeschichte des 20. Jahrhunderts

von Dietrich Kuessner
(Download als pdf hier)

Ich stelle zwei Fragen zur Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts:

1) Wann beginnt für die Landeskirche das 20. Jahrhundert?
a) Das 20. Jahrhundert beginnt am 15. Februar 1873. Damals beschloss die Braunschweigische Landesversammlung die Möglichkeit, nicht mehr der evangelischen Kirche anzugehören und doch Braunschweiger Bürger zu sein. Bis dahin musste jeder Braunschweiger, der nicht Jude oder katholisch war, zwangsläufig, per Gesetz und bei Androhung einer Strafe sich in der Landeskirche taufen, konfirmieren und trauen lassen. Es gab kein Entrinnen vor der Kirche. Das Gesetz bedeutete, mit einem scheußlichen Wort, das Ende der Zwangchristianisierung und der Zwangstaufe. Weder die Erkenntnis von der Freiheit eines Christenmenschen in der Reformation noch die von der Befreiung des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit in der Aufklärung hatten als logische Folge das Ende der Zwangstaufe erbracht.
Alle theologiegeschichtlichen Einteilungen der bisherigen Kirchengeschichte (Reformation, Orthodoxie, Pietismus etc) nivellieren sich unter diesem Diktat der Zwangstaufe. Es blieb dem Braunschweiger Kirchenmitglied nur die innere Emigration (wie Gottesdienstentfremdung, neue ethische Werte in der Aufklärung und Klassik), von der die zwangschristianisierte Bevölkerung auch reichlich Gebrauch machte.

Wenn sich jene vorherrschenden, theologiegeschichtlichen Einteilungen als zweitrangig erweisen, kann der Blick auf andere Zwänge freiwerden, z.B. die lebensbedrohende Abhängigkeit der Bevölkerung von Ernte und Missernte, Wetter und Unwetter, sowie die Abhängigkeit von den Schikanen und Launen der jeweiligen Patrone und des Adels. An dieser existentiellen Abhängigkeit änderte sich überhaupt nichts, wenn der Pastor vor Ort so oder anders predigte, das Bekenntnis orthodox, pietistisch oder liberal ausgelegt wurde. Alle Entscheidungen, insbesondere der ganz überwiegend ländlichen Bevölkerung, orientierten sich ausschließlich an der Frage des Überlebens und der Bewahrung vor Hunger und Verelendung. Das hatte heftige Auswirkungen auf Frömmigkeit und kirchliches Leben. Das Gesangbuch jener Zeit liefert dafür prägnante Beispiele.

Die epochemachende Folge des Gesetzes von 1873 aber war, dass es erst seit dem Februar 1873 evangelische Kirchengemeinden gab, nämlich als freiwilligen Zusammenschluss des evangelischen Teiles der Stadt- und Dorfbevölkerung. Der Katharinenpfarrer und Synodale Skerl fragte daher in einer der ersten Synoden nach, was denn eine ev. Kirchengemeinde sei, denn früher sei die Mitgliedschaft in der Kirchengemeinde mit der Bevölkerung der Kommunalgemeinde zusammengefallen. Es sei erforderlich, den Begriff der Kirchengemeinde neu zu definieren.

b) Das 20. Jahrhundert ist demnach nicht „das Jahrhundert der Kirche“ (Otto Dibelius), sondern das Jahrhundert der Kirchengemeinde, der Gemeindekirche, und zwar ihres wachsenden Selbstbewusstseins, ihrer Bewährung in der Anfechtung des Dritten Reiches, der theologischen Auseinandersetzung in der Nachkriegszeit und der zentralisierenden Beglückungsvorschläge der 90iger Jahre und danach, siehe Huber und Fischer.
So kam es folgerichtig zu einer ersten Kirchengemeindeordnung 1909, die die Kommunalgemeinde von der Kirchengemeinde trennte. 1922 erhielt die Kirchengemeinde in der Verfassung Verfassungsrang, wonach sich die Landeskirche gezielt von unten aufbaute. 1938 wehrten sich die Kirchengemeinden gegen die Maßnahmen vom Kirchenkommissar Hoffmeister im Landeskirchenamt, der die Kirchengemeinden auch strukturmäßig nazifizieren und zentralisieren, d.h. entmündigen wollte. Die Kirchenvorstände erreichten, dass nach wenigen Jahren die zur zentralen Überwachung der Kirchengemeinden eingesetzten Finanzbevollmächtigten wieder abgezogen wurden.
1966 unterschrieben ein Drittel der Braunschweiger Pfarrerschaft die sog. Braunschweiger Thesen. Sie sah die Grundfesten der Kirchengemeinde durch das Eindringen einer kritischen Theologie bedroht, wie sie von Rudolf Bultmann vorgetragen wurde Aber die Kirchengemeinden haben diesen Streit um das Verständnis der Bibel gut überstanden, indem sie eine Vielfalt von Verkündigungsformen, Talaren und Gottesdienstgestaltungen zuließen, also ein Jahrhundert der Kirchengemeinde
1970 wurden die Kirchengemeinden ausgiebig an einer neuen Kirchengemeindeordnung
beteiligt. Seit den letzten 20 Jahren sehen sich die Kirchengemeinden einem verstärkten Zentralisierungsbemühen der EKD und des Landeskirchenamtes ausgesetzt, ohne dass die Struktur der Kirchengemeinde als eigenständige Körperschaft des öffentlichen Rechtes grundlegend verändert ist.

c) Gefährdung der Gemeindekirche
Die Lage der Kirchengemeinde wurde im Laufe des Jahrhunderts dreifach gefährdet:
a) durch die in periodischen Wellen auftretende Kirchenaustrittsbewegung: 1912 vor allem von Seiten der Baptisten und Neuapostolischen, in der Weimarer Zeit von der politischen Linken und von Braunschweiger Industriellen, ab 1948 durch die Einführung des automatischen Abzugs der Kirchensteuer von der Lohnsteuer, 1972 und folgende als Protest gegen kirchenreformerische Anstrengungen, aber auch in Folge von Abwanderung aus dem Zonenrandgebiet. Bis dahin traten kirchensteuerpflichtige Männer zwischen 20 und 50 Jahren aus. In den 90iger Jahren traten zunehmend auch ältere Frauen aus, weil sie für ihre ausgetretenen Männer kirchensteuerpflichtig gemacht wurden. Der Befund des 20. Jahrhunderts lautet für unsere Landeskirche: der Mitgliederstand der Landeskirche bewegte sich von ca 430.000 Mitgliedern um die Jahrhundertwende auf ca 650.000 in den 60er Jahren und ist heute in Folge von Abwanderung, Überalterung und Austritten auf unter 385.000 Mitglieder gesunken, also auf einem Stand unter dem um die Jahrhundertwende. Ich halte diese Schrumpfung des Mitgliederbestandes für keine Gefährdung der Gemeindekirche als Beteiligungskirche, solange dort biblisch und ortsnah gepredigt und die geistlichen Gaben der Kirchengemeindemitglieder entdeckt, geachtet und zunehmend eingesetzt werden.

b) Eine andere Gefährdung der Kirchengemeinde sehe ich in dem Missverständnis der Landeskirche als Volkskirche. Man hat gerne die Kirche vor 1918 vereinfachend als Staatskirche bezeichnet und nach 1918 als Volkskirche. Alle Bischöfe (Bernewitz, Beye, Johnsen, Erdmann, Heintze, Müller, Krause und Weber) legten meist schon zu Beginn ihrer Amtstätigkeit ein Bekenntnis zur Landeskirche als Volkskirche ab, erklärten aber diesen vieldeutigen Begriff nicht. Beye meinte eine nazifizierte Kirche in einer nazifizierten Bevölkerung. Erdmann meinte eine für alle offene Kirche, der im Grunde jedoch alle anständigen Braunschweiger angehören sollten. Heintze wiederum, der die Kirche mehr als wanderndes Gottesvolk verstand, war bei diesem Begriff eher zurückhaltend.
Volkskirche müsste, so meinten sie, durch Volksmission betrieben und voran gebracht werden. Dabei war der gemeinsame, durchgehende Irrtum, dass der Begriff „Mission“ eine Bevölkerung voraussetzt, die von Christus noch nichts gehört hat, Volksmission jedoch auf eine Bevölkerung traf, die viel von Jesus gehört, sich jedoch davon innerlich getrennt hatte. Diese sollte nun mit Volkmissionswochen und schmissigen Vorträgen zurückgewonnen werden. Das konnte als eine Beleidigung einer einmal vollzogenen ethischen Entscheidung verstanden werden. Im Grund konnte die Landeskirche nicht den Verlust der Hoheit über die ethischen Werte verkraften, der längst eingesetzt hatte. Außerdem nahm sie die „Gottesverdunstung“ im allgemeinen Bewusstsein nicht zur Kenntnis. Die Gemeindekirche des 20. Jahrhunderts steht also gegen Volkskirche und lässt die einhergehende Säkularisierung gelten.

c) Volkskirche und Volksmission waren befallen von einer Volkspsychose, die sich in einer krankhaften Anfälligkeit für autoritäre Figuren äußerte. Wilhelm II. und sein Schwiegersohn Herzog Ernst August genossen als von Gottes Gnaden Erwählte beim Kirchenvolk eine religiöse Verehrung, die sich von der kriegstreibenden Politik des deutschen Kaisers mit seinem wahnhaften Streben nach Weltmachtgeltung und von der krassen Reformfeindlichkeit des Braunschweiger Herzogs losgelöst hatte. Die Hindenburgverehrung überstieg jede nüchterne Analyse seiner Person und seiner Politik, z.B. seiner höchst problematischen Maßnahmen im Ostfeldzug im Hauptquartier Kowno und seiner verderblichen Lüge vom Dolchstoß in den Rücken des deutschen Heeres. Die Begeisterung für Hitler, der die Kirche vom Bolschewismus gerettet haben soll, von Gott gesandt sei, immer wieder Deutschland aus Sünde und Schande des Versailler Vertrages und vor dem Abgrund gerettet habe, trug unübersehbare hysterische, psychotische Züge. Karl Bonhoeffer, der Vater von Dietrich Bonhoeffer und bis 1938 Chef der psychiatrischen Abteilung in der Berliner Charite, schrieb 1947 einen Aufsatz über „Führerpersönlichkeit und Massenwahn“, in dem er Hitler als Psychoten bezeichnete, der auf eine psychotische, vom Massenwahn befallene deutsche Bevölkerung getroffen sei, was Hitler in keiner Weise entlastete. Die Kirche als Volkskirche hatte Teil an dieser Volkspsychose, und war nicht in der Lage, diese Psychose der deutschen Bevölkerung zu durchschauen. Bonhoeffer sprach von einer „Masseninfektion“. Die theologische Konsequenz von Dietrich Bonhoeffer lautete: niemals blinde Gefolgschaft, nur unbeirrbare Nachfolge.

Die Energien, die nach 1945 in Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und Wiederaufrüstung gesteckt wurden, verdrängten die Sicht auf diese nach wie vor unbehandelten Psychosen, die erstmals die Öffentlichkeit aufschreckten, als Fritz Fischer die erhebliche Mitschuld der kaiserlichen Regierung am Zustandekommen des 1. Weltkrieges nachwies. Nach wie vor präsentierte sich die Kirche als Volkskirche. Ob der seinerzeitige krankhafte Antisemitismus, der krankhafte Antikommunismus der 50er und 60er, die Auseinandersetzung um ein Antirassismusprogramm für die südafrikanischen Kirchen und heute schließlich die Hysterie um den Terrorismus ernsthafte psychotische Züge trägt, verdient eine weitere Betrachtung.

2. Frage: Wann endet das 20. Jahrhundert?
Wenn wir von einem Endpunkt auf das 20. Jahrhundert zurücksehen, dann sehe ich die Kirche vor drei Fragen gestellt: wie hält sie es mit Krieg und Frieden, wie mit dem Zusammenwachsen der weltweiten Kirche, der Ökumene, und wie mit der Bedrohung der Natur durch das profitable Wachstum. Eine glaubwürdige Antwort auf diese Fragen würde das Ende des 20. Jahrhunderts markieren. Diese Fragen erreichten unsere Landeskirche im letzten Drittel des Jahrhunderts; die Frage nach Krieg und Frieden bezeichnenderweise nicht 1958 anlässlich der synodalen Zustimmung zum Militärseelsorgevertrag, sondern 1982 durch einen Gegenkirchentag unter dem Motto „Zum Frieden ermutigen“. Es waren Initiativen in den Kirchengemeinden, die diese Frage bewegte. Die Frage des Miteinanders mit der katholischen Kirche wurde nicht theologisch-theoretisch von interkonfessionellen Kommissionen beantwortet, sondern schon in den 70er Jahren durch den mit katholischen Frauen begangenen Weltgebetstag der Frauen in den Kirchengemeinden, und zwar in einer zentralen Weise: durch einen eigenständig gestalteten Gottesdienst. Die Bedrohung der Natur wurde in der Landeskirche durch die Planung und Durchführung von drei Atommüllendlagern in der Asse, in Schacht Konrad und in Morsleben zu einem die ortsnahe Bevölkerung bewegenden Problem. Es waren wiederum einzelne Kirchengemeinden, die wenigstens den Notstand als ein kirchliches Problem erkannten. Das geflügelte Wort: „In den Gemeinden sind wir schon viel weiter als die offiziöse Kirche“ zeigt etwas von den Lebendigkeit in den Kirchengemeinden.

Wir schleppen diese Fragen in das 21. Jahrhundert mit, angereichert durch eine neue, zentrale Frage: wie leben wir in unserer Landeskirche mit anderen Religionen zusammen? Wie gehen wir mit dem Anspruch auf Alleingeltung der Kirche in der Wahrheitsfrage um?
Diese Fragen hören wir unter erheblich veränderten Verhältnissen. Die letzten 30 Jahre dieses Jahrhunderts haben durch die zweite industrielle Revolution, die erhöhte Mobilität, durch die Veränderung der Altersstruktur, durch die Neubewertung traditioneller ethischer Werte in Ehe und Familie, neuerdings durch die temporeichen Entdeckungen neuer Kommunikationswege eine unerhört schnelle Veränderung der Lebensverhältnisse gebracht. Ich habe sie in einer Dorfgemeinde erlebt, die sich von einem Kuhdorf zum Industriestandort veränderte, angereichert durch seine als Attraktion empfundene Lage an der Zonengrenze als Schnittpunkt zweiter Weltblöcke, und schließlich nach Zerfall der Weltblöcke und Abriss des Industriewerkes als Schlafsiedlung mit zurückbleibenden alten Menschen. In diesem drastischen Wechsel bewährte sich die Kirchengemeinde vor Ort durch die bleibende, stetige Verkündigung auf vielen Schultern als Beteiligungskirche im Gegensatz zur konsumierenden und bedienenden Volkskirche, sowie durch kritisches, sich kräftig ins Dorfleben einmischendes Verhalten als anregende Gruppe für die dörfliche Öffentlichkeit.

Ich fasse zusammen:
Das 20. Jahrhundert beginnt mit dem Ende der Zwangchristianisierung im Februar 1873.
Es ist das Jahrhundert der Gemeindekirche, nicht der Volkskirche.
Die fortschreitende Säkularisierung fördert eine pluralistische Gesellschaft mit eigenen humanistischen, atheistischen Lebensentwürfen, Werten und Normen. Die Kirchengemeinde ist Teil dieser pluralistischen Gesellschaft und stellt mit ihren Lebensentwürfen ein Alternativmodell in dieser vielfältigen Gesellschaft dar.
Die Kirchengemeinde erweist sich als beweglich genug, auch neue Fragen nach dem Verhältnis von evangelisch-katholisch, nach der Umweltverantwortung der Kirche und nach ethischer Neuorientierung in ihrer praktischen Arbeit aufzunehmen und teilweise sogar zu lösen.
Die sind einige roten Fäden durch meine Arbeit, die ich hiermit zur Diskussion stelle.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu133/fragenlandeskirchengeschichte.htm, Stand: Februar 2011, dk

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