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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 133


Grenzerfahrung Krebs
Leben mit einer fortgeschrittenen Tumorerkrankung

von Eckhard Etzold
(Download als pdf hier)

I. Vorgeschichte und Einführung

Bis Anfang März 2010 war ich im Dienst als evangelischer Pfarrer in einer Vorortgemeinde von Branschweig. Ich bin 50 Jahre alt, verheiratet, wir haben drei Kinder im Alter von 17, 15 und vier Jahren. Seit fast neun Monaten habe ich Krebs, kleinzelliges Bronchialkarzinom. Eine der aggressivsten Formen, die beim Menschen bekannt sind. Neben dem Lungentumor, der sich bis jetzt jedoch ruhig verhält, sind es zunächst die ungezählten Metastasen in Leber, Lymphsystem und Knochen, die mir zu schaffen machen. Ein halbes Jahr bekam ich eine aggressive Chemotherapie, die sehr gut anschlug. Nach einer ca. zweieinhalbmonatigen Pause erlebte ich Ende Oktober einen plötzlichen und heftigen Rückfall. Die Lebermetastasen wuchsen sich zu einer lebensbedrohlichen Gefahr aus. Am 4.11.10 musste ich mich in stationäre Behandlung begeben. Ich kam in sehr gute Hände in das katholische St. Vinzenz-Krankenhaus in Braunschweig. Tagelanger Zustand zwischen Leben und Tod immer wieder, ich spürte, wie die Kräfte mich verließen, z.T. schon leichte Atemnot, zeitweise wurde ich nur im Rollstuhl gefahren, ich spürte es im Kopf, ich spürte, wie sich das Todeskoma näherte...

Lebensbedrohlich war ein schwerer Natriummangel im Blut, einfacher gesagt, mir kam das Kochsalz abhanden. Ein Allerweltsgewürz, für ein paar Cent im Supermarkt zu haben. Das "Salz des Lebens", ich weiß, was das bedeutet. Die Tumorzellen vernichteten nicht nur gesundes Gewebe, sondern produzierten auch wild ein menschliches Hormon, dass die Wasserausscheidung verringert und das Salz verstärkt ausscheidet. Solche Tumore nennen die Mediziner "neuroendokrine Tumore", sehr heimtückische Tumore, weil man nicht voraussagen kann, wann sie wie mutieren und mit diesem unseligen Werk beginnen!

Die Blutwerte fielen auf ein lebensbedrohliches Niveau herab, ich wurde schwächer und schwächer. Atemnot und lähmende Muskelschwäche. Ich konnte mich kaum mehr von allein auf den Beinen halten, blieb aber tapfer. Jeden Tag hing ich mehrere Stunden am Tropf und bekam physiologische Kochsalzlösung literweise ins Blut, um zu überleben. Und ich zwang mich jeden Tag, aufzustehen und ein paar Schritte zu gehen. Über den Gang. Die Treppen rauf und runter. Die Ärzte gerieten ins Staunen: Wie macht der das bloß? Eigentlich müsste er halbtot sein, dreiviertel tot..., ich ging nach draußen in einen winzigen Park. Raus an die frische Luft, um eine Dosis Tageslicht in dieser novembrigen Zeit zu erhaschen. Gegen Winterdepressionen. Und ich sagte mir bei jedem Schritt, den ich ging, jeder Schritt, den ich schaffe, ist ein Schritt zum Leben. Und jeder Schritt, den ich unterlasse, ist ein Schritt weiter zu auf den Abrgund, auf das drohende Todeskoma. So ging ich, jeden Tag, meinen Gang über den Flur, wenn ich konnte, die Treppe rauf, und mal runter. Die Blutwerte fielen noch weiter, tiefer als lebensbedrohlich. Die Situation eskalierte. Ich stand weiter auf und ging meine Schritte.

Dann nach einer Woche kam die frohe Kunde von den Ärzten, seit einem Jahr gibt es ein neues und sehr teures Medikament, dass die körpereigenen Rezeptoren, die Schlüssellöcher sozusagen, in die der Schlüssel, also die menschlichen und die wild produzierten Hormone, hineinpassen, einfach blockiert. Am folgenden Tag war es da, ich nahm die erste Tablette. Innerhalb von zwei Tagen verlor ich 8 kg. Wasser, und die Natriumwerte stiegen sprunghaft an. Die Ärzte warnten, dieser Anstieg ist auch lebensgefährlich! Es drohte ein "Kurzschluss im Stammhirn", wie ein guter Freund sich treffend ausdrückte, ein schnelles Ende oder schwerste Behinderungen! Ich sah meinen Lebensfaden, der mich mit dem "Licht des Lebens" in der Unendlichkeit verband, ich sah, wie ich vom Licht lebte, und wie es zu mir kam. Und ich sah einen zweiten Lichtstrom, der sich bei mir in der Schädeldecke sammelte, und in einem kleinen Loch austrat und wie eine Silberschnur in die Unendlichkeit reichte. Der Prediger Salomo redete schon in der Bibel von dieser Silberschnur, wenn sie zerreißt, kehrt der Mensch zum Staube zurück, davon er genommen ist, und der Geist kehrt zu Gott zurück. Das alles sah ich, und eine Welt, ein trüber, verhangener Novembertag, dessen herrlicher Glanz mir überirdisch entgegenstrahlte. Ein seliger Anblick, einen ganzen Tag lang. Wie war ich traurig, als das alles am nächsten Tag wieder verblasste, und der "graue Alltag" zurückkehrte. Aber auch schöne Erfahrungen muss man wieder loslassen. Sonst werden sie selbst zu einer Droge, die süchtig macht! Also: kein "Kurzschluss im Stammhirn". Aber: schon sehr hart an der Grenze!

Es kamen bereits Mitte Oktober Knochenmtetastasen in der Wirbelsäule hinzu, verbunden mit der Gefahr, dass die Wirbelsäule "zerbröselt". Dagegen bekomme ich seit dem Knocheninfusionen. Das hört sich böse an, aber ist leicht zu ertragen im Vergleich zu anderen Erfahrungen. Seit Anfang November in der Klinik, zwischendurch entlassen, aber nach gut einer Woche wieder zurück in die Klinik mit erneuten lebensbedrohlichen Zuständen. Lymphmetastasen kamen hinzu.

Trotzdem mache ich mir immer wieder klar, ich habe doch noch nichts wirklich auszustehen! Was ich erlebe, ist zwar hart. Aber ich bin stark. Es ist immer noch ein Spaziergang im Vergleich zum dem, was andere Menschen durch Menschen erleiden und aushalten müssen und mussten. Ich denke an Erfahrungen im KZ, an medizinische Versuche an Insassen ohne Betäubung, an all diese furchtbaren Dinge, und ich erschrecke vor mir selber und sage, du jammerst auf hohen Niveau! Wie dem auch sei, ich stehe auch dazu und lasse mich auch dafür zur Rechenschaft ziehen!

Anfang dieser Woche (29.11.10) wieder in die "Röhre", in den Kernspintomographen im städtischen Klinikum. Mein behandeltender Klinikarzt hatte schon in der Woche vorher, als er mich so sah, einen bösen Verdacht. Diesmal waren die Radiologen sehr schweigsam. Zurück in der Klinik. Ein Arzt kommt herein und überbringt mir sichtlich bewegt die nächste Hiobsbotschaft: sieben neue Hirnmetastasen.

Die Ärzte wollten mir nun nicht zuviel zumuten. Sie wollten Rücksicht nehmen, ich sollte mit Knocheninfusionen und Chemotherapie aussetzen. Ich bestand darauf, das volle Programm! Keine Milde. Es wird voll durchgezogen! Auch wenn ich hinterher "Pflaumenmus" bin, aber dann können sie mich wieder aufbauen und zu einem Menschen machen. Das können sie hier im Krankenhaus.

Morgen nachmittag (3.12.10) bekomme ich die erste Ganzhirnbestrahlung mit ultraharter Röntgenstrahlung aus dem Linearbeschleuniger in der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie im Städtischen Klinikum am Standort Celler Straße. Ca 20 "fraktionierte" Bestrahlungen, je fünfmal die Woche und zu je 2 Gray (1 Gray = 1 Joule / kg, früher = 100 rad) mit ca. 10 Megavolt-Photonen, insgesamt 40 Gray. 2 Gray in einer Einzelbestrahlung, das ist schon ein schwerer Hammer. Das alles z.B. konzentriert auf den ganzen menschlichen Körper zum Beispiel bei einer Kernwaffenexplosion oder einem schweren Strahlenunfall würde ca. 30 bis 35 Prozent Todesfälle nach 30 Tagen nach sich ziehen. Bei mir trifft zum Glück nur ein Teil dieser Ganzkörperstrahlungsmenge auf das ganze Gehirn zweimal 30 Sekunden lang, und das ist sehr viel verträglicher. Ich werde meinen Kopf hinhalten! Aber: Die Chancen sind sehr gut, dass die Hirnmetastasen durch die Bestrahlung verschwinden und dann längere Zeit Ruhe geben. Sterben werde ich wohl an ihnen nicht. Viel Zeit bleibt dennoch nicht mehr. Mit welchen Persönlichkeitsveränderungen ich aus der Bestrahlung hervorgehe, ist auch nicht eindeutig, aber auch hier sind die Prognosen günstig, dass ich glimpflich davon komme.

Auf Schmerzmittel verzichte ich weitgehend, denn ich möchte fühlen, wann und wo der Schmerz kommt, und wann er wieder geht, damit ich weiß, was Sache ist, und Auskunft geben kann! Mit der Ausnahme jedoch, wenn der Schmerz so intensiv wird, dass ich mich nur noch krümme und vor Schmerzen nur noch stockend Luft holen kann. Da habe ich dann auch keine Hemmungen. Aber zum Glück habe ich - aus meiner Sicht - in Sachen Schmerzen noch nicht viel auszustehen gehabt.


II. Sterben?

Natürlich denke ich auch ans Sterben. Aber ich spüre immer noch, es ist noch nicht soweit. Irgendwie wird fast wie durch ein Wunder die Tür zum Leben immer noch einen Spalt breit offen gehalten. Irgend jemand hat sich dahingestellt und passt auf. Wer ist es? Sind es all die lieben Menschen, die mich mit ihren Gebeten und guten Gedanken begleiten? Ist es Gott? Ist es jemand anderes, ein Schutzengel? Sicher, ich werde es noch erfahren, und ich werde ihm oder auch ihnen noch danken dürfen rotzdem: Im Gespräch mit meinen Arzt in der onkologischen Facharztpraxis: ich hatte ihn gefragt, wie es sein wird aus seiner Sicht, wenn ich mal sterbe. Er kennt ja meinen Zustand am besten. Er antwortete mit einem Bild:

Stellen Sie sich einen spiegelglatten See vor, nicht zu groß. Vom anderen Ufer her wabert ein dichter Nebel über den See herüber. Am Himmel scheint eine milchig-blasse Sonne. Am diesseitigen Ufer liegt en Kahn. Ohne Kahnführer. Ich sitze allein in den Kahn. irgend jemand gibt dem Kahn vom Ufer aus einen sanften Stubs. Der Kahn gleitet still und lautlos über den spiegelglatten See. Er dringt in den Nebel ein... ein safter Laut dringt vom anderen Ufer herüber, kaum hörbar, als der Kahn anlegt. ...

... Ich werde schon erwartet ...

Aber vorher wünsche ich mir nochmal ein paar gute Wochen zuhause. Mit der Familie zusammen. Weihnachten! Vielleicht noch Ostern, vielleicht noch Pfingsten. Ein Wunder für mich selber lehne ich ab, genauso wie Jesus in der Wüste und am Kreuz Wunder für seine Person ausgeschlagen hat. Aber ich bin immer dabei, für andere um Wunder zu beten und zu hoffen!

Trotzdem: ich habe noch ein paar "unerlegtigte Geschäfte" begonnen, die ich gern zum Abschluss bringen würde. Daher habe ich Gott um etwas Aufschub gebeten. Wird er ihn gewähren? Aber nicht mein Wille, sondern sein Wille geschehe!

Was ich geschrieben habe, habe ich auch geschrieben, um Mitbetroffenen und zukünftigen Mitbetroffenen von dieser hässlichen Krankheit Stimme und Worte zu verleihen, die nicht mehr sich so äußern können aus welchen Gründen auch immer, aber tief in sich genauso empfinden wie ich.


III. Neuer Befund: Hirnmetastasen und Schädelbestrahlung

Hirnmetastasen! Mit diesen neuen Metastasen trifft der Krebs mich sogar ins Zentrum meiner physischen Persönlichkeit, im Denken, Lernen, Erinnern, Fühlen und Empfinden. Wie hatte ich doch gehofft, dass wenigstens dieser Kelch an mir vorüberginge. Was war ich jedesmal glücklich, als bei den Untersuchungen nichts gefunden wurde! Aber ich war ja auch gut informiert, und ich wusste, wenn ich eine Münze werfe, Zahl oder Adler, um eines davon nicht zu bekommen, war die Chance besser, keine zu bekommen.

Nun wurde mir auch dieser Kelch gereicht. "Dankbar" nahm ich ihn nicht, wie Dietrich Bonhoeffer dichten konnte während der Nazi-Haft vor seiner Hinrichtung in dem Lied "Von guten Mächten wunderbar geborgen". Aber ich nahm diesen Kelch (aus seiner "guten und geliebten Hand"?), und ich nahm ihn wenigstens "ohne Zittern". Wie sagt Immanuel Kant: "Ich kann, weil ich muss!"

Ganzhirnbestrahlung! - Oder auch Schädelbestrahlung. Die Röntgenstrahlung ist so hart, dass sie durch den ganzen Schädel hindurch geht als wäre er aus Glas. Und das ist ja nicht so harmlos wie ein bisschen Durchleuchten oder Röntgen. Da geht das richtig zur Sache! Da wird nicht nicht Wasser gespritzt, sondern zielgenau und richtig scharf geschossen! Da müssen andere Leute in Deckung gehen! Und ich bleibe währenddessen mutterseelenallein in der Bestrahlungskammer! Und ich halte meinen Kopf hin - freiwillig!

Schon am Mittwoch (1.12.) war für mich eine Bestrahlungsmaske modelliert worden, nass auf den Kopf gelegt mit Gesichtsabdruck, um den Kopf sicher unter dem Bestrahlungsgerät, dem Linearbeschleuniger, einzuspannen. Anschließiend wurde ich mit der festgeschnallten Maske in den Comutertomographen (CT) geschoben, und der Schädel wurde geröngt. Die exakte Lage des Gehirns unter der Maske sowie der Organe, die nicht bestrahlt werden dürfen, wurde ermittelt. Aus diesen Daten wurden zwei Datenkassetten produziert, die die exakten Bestrahlungsvorgaben enthielten.

Heute nachmittag (3.12) um 15 Uhr bekam ich die erste. Ich betrat in Begleitung zweier Röntgenassistentinnen die Bestrahlungskammer. Vor mir ein sehr schmaler Tisch, auf den ich mich lagern sollte, Hände eng am Körper. Über mir drohend die schwere "Strahlenkanone", der Linearbeschleuniger. Die erste Datenkassette geholt und in den Beschleuniger eingeschoben. Ich bekam meine Gesichtsmaske aufgesetzt, in der nur ein Loch für die Nase ausgespart war, Naserücken hochschieben, bis er an die Maske stößt. Augen zumachen. Die Maske wurde festgezurrt, dann wurde ich noch etwas gedrückt und zurechtgeschoben, bis ich in der richtigen Position war, und dann sagten mir die Assistentinnen: Wir verlassen gleich den Raum, beginnen auf der rechten Seite, und dann kommen wir herein, schwenken den Linearbeschleuniger auf die linke Seite, und dann folgt die linke Gehirnhälfte. Das ist verträglicher als alles auf einmal. Wenn Sie ein leises Surren hören, wird bestrahlt. Dann hörte ich von irgendwo ein leises Hubsignal zwei oder dreimal, - oder täuschte ich mich? - die beiden Röntgenassistentinnen verließen schnell den Raum, die schwere Tür aus Blei fiel laut schnappend ins Schloss. Ich lag allein im Raum auf dem Bestrahlungstisch und sollte stillhalten, sollte bloß mich nicht bewegen!

Bin ich nach der Ganzhirnbestrahlung noch ein Mensch wie vorher? Oder bin ich dann reif für die Psychiatrie? Urängste werden in einer solchen Situation wach. Werde ich dann noch so denken, schreiben, fühlen, empfinden, erinnern können wie vorher?

Was hatte ich für eine Angst vor dieser ersten Ganzhirnbestrahlung! Ich kam mir vor wie ein Mensch, den man in die Hinrichtungskammer führt! Dabei war ja von Lebensgefahr überhaupt gar keine Rede, es ging ja darum, mein Leben zu erhalten und zu retten. Aber Ängste sind ja in solchen Ausnahmesituationen auch immer wieder überschießend und irrational.

Und dann hörte ich das leise Surren oder Summen rechts vom Ohr, es wanderte zügig nach oben in die Mitte und schon hörte es auf. Das daurte lediglich knapp eine halbe Minute. Nur wenige Sekunden, nachdem das Surren ensetzte, spürte ich in der Nase einen leichten Ozongeruch, so ähnlich wie nach Blitzentladungen beim Gewitter. Ich kombinierte, das rührt von den hochfrequenten Hochspannungen her, die zur Erzeugung der Röntgenstrahlung dienen. Früher nannte man solche hochgespannten Welchselspannungen auch "Teslaströme".

Dann kamen die Assistentinnen wieder herein, schwenkten den Apparat herum. Die erste Datenkassette wurde entfernt, die zweite Datenkassette wurde geholt und in den Beschleuniger eingeschoben, und die linke Seite folgte. Zu Ende. Sie kamen herein, lösten mir die Maske vom Gesicht, zogen mich wieder unter dem Apparat hervor, und ließen mich erstmal hinsetzen. Beglückt nahm ich wahr: Ich konnte noch sehen wie vorher, auch das Denken schien noch zu gehen. Die Welt war anscheinend immer noch dieselbe. Nur tief oben in der Nasenhöhle spürte ich, dass die obersten Geruchszellen wohl etwas abbekommen haben mussten. So etwas kann durchaus vorkommen, denn die genaue Festlegung der Bestrahlungsfelder ist exakte Millimeterarbeit! Es roch da nach Metall und fühlte sich etwas verätzt an. Später am Tage hatte ich mit jedem Atemzug den leichten Geruch von verbrannten feinen Härchen in der Luft. Das werde ich beim nächsten Mal sagen! (Gesagt und getan, ganz schnell wurde nackorrigiert, und auch schon nach wenigen Tagen danach verschwand oder erheilte auch schon die Irritation. Freilich muss der Patient auch erst einmal ein Gefühl für die richtige Lage des Kopfes unter der Maske entwickeln, und bei den nachfolgenden Bestrahlungen geschieht die richtige Lagerung des Kopfes durch den Patienten selbst schon geradezu reflexartig.) Und etwas benommen fühlte ich mich. War das die Angst oder eine Folge der Strahlung?

Inzwischen fühlt sich der Kopf an wie nach einem Sonnenstich. Ich merke, dass sie dort mit der Röntgenstrahlung eine ganz scharfe Linie direkt über den Augen gezogen haben. Hätten sie versehentlich die Augen getroffen, so wäre ich jetzt erblindet gewesen. So empfindlich ist der Augenhintergrund!

Und das war jetzt erst der Auftakt, es folgt das Ganze jetzt noch insgesamt 19mal, ein wahrer Marahonlauf. Daneben Chemotherapie und Knocheninfusionen. Selbst am Heiligen Abend bekomme ich Hirnbestrahlung. Aber der erste, der schwerste Schritt ist jetzt geschafft. Gottseidank!

Was ich hier beschreibe, ist kein Einzelfall. So etwas müssen jedes Jahr einige tausend von Menschen bei uns aushalten und über sich ergehen lassen. Um in den meisten Fällen nur einen bescheidenen Zeitaufschub bis zum Tod zu gewinnen. Nur wenige werden komplett geheilt.

Rückbklickend komme ich immer mehr ins Staunen! Was die Menschen mit diesem Linearbeschleuniger für eine Strahlenkanone gebaut haben, ist ein technisches Meisterwerk allerhöchster Güte und Perfektion. Todesstrahlen für das Leben, ich stehe wie vor einem Wunder davor, dass es heute so etwas gibt.

Nikola Tesla, der vor über 110 Jahren unser Wechselstromnetz und die Teslaspule erfand, und 1943, ein halbes Jahr nach seinem Tod vom U.S. American Supreme Court zum "Vater des Radios" erklärt wurde, wollte schon eine Strahlkanone in den 1930er Jahren für Todesstrahlen bauen, die nach dem Beschleunigerprinzip arbeiten sollte, um mit ihrer Abschreckung Kriege schneller beenden zu können. Es blieb damals nur bei der Idee. Könnte Tesla heute diese Strahlenkanone sehen, d.h. den Linearbeschleuniger in der Radioonkologie, ich bin überzeugt, er wäre vor Begeisterung in Entzückensrufe ausgebrochen.

Heute sind aus Teslas erdachten Todesstrahlen "Strahlen für das Leben" geworden. Gottseidank, daß uns auch der Verstand mitgegeben wurde, um solch ein medizinisches Wunder zu erfinden und zu bauen!

P.S. Heute, 16.12.10, hatte ich meine 10. Bestrahlung. Alles heute ein Spaziergang...




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