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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 133 - Februar 2011


HAKUNA MATATA - KEIN PROBLEM

von Hartmut Barsnick
(Download als pdf hier)

HAKUNA MATATA - KEIN PROBLEM. So sagt man gern und oft in Ostafrika. Oder auch (in Tansania) „Hamna shida”, es bedeutet dasselbe. Und es ist eine sehr freundliche, sehr heftige Untertreibung. Denn Probleme gibt es mehr als genug.
Da ist zum Beispiel Pastor Sodomu Humbo. Drei Jahre lang diente er als Gemeindepfarrer in dem Dorf Ihanga, das nur über einen extrem steilen, rutschigen Weg zu erreichen ist, den in der Regenzeit von November bis Mai kein noch so starkes geländegängiges Auto befahren kann. Wenn ein Kranker transportiert werden muss, wird er von 8 Männern auf einer provisorischen Trage, bestehend aus 2 Stangen und einer Decke, den Berg hochgeschleppt. Wenn er fünf Stunden später im Krankenhaus ankommt, ist es oft schon zu spät. HAKUNA MATATA?
Nun wurde er in das noch entlegendere Dorf Ubiluko versetzt. Es dauerte nur einen Monat, und schon hatte er viel zu erzählen:
HEXEREI. Viele Menschen, die etwas Böses erlebt haben, nehmen an, dass sie verhext wurden. Und umgekehrt: Wer jemandem einen schlimmen Ruf anhängen will, behauptet, der andere wäre ein Hexer. Dies ist verboten, aber der Arm des Gesetzes reicht nicht bis in die nur auf langen Pfaden erreichbaren Bergdörfer der Livingstone Mountains.
MORD. So musste Pastor Humbo ein Gemeindemitglied beerdigen, das mit einer Machete zu Tode gehackt wurde. Dem Opfer war der Titel „Hexer” angehängt worden.
KINDESTOD. Am gleichen Tag krabbelte ein einjähriges Baby in das offene Feuer der Küche und verbrannte. Es hatte neben dem Feuer geschlafen, war aufgewacht und hatte seine Mutter vermisst. Diese was davongeschlichen, hatte Mann und Kind zurückgelassen und einen Liebhaber besucht: EHEBRUCH.
Die Kinder und Jugendlichen des Dorfes haben wenig oder kein Geld. Sie haben aber Gäste: Waldarbeiter, die Kiefern fällen, zu Nutzholz zurechtsägen und Lastwagen beladen. Da können sich die Jugendlichen ein paar Schillinge und eine Cola verdienen: PROSTITUTION.
Und wenn es ganz billig sein soll, machen die Waldarbeiter auch vor KINDESMISSBRAUCH nicht halt. Da sie in der Wahl ihrer Partner nicht vorsichtig oder rücksichtsvoll sind, sind sie massenhaft Träger des HIV-Virus. AIDS greift um sich, füllt die Friedhöfe und macht jedes zweite Schulkind zum HALB- oder VOLLWAISEN.
Priorität Nr. 1 müsste also in Kirche, Schule, Familie und Gesellschaft eine massenhafte, aggressive, tabubrechende Aufklärung sein, verbunden mit Beratung, freiwilligem Testen, kostenloser Medikamentenausgabe - und Prophylaxe jeder Art. Der fromme Rat, einfach sexuell enthaltsam zu sein, würde vielleicht von einer „kleinen, radikalen Minderheit” befolgt werden, an der Lebensrealität aber völlig vorbeigehen. Ohne Zugang zu Kondomen and Anleitung über den richtigen Gebrauch wird HIV/AIDS weiter um sich greifen. Dem stehen in Ubiluko (und anderenorts) aber zwei Mentalitäten entgegen: GLEICHGÜTLTIGKEIT gepaart mit UNWISSENHEIT und SCHICKSALSERGEBENHEIT auf der einen Seite - und in der Kirchengemeinde eine starke Fraktion von „HALLELUJA-PEOPLE”, also fundamentalistisch-evangelikalen Christen, die den Gebrauch von Kondomen als Sünde und Verführung zum Lotterleben brandmarken. Mit ihnen hat Pastor Humbo - der in seinem früheren Kirchenkreis Tandala an tabulosen Aids-Seminaren teilgenommen hatte - seine liebe Not.
Und so kommt er zu den deutschen Missionaren in Tandala, legt 70 Kilometer zurück, erst 6 Stunden zu Fuß zur Bezirkshauptstadt, dann am nächsten Tag weiter mit dem Dalla-Dalla-Kleinbus, und holt tief Luft: eine Zigarette oder zwei (heimlich, denn ein lutherischer Pastor lässt sich hier damit nicht gerne erwischen), ein gutes Essen und eine Erleichterung der Seele beim Schildern der vielen MATATA. Er bittet dringend, dass die Deutschen als Autoritätspersonen - denn als solche gelten sie hier allgemein - in seine Gemeinde kommen und ein Seminar halten, das saubere Theologie und gründliche Gesundheitsaufklärung verbindet, schädliche Mentalitäten und Traditionen aufbricht und so dem bedrängten, herausgeforderten Ortspfarrer hilft, ab und zu auch einmal zu recht „HAKUNA MATATA” sagen zu können.
Aber wo anfangen und wo aufhören in den 99 Dörfern des Bezirks Makete, von denen die Mehrzahl in der langen Regenzeit nur in Gummistiefeln und mit jugendlicher Lunge erreichbar ist? Wenn man für nur 6 Monate entsandt wurde, schon beim Kofferpacken ist und nicht weiß, wann man eventuell wiederkommen wird. Das ist auch ein „MATATA”.

„O Gott im Himmel, sieh darein….!”




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu133/hakunamatata.htm, Stand: Februar 2011, dk

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