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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 133 - Februar 2011


Anfänge und Wurzeln der Männerarbeit
in der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig

von Pfarrer i. R. Wolfgang Meißner,
Landesmännerpfarrer von 1971 - 1983
(Download als pdf hier)

Bei der Frage nach den Wurzeln der Männerarbeit in Deutschland im Allgemein und in der Braunschweigischen Landeskirche im Besonderen geht es um die 4 W-Fragen:
      Wodurch ist die Männerarbeit entstanden?
      Wann ist die Männerarbeit entstanden?
      Wie ist die Männerarbeit entstanden?
      Wo ist die Männerarbeit entstanden?


I. Die Impulse kamen von außen

Der durch die industrielle Entwicklung bedingte allgemeine Aufbruch im 19.Jh. forderte die Gesamtgesellschaft heraus, neue Lebensformen zu entwickeln. Dies begann etwa in den 80er Jahren des 19. Jh. in ganz Deutschland zunächst schwerpunktmäßig in den Städten und Industriezentren. Ein wichtiges Element dabei war die Bildung von Vereinen.
Diese Entwicklung ging von der Basis aus: Menschen taten sich zusammen, um gemeinsame Interessen zu gestalten, zu leben, zu fördern. Erst von dieser Basis aus traten dann einzelne Männer hervor, die durch ihre Fähigkeiten besondere Aufgaben und Positionen wahrnahmen.
Der Staat, die Städte und Gemeinden, insbesondere aber auch die Kirchen standen mit ihren meist starren traditionellen Strukturen zunächst völlig außen vor, ja oft sogar im Widerspruch zu dieser Entwicklung (z.B. durch Verbote von Zusammenschlüssen oder Versammlungen). Erst 1908 kam es zum Erlass eines Allgemeinen deutschen Vereinsgesetzes.
Dies verstärkte sich im Bereich des Herzogtums Braunschweig noch dadurch, dass unser Gebiet fast ausschließlich landwirtschaftlich und mit Ausnahme der Städte Braunschweig, Wolfenbüttel und Holzminden dörflich strukturiert war und von den Prozessen, die sich in den neu entstehenden Industriezentren ereigneten, wenig berührt wurde.
Neben den Sportvereinen und politischen Vereinigungen waren es vor allem die Handwerker und Gesellenvereine, aber auch Jünglingsvereine, Arbeitervereine, Evangelischer Volksverein u.a., die das neu entstandene allgemeine Bild prägten. Diese waren zumeist religiös, aber nicht unbedingt kirchlich ausgerichtet. Doch dieses entstehenden Vereinswesen war eine der ursprünglichen Wurzeln der Männerarbeit, die im Raum der Kirche zuerst unter dem Dach der Inneren Mission ihren ersten Ort.
Die Motive für die Bildung dieser religiös ausgerichteten Vereine waren die Wahrnehmung:
      a. einer sozialen Verantwortung der Christen
      b. einer missionarischen Verantwortung der Christen
      c. einer diakonischen Verantwortung der Christen
      d. einer kulturellen Verantwortung der Christen
Dabei vermeiden wir bewusst das Wort ‚Kirche’, weil es auch hier meist einzelne Männer waren, die sich dieser Aufgabe stellten und die sie prägten. Das blühende Vereinsleben jedoch ließ die Kirche immer mehr zu einer Art “Vereinskirche“ werden, in der die Vereine Sicherheit, Geborgenheit, Orientierung und Verpflichtung vermittelten.


II. Männerarbeit als Auftrag der Kirche

Was wir heute unter Männerarbeit verstehen, hat also seine Anfänge im Ende des 19. Jh., und hier leisteten die Vereine das, was die amtliche Kirche und ihre Gemeinden weithin nicht vermochten: sie fügten Männer wie auch Frauen oder die Jugend zu christlichen Lebensgemeinschaften zusammen und rüsteten sie durch Vertiefung ihres Glaubensbewusstseins aus zu einem christlichen Dienst in der Gesellschaft.

„Die Wiege der Männerarbeit stand in Gelsenkirchen“ hat es Waldemar Wilken treffend formuliert.
Ein erster Zusammenschluss war der 1896 gegründete ‚Gesamtverband der Evangelischen Arbeitervereine Deutschlands’. Solche gab es auch im Bereich unserer Landeskirche. Beginnend in Westfalen kam es mitten im ersten Weltkrieg 1915 zu einem ersten Aufbau des ‚Kirchlichen Männerdienstes’. Dies war ein wirkungsvoller Versuch, einerseits zu vermeiden, dass sich das kirchliche Leben mehr und mehr außerhalb der Kirche etablierte, und andererseits die Amtskirche, vor allem die Pfarrerschaft, aufzurütteln, die Männerarbeit als Aufgabe der Gemeinden zu erkennen. Das besondere Merkmal des kirchlichen Männerdienstes war seine uneingeschränkte Ausrichtung auf die Gemeinde.

Wie sich dies nach und nach in den Kirchengemeinden unserer Landeskirche darstellte und wo bzw. in welcher Weise es solche Männerdienste bei uns gegeben hat, wird ein später nachfolgender Bericht zeigen.

Entscheidend aber ist, dass infolge der zunehmenden kirchlichen Entfremdung der Männer in der Nachkriegszeit der 20er Jahre ein intensiver missionarisch-diakonischer Akzent den Kirchlichen Männerdienstes prägte. In dieser Zeit entstand die Verbindung von Männerdienst und Volksmission in der Wechselbeziehung von Zurüstung durch die biblische Botschaft und dem Tätigwerden in konkreten sozialen Aufgaben. Jetzt findet man auch verstärkt Zusammenkünfte von Männern in ländlichen Gemeinden.

Bei alle dem darf man nicht übersehen, dass das Braunschweiger Land politisch außerordentlich zerrissen war und von ganz links bis ganz rechts zum Nährboden für viele radikale politische Gruppierungen wurde. Und das waren meist Männer ! Die Möglichkeiten, die sich hier der kirchlichen Arbeit boten, waren außerordentlich gering und immer wieder von einzelnen, in der Regel sehr mutigen Männern – Laien wie Pfarrer – geprägt.

Zu einem wichtigen Einschnitt wurde das Jahr 1933, als unter dem Nationalsozialismus zunehmend jegliche Vereinsarbeit auch in der Kirche verboten wurde. Dies war einer der äußere Anlässe, dass es am 10. November 1933 (Dr. Martin Luther’s 450. Geburtstag) in Berlin zur Gründung des ‚Männerwerks der Deutschen Evangelischen Kirche’ kam. Zitat aus Wilken: „Das Deutsche Evangelische Männerwerk ist ein Stück Kirche und Gemeinde. Nur von der Kirche her hat es seine Daseinsberechtigung. Es ist daher gegen die verfasste Kirche und ihre Gemeinden in keiner Form abzugrenzen. Es wurden Landesämter und ein Reichsamt gegründet. An der Spitze des letzteren stand der braunschweigische Landesbischof Johnsen.“

Helmuth Johnsen war, von Lübeck kommend, im Juni 1934 zum Landesbischof in Wolfenbüttel eingesetzt worden und wurde 1935 zum ‚Reichsobmann’ des Deutschen Evangelischen Männerwerks gewählt. Zur Gründung eines Landesamtes des Evangelischen Männerwerks in der braunschweigischen Landeskirche kommt es aber erst 1936 mit der Berufung von Lic. Dr. Walter Schäfer zum Pfarrer für die Volksmission und das Evangelische Männerwerk, der er am 18.10.1936 von Bischof Johnsen in der Trinitatiskirche in Wolfenbüttel als Männerwerkspfarrer eingeführt wurde. Walter Schäfer war zuvor Landesjugendpfarrer in Kassel, von 1936 bis 1939 in Wolfenbüttel und ging 1939 zunächst als Pfarrer nach Osnabrück und danach 1960 als Superintendent an den Dom zu Verden.

Für die Zeit während des zweiten Weltkrieges von 1939 – 1945 hat Landesbischof Dr. Helmuth Johnsen die Leitung des Männerwerks kommissarisch wahrgenommen. Es wird berichtet, dass sich Pfarrer Hermann Gennrich, damals Pfarrer an St. Katharinen in Braunschweig, und Pfarrer Reinhard Herdieckerhoff, damals Direktor der Inneren Mission in Braunschweig unter den erschwerten Bedingungen in besonderer Weise der Aufgaben des Männerwerks angenommen haben. Nach dem zweiten Weltkrieg sammelten sich Frauen und Männer in vielfältiger Weise, um den Wiederaufbau zerrissener kirchlicher Lebensformen wahrzunehmen.

Bereits vom 2. bis 4. Mai 1946 trafen sich Verantwortliche der Männerarbeit aus Ost und West in Echzell, einem sonst unbedeutenden Ort im Wetteraukreis unweit von Friedberg in Hessen und gründeten die „Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland“ mit der Erklärung der Echzeller Richtlinien, die besonders unter ihrer Losung bekannt geworden sind:
      Sammlung der Männer unter dem Wort
      Ausrüstung der Männer mit dem Wort
      Sendung der Männer durch das Wort


III. Formen der Männerarbeit in der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig

Die verschiedenen Namen für die Männerarbeit werden in den einzelnen Landeskirchen zunächst beibehalten. So bleibt es auch in Braunschweig bei der Bezeichnung Männerwerk als einer selbständigen Einrichtung der Landeskirche seit 1946 unter der nebenamtlichen Leitung von Propst Johannes Leistikow in Semmenstedt. In dieser Zeit kommt es in vielen Gemeinden zu sehr lebendigen Aufbrüchen und zu Zusammenkünften von Männern, die nach dem verlorenen Krieg selbst nach einem neuen Ort Ihres Selbstbewusstseins suchten. Hier bekommt vor allem die seelsorgerliche Hilfe eine große Bedeutung.
Daneben aber bekommt das Gemeindeleben und so auch die Männerarbeit ganz neue Impulse durch die ‚Flüchtlinge’, die zum Teil aus sehr christliche geprägten Gebieten jenseits von Oder und Neiße kommen, was man vom Braunschweiger Land leider niemals behaupten konnte.

Obgleich das Männerwerk niemals wieder die Form eines Vereins erhält, bilden sich in den Gemeinden doch ähnlich feste Formen heraus. Männer verstehen sich als Mitglieder des Männerwerks und dies beinhaltet ein bindendes und zugleich verpflichtendes Zugehörigkeitsgefühl. Es gibt Gemeinden mit und ohne Männerwerk und das prägte auch das Erscheinungsbild der Gemeinden, wie in einer größeren Darstellung noch ausführlicher behandelt wird.

Um diese Zusammenkünfte in den Gemeinden übergemeindlich zu koordinieren und mit immer neuen Impulsen zu bereichern, kommt es 1949 zu einer Neugründung des Amtes für Volksmission und Evangelisches Männerwerk sowie mit der Berufung von Prof. Wilhelm Schmidt-Japing zum neuen hauptamtlichen Landesmännerpfarrer der Landeskirche. Dabei nimmt diese Verbindung den besonderen missionarischen Aspekt von Echzell auf, ohne dass die Männerarbeit ihr Proprium verliert.

Dieses Proprium wird noch bewusster betont, als mit der Berufung von Pfarrer Erich Warmers, der als sogenannter ‚Arbeiterpfarrer’ 1960 aus Nessen-Nassau kommt, zusätzlich noch die kirchliche Sozialarbeit in das Amt integriert wird. Aber nicht nur dadurch, sondern auch durch die Person Erich Warmers und durch sein unermüdliches Engagement und sein in der Öffentlichkeit auffallendes volksmissionarisches Wirken bekommt das „Amt“ seinen ganz besonderen Charakter.

Als ich selbst 1971 in die Nachfolge von Erich Warmers berufen worden bin, sind die Erwartungen zunächst sehr an eine unmittelbare Fortsetzung seiner Tätigkeiten geknüpft, doch es zeigt sich bald, dass alle personenorientierten kirchlichen Aufgaben in der Leitung übergemeindlicher Dienste auch von den spezifischen persönlichen Charismata bestimmt werden. In meine Zeit fällt gleich zu Beginn der Bau des Hauses kirchlicher Dienste in Riddagshausen und der Versuch einer Zuordnung aller übergemeindlichen Dienste unter einem Dach. In der Männerarbeit, die mit dem Umzug ins HKD auch diesen Namen bekommt, treten vor allem die Berufsgruppenarbeit für Landwirte und Handwerker, die Begegnungen mit dem Männerwerk Blankenburg und der Church of England Men’s Society in den Mittelpunkt, während die Männerkreise sich nur langsam aus einer Talsohle wieder nach vorn bewegen.

Nach meinem Weggang im Jahr 1984 werden die Aufgaben der Männerarbeit zunächst durch Pfarrer Herbert Meyer als Beauftragter für die Männerarbeit in dem damals neugebildeten Amt für Missionarische Dienste in Gemeinde und Arbeitswelt wahrgenommen, bis Pfarrer Friedhelm Meiners als Pfarrer im Probedienst in der Auferstehungskirche in Braunschweig-Gartenstadt mit dem Zusatzauftrag als Landesmännerpfarrer diese Aufgaben übernimmt, während das Amt weiterhin an die ‚Missionarischen Dienste und Männerarbeit’ im Haus Kirchlicher Dienste in Braunschweig-Riddagshausen angegliedert bleibt, bis das Haus Kirchlicher Dienste mit allen Ämtern in die Gebäude des Landeskirchenamtes auf dem Campus in Wolfenbüttel verlegt wird.
Hier wird die Männerarbeit ein nun selbständiger Arbeitsbereich mit einem Landesmännerpfarrer im Zusatzauftrag, wie dies bis 2002 von Pfarrer Friedhelm Meiners und ab 2003 von Pfarrer Maic Zielke als Pfarrer in der Kirchengemeinde Wahle wahrgenommen wird.

Die Geschichte der Männerarbeit geht weiter und jede Veränderung hat ihren begründeten Aspekt mit einer zukunftsorientierte Perspektive. Doch zugleich immer wieder nach ihren Wurzeln zu fragen, ist ein notwendiger Prozeß. Dabei bleiben die alten Richtlinien von Echzell unverändert in Geltung: Sammlung der Männer unter dem Wort, Ausrüstung der Männer mit dem Wort, Sendung der Männer durch das Wort; und die Umsetzung dieser Aufgabe bedeutet, die Verantwortung kirchlicher Männerarbeit in ihrem Grundsatz auch heute noch so wahrzunehmen, wie sie einmal aus der Vereinstätigkeit von Männern entstanden ist, in
      Sozialer Verantwortung der Christen
      Missionarischer Verantwortung der Christen
      Diakonischer Verantwortung der Christen und
      Kultureller Verantwortung der Christen
zum Gemeinwohl der Menschen und der Kirche beizutragen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu133/maennerarbeit.htm, Stand: Februar 2011, dk

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