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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 134 - Dezember 2011


Auf Malta

von Wilfried Steen
(Download als pdf hier)

Vorwort des Verfassers

Von September 2009 bis Ende uni 2011 war ich im Rahmen einer Beauftragung als Pfarrer im Ruhestand für die evangelisch-ökumenische Andreas Gemeinde auf Malta tätig – eine evangelische Auslandsgemeinde mit 116 Mitgliedern: Deutschen, die auf Malta leben und die Sonne und die niedrigen Steuern genießen, deutsch-maltesischen Familien, deutschen Ruheständlern. Malta bietet als kleine Felseninsel mitten im Mittelmeer außer der Sonne eine Fülle von historischen Bauten aus den Zeiten des Ritterordens. In den letzten Jahren sind viele Flüchtlinge aus Afrika auf Malta gestrandet: ungeliebte Zuwanderer, die vom übrigen Europa vergessen werden.
Deshalb konnte die Gemeinde gar nicht anders, als sich den anderen christlichen Initiativen anzuschließen und in die Flüchtlingsarbeit einzusteigen.

Evangelische Flüchtlingsarbeit auf Malta

Und als wir gerettet waren, erfuhren wir, dass die Insel Malta hieß. Die Leute aber erwiesen uns nicht geringe Freundlichkeit, zündeten ein Feuer an und nahmen uns alle auf wegen des Regens, der über uns gekommen war, und wegen der Kälte. Aus Apostelgeschichte 28

Hajid aus Somalia ist als Schiffbrüchiger wie Paulus auf Malta gelandet. Die Aufnahme war sicherlich professioneller als damals vor zweitausend Jahren . Seit drei Jahren lebt er nun in Malta als humanitär Geduldeter im Good Shepherd Home in Balzan. Er ist wegen des Bürgerkrieges aus seiner Heimat geflüchtet. Er hat keine Perspektive mehr gesehen. Sein sehnlichster Wunsch ist nach Kanada oder zumindest nach Deutschland zu kommen, um zu arbeiten und auch seine Familie in Somalia unterstützen zu können. Junge Männer wie Hajid gibt es viele in den Flüchtlingszentren auf Malta. Alle haben den Wunsch nach Arbeit, nach einem neuen Start in Europa oder Amerika. Das Herz wird einem schwer, wenn wir uns mit unseren Englisch-Brocken verständigen. Wir wissen, nur wenigen der 4500 Migranten auf Malta wird es gelingen, von Malta wegzukommen.

Was kann denn eine kleine evangelische Gemeinde im Ausland angesichts dieser Situation mehr leisten als einen rührenden Versuch diakonischer Arbeit?
Jeder, der sich intensiver mit der Frage „Migration“ auseinandersetzt, muss sofort sagen: Das reicht nicht, das ist wie Heftpflästerchen kleben auf Wunden, die eine Behandlung in der Intensivstation brauchen.
„Ihr müsst als Kirche die Menschenrechtsverletzungen auf Malta anprangern Migranten dürfen nicht in geschlossenen Detention Centres untergebracht werden.Ihr müsst dafür eintreten, dass die Migranten von Deutschland und anderen europäischen Staaten als Flüchtlinge übernommen werden, ihr müsst, ihr müsst …“

Das alles ist richtig, überfordert aber eine kleine evangelische Auslands¬gemein¬de auf der Insel Malta maßlos. Denn viele der 116 Mitglieder erwarten eher gemütliche Feste und Gottesdienste in der vertrauten Liturgie, deutschsprachige Veranstaltungen und Kontakte, aber nicht so sehr Einsatz an sozialen Brennpunkten.
Doch ein Wandel ist spürbar. Mehr und mehr begreifen Menschen auch auf Malta, dass sich das Flüchtlingsproblem nicht einfach von selbst erledigt. Wir als Andreas Gemeinde stehen nicht allein, sondern sind Teil eines kirchlichen Netzwerkes, das sich der Flüchtlingsarbeit widmet. Die katholische Kirche insgesamt hilft, wo sie nur kann und unterhält selbst Open Centres für Flüchtlinge. Der Jesuit Refugee Service (JRS) tritt vor allem für die Rechte der Migranten ein, die hier auf Malta gelandet sind, bietet Rechtsberatung an. Auch die St. Andrew's Scots Church, unsere Partnergemeinde in Malta, setzt sich in einer Arbeitsgruppe für Migrantinnen und Migranten ein.

Insgesamt aber müssen wir leider feststellen, dass es vor allem Ausländer sind, die sich in die Flüchtlingsarbeit einbringen. Malteser vielfach der Auffassung: Das Boot ist voll! Wir auf der kleinen Insel Malta können keine Flüchtlinge aufnehmen. Außerdem: Diese Migranten wollten nie nach Malta, sondern in andere europäische Länder, sind aber vor unserer Küste aufgefischt worden. Dieser Standpunkt ist nicht sehr menschenfreundlich und entspricht auch nicht dem europäischen Menschenrechtsverständnis, ist aber nach¬zuvollziehen! Malta ist so klein wie Bremen, hat 430.000 Einwohner. Es ist der europäische Staat mit der größten Bevölkerungsdichte.

Hier wird aber auch erkennbar, wo eine genuine kirchliche Aufgabe liegt: Verständnis unter den Menschen hier auf Malta für die Not der Migrantinnen und Migranten wecken! Selbst unter unseren Gemeindegliedern ist dies nicht einfach. Vorurteile wie „Migranten belasten den Staatshaushalt“ sind verbreitet, weil kaum einer die Flüchtlingsarbeit kennt geschweige denn Kontakt mit Migranten hat. Hier können Besuche in Flüchtlingseinrichtungen helfen. Jedes Jahr zum Weltflüchtlingstag gibt es einen ökumenischen Open Air Gottesdienst an einer Uferpromenade auf Malta, um der ertrunkenen Flüchtlinge zu gedenken. Die Andreas Gemeinde gehört mit zu den Initiatoren dieses öffentlich viel beachteten Ereignisses.

Bei all den positiven Ansätzen dürfen wir nicht übersehen, dass das Problem der afrikanischen Flüchtlinge insgesamt ungeklärt ist. Fachleute schätzen, dass mindestens 1,6 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner „auf dem Sprung“ nach Europa sind, weil sie ihre Situation in ihren Länder als unerträglich und aussichtslos empfinden. Sie werden alles einsetzen, auch unter Lebensgefahr, um nach Europa zu kommen. Auch FRONTEX, die europäische Grenzpolizei, auch der Einsatz der NATO wird sie nicht davon abhalten. Wie werden wir mit diesen Menschenmengen fertig?
Viele der Afrikanerinnen und Afrikaner sind gut ausgebildet, andere wieder haben kaum eine Schule besucht. Sie bedürfen eines elementaren Trainings, gerade in Sprachen. Viele der Ehrenamtlichen, die Sprachunterricht erteilen, sind damit überfordert. Meine Frau hat in der Zeit unseres Aufenthaltes somalische Migrantinnen unterrichtet, die erst einmal grundlegende Kenntnisse in lateinischer Schrift erarbeiten mussten.

Überfordert sind die Flüchtlingszentren hier auf Malta auch mit den Traditionen, die die Flüchtlinge mitbringen. So werden die somalische Clanstrukturen hier auf Malta weitergeführt. Der Clanchef entscheidet, wer wen heiraten muss. Der Clanchef entscheidet unter Umständen auch, wer illegal mit dem Boot von Malta nach Italien gebracht wird.

Die Einpferchung von meist jungen Migranten in Flüchtlingslagern bringt zwangsläufig Kriminalität mit sich, bewirkt ein Ansteigen von Prostitution und Drogenkonsum. Diese Probleme müssen von uns als Kirche klar gesehen und benannt werden. Die kritische Haltung der Malteserinnen und Malteser gegenüber Migranten müssen wir ernst nehmen.
Als Andreas Gemeinde Malta haben wir mit Mitteln aus einem Kleinprojekt von „Kirchen helfen Kirchen“ den Aufbau eines „Employment Centre“, einer Art „Zeitarbeitsagentur“ im Marsa Open Centre for Refugees unterstützt. Hier soll Migranten eine versicherte Tätigkeit in maltesischen Unternehmen, auf dem Bau oder in der Touristikindustrie, aber auch bei Privatleuten angeboten werden.

Bei all dem, was vor allem ehrenamtlich von christlichen Gruppierungen geleistet wird, müssen wir als Kirchen folgende Forderungen erheben:

  1. Wir müssen als Europäer alles tun, damit Menschen auch in Afrika in Würde leben können. Das muss unser erstes und größtes Ziel sein. Das ist ein Menschenrecht! Dazu muss nicht nur mehr Anstrengungen in der Entwicklungszusammenarbeit unternommen werden, dazu müssen Handelsbarrieren fallen und auch die wirtschaftliche Benachteiligung Afrikas durch den Handel mit der Europäischen Union. Wer die afrikanischen Kleinbauern und Hühnerfarmer durch Dumping von Hähnchenteilen wirtschaftlich kaputt macht, wer die afrikanischen Gewässer mit den eigenen Trawlern leerfischt, muss sich nicht wundern, wenn die arbeitslosen Afrikaner nach Europa kommen wollen.
  2. Wir müssen in Europa alles tun, dass Flüchtlinge, wenn sie schon mit uns leben, eine gute Sprachausbildung bekommen und sich auf die europäische Kultur aktive einstellen können. Lange Aufenthalte in geschlossenen Lagern sind Gift für die Seele dieser meist jungen Menschen.
  3. Wir müssen in Europa alles tun, damit Afrikanerinnen und Afrikaner eine vernünftige Beschäftigung finden. Es ist gegen die menschliche Würde, wenn Menschen jahrelang in Flüchtlingsunterkünften ihr Leben fristen, zwar ein Bett und Essen haben, aber sonst nichts. Es ist erschreckend, wie viele der Flüchtlinge auf Malta nach vier oder fünf Jahren hier ihre Tage verbringen mit Billard Spielen und Al Jazeera-Fernsehnachrichten-Gucken! Dabei werden Menschen auch seelisch zum Wrack, geraten in Depressionen, aber auch in Aggressionen untereinander. Blutige auseinandersetzungen sind keine Seltenheit und bestärken dann manche Malteser in der Ablehnung der Flüchtlinge.
Malta - eine Insel der „Flüchtlinge“:

Die einen flüchten vor dem schlechten Wetter, die anderen vor den hohen Steuern. Die aber am wenigsten geschätzt werden, kommen auf brüchigen Booten über das Mittelmeer aus Nordafrika. Sie müssen of lange bleiben, haben keine Chance, legal den „Flieger“ zu nehmen und mal nach Deutschland zu jetten.
In unserer Gemeinde denken wir oft über den Bericht vom Schiffbruch des Paulus aus der Apostelgeschichte nach. Die Malteser sind stolz darauf, dort so positiv benannt zu werden. Daran erinnere ich, wenn es um die Aufnahme von Schiffbrüchigen geht, die auf seeuntüchtigen Booten aus Afrika kommen.
Der Ratsvorsitzende der EKD, Präses Nikolaus Schneider, hat bei seinem Besuch im März 2011 auf Malta gesagt: „Alle EU-Länder stehen gemeinsam in der Pflicht, die Aufnahme von Schutzsuchenden in der Europäischen Union zu gewährleisten.“ Das könne nicht auf die EU Staaten mit Außengrenzen abgewälzt werden. „Dafür setzen wir uns als Evangelische Kirche in Deutschland, aber auch gegenüber den EU-Institutionen ein“, betonte Schneider. Dem ist nichts hinzuzufügen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu134/aufmalta.htm, Stand: Dezember 2011, dk

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