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[Kirche von Unten]

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Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 134 - Dezember 2011


Vorsicht in der Bundeswehr – Weihnachten ist ein Sonntag
Der Sonntag ist der bevorzugte Wochentag für Selbsttötungen in der Bundeswehr

von Rainer Oltmanns
(Download als pdf hier)

Die Bundeswehr hat nach einem internen Bericht des Verteidigungsministeriums in den Jahren 1998 und 1999 insgesamt 190 beziehungsweise 185 Selbsttötungsversuche registriert. - Tendenz steigend. Als Ursachen werden die erhöhten psychischen Anforderungen von Militäreinsätzen im Ausland ihre zeitliche Länge und die Zunahme traumatisierende Erlebnisse genannt. Bei derlei seelischen Beeinträchtigungen gibt es nach Meinung des Deutschen Bundeswehr-Verbandes eine weitaus "größere Dunkelziffer". Einfach deshalb, weil Soldaten mit psychischen Blockaden oft nicht die Courage besitzen, über ihre Depressionen zu reden - auch keinen psychologisch geschulten Ansprechpartner finden. Fehlanzeige.

Uwe Beling, Facharzt an der Kieler Universitäts-Nervenklinik, behauptet, bereits 1967/68 hätten sich 561 Soldaten das Leben genommen und sogar 3.199 Uniformierte den Selbstmord versucht. Belling stützte sich dabei auf eine interne Selbstmordstatistik der Bundeswehr.
Der Arzt fand heraus, dass die Selbsttötungsgefahr bei der Marine am größten ist. Belling: "Viele Matrosen kommen aus gestörten Familien. Deshalb suchen sie das Abenteuer in der Ferne. Was sie finden - das sind enge Unterkünfte an Bord und oft knapp bemessene Kneipenbesuche während der Liegezeit an Land. Alkoholmissbrauch ist Tradition. Wer nicht mitmacht, schließt sich aus. Isolation. Das erhöht die Selbstmordgefahr."
Bellings Forschungsbericht stießen bei der Bundeswehr lange auf schroffe Ablehnung. Erst allmählich und sehr zögernd räumte der frühere Parlamentarische Staatssekretär Karl Wilhelm Berkhan (1915-1994) ein: "Die Selbstmordbekämpfung in der Truppe hat einen hohen Stellenwert."

In einem geheimen und vom damaligen Verteidigungsminister Georg Leber (1972-1978) abgesegneten Vermerk für die Personalführung bei den Streitkräften ("Fü S 1 4") vom 4. Oktober 1974 heißt es schon: "Die steigende Zahl der Selbstmordfälle und -versuche besonders bei der Jugend verpflichtet auch die militärischen Vorgesetzten zu besonderer Aufmerksamkeit."

Die Dienstvorgesetzten wurden angewiesen, auf folgende Symptome bei den Soldaten zu achten:

  • ängstliche Gemütsverstimmungen mit Selbstanklagen;
  • unheimliche Ruhe nach vorausgegangener Verstimmung;
  • langandauernde Schlafstörungen;
  • ungewöhnliche Neigung zum Alkoholgenuss;
  • konkrete Vorbereitungen von Selbstmord-Absichten (zum Beispiel Sammeln von Tabletten);
  • direkte oder indirekte Androhung der Tat;
Folgerichtig haben sich die Militär-Ministerialen auch Gedanken über die Ursachen der Selbstmordanfälligkeit der Truppe in einem gesonderten Dossier gemacht: Da steht Plattitüden: "Süchtige Bindungen an Alkohol, Arzneimittel oder Drogen ... ..., Liebes-, Ehe -oder Familienkonflikte ..., berufliche und finanzielle Schwierigkeiten gefährden den Soldaten."

Mangel an Psycologen
Da es in der deutschen Armee an Psychologen und Sozialpädagogen seit Jahrzehnten mangelt - ein Dauerzustand -, empfehlen unisono alle Verteidigungsminister den Offizieren alte militärische Tugenden als Patentrezept, um die Selbstmordrate zu senken: "Eine straffe Führung, ein ausgewogener Dienstplan ... und das Angebot einer ausgefüllten Freizeit können vorbeugend helfen. Herumgammeln führt nicht selten zu übermäßigen Alkoholgenuss."

Mit solchen Rezepten will die Armee davon freilich ablenken, dass sie bisher nicht in der Lage war, die Selbstmordgefährdung von Soldaten frühzeitig zu erkennen. Zur Entschuldigung wird angeführt: "Derartige Soldaten wurden meist nur deshalb nicht rechtzeitig aus der Bundeswehr entlassen, weil ihre geringe intellektuelle Kapazität wegen ihres angepassten Auftretens, Gesamtverhaltens und keineswegs dummen Aussehens nicht rechtzeitig erkannt wurde."

Damit die Leutnante und Hauptleute auch möglichst nichts falsch machen, gibt das Ministerium ihnen noch den klugen Rat: "Die meisten Selbsttötungen werden am Sonntag ausgeführt. Selbsttötungsversuche häufen sich dagegen am Montag ... ...".




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu134/bundeswehr.htm, Stand: Dezember 2011, dk

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