Kirche von unten: Home - Archiv - Geschichte - Vorträge, Beiträge - Cyty - Glaube

[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 134 - Dezember 2011


Begeisterung für Romantik, kritisch -
eine patriotische Weichenstellung

von Herbert Erchinger
(Download als pdf hier)

In letzter Zeit habe ich zwei große Kunst-Ausstellungen in Hamburg über frühe Romantiker besucht, die mich sehr nachdenklich gemacht haben. Es handelt sich um Caspar David Friedrich (1774-1840) und Philipp Otto Runge (1777-1810).Beide Ausstellungen haben mich durchaus beeindruckt und ästhetisch, ja spirituell angesprochen. Mit Bildern von Caspar David Friedrich haben wir sogar einen Taizé- Gottesdienst gestaltet.
Aber die ambivalente Weichenstellung der Frühromantik in der deutschen Kultur des frühen 19. Jahrhunderts gibt mir doch sehr zu denken.
Die Frühromantiker meinten etwas ganz Neues zu schaffen gegenüber der gerade erlebten napoleonischen Willkür und Entfremdung. Sie wollten die Fremdherrschaft abstreifen und überwinden und die eigene neue deutsche Identität und den eigenen Stil finden.
Bei dieser sicher verständlichen Selbstvergewisserung führte der Weg aber leider nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit und die Verweigerung des sozialen Fortschritts.Denn Napoleon hatte ja durchaus ein Doppelgesicht. Er brachte zwar durchaus Fremdherrschaft, Besetzung und Unterdrückung, aber auch neue, bisher in weiten Teilen Deutschlands unbekannte Bürgerrechte, Gleichheit vor dem Gesetz, Gewerbefreiheit, Glaubensfreiheit und Judenemanzipation, festgeschrieben im Code Napoleon. Dieses übersahen die Frühromantiker in ihrer Betonung heimatlich anheimelnder Werte und Motive. Goethe machte übrigens diese ganze Deutschtümelei nicht mit.und verweigerte sich als Weimarer Kosmopolit folglich dem Hurra-Patriotismus der Freiheitskriege. Denn auch diese Freiheitskriege mit all ihrer nationalen Begeisterung und Symbolik führten ja eben nicht wirklich in die Freiheit, sondern in die Restauration und massive Unterdrückung republikanischer Tugenden.
Ich gebe zu, dass mich das Meditative und Spirituelle sowie die Symbolik der Meeres-, Schiffs- und Wald- sowie Ruinen- Motive der Frühromantiker sehr anspricht und tief berührt. Aber gerade das ist auch gefährlich, weil es eine geheimnisumwitterte Scheinwelt schafft.
Denn die Symbolik der Seefahrt und die Symbolik des „deutschen“ Waldes und der Klosterruinen und Bergkreuze bei C D Friedrich führt in die Verklärung der Vergangenheit und hat etwas sehr Reaktionäres. Seefahrtsromantik ist übrigens immer reaktionär und vermittelt unterschwellig die entsprechenden Tugenden von Gehorsam, Hierarchie- Unterordnung., Verzichts- und Opferbereitschaft . Und auch die vielen Kinderbilder bei Philipp Otto Runge zeigen eine infantile Sehnsucht und Verweigerung gegenüber dem Erwachsenen- Ich einer republikanischen Bürgergesellschaft. So wird der Mensch nicht auf die Notwendigkeiten und Konflikte der sich ankündigenden Industriegesellschaft vorbereitet. Germanisierende und naturmystische Rituale und Ressentiments können 100 Jahre später problemlos daran anknüpfen.
Weiterhin feiert die Frühromantik die altdeutsche Kleidung, das Irrationale, das Märchenhafte, beschwört Elfen und Kobolde und sehnt sich ins Mittelalter der Klöster und Mönche zurück. Bei Philipp Otto Runge kommt, wie schon gesagt, noch das Kindliche hinzu. Man will nicht erwachsen werden, sondern ein Kind bleiben in der Obhut der Eltern und traditioneller Vorbilder und Werte. Ach wie niedlich! Mit den fortschrittlichen und bürgernahen Institutionen und Leitbildern des Code Napoleon konnte man dann natürlich gar nichts anfangen. Man suchte die Befreiung von dieser Befreiung.
An die Stelle der Tugenden der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, die Schiller und Beethoven noch besangen, trat der piefige und reaktionäre Freiheitsbegriff der Freiheitskriege 1813-14 .Besonders deutlich wird das bei Andreas Hofer, dem vielbesungenen Freiheitskämpfer Tirols. Heute wissen wir, dass sein Freiheitsbegriff stockreaktionär, hinterwäldlerisch und frauenfeindlich war. Auch das Schilldenkmal bei der Stadthalle in Braunschweig mit dem eisernen Kreuz darauf ist noch ein Symbol dieser Befreiung von der Befreiung, die uns für mehr als 100 Jahre auf den falschen Weg gebracht hat, wovon die Gedenkstätte Schillstraße für die Nazi- Opfer gleich nebenan erschütternd Zeugnis gibt
Diese Fehlsteuerung, dieser reaktionäre Backlash der Frühromantik war eine nicht zu übersehende Voraussetzung des Nationalsozialismus, dessen Befreiungsparolen dann vollständig kontaminiert waren durch faktische Unterdrückung und Unterwerfung. „Freiheit das Ziel, Sieg das Panier, Führer befiehl, wir folgen dir.“
Der Rückgriff auf die religiöse und meditative Verklärung nationalkonservativer Werte schon in der Frühromantik wird es auch den Deutschen Christen 1933 sehr erleichtern, die nationalsozialistische Ideologie in der Kirche religiös zu verankern.
Ich weiß, dass diese Kritik an der Frühromantik überzogen ist und auch sicher eine Projektion der Katastrophe des Nationalsozialismus in die Vergangenheit. Die Frühromantik ist sicher nur ein kleines Rinnsal unter den vielen Bächen und Flüssen, die die Sintflut des Nationalsozialismus ermöglichten. Aber letztlich trägt selbst ein kleiner Tropfen dazu bei, die Dämme schließlich brechen zu lassen.
Ich möchte mir meine Sympathie insbesondere für C D Friedrich und die Freude an der Innigkeit und meditativen Kraft seiner Bilder nicht nehmen lassen. Aber wir sollten immer wachsam bleiben, dass unsere Emotionen und Empfindungen nicht ins Reaktionäre und Missbrauchbare abgleiten. Mit anderen Worten: Kindheits-Ich und Eltern-Ich müssen immer vom Erwachsenen-Ich dominiert werden. Innigkeit und Wachsamkeit gehören zusammen, gerade im religiösen und kirchlichen Bereich.




[Zurück] [Glaube] [Helfen]
Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu134/romantik.htm, Stand: Dezember 2011, dk

Besucherstatistik