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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 136 - März 2015


Die Gliesmaroder Straße sendet nicht mehr

Die evangelische Publizistik verabschiedet sich aus der Region

von Manfred Laube
(Download als pdf hier)

Nach der Grenzöffnung 1989 kooperierte und expandierte die evangelische Publizistik. Die Nachrichtenagentur Evangelischer Pressedienst (epd) hatte den Evangelischen Nachrichtendienst in der DDR (ena) mit Chefredakteur Günter Lorenz als Partner. Daraus entstand dann der epd-Landesdienst Ost. Das Büro war in der Kronenstraße,. in der Wohnung des langjährigen DDR-Korrespondenten des epd, Hans-Jürgen Röder. Also: Berlin-Mitte, dicht an der Friedrichstraße am Checkpoint Charlie.
Seit 1981 arbeitete ich in Hannover als epd-Redakteur. Im April/ Mai 1990 wurde ich für vier Wochen als Verstärkung in die Kronenstraße ausgeliehen. Ich wohnte in Röders Gästezimmer und schlief neben einer Palme, die Bettina und Hans-Jürgen Röder zu ihrer Hochzeit von Wolfgang Schnur geschenkt bekommen hatten, der inzwischen als Stasi-Spitzel enttarnt war. Die ostdeutsche Bettina und der westdeutsche Hans-Jürgen Röder waren in der DDR gut vernetzt, mit guten Kontakten zur Opposition.
An Themen und Terminen war in der Noch-DDR kein Mangel. Auch der Westen profitierte von der Einheitseuphorie. Der 2015 - also erst vor kurzem - verstorbene Direktor des Evangelischen Presseverbandes Niedersachsen-Bremen, Gerhard Isermann, wollte, dass die ihm unterstehenden Arbeitsbereiche enger zusammenrücken. So begann in Braunschweig die Erfolgsgeschichte des inzwischen zerschlagenen Evangelischen Pressebüros in der Gliesmaroder Straße 22.
Die Evangelische Zeitung (EZ), vorher in der Peter Joseph-Krahe-Straße, und der Evangelische Pressedienst (epd) aus der Schützenstraße zogen zusammen. Der neu gegründete Evangelische Kirchenfunk Niedersachsen (ekn) kam hinzu. Zu der vollen ekn-Redakteursstelle gehörte auch Aufbauarbeit in Sachsen-Anhalt. Die Folge war, dass Redakteur Wulf-Ingo Prange ständig zwischen Magdeburg, seinem Braunschweiger Büro und dem Studio in Hannover unterwegs war, in dem er seine Beiträge produzierte
Für die EZ war inzwischen Ilona Sourell als Teilzeitredakteurin für den Bereich der braunschweigischen Landeskirche zuständig. Der Braunschweiger epd-Redakteur Joachim Guhde starb 1991. Im Februar 1992 übernahm ich die Stelle. Hannelore Brandt und und Josefine Munderich teilten sich die Sekretariatsarbeit, so dass wir fünf Menschen auf dreieinhalb Stellen waren.
Wir bauten die Berichterstattung systematisch aus, kümmerten uns um Praktikanten und freie Mitarbeiter. Zwei freie Mitarbeiterinnen des epd in Braunschweig absolvierten erfolgreich die Evangelische Journalistenschule in Berlin: Ela Strieder und Wiebke Rannenberg. Mehrere Vikare schnupperten für ein paar Tage Redaktionsluft.
Zwischen den Türen diskutierten wir Themen und Termine und bewahrten uns durch Mitbringsel vom Vollkornbäcker vor allzu heftigen Hungergefühlen, wenn mittags durchgearbeitet werden musste. Die journalistische Kooperation, die in Oldenburg in ähnlicher Weise erfolgte, war sinnvoll, wahrscheinlich sogar zukunftsweisend.
Verbandsdirektor Isermann unterschied zwischen kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit, wie sie durch die Pressestellen geschieht, und der Publizistik. Die publizistischen Büros von ekn, EZ und epd sollten deshalb eine eigene Adresse haben und nicht unter der selben Anschrift wie das Landeskirchenamt erreichbar sein. So wurde zumindest mit der Hausnummer journalistische Unabhängigkeit signalisiert.
epd und ekn wurden und werden aus dem Etat der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen unterstützt. Sie sind damit nicht von einer einzelnen Landeskirche abhängig. Im Gegensatz dazu waren die Zuschüsse der hannoverschen, der oldenburgischen und der braunschweigischen Kirche zur EZ in Einzelverträgen geregelt.
Zu den Zeiten Joachim Guhdes als epd-Redakteur gab es für die Braunschweiger Redaktion einen eigenen kleinen Haushalt. Dieser wurde vom Amt für für Gemeindedienst in Hannover verwaltet. 1992 übernahm das Lutherische Verlagshaus (LVH) die finanzielle Abwicklung des epd bis hin zur Personalverwaltung. Der Zuschuss war jetzt pauschaliert. Er verschwand in einem Wirrwarr von Kostenstellen des LVH. Der Verlag gehörte der hannoverschen Landeskirche, die noch lernen musste, wie man die Geschäftsführer einer GmbH kontrolliert.
Die Buchproduktion des Verlages blieb mehr oder weniger erfolglos. Das Personal dafür war aber aufgestockt wurden. Bei der EZ sanken die Auflage und die Zuschussfreude der Synoden und Landeskirchenämter. Hinzu kamen die regelmäßigen Sparrunden. Bei ekn fiel die Hilfe m Osten weg. Der Braunschweiger Redakteur Wulf-Ingo Prange suchte sich einen anderen Job, weil er nicht nur Teilzeit arbeiten wollte.
Damit begann eigentlich schon der Rückzug des ekn aus Braunschweig. Für die Landeskirche Braunschweig waren nun meist Redaktionsmitglieder aus Hannover zuständig, die sich ein- oder zweimal in der Woche in der Gliesmaroder Straße aufhielten. Als nächstes ging Sekretärin Hannelore Brandt über eine Altersteilzeitregelung in den Ruhestand. Die Stelle wurde eingespart. Dann folgte ihr EZ-Redakteurin Ilona Sourell, deren Stelle Björn Schlüter übernahm. In der Zwischenzeit schied ich aus gesundheitlichen Gründen aus. Die Landessynode Braunschweig beschloss, aus der EZ-Finanzierung auszusteigen.
Die Reaktion aus Hannover war konsequent. Die EZ-Redaktion in Braunschweig wurde aufgelöst. Die Büroräume in der Gliesmaroder Straße wurden gekündigt. Björn Schlüter hat seinen Arbeitsplatz nun in Hannover. Parallel zum Auszug aus der Gliesmaroder Straße ging auch Sekretärin Josefine Munderich ersatzlos in den Ruhestand. Personell war damit alles erledigt.
Der traurige Ist-Zustand sieht so aus: Die EZ ist nur noch in Hannover und nicht mehr in Braunschweig erreichbar. ekn und epd sind überwiegend in Hannover und nur gelegentlich über ihre neue Adresse bei der Pauli-Gemeinde in der Jasperallee erreichbar. Für die braunschweigische epd–Berichterstattung ist Charlotte Morgenthal zuständig. Sie ist aber in die Redaktion so eingebunden, dass sie, wie erwähnt, nur einen Teil ihrer Arbeitskraft für Braunschweig zur Verfügung hat.
Die Landeskirche Hannover hat das marode Lutherische Verlagshaus (LVH) der Nordkirche überlassen. Der epd wurde dabei ausgegliedert. Zuständig für den epd ist jetzt wie vor 1992 wieder allein der niedersächsisch-bremische Presseverband. Der Presseverband verwaltet sich mit eigenem Personal, das vom LVH übernommen wurde. Erstaunlich, was ohne das LVH mit den Zuschüssen für den epd alles finanzierbar ist – außer in Braunschweig.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu136/evangelischepublizistik.htm, Stand: März 2015, dk