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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 138 - Dezember 2015


Gemeinde.Wir 10.10.

von Herbert Erchinger
(Download als pdf hier)

Beim Auftakt im Braunschweiger Dom morgens um 10 traf ich viele Bekannte aus alten Zeiten. Das war nett. Aber als Oldy-Veranstaltung zeigte sich hier auch die gegenwärtige Struktur unserer Kirche. Ja, es wird Zeit, dass die Alten die Kirche in neue jüngere Hände geben. Aber natürlich: Alte gab´s in der Kirche immer. Sie gehören dazu und sichern die Tradition. Auch ich bin nicht mehr jung.
Doch dann kam der Schock beim Singen mit der Projekt-Band aus Goslar, die sich wie die Apostel auf dem Hohen Chor des Doms aufgestellt hatte: „Komm, wir brechen auf!“ Ja, gerne. Wir wurden überrannt von den völlig unbekannten und hoch komplizierten Melodien mit Swing und Vortakt-Einsatz. Die Texte toll und und zum Anliegen des „Kirchentages“ passend, die Melodien aber Überforderung pur. Kaum jemand konnte folgen. Die Band spielte tapfer und ließ sich nicht beirren. Es ist der alte Fehler der Kirche: Die Lernphase wird ausgelassen. Für sie ist keine Zeit. Sofort oder gar nicht. Neben mir saß Jutta Salzmann von der EEB. Als langjähriges Mitglied des Domchors kann sie vom Blatt singen. Ab der zweiten Strophe kam auch ich schon fast mit, nur einen halben Takt hinterher. „Komm, wir brechen auf!“ Am besten den Text weglassen und nur hoch konzentriert die Melodie mitsummen .Der Gesang war Stress pur, ich hörte kaum Gemeindegesang. Aber die Band zog es unbeirrt durch. “Heute hat sie der Herr in meine Hand gegeben“. “Gemeinsam auf dem Weg!?“ Ich begreife das nicht. Warum singt man nicht bei einem Gemeinde.Wir -Treffen die inzwischen in vielen Gemeinden gut bekannten Kirchentagslieder, die auch kräftig in die Zukunft weisen? Gesang ist so wichtig und so begehrt. Als Gitarrenspieler vieler kirchlicher Veranstaltungen weiß ich das. Aber bitte nicht die Gemeinde abwürgen und überfordern.

Doch dann gab es auch Ruhe, Zuhören und gute Impulse.
Eindrucksvoll fand ich die visuellen Pantomime – Darstellungen. Staunen, Schweigen und Nachdenken lösten sie aus. Wie gehen wir miteinander um? Wie respektieren wir einander? Wie werden wir ermutigt? Auch der Landesbischof ermutigte. Nicht über den Schrumpfungsprozess der Kirche jammern und zagen, sondern ihn als Chance begreifen zur Vertiefung des Glaubens und der Gemeinschaft. Da hat auch der Altbischof aus Sachsen Mut gemacht: Weniger kann mehr sein. In der DDR hat die Kirche das früh gelernt und heute müssen wir es lernen.
Ich glaube, darum geht es überhaupt: Mut machen und Resignation, Rückzug und Verzagtheit überwinden. Da war ich wieder eins mit allen. Den vielen anwesenden Prädikantinnen und Prädikanten, den Lektorinnen und Lektoren und anderen Ehrenamtlichen hat das sicher gutgetan.

Nach der sonnigen Mittagspause mit leckerer Suppe im Hof des Gymnasiums Kleine Burg habe ich am Forum Spiritualität und Gottesdienst oben im Domchor teilgenommen. Eine überschaubare Gruppe, im Kreise sitzend. Ja, weniger ist mehr. Hier wurde ich für alles entschädigt, was mich beim Auftakt geärgert hatte. Hier haben wir gelernt und eingeübt, uns auf das Wesentliche des Glaubens zu konzentrieren; auf Gott, auf den Nächsten und auch auf uns selbst. Für mich war es ermutigend, zu erfahren, dass gerade die Spiritualität viele Defizite der Kirche auffüllen und ersetzen kann. Keine Orgel? Der Gesang der Gemeinde wird deutlicher und eigenständiger. Im Kloster Drübeck kann man das erleben. Keine Gesangbücher oder Noten? Einfachste Liedstrophen werden wie Gebetsrufe zwischen Psalmversen oder Fürbitten eingewoben und wiederholt und üben sich automatisch ein. Ganz ohne Stress. Im Gegenteil, sie spenden Ruhe ohne Leistungsdruck. Wenig Texte zur Hand? Wunderbar! Die Stille und das Schweigen ersetzt sie vollkommen. Ja, eine abgespeckte Kirche ohne jeden Luxus kommt der Spiritualität zugute. Spiritualität lebt auf in Defiziten und Bescheidenheit. Ein Symbol dafür war für mich der äußerst bescheidene,
teilweise handschriftlich gefertigte Liederzettel des Forums Spiritualität aus Mitteldeutschland gegenüber dem luxuriösen, farbig gedruckten Liederheft des Auftakts am Morgen. „Klüger, weiser, leichter, reicher“ hatten wir gesungen. Ja, der spirituelle Reichtum unterscheidet sich vom materiellen. Eindrucksvoll waren die vielen Erwartungen, die die Teilnehmer des Forums zu Papier brachten: Geborgenheit, Stille, Stressabbau, Berührt werden, Bewegt werden, Orientierung finden, Gemeinschaft erfahren, zu sich selber finden,Gesang- und Musik-Erlebnis. Klar wurde auch, dass die Erwartungen und Erfahrungen sehr unterschiedlich sind. Aber Spiritualität spielt immer eine Rolle. Gerade kleine Kirchen haben gute Möglichkeiten, diese Erfahrungen zu vermitteln.
Nach einem gemeinsamen schlichten liturgischen Wechselgesang feierten wir mit der Dompredigerin das Abendmahl, auch dies in sehr bescheidener, aber eindrucksvoller Weise. Ein guter Abschluss. (Ich hatte noch eine Abschiedsfeier des Refugiums in Pauli.)
Am nächsten Tag habe ich meine Gitarre genommen und die vier Lieder der Projekt-Band gespielt und gesungen. Nach viermaligem Üben konnte ich sie..“Komm, wir brechen auf!“ „Gemeinsam auf dem Weg!“ “Klüger, weiser, leichter, reicher machst Du mich, willst Du mich, Du mein Gott“. „Durch Dich“. Sie gefallen mir. Auf der nächsten Freizeit des Taizé- Kreises in Pauli sind sie dran.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu138/gemeindekongress1.htm, Stand: Dezember 2015, dk