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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 138 - Dezember 2015


Jesus 2.0
Eine bemerkenswerte Ausstellung und ein idiotischer Titel

von Dietrich Kuessner
(Download als pdf hier)

Die Stiftung Prüsse hat eine Sammlung mit christlicher Kunst aus den 20. Jahrhundert aus Wittenberg nach Braunschweig geholt, aus eigenem Bestand ergänzt und an mehreren Orten aufgehängt: in der Jakobskemenate auf zwei Etagen, in der Hagenmarktkemenate, auch im Augustinum, in der Stadthalle und im Bankhaus Löbbecke. Ein vierseitiges Verzeichnis dient der Orientierung, außerdem ist ein kleiner Katalog mit dem Titel „Jesus 2.0 Das Christusbild im 20. und 21. Jahrhundert Kunst – Kommerz- Karikatur“ erhältlich mit Grußworten vom Oberbürgermeister und Landesbischof.

Der Titel „Jesus 2.0“ sagte mir nichts, also ging ich nicht hin bis ich eine Bemerkung von Pröpstin Hirschler in ihrer Sonnabendkolumne las, über eine Bild von Pechstein, das noch an diesem und am nächsten Tag in Braunschweig zu sehen sei. Ich: Waaas? Pechstein in Braunschweig, das muss ich sehen. Ich also hin, am letzten Tag und war schwer beeindruckt, sogar ein bisschen überwältigt von der Auswahl von Abbildungen der klassischen Kunst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Beckmann, Grosz, Dix, Corinth, Chagall, Slevogt, Pechstein, Rouault, Kokoschka, Rohlfs, die kannte ich aus anderen, größeren Formaten in den üblichen Kunsthallen – aber die alle nun hier in Braunschweig und dann noch mit „christlichen“ Motiven, meist aus der Passionsgeschichte. Ein Ereignis! Aber auch Gegenwartskünstler: am Eingang der Jakobskemenate ein für diesen Raum angefertigtes Bild von Hermann Buß, einem Lieblingskünstler von Bischof Weber, der auch Bilder von ihm im Landeskirchenamt aufhängen ließ, bei mir hängen auch zwei größere Sachen von ihm. Ich habe mich geärgert, dass ich die Ausstellung zu spät entdeckt habe, ich wäre gerne ein zweites und drittes Mal, so zu Erholung, hingegangen.

Ich frage die ehrenamtlichen Frauen am Eingang der Kemenate nach dem Echo. Sie meinten: Ganz mager. Im kirchendistanzierten Braunschweig ist mit dem Titel „Jesus 2.0“ keine Anziehung zu gewinnen. Schade, schade, schade. Ob in den Gemeindebriefen, in den Abkündigungen der Sonntagsgottesdienste auf die Ausstellung aufmerksam gemacht wurde? Die BZ hatte in einer großen zweiseitigen Einlage auf die Ausstellung aufmerksam gemacht. Immerhin wurden während der Ausstellung von verschiedenen Innenstadtpfarrern in der Hagenmarktkemenate Vorträge gehalten. Ich sprach P. Berger, Michaelis, an, der mit dem Besuch von 30 Teilnehmern zufrieden war. Auch Presssprecher Michael Strauss hielt ein Referat mit dem anspruchsvollen Titel „Die Gotteskaperung. Wie Jesus zu einer Marke ohne Markenschutz wurde“. Strauss befasste sich mit dem Bilderverbot im Alten Testament, der Bilderkritik im Reformationszeitalter bis hin zur Modernen Freiheit des Bildes“ und der religiösen Symbolik in der Werbung. Ich hätte den Vortrag gerne hier wiedergegeben.

Mich beschäftigten die höchst unterschiedlichen Abendmahlsdarstellungen: weniger die Karikaturen, etwa von Otmar Alt, der Jesus mit einer blauen Schnapsnase abbildet. Kommentar im Katalog; „Diese Ausstellung will ja auch zeigen, dass Jesus nicht nur Gottes Sohn ist, sondern auch ein Mensch. Und menschlich wäre es durchaus, es beim letzten Abendmahl noch mal richtig krachen zu lassen.“ (S. 15) Ha ha, Witz komm raus. Das provoziert mich nicht, das sagt was über den Karikaturist aus.

Schallend gelacht dagegen habe ich über ein kleine Zeichnung aus 2015 von Gerhard Glück, die er Prüsse gewidmet hat. Auch bei Glück: der Abendmahlstisch nach Leonardi, Jesus allein, ohne Jünger, zur Seite gewandt, kommt der Gastwirt zu Jesus und fragt: „Möchte der Herr nicht lieber einen Einzeltisch?“ Das habe ich als eine geniale, bissige, zutreffende Kritik an unserer tristen, freudlosen Abendmahlspraxis empfunden, bei der wir Jesus, den Freund des Lebens, alleine lassen, der vielleicht schon an einem anderen Tisch Platz genommen hat, vielleicht in einem Flüchtlingsheim oder irgendwo, nur nicht in einer der großen Stadtkirchen. Im Bild von Buß „Das letzte Abendmahl“ sitzt auch eine Gestalt einsam am Leonardotisch, aber nicht zentral, nicht Jesus, mit Blick in den Bildhintergrund, wo sich eine andere Gestalt verkrümelt. Die Kirche „verkündet“ das Abendmahl als Kommunio, als Gemeinschaftsmahl. Aber – so die Frage der Künstler – findet überhaupt irgend eine Art von Gemeinschaft statt, oder soll ich mich von dem suggestiven Blick des Austeilenden beeindrucken lassen, der mir bedeutungsvoll mitteilt, ich empfange das Blut Jesu, also eine spirituelle Gemeinschaft mit Gott, hinter der die mit den Teilnehmern und anderen Mitmenschen weit zurückzubleiben habe. Auf dem Bild von Ben Willikens, geb. 1939, ist nur noch der Leonardotisch und der Raum zu sehrn. Ohne Jesus, ohne Jünger. Gespentisch! Ein Adventsbild ? Kommt er, kommt er nicht?

Na und dann die sarkastischen Bilder von George Grosz im Schatten des 1. Weltkrieges die den Diskussionen über das Verhalten der Landeskirche in und nach dem 1. Weltkrieg empfohlen sind.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu138/jesus20.htm, Stand: Dezember 2015, dk