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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 139 - März/April 2016


Fluchtursachen bekämpfen, aber nicht Flüchtlinge

von Wilfried Steen
(Download als pdf hier)

Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von Brot für die Welt, war am 17. März zu Gast in der Evangelischen Akademie Braunschweig, um zum Thema Fluchtursachen Stellung zu beziehen. Menschen fliehen heute vielfach aufgrund weltweiter „tektonischer Verschiebungen“, die von der Politik der Industrieländer, jedoch auch von globalen Wirtschaftsinteressen angestoßen wurden. Wie können wir zur Beseitigung der Ursachen von Flucht und Vertreibung beitragen? Was können Kirchen und kirchliche Werke tun?

Aktueller hätte ein Akademieabend wohl kaum sein können! Zahlreiche Interessierte waren in den Franziskussaal der Ev. Akademie gekommen, um Cornelia Füllkrug-Weitzel, Pfarrerin und Präsidentin von Brot für die Welt, zu hören und zum Thema zu diskutieren.

Dazu meine Vorbemerkung: Wer Kirche heute der politischen Konturlosigkeit bezichtigt, findet dafür sicherlich manche Anlässe. Aber auf Cornelia Füllkrug-Weitzel kann er sich in keinem Fall berufen!

Die Präsidentin von Brot für die Welt erläuterte angesichts einer aufgeheizten öffentlichen Debatte, Migration sei Normalfall in der Weltgeschichte. Menschen seien aus dem Hunsrück nach Brasilien ausgewandert, aus Irland nach Nordamerika. Wer heute ernsthaft glaubt, Migration in einer globalisierten Welt beschränken zu können, der irrt sich. Abgeschottete europäische Grenzen werden Illusion bleiben. Flüchtlinge lassen sich nicht aufhalten. Heutzutage, da Kapital und Arbeitsplätze um den Globus bewegt werden, haben auch Menschen das Recht, dorthin zu gehen, wo sie sicherer überleben können. Das Problem der Klimaflüchtlinge haben wir in Europa noch gar nicht richtig in den Blick genommen. Der Klimawandel kann in nächster Zukunft 50 Millionen Menschen in die Flucht schlagen, weil die Flut ihr Land vernichtet.

Die Bundesregierung stellt in dieser Wahlperiode 12 Milliarden Euro zur Fluchtursachenbekämpfung zur Verfügung. Dazu kommentiert die Referentin: Mit „Fluchtursachenbekämpfung“ ist vielfach gemeint: Wir halten uns die Flüchtlinge vom Hals! Aber kurzatmige Maßnahmen werden Flüchtlinge nicht davon abhalten, nach Europa zu kommen. Für Länder wie Marokko ist es keine Lösung, sie zu sicheren Herkunftsländern zu erklären. Arbeitsplätze müssen für die vielen jungen Leute geschaffen werden, die auf der Suche nach einem Einkommen sind. Da kann die Europäische Union für Investitionen Hilfestellung leisten.

Zentraler Punkt in der Argumentation Füllkrug-Weitzels: Wirklich Fluchtursachen bekämpfen heißt, langfristig sicherzustellen, dass Menschen in den ärmsten Ländern in Würde leben und arbeiten können.

Dazu formulierte sie unter anderem folgende Forderungen: Die internationale Gemeinschaft hat die Flüchtlingslager im Libanon und Jordanien nicht unterstützt. Jetzt nach der Flucht vieler nach Europa ist plötzlich wieder viel Geld für den UNHCR da. Zur sicheren Unterbringung von Binnenflüchtlingen, zu Bildungsmaßnahmen und Schulen für die Kinder muss durchgreifend mehr geschehen – und zwar unmittelbar und nicht wie bisher großer zeitlicher Verzögerung

Politisch entscheidend für Fluchtursachenbekämpfung ist eine langfristige, nachhaltige Unterstützung von eigenen Initiativen der Bevölkerung in den betroffenen Ländern. Auch beim Syrienkonflikt hätte man früher handeln müssen und zwar nicht mit Waffenlieferungen, sondern konsequent mit ziviler Krisenprävention. Diese muss in den Mittelpunkt der politischen Arbeit für mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt gestellt werden. Ebenfalls muss Menschenrechtsschutz angesichts autoritärer Systeme in Krisenstaaten große Priorität haben. Internationaler Waffenhandel ist zu unterbinden! Rüstungsexportbeschränkungen müssen verstärkt werden.

Zur Frage, ob die vielen Millionen Euro für Entwicklungsarbeit bisher gewirkt haben: Entwicklungszusammenarbeit ist wichtig und unverzichtbar. Aber wir geben mit der einen Hand Entwicklungshilfe, mit der anderen nehmen wir den Entwicklungsländern die Ressourcen wie Bodenschätze und landwirtschaftliche Produkte. Brot für die Welt und andere unterstützen die Bevölkerung in Entwicklungsländern vor allem bei ihren Eigenanstrengungen zur Verbesserung ihrer Lebenssituation. Die Menschen dort sollen nicht Objekte unserer Hilfeleistungen werden.

Aus dem diskussionsfreudigen Publikum wurde nach dem Stellenwert von Lobbyarbeit bei Brot für die Welt gefragt. Füllkrug-Weitzel: Lobbyarbeit zum Beispiel für einen fairen Welthandel ist für ein Werk wie Brot für die Welt unverzichtbar. Wer wie Firmen aus der EU Hühnerteile im großen Stil unter Dumpingbedingungen nach Afrika exportiert, muss sich nicht wundern, wenn die kleinen Hühnerhalter dort bankrottgehen. Im Zeitalter der Globalisierung können große multinationale Firmen die Regierungen armer Länder unter Druck setzen: Wenn ihr unsere Bedingungen nicht erfüllt, müssen wir leider dorthin gehen, wo Löhne und Sozialstandards noch niedriger sind. Nur gemeinsames Einwirken der Zivilgesellschaft auf die Politik kann hier gerechtere Rahmenbedingungen für die Weltwirtschaft schaffen. Aber neben der Weltpolitik stehen auch die einzelnen Menschen im Blickpunkt von Brot für die Welt. Das Werk fördert neben vielen Projektpartnern in Afrika, Asien und Lateinamerika auch die Ausbildung junger Flüchtlinge und Migranten und ermöglicht eine freiwillige Reintegration in ihre Heimatländer.

Zur Frage, was Verbraucherinnen und Verbraucher denn tun können, um auf politische Veränderung zu mehr weltweiter Gerechtigkeit hinzuwirken, weist Cornelia Füllkrug-Weitzel auf den Kauf fair gehandelter Produkte hin. Die kleinbäuerlichen Produzenten von Produkten wie Kaffee und Kakao müssten Chancen auf einen fairen Lohn bekommen, damit sie in Würde arbeiten und leben können.

Das hohe Interesse der Zuhörerinnen und Zuhörer des Abends zeigte, wie sehr das Thema Fluchtursachen die Öffentlichkeit bewegt. Cornelia Füllkrug-Weitzel hat mit ihrem engagierten Vortrag klar Position bezogen: Wir alle müssen die Fluchtursache Armut mit allen Mitteln bekämpfen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu139/fluchtursachen.htm, Stand: März/April 2016, dk